Behindertenparkplatz

Blog von Christiane Link

Anne Will und die Untertitel

Anne Will wird ab Januar mit Untertiteln ausgestrahlt. Als ich das gelesen habe, war ich ein wenig überrascht. Ich dachte nämlich, das sei längst der Fall. Ist immerhin einer der wichtigsten Talk-Sendungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

Nur mal zum Vergleich: Die BBC wird bis April 2008 ihr gesamtes Programm untertiteln. Dafür zahlen hier im Gegensatz zu Deutschland auch gehörlose Menschen die TV Licence Fee und sind nicht befreit. 95 Prozent des Programms von BBC One und BBC Two ist bereits untertitelt. 80 Prozent des Programms von BBC Three, BBC Four, CBBC, CBeebies and BBC News 24 wird bereits mit Untertiteln angeboten. Hier ist mal eine Liste, was BBC diese Woche untertitelt.

Das ZDF untertitelt derzeit 25 Prozent seines Programms (Stand: Juni 2007). Über die ARD habe ich sehr unterschiedliche Angaben gefunden, die aber alle weit entfernt davon sind, was BBC anbietet.

Sehr lesenswert ist zu dem Thema ein Dokument des Landtages in Schleswig-Holstein aus dem Jahr 2006, das sich unter anderem mit dem NDR (3. Programm) befasst. Es wird der NDR zitiert: “Der Anteil des barrierefrei ausgestrahlten Fernsehprogramms werde sich in Zukunft von ca. 5,7 auf ca. 12 % erhöhen.” Weiter heißt es in dem Bericht: “Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft der Hörgeschädigten (…) hat eine aktuelle zweiwöchige Stichprobe ergeben, dass der NDR 1.330 untertitelte Sendeminuten ausgestrahlt habe, was einem Anteil von etwa 7 % entspreche. Rechne man allerdings Wiederholungen heraus, sinke der Anteil auf 0,3 %. Denn der NDR untertitele als einzige aktuelle Sendung das Wissensmagazin „Plietsch“ (jeden Donnerstag um 18.15 Uhr, Dauer: 30 Minuten).”

Geparkt in , , , , , , , , um 16:32 Uhr am Donnerstag, 22. November 2007 |

Kampf ums Augenlicht

Ich habe gerade ARD Exclusiv “Kampf ums Augenlicht” gesehen. Die Reportage zeigt wie Leuten mit Retinitis Pigmentosa erstmalig Chips ins Auge eingesetzt werden, in der Hoffnung, sie wieder sehend zu machen. Surprise, surprise, am Ende des Filmes sieht natürlich keiner der Probanden. Nur einer kann eine Lichtquelle orten. Das ist aber etwas, was viele Leute mit RP noch können: Hell und dunkel von einander unterscheiden und Lichtquellen finden. Eine Information, die in dem Film schlicht und einfach fehlt. War das nun also der Chip oder konnte das der Proband sowieso?

Der Film ist nichts für schwache Nerven. Da wird genau gezeigt, wie ein Kabel zwischen Ohr und Auge verlegt wird und wie das Auge aufgeschnitten wird, um den Chip einzusetzen. Auch dass es den Probanden nach der OP nicht so besonders geht, wird gezeigt. Einer hat ein riesiges blutunterlaufenes Auge wie nach einem Boxkampf. Während des Filmes verlässt einen dann auch noch die Freundin. Überhaupt sind das ziemliche Strapazen, die die Leute da auf sich nehmen. Das Prozedere dauert Wochen und ich frage mich, ob die denn psychologisch betreut wurden während des ganzen Theaters. Auch die Familien? Ich glaube, sogar der Autor des Films hat am Anfang geglaubt, von einer Heilung berichten zu können. Im Film kippt das dann aber. Die Ärzte haben den Leuten Hoffnungen gemacht, die sie nicht erfüllen können – und wenn ich mal eine Prognose abgeben darf, auch nicht werden. Alle zwei Jahre, wenn die Fördergelder wieder auslaufen, wird das Thema Retina Implant in den Medien gehypt. Die EU hat bereits 10 Millionen Euro in das Projekt gesteckt. Davon hätte man ganz Deutschland mit Blindenampeln ausstatten können, an besseren Orientierungssystemen arbeiten können oder was auch immer. Ich bin wirklich nicht technologiefeindlich, aber ich glaube die sind einfach auf dem Holzweg.

