Behindertenparkplatz

Blog von Christiane Link

Barrierefreie Fernsehbühnen

Eine der ersten Anekdoten, die mir bei BBC erzählt wurden, war die Geschichte von der “Sportlerin des Jahres”, die während einer Fernseh-Livesendung ihren Preis nicht entgegennehmen konnte, weil die BBC “vergessen” hatte, die Bühne barrierefrei zu machen. Sie war Rollstuhlfahrerin und Paralympics-Siegerin und war per Telefonabstimmung etwas überraschend von den Zuschauern gewählt worden. Seit dem gibt es bei der BBC die Anweisung, dass alle Bühnen barrierefrei sei müssen, was ich selber gesehen habe. Selbst die kleine Bühne in dem Raum, in dem Mitarbeiterschulungen abgehalten werden, ist barrierefrei mit Rampe zugänglich.

Erfreulich ist, dass beim Deutschen Fernsehpreis immerhin drei behinderte Menschen auf der Bühne standen. Während die Paralympicssiegerin Kirsten Bruhn von hinten auf die Bühne kam (sie ist Rollstuhlfahrerin), musste Marcel Reich-Ranicki sich mühevoll die Stufen hinauf und hinunter quälen (er ist altersbedingt gehbehindert) und Denise Marko, die nur ein Bein und keine Arme hat, wurde auf die Bühne getragen. Das Mädchen ist 14 und kann sehr gut auf einem Bein hüpfen, aber eben keine Treppen hoch springen. Ich habe in England schon so viele schlaue Möglichkeiten gesehen, Bühnen zugänglich zu machen. Wenn ich weiß, dass zwei Preisträger eine Gehbehinderung haben, sind fünf Stufen vor der Bühne das Unpassendste, was man als Bühnenbauer machen kann.

Geparkt in , , , , um 22:05 Uhr am Sonntag, 12. Oktober 2008 |

Anne Will und die Untertitel

Anne Will wird ab Januar mit Untertiteln ausgestrahlt. Als ich das gelesen habe, war ich ein wenig überrascht. Ich dachte nämlich, das sei längst der Fall. Ist immerhin einer der wichtigsten Talk-Sendungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

Nur mal zum Vergleich: Die BBC wird bis April 2008 ihr gesamtes Programm untertiteln. Dafür zahlen hier im Gegensatz zu Deutschland auch gehörlose Menschen die TV Licence Fee und sind nicht befreit. 95 Prozent des Programms von BBC One und BBC Two ist bereits untertitelt. 80 Prozent des Programms von BBC Three, BBC Four, CBBC, CBeebies and BBC News 24 wird bereits mit Untertiteln angeboten. Hier ist mal eine Liste, was BBC diese Woche untertitelt.

Das ZDF untertitelt derzeit 25 Prozent seines Programms (Stand: Juni 2007). Über die ARD habe ich sehr unterschiedliche Angaben gefunden, die aber alle weit entfernt davon sind, was BBC anbietet.

Sehr lesenswert ist zu dem Thema ein Dokument des Landtages in Schleswig-Holstein aus dem Jahr 2006, das sich unter anderem mit dem NDR (3. Programm) befasst. Es wird der NDR zitiert: “Der Anteil des barrierefrei ausgestrahlten Fernsehprogramms werde sich in Zukunft von ca. 5,7 auf ca. 12 % erhöhen.” Weiter heißt es in dem Bericht: “Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft der Hörgeschädigten (…) hat eine aktuelle zweiwöchige Stichprobe ergeben, dass der NDR 1.330 untertitelte Sendeminuten ausgestrahlt habe, was einem Anteil von etwa 7 % entspreche. Rechne man allerdings Wiederholungen heraus, sinke der Anteil auf 0,3 %. Denn der NDR untertitele als einzige aktuelle Sendung das Wissensmagazin „Plietsch“ (jeden Donnerstag um 18.15 Uhr, Dauer: 30 Minuten).”

