Share on FacebookShare on Google+Flattr the authorTweet about this on Twitter

Gemobbte auf die Sonderschule?

Ich frage mich manchmal schon, was Journalisten (und diesem Fall wahrscheinlich auch Pädagogen) denken, wenn sie solche Texte verfassen. Da porträtiert das Kindermagazin des SPIEGEL ein 13-jähriges Mädchen, das erzählt – als sei das das Normalste der Welt – weil sie wegen ihrer Behinderung gemobbt wurde, würde sie jetzt in einem Internat für Körperbehinderte leben.

Man meint, das sei ein Text aus dem Jahr 1970, aber nein, er ist erst gestern bei Spiegel Online veröffentlicht worden. Ein tolles Signal, was da an die versammelte Kinder-Leserschaft ausgegeben wird: Mobbt Eure behinderten Klassenkameraden nur schön weiter, dann seid ihr sie bald los, denn sie werden ins Internat geschickt. Mir stellen sich die Nackenhaare auf, wenn ich so etwas lese.

Nicht nur habe ich ein grundsätzliches Problem mit der Aussonderungs-Bildungspolitik, die in Deutschland betrieben wird. Aber dass man ein Kind aus der Familie nimmt, 160 km entfernt unterbringt, weil sie wegen ihrer Behinderung gemobbt wird anstatt das Mobben abzustellen, macht mich sprachlos. Leute, so geht das nicht! Was das für ein Signal aussendet an die Kinder, die mobben und an das Mädchen, das gemobbt wird: „Du bist anders. Du musst gehen.“

Und es ist das Standardargument der Inklusionsverweigerer: Behinderte Menschen sollten nicht integriert beschult werden, weil sie ja von den nicht behinderten Kindern gemobbt werden würden. Wie wäre es, wenn man mal das Mobbing abstellt, also die Mobber „abschiebt“ statt die Gemobbten?

Und ich weiß, ich wiederhole mich, aber warum ist es möglich in Großbritannien etwa 80 Prozent der behinderten Kinder integrativ zu beschulen, in Deutschland aber nur 20 Prozent? Ich habe nicht den Eindruck, dass hier in Großbritannien alle behinderten Kinder massive Probleme wegen Mobbing haben. Im Gegenteil: Eine Gesellschaft, die schon mit behinderten Kindern in die Schule geht, geht auch später anders mit behinderten Erwachsenen um. Fast alle meine ehemaligen Kollegen bei BBC haben mir erzählt, dass sie mindestens einmal in ihrer Schulzeit einen behinderten Mitschüler hatten. Für die war es dementsprechend auch normal, behinderte Kollegen zu haben und behinderte Menschen einzustellen.

Ist es also von einem Kindermagazin zu viel verlangt, behinderte Kinder anders darzustellen als arm und Opfer? Damit sind sie dann nämlich auch in Zukunft perfekte Mobbingopfer. Und es ist übrigens keineswegs normal, dass behinderte Kinder zu Mobbingopfer in der Schule werden. Es gab dazu in Großbritannien sogar 2004 eine Studie, ob Schüler mit Lernbehinderungen an normalen oder an Sonderschulen mehr gemobbt werden. Das Ergebnis war, sie werden an beiden Schulformen gleich viel gemobbt, aber die Kinder, die eine Sonderschule besuchten, wurden in der Freizeit mehr gemobbt.

19 Kommentare

  1. jeffie sagt:

    Im verlinkten Artikel wird ein Kind von seinen Mitschülern gemobbt. Warum sollte das genannte Kindermagazin die Situation denn anders darstellen als sie sich zugetragen hat? Die Realität verschweigen? Ist es Aufgabe eines Magazins gegen Mobbing vorzugehen oder doch eher die Aufgabe der Pädagogen oder sogar der Politik? Der Spiegel hatte erst kürzlich darauf hingewiesen (http://goo.gl/dXnI4), dass die aktuelle Regierung die UNO-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen weiterhin nicht umgesetzt hat.
    Klar ist, das wir eine inklusive Beschulung in Deutschland brauchen! Aber im Zusammenhang an der Kritik des Artikels eine Studie zu zitieren in der Kinder, die „Sonderschulen“ (furchtbares Wort) besuchen, zusätzlich in ihrer Freizeit vermehrt gemobbt werden, ist kontraproduktiv und nicht zielführend.