Die Sendung wird am Montag um 18 Uhr auf 3sat wiederholt.

Geparkt in , , , , , , , , um 0:46 Uhr am Donnerstag, 15. März 2007 |

(Nicht behinderte) Kinder sind Zukunft

In der ARD-Themenwoche “Kinder sind Zukunft” geht es in erster Linie um nicht behinderte Kinder. Behinderte Kinder werden zu unmöglichen Sendezeiten und / oder in Wiederholungen abgefrühstückt. Moni hat dem RBB-Rundfunkrat in einem ausführlichen Brief mitgeteilt, was sie als Mutter eines behinderten Kindes davon hält. Sehr lesenwert!

So lange bei diesen Planungssitzungen nicht mehr behinderte Journalisten sitzen, wird sich daran nichts ändern. Und da nutzt es auch nichts, auf die Schwerbehindertenquote der Öffentlich-Rechtlichen zu verweisen. Die Poststelle, die Verwaltung und die Kantine entscheiden nun mal nicht über den Programminhalt. Die öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland müssten dringend mal etwas für die Vielfalt ihrer Belegschaft tun. Und das betrifft nicht nur behinderte Menschen.

Stattdessen haben ARD und ZDF aber im November 2006 eine gemeinsame Medienakademie gegründet – unter anderem finden die Schulungen in nicht barrierefreien Räumlichkeiten in Wiesbaden statt. So wird das nix mit der Vielfalt.

Geparkt in , , , , , um 1:19 Uhr am Donnerstag, 8. März 2007 |

Auswandern

Beim SWR kann man einen super Radiobeitrag zum Thema Auswandern anhören. Ich kann übrigens nur begrüßen, dass ARD und ZDF immer mehr Beiträge online stellen. Ich fühle mich so nämlich gut über Deutschland informiert, seit ich endlich – dank Breitbandinternet – abends Tagesschau und Heute sehen kann. Ich würde sogar dafür bezahlen, liebe Intendanten. Nicht riesiege Summen, aber ne monatliche Abogebühr wäre es mir wert.

Geparkt in , , , , um 1:30 Uhr am Mittwoch, 31. Januar 2007 |

Glückwunsch, Nachtmagazin

Eben habe ich im Nachtmagazin der ARD einen Bericht über die Fußball-Weltmeisterschaft der Menschen mit Behinderung gesehen. Hat mir ziemlich gut gefallen: Der Sport stand im Vordergrund, die Spieler wurden interviewt, Guildo Horn sagte, er sei da weil er guten Fußball sehen will, das habe für ihn nichts karitatives, die Stimmung kam rüber und es wurde berichtet, wie man über ein Fußballspiel eben so berichtet. Kommt ja leider nicht so oft vor, dass in Deutschland so über Menschen mit Behinderungen berichtet wird, deshalb finde ich das erwähnenswert. Die ARD hat sogar eine eigene Seite zur WM. Sehr löblich! Beim ZDF finde ich online nur eine Mini-Meldung, in der schlicht und einfach vergessen wurde die Protagonisten, nämlich die Spieler selbst, zu befragen. Schweres journalistisches Foul! Beobachte ich aber auch öfter. Wenn in Hamburg über behinderte Bettler gestritten wird, ist die Bischöfin scheinbar eine bessere Interviewpartnerin als jemand, der selbst behindert und vielleicht Jurist ist. Und wenn man über die WM schreibt, vergessen manche Journalisten offensichtlich auch die Spieler zu befragen. Ich könnte jetzt viel dazu schreiben, was die Ursache dafür ist.

Eines stört mich aber auch bei der ARD: Die Sprache auf der dazugehörigen Webseite. Während der Fernsehbeitrag sprachlich und auch sonst völlig in Ordnung war und mir Spaß gemacht hat, ist das online leider nicht durchgehalten worden. Schon in der URL steht Behinderten-WM. Dann im Text wieder Behinderten-WM, Behinderten-Elf, Behinderten-Team, Behinderten-Nationalmannschaft…

Ich freue mich auch schon auf die Nichtbehinderten-EM. ;-) Mit dem Nichtbehinderten-Team, der Nichtbehinderten-Nationalmannschaft, der Nichtbehinderten-Elf. Sorry, Substantive sind einfach hässlich.