Geparkt in , , , , , , , , um 16:32 Uhr am Donnerstag, 22. November 2007 |

Die Rundfunkgebühren und die Aktion Mensch

Seit die Aktion Mensch so heißt wie sie heißt und nicht mehr Aktion Sorgenkind, ist sie mehr und mehr zur Soziallotterie für alle Gruppen und nicht mehr nur für behinderte Menschen geworden. Kann ich mit leben, muss ich ehrlich sagen. Eine der aktuellen Kampagnen ist “Die Gesellschafter”-Kampagne. Sie behandelt nur noch wenig das Thema Behinderung, sondern geht der Frage “In was für einer Gesellschaft wollen wir leben?” nach. Zu der Kampagne gibt es ein Tagebuch, in dem jeden Tag eine andere Persönlichkeit das aktuelle Nachrichtengeschehen kommentiert.

Und was lese ich da heute? “ARD und ZDF bekommen Recht – so geht es nicht weiter!” lautet die Überschrift zu einem Kommentar über die gesetzlichen Rundfunkgebühren. Der Autor schimpft auf die Öffentlich-Rechtlichen und stellt die Gebühren in Frage. Das muss ich sagen, liebe Aktion Mensch, ist journalistische Unabhängigkeit! Da kann sich ja der ein oder andere Verleger noch eine Scheibe abschneiden. Immerhin steht nicht zuletzt das ZDF hinter der Aktion Mensch, der Intendant ist ihr Vorsitzender. Der Text ist zwar inhaltlich etwas heikel, aber wenigstens hat der Autor die in Augen der GEZ richtige Wortwahl genutzt. Schade eigentlich. Ich musste bei dem Gedanken, dass die GEZ nach Akademie.de nun auch die ZDF-nahe Lotterie abmahnen könnte, ein wenig schmunzeln.

Geparkt in , , , , , , um 23:21 Uhr am Donnerstag, 13. September 2007 |

Auswandern

Beim SWR kann man einen super Radiobeitrag zum Thema Auswandern anhören. Ich kann übrigens nur begrüßen, dass ARD und ZDF immer mehr Beiträge online stellen. Ich fühle mich so nämlich gut über Deutschland informiert, seit ich endlich – dank Breitbandinternet – abends Tagesschau und Heute sehen kann. Ich würde sogar dafür bezahlen, liebe Intendanten. Nicht riesiege Summen, aber ne monatliche Abogebühr wäre es mir wert.

Geparkt in , , , , um 1:30 Uhr am Mittwoch, 31. Januar 2007 |

Auf der Flucht

Schild Nur fuer ZDF-Fluchtfahrzeuge

Geparkt in , , , , um 18:22 Uhr am Freitag, 1. September 2006 |

Glückwunsch, Nachtmagazin

Eben habe ich im Nachtmagazin der ARD einen Bericht über die Fußball-Weltmeisterschaft der Menschen mit Behinderung gesehen. Hat mir ziemlich gut gefallen: Der Sport stand im Vordergrund, die Spieler wurden interviewt, Guildo Horn sagte, er sei da weil er guten Fußball sehen will, das habe für ihn nichts karitatives, die Stimmung kam rüber und es wurde berichtet, wie man über ein Fußballspiel eben so berichtet. Kommt ja leider nicht so oft vor, dass in Deutschland so über Menschen mit Behinderungen berichtet wird, deshalb finde ich das erwähnenswert. Die ARD hat sogar eine eigene Seite zur WM. Sehr löblich! Beim ZDF finde ich online nur eine Mini-Meldung, in der schlicht und einfach vergessen wurde die Protagonisten, nämlich die Spieler selbst, zu befragen. Schweres journalistisches Foul! Beobachte ich aber auch öfter. Wenn in Hamburg über behinderte Bettler gestritten wird, ist die Bischöfin scheinbar eine bessere Interviewpartnerin als jemand, der selbst behindert und vielleicht Jurist ist. Und wenn man über die WM schreibt, vergessen manche Journalisten offensichtlich auch die Spieler zu befragen. Ich könnte jetzt viel dazu schreiben, was die Ursache dafür ist.