  2. AUROnline sagt:

    Das „tolle“ ist übrigens, dass die Lehrer dann teilweise auch selber den Schulwechsel für die gemobbten vorschlagen, als ob das die Lösung wäre. Ich wurde bei uns auf dem Gymnasium auch gemobbt und dort hat dann eine Lehrerin wirklich ernsthaft empfohlen, dass es für mich besser wäre, wenn ich die Schule wechseln würde… In meinen Augen war das ein absolutes Armutszeugnis für die Schule (die auch sonst das Mobbing-Problem nicht in den Griff bekommen hat). In der Oberstufe wurde es dann aber glücklicherweise besser, da man sich dann viel besser aus dem Weg gehen konnte. Insofern stimmt der Satz der US-Kampagne „It gets better“ nicht nur für homosexuelle Schüler, sondern eigentlich für alle Schüler, die nicht „der Norm“ entsprechen…

  3. Noga sagt:

    Eine Zeitung kommt an den Zuständen nicht vorbei, wie sie in der Gesellschaft vorfindlich sind. Allerdings kann man sehr wohl infrage stellen, WIE der Spiegel darüber berichtet – und da kommt das schon sehr selbstverständlich rüber, dass das Mobbingopfer zu gehen hat. Und auch eine Zeitung hat eine politische Aufgabe – nämlich kritisch mit dem, worüber berichtet wird, umzugehen.

  4. […] Christiane vom Behindertenparkplatz findet das deutsche System des Aussortierens gar nicht gut. Mai 1st, 2011 in Fundstücke | tags: Behinderung, Bildung, Kinder, Mobbing, Schule […]

  5. AndreasK sagt:

    „Ein tolles Signal, was da an die versammelte Kinder-Leserschaft ausgegeben wird …“

    Meinst Du wirklich, vor Spiegel Online „versammelt“ sich eine „Kinder“-Leserschaft? Ich denke nicht.

    Das Signal, welches _ich_ hier empfange, geht auch in eine andere Richtung. Immerhin steht im Text:
    „Eigentlich finde ich, dass Rolli-Kids und Fußgänger auf dieselben Schulen gehen sollten – und in vielen Fällen klappt das auch.“

    Es gibt viele Aufreger, um auf die fehlende Inklusion/Integration hinzuweisen. Dieser Artikel ist dafür dann aber vielleicht doch nicht so ganz geeignet.

  6. […] Link regt sich über die Darstellung von Jugendlichen und Kindern mit Behinderung in den Medien auf und kritisiert gleichzeitig die Sonderschulpraxis in […]

  7. Silke sagt:

    Das „sortieren“ der Kinder in gute und schlechte Schüler, bzw. _vermutete_ gute oder schlechte, ist etwas, was die Deutschen inzwischen sehr verinnerlicht haben. Zumindest, so lange sie die Chance haben, ihre Kinder in einer „besseren“ Schule unterzubringen. Das zeigte sich zum Beispiel bei der Abstimmung über die Schulreform in Hamburg :/

  8. Kommentator sagt:

    Aktuell gibt es eine Zahl aus Hamburg, die – hoffentlich – einen zumindest lokal etwas anderen Trend beschreibt, zu finden hier:

    http://www.welt.de/newsticker/dpa_nt/regioline_nt/hamburgschleswigholstein_nt/article13347013/108-zusaetzliche-Erzieher-und-Paedagogen-fuer-Sonderschueler.html

    Da ist von 53% sogenannten „Sonderschülern“ die Rede, die integrativ beschult werden – ein Schritt in die richtige Richtung, oder liege ich da falsch?

    (Man schlage mich bitte nicht, sondern korrigiere mich bitte, wenn ich etwas falsch verstanden habe…
    Ich bin zwar mit einer angehenden Sonderpädagogin liiert und am Thema sehr interessiert, gerade, weil ich sehe, wie wichtig und fördernd für _alle_, wirklich alle Beteiligten integrative Beschulung ist. Ich bin aber kein Experte in diesem Thema und danke für Hinweise.)