Geparkt in , , , , , , , , um 1:26 Uhr am Mittwoch, 30. August 2006 |

Maischberger

Moni hat Maischberger gesehen. Ich jetzt auch – online. Das, was Moni mit Kälte beschreibt, ist mir schon öfter in dieser Sendung aufgefallen. Und die Kälte hat eine Ursache: die Moderation.

Ich bin Peter Radtke sehr dankbar dafür, dass er in der Mitte der Sendung sagte, dass ihm die “Ausrichtung der Sendung Magenschmerzen” bereite. Es solle die Botschaft rüberkommen, dass in Deutschland alles so schlecht sei (weil die PID verboten ist, es keine Leihmütter gebe etc.). Die ganze Sendung ist ein oberflächliches Gelaber, die am Ende damit getoppt wird, dass irgendein Klonwissenschaftler verkündet, in drei Jahren könne man Querschnittlähmung heilen. Ich bin in solchen Momenten immer sehr froh, dass ich blogge, dann vergisst man solche Aussagen so schnell nicht – ich komme in drei Jahren nochmal darauf zurück. Diese Heilsversprechen höre ich übrigens schon seit ich denken kann. Darüber rege ich mich nicht mehr auf. Wer sowas glaubt, ist selber schuld.

Was mich viel mehr belastet, sind sind die Stimmungen, die auch schon Moni beschrieb. Da verweist Frau Maischberger auf das gesunde Kind, das fröhlich hinter der Bühne ist, spricht von “genetisch gesund” und gegenüber Peter Radtke “vom gesunden Standpunkt aus” – sie meinte, wohl aus der Perspektive von nicht behinderten Menschen. Großartig fand ich, dass sich Radtke dagegen wehrt, wie die ARD ihn ihm Videotext (und auch immer noch online) darstellt. Dort steht, dass er an seiner Behinderung leide. Eine Formulierung, die ganz oben auf den Index deutscher Redaktionen gehört. So lange nicht selber jemand sagt, er leide unter seiner Behinderung, ist es einfach anmaßend und falsch so etwas zu behaupten. Die Mehrheit der behinderten Menschen, die ich kenne, leidet nicht unter ihrer Behinderung. Die leiden eher darunter, dass ihnen jemand unterstellt, sie würden leiden.

Und noch etwas ist mir aufgefallen: Bei Maischberger wurde behindert mit “nicht gesund” gleichgesetzt, Krankheit mit Behinderung. Alles rein in den Topf. Keine Differenzierung. Nix. Und der Gynäkologe verweist dann noch darauf, dass die Ärztekammer ein Papier in der Schublade habe, das vorschlage, die PID in Grenzen zuzulassen. Bedingung: Schwere Krankheiten (was heißt “schwer” und meinte er nicht doch Behinderungen?), die nicht therapierbar sind. Die Mehrheit der Behinderungen sind nicht therapierbar. Es würde die PID für die meisten Behinderungen zulassen.

Die Befürworter der PID argumentieren immer, mit Menschen mit Behinderungen, die bereits leben, habe die Diskussion nichts zu tun. Das sehe ich ganz anders, obwohl ich nicht mal eine genetisch bedingte Behinderung habe. Es weht uns ein Wind derzeit entgegen, den muss man erstmal aushalten. Frau Maischberger pustet mit so einer Sendung ganz schön mit. Da wird über das Wert des Lebens mit Behinderung diskutiert. Der gesellschaftliche Druck, habe das Leben so schwer gemacht, wie die Mutter der beiden behinderten Kinder und einem nicht behinderten Kind dank PID in der Sendung sagte. Ja, der gesellschaftliche Druck auf Eltern ist groß, bitte kein behindertes Kind auf die Welt zu bringen und schon gar kein zweites. Sendungen wie Maischberger bauen den mit auf. Aber wenn das das Argument sein soll, keine behinderten Kinder mehr zu bekommen… Es gibt noch ganz andere Gruppen, die im “Supermarkt wie Aliens” behandelt werden (Zitat aus der Sendung). Sollen Leute anderer Hautfarbe auch keine Kinder mehr kriegen, weil sie “im Supermarkt wie Aliens” behandelt werden? Wie wäre es, wenn sich mal die Behandlung durch die Umwelt ändert? Nur mal so eine Idee.