Eines stört mich aber auch bei der ARD: Die Sprache auf der dazugehörigen Webseite. Während der Fernsehbeitrag sprachlich und auch sonst völlig in Ordnung war und mir Spaß gemacht hat, ist das online leider nicht durchgehalten worden. Schon in der URL steht Behinderten-WM. Dann im Text wieder Behinderten-WM, Behinderten-Elf, Behinderten-Team, Behinderten-Nationalmannschaft…

Ich freue mich auch schon auf die Nichtbehinderten-EM. ;-) Mit dem Nichtbehinderten-Team, der Nichtbehinderten-Nationalmannschaft, der Nichtbehinderten-Elf. Sorry, Substantive sind einfach hässlich.

Geparkt in , , , , , , , , um 1:26 Uhr am Mittwoch, 30. August 2006 |

Über den neuen Hauptbahnhof

“Statt eines neuen Wahrzeichens wird nun ein Contergan-Bau eröffnet, der jedem Gefühl für Proportion und Eleganz spottet.” Der Leiter des ZDF-Kulturmagazin “Aspekte”, Wolfgang Herles, in der Welt

“Falls das Unheil seinen Lauf nehmen und der Lehrter Bahnhof in seiner gegenwärtigen Form beendet werden sollte, wird er dennoch als ein architektonisches Meisterwerk gefeiert werden, und Fotografen werden geeignete Perspektiven finden, um die falschen Proportionen zu überspielen. Aber alle Lobredner und Bildbeschöniger werden nicht vergessen machen können, daß sie einen Krüppel gesundbeten.” FAZ am 17.11.2005

“Menschen mit Contergan Schädigungen haben sich empört an mich gewandt und sich dagegen verwahrt, als Vergleichsobjekte herabgewürdigt zu werden, die – folgt man dem Bedeutungsgehalt Ihres Satzes – offenbar ebenfalls ‘jedem Gefühl für Proportion und Eleganz spotte(n)’. Ich kann diese Empörung sehr gut nachvollziehen. Ihre Formulierung hat mich sehr bestürzt. Die Metapher vom Hauptbahnhof als ‘Contergan-Bau’ empfinde ich als veritable Entgleisung.” Der behindertenpolitische Sprecher der Grünen im Bundestag, Markus Kurth, in einem offenen Brief an Wolfgang Herles

Geparkt in , , , , , , , , um 17:35 Uhr am Montag, 29. Mai 2006 |

Mit dem Zweiten sieht man besser?

Als ich gestern abend die “heute”-Sendung um 19.00 Uhr gesehen habe, gefror mir förmlich das Blut in den Adern. Dort wurde ein Gerät vorgestellt, dass es Rollstuhlfahrern ermöglichen soll, irgendwann zu laufen. Das Video ist auch online abrufbar. Vorgestellt wird dort ein 9-jähriger Junge, der Osteogenesis Imperfekta, also Glasknochen hat und dadurch kleinwüchsig ist und sich im Rollstuhl fortbewegt. So wurde das alles aber schon gar nicht formuliert. Der Junge “leidet” natürlich an einem “genetischen Defekt”, musste Knochenbrüche “erleiden”… Das Schüttelbrett soll ihn dazu bringen, dass er irgendwann laufen kann. Klasse! Und auf die Frage des Reporters, was er sich denn wünsche, antwortet das Kind: “Dass ich mal besser laufen kann. (…) In zwei Jahren.”

Ich muss mich doch sehr wundern, dass das ZDF zur Hauptsendezeit zum einen einer sehr fragwürdigen Methode derart viel Zeit einräumt und dann eine Mitleidsgeschichte auftischt, die so gar nicht zu einer seriösen Nachrichtensendung passen will. Da werden behinderte Kinder als “Patienten” betitelt. Die Kinder sind aber gar nicht krank, das sind sie, wenn sie die Grippe haben. Die Kinder haben eine Behinderung. Die Ärzte machen sie zu Patienten.

