Archiv für Politik

Krawalle in London

Es gibt Dinge im Leben von denen wird man völlig überrumpelt. Wir hatten das Thema ja schon ein paar Mal in diesem Blog. Und ich muss wirklich sagen, das Jahr 2011 lässt wirklich nichts aus. Diese Woche: Krawalle in London und im Rest des Landes mit bislang fünf Toten, Dutzenden Verletzten (vor allem Polizisten), brennenden Straßenzügen und geplünderten Geschäften.

Schild an Holzwand

Bis Montagnachmittag dachte ich noch, das alles ist erschreckend, aber findet weit genug von mir statt. Ich hatte mich geirrt. Das alles kam plötzlich sehr nahe. Ich fuhr nachmittags nach Lewisham, um ein paar Briefe auf die Post zu bringen. Da waren schon riesen Schlangen und man sagte mir, man würde die Post gleich schließen. Da war es etwa 16.30 Uhr und noch zu früh eigentlich. Man erklärte mir, man erwarte Ausschreitungen in Lewisham. Man schloss die Post dann, ich wurde noch bedient, aber als ich das Einkaufszentrum verließ, kamen mir schon etwa 30 Jugendliche mit Hoodies und Tüchern vorm Gesicht entgegen. Die vier Polizisten, an denen sie vorbeizogen, schauten nur unbeteiligt zu als sie vom Bahnhof in Richtung Einkaufszentrum zogen.

Ich bin dann einfach nur in die Bahn gehüpft, um schnell aus Lewisham rauszukommen, was sich im Nachhinein auch als gut erwies. Die Tage danach habe ich London in vielen Stadtteilen nicht mehr wieder erkannt: Es waren sehr wenig Leute auf der Straße, viele Geschäftsstraßen waren wie ausgestorben. Entweder die Geschäfte waren geplündert oder sie haben als Vorsichtsmaßnahme zugemacht. Andere haben ihre Schaufenster vernagelt. Das ansonsten völlig überfüllte London wirkt gerade ziemlich leer.

Und jetzt fragen sich alle: Warum machen Leute so etwas und woher kommt diese Aggression? Evangelisch.de hatte mich gebeten, einen Artikel dazu zu schreiben. Die Antworten auf diese Frage sind sicher komplex und nicht mit einfachen Plattitüden zu beantworten. Das gilt auch für die Frage, was denn jetzt zu tun sei.

Ich denke, eine Debatte über gemeinsame Werte in der Gesellschaft ist überfällig. Vielleicht würde es dem Land auch gut tun, wenn es endlich mal eine niedergeschriebene Verfassung hätte – mit Grundrechten und so und für jeden verständlich – verbunden mit einer ausführlichen Debatte über eine eben solche. Da dürfte auch gerne die Meinungsfreiheit (Freedom of Speech), die hier eigentlich ziemlich hochgehalten wird, weit oben stehen. Und auch die Pressefreiheit. Dann könnte man die Debatte, ob man Twitter und Facebook abschalten soll (ja, kein Witz, das wird hier diskutiert!) schon im Keim ersticken. Es wäre einfach verfassungswidrig.

Wand auf der steht

Und die Polizei hat einiges zu tun, um das Vertrauen in der Bevölkerung wieder herzustellen. Die ersten Tage schritten sie kaum ein, waren völlig überfordert, hatten zu wenig Leute auf der Straße, was dazu führte, dass die Randalierer munter weitermachen konnten.

Insgesamt finde ich die ganze Sache sehr bedrückend. Dennoch bin ich Optimistin, dass sich man die Ausschreitungen zum Anlass nimmt, der Ursache auf den Grund zu gehen und dann Änderungen vorzunehmen. Mir fiele da einiges ein.