  9. […] Behinderung gemobbt wurde, würde sie jetzt in einem Internat für Körperbehinderte leben.“ Behindertenparkplatz: Gemobbte auf die Sonderschule? (Artikel auf […]

  10. Polarbaer sagt:

    eigentlich wollte ich ja einen von diesen komischen Trackbacks hinterlassen. Aber ein Kommentar geht auch. Ist es nicht wie immer die selbe Geschichte? Welche Gründe man auch immer findet, Hauptsache das Kind kommt ins Heim dann wird es schon nicht bemerkt werden dass man mal wieder versagt hat.

  11. HulkHoden sagt:

    es fordert gleichermaßen zorn und traurigkeit in mir empor, wenn mir die gesellschaft in ihrer wahren form erscheint… warum sind die menschen so? mir fällt einfach nichts mehr dazu ein

  12. hinkel: sagt:

    den artikel in spiegelonline habe ich gelesen. mir scheint offenkundig, dass der text getrimmt worden ist und keineswegs orginalton einer 13-jährigen. und da, spätestens, kommen redaktion und redakteur/in ins spiel: aus einer perspektive von teilhabe und integration hätte der tenor ein anderer sein müssen und können.

  13. Jaddi sagt:

    Seit wann ist der Spiegel oder dessen Onlien Ausgabe eine Zeitung für Kinder?

    Eine Zeitung kann (und soll) nur berichten – nichts schönschreiben ect.

    Das PROBLEM liegt nicht bei der Zeitung, sondern in der Gesellschaft in der solche Sachen passieren.

  14. Christiane sagt:

    @Jaddi
    Hättest Du den Artikel auf Spiegel Online zu Ende gelesen, wärst Du auf folgende Erklärung gestoßen: „Dieser Text ist ein Beitrag aus „Dein SPIEGEL – einfach mehr wissen“, dem Nachrichtenmagazin für neugierige Kinder.“ Ich denke, das beantwortet Deine Frage.

  15. Max sagt:

    Auch der Kinderspiegel hat eine pädagogische Funktion aus meiner Sicht. Es ist richtig, dass er nichts beschönigt, sollte jedoch auch noch etwas klarer herausstellen, dass das nicht so sein müsste, weil behinderte Kinder ebenso intelligent sein können.

  16. Karlo sagt:

    Puh, es sollte wohl eine ausgewogenere Berichterstattung stattfinden, andernfalls wird man noch riesige Probleme bekommen, was den Realwahrheitsgehalt betrifft. Bin momentan noch etwas entsetzt, wenn ich diesen Beitrag lese.

  17. Sandra sagt:

    Einfach nur schlimm was na unseren Schulen so alles abgeht! Man müsste mal dadrüber diskutieren, was man dagegen machen kann und nicht über die darstellung!

  18. Marco sagt:

    Ich glaube das die privaten Medien, mit ihren diversen Programmen nachmittags sehr viel dazu beiträgt, dass es solche Mobbingopfer überhaupt gibt.
    Leider lernen die Jugendlichen heute im Fernsehen (und anderen Medien) nichts mehr, wofür das Fernsehn ursprünglich gedacht war. Vielmehr soll man „unterhalten“ werden durch Mobbingskandale usw. und ich denke viele Kinder können zwischen Fernsehn und realität im tatsächlichen Schulleben nicht mehr unterschreiden. Und weil es ja so „cool“ ist, muss es dann in der Realität tatsächliche Opfer geben – und dann natürlich die Schwächsten. Was die privaten Medien sich damit leisten ist schon sehr erbärmlich.

  19. Access sagt:

    Hallo,

    gesellschaftliche Entwicklungen passieren nur sehr langsam und werden von Innen heraus anders wahrgenommen als aus der Außenperspektive. In Schweden, Dänemark und Norwegen gibt es einen stärkeren gesellschaftlichen Konsens Menschen zu integrieren oder barrierefreiheit im privaten und in öffentlichen Bereichen herzustellen um die Menschen teilhaben zu lassen. Ich sehe schon eine positive Entwicklung in der Rückschau und hoffe das diese Tendenz sich weiter entwickelt zu einer echten Gleichstellung.

    Ansonsten, guter Blog!