Zugleich wird den Zuschauern vermittelt, dass es nichts besseres für die Kinder gebe, als ihren Rollstuhl verlassen zu können. Als ich in dem Alter war, habe ich meinen Rollstuhl geliebt. Ich war schneller als in irgendwelchen Gehapperaten. Letztendlich kann man viele behinderte Kinder irgendwie zum “Gehen und Stehen” bringen. Man stellt sie an Stehtische, bindet sie fest, damit sie nicht umfallen oder verpasst ihnen Gehapperate, die zu meiner Kindheit fast so viel wogen wie mein eigenes Körpergewicht. Das ist schön für die Erwachsenen, die Eltern sind beruhigt, alles für ihr Kind getan zu haben, aber die Kinder sind nicht selten ziemlich unglücklich. Trotzdem hat mich nie jemand dazu gebracht als Kind zu äußern, Laufen zu können, sei mein größter Wunsch.

Diese Aussage ist so traurig, denn die meisten dieser Kinder werden nie laufen können, auch wenn die Ärzte noch so viel an ihnen rumdoktern. Es ist viel wichtiger, den Kindern zu vermitteln, dass sie so, wie sie sind, in Ordnung sind. Dass der Rollstuhl ihnen Mobilität gibt. Und das muss man auch den Eltern vermitteln. Hat sich mal irgendjemand der Beteiligten überlegt, was es für ein Kind bedeutet, von morgens bis abends zu hören, dass es Laufen können muss, es aber nicht laufen kann?

Natürlich ist es richtig, den Kindern so viel Selbstständigkeit wie möglich zu geben und ihnen bestimmt Fähigkeiten beizubringen. Aber nur, wenn es wirklich sinnvoll ist. Ich habe mich mit 14 Jahren geweigert, weiter Krankengymnastik zu machen. Ich habe darin keinen Sinn gesehen und wollte lieber ins Kino und mich mit meinen Freunden treffen. Es gab keinerlei Verbesserungen und ich hatte den Verdacht, dass sich auch nichts verschlechtern wird. Es gab einen riesen Ärger deswegen. Alle, außer ich, waren der Auffassung, dass Krankengymnastik gut für mich ist. Nun mache ich seit 15 Jahren keine mehr und habe Jahre meiner Lebenszeit dadurch gewonnen. Jaja, ich weiß, dass wäre das Ende eines Berufsstandes, wenn das noch mehr Leute so machen würden und vielen tut es ja auch gut. Mir nicht. Und manchen Kindern wäre auch besser damit geholfen, ihnen zu vermitteln, dass es schon okay ist, wenn sie nicht laufen können anstatt sie auf Rüttelbretter zu stellen und ihnen einzureden, dass sie in zwei Jahren laufen können.

Die Mehrheit der Leute, die ich kenne, die seit ihrer Kindheit eine Gehbehinderung haben, können alle von irgendwelchen Experimenten erzählen, sie zum (besseren) Laufen zu bringen. Aber fast alle, die ich kenne – ganz gleich, ob das Leute mit einer Querschnittlähmung sind oder Leute mit Glasknochen oder etwas anderem – fahren als Erwachsene Rollstuhl und sind zufrieden damit. Wann wird den Kindern endlich vermittelt, dass auch Rollstuhl fahren eine sinnvolle Variante ist, sich fortzubewegen? Wann akzeptieren Ärzte und Eltern, dass vieles, was sie als “Therapie” verstehen, einfach Quälerei ist und dem Kind ständig vermittelt, es sei verbesserungswürdig? Und wann muss ich mir nicht mehr – sogar bei den Öffentlich-Rechtlichen – Heilsversprechen anhören, die in den wenigsten Fällen zu halten sind und nur zu einem führen: Ein Bild behinderter Menschen zu vermitteln, das der Gleichberechtigung behinderter Menschen massiv im Weg steht?

Geparkt in , , , , , , , um 17:39 Uhr am Samstag, 4. Februar 2006 |