Geparkt in , , , , , , um 14:37 Uhr am Donnerstag, 8. Juni 2006 |

ARD Themenwoche Krebs

Die ARD hat eine Themenwoche Krebs ausgerufen. Tag 2 ist fast vorüber und ich glaube, ich werde das Erste in dieser Woche meiden. Nein, nicht weil ich mich mit dem Thema nicht auseinandersetzen will, ganz im Gegenteil. Ich finde das Thema sehr wichtig, aber wie die ARD das anpackt, gefällt mir ganz und gar nicht.

Muss es wirklich sein, dass Beckmann mit Heide Simonis über Brustkrebs spricht? Wieso sitzen bei Maischberger irgendwelche “Experten”, die auf mich keinen sehr vertrauenserweckenden Eindruck machen. Und warum wird die ganze Zeit vermittelt, man müsse nur zur Früherkennung gehen, dann wird alles gut? Und wer nicht raucht, joggt und sich immer gesund ernährt, den trifft es nicht. Der Rest ist selber schuld. Das kann doch nicht der Tenor einer solchen Aufklärungswoche sein! Aber so kommt mir das die ganze Zeit vor. Ich kenne aber auch Menschen, die nicht geraucht haben, sportlich sind und die es trotzdem erwischt hat. Und was ist mit den ganzen Kindern? Rauchen die? Sind die nicht aktiv? So einfach ist das Leben eben nicht. Die Sache ist meist viel komplexer.

Die ARD hat bislang versäumt mal darüber zu diskutieren, wie wir mit krebskranken Menschen umgehen. Stattdessen werden durchweg Leute präsentiert, insbesondere Frauen, die den Krebs erfolgreich bekämpft haben. Ja, verstehe ich alles, soll Mut machen. Das ist ja auch wichtig. Aber zur wirklichen Auseinandersetzung mit Krebs gehört auch, dass es auch Menschen gibt, die daran sterben. Wie gehen wir damit um? Wie mit den Familien, die einen Angehörigen verlieren? Es gibt auch Menschen, die durch eine Krebserkrankung eine Behinderung bekommen. Was ist mit denen? Stattdessen höre ich bei der ARD viel über wieder genesene Promis, die im Zweifelsfall ganz andere Netzwerke zur Verfügung haben als das bei 08/15-Kassenpatient der Fall ist.

Also so richtig tiefgründig hat die ARD das Thema bislang nicht angepackt: Welche Therapie ist besser? Alternative oder Schulmedizin? Um viel mehr ging es bislang nicht.

Achja, und dann die Schuldfrage natürlich. Es ist vielleicht auch typisch für unsere Zeit, dass es immer einen Schuldigen geben muss, eben auch für eine Krankheit. Es fällt immer schwerer, Dinge einfach anzunehmen. Ich weiß, dass ist von den betroffenen Menschen in der jeweiligen Situation vielleicht zu viel verlangt. Ich meine das eher in Bezug auf die allgemeine Akzeptanz der Krankheit Krebs. Für die meisten Krankheiten, und da zählt teilweise auch Krebs dazu, gibt es keine oder ganz komplexe Ursachen.

Ich hätte mir gewünscht, dass durch so eine Woche insbesondere signalisiert wird, dass Krankheit und Tod zum Leben dazu gehören, wir aber die verdammte Pflicht haben, den kranken Menschen dennoch die bestmögliche Versorgung und Unterstützung zukommen zu lassen. Aber was heißt das? Dazu hätte ich mir mal abseits von Pharmalobby und Heilertum eine Diskussion gewünscht. Ganzheitlich und auf breiter Ebene.

Geparkt in , , , , , um 23:25 Uhr am Dienstag, 4. April 2006 |