Re:publica 2011: Der Friedrichstadtpalast applaudierte lautlos

Ich glaube, ich übertreibe nicht, wenn ich schreibe, dass die letzten Tage wohl die Besten in Deutschland waren seit ich nicht mehr in Deutschland lebe.
Seit Dienstag abend bin ich in Berlin, um die re:publica zu besuchen. Ich wusste ja, dass meine Twitter-Timeline großartig ist, aber ich weiss nun auch, dass es auch im richtigen Leben richtig nette Menschen sind. Ich habe so viele nette Menschen getroffen, denen ich folge oder die mir folgen und / oder dieses Blog lesen. Außerdem habe ich Menschen wieder getroffen, die ich nicht mehr gesehen hatte, seit ich aus Deutschland weg bin. Und ich habe mich so gefreut, dass sie sich gefreut haben, mich zu sehen. Es war wie ein Klassentreffen nach langer langer Zeit.
Als allererstes traf ich Julia Probst, die für mich den besten und bewegendsten Auftritt auf der Re:publica hatte. Sie ist gehörlos und wurde bekannt, weil sie darüber twittert, was sie Fußballspielern und Trainern während des Spiels von den Lippen abliest und zudem die Körpersprache von Politikern analysiert. Außerdem bloggt sie zum Thema Barrierefreiheit und Gehörlosigkeit.

Philip Banse interviewte Julia (und andere Blogger) über ihre Erfahrungen und fragte sie über die Gebärdensprache aus. Eine Dolmetscherin übersetzte das, was Julia gebärdete und das, was der Moderator fragte. Und das Publikum im gut gefüllten Friedrichstadtpalast hörte aufmerksam zu und war fasziniert. Auch dann als Julia anprangerte, dass in Deutschland nur 10 Prozent des Fernsehprogramms untertitelt wird, während in den USA und Großbritannien bereits 100% Untertitel angeboten werden. Und sie prangerte die fehlende schulische Integration behinderter Kinder an. Kurzum: Julia hat in den 20 Minuten wahrscheinlich mehr für das Bewusstsein bei der Gesellschaft, für Inklusion, Gebärdensprache und Barrierefreiheit getan als so mancher Almosenverein in den letzten 10 Jahren. Und sie hat eines gezeigt: Man kann die Leute wirklich für das Thema begeistern, wenn man nur will und es richtig macht. Gebärdensprache kann so ein tolles Instrument dafür sein.

Als das Gespräch zu Ende war, applaudierte der ganze Friedrichstadtpalast in Gebärdensprache. Die Leute hielten ihre Hände in die Luft und schüttelten sie, eben so wie man das in Gebärdensprache macht. Und ich muss ehrlich sagen, in dem Moment war ich wirklich gerührt, weil ich es als riesiges Zeichen der Akzeptanz empfand. Die Gebärdensprache ist sozusagen bei den Nerds angekommen, dann kann das mit den Normalbürgern doch auch klappen, denke ich mir.

Und weil es mich so viele Leute gefragt haben: Ja, die Barrierefreiheit der Re:publica hat sich verbessert seit ich das letzte Mal dort war. Am barrierefreien Eingang steht dauerhaft Personal, das den Eingang umgehend öffnet und der Mitarbeiter in der Kalkscheune hat mir sofort seine Handynummer gegeben, damit ich ihn jederzeit erreichen kann und rein und raus komme.

Was ich mir für das nächste Mal wünsche: Schriftdolmetscher, die das Gesagte mitschreiben, was dann auf die Leinwand geworfen wird, und Gebärdensprachdolmetscher. Dann könnten auch gehörlose und schwerhörige Menschen die Sessions ohne Einschränkungen besuchen. Ich zahle auch 10 Euro mehr an Eintritt, wenn das möglich wäre. Und ich bin sicher, nach dem tollen Auftritt von Julia bin ich nicht die Einzige. Oder es findet sich ein Sponsor. Ich träume schon vom Banner am Eingangsbereich: „Die Barrierefreiheit auf der re:publica 2012 wird Ihnen präsentiert von [hier eine Aufzugs-, Hörgeräte-, Treppenliftfirma einsetzen oder eine Firma, die einfach verstanden hat, dass behinderte Kunden auch Kunden sind und dass das Thema eh gerade ziemlich cool ist]“.

Die Qual der Wahl

Am Donnerstag wird in Großbritannien gewählt. Und zum ersten (und hoffentlich letzten) Mal darf ich an einer Parlamentswahl nicht teilnehmen, obwohl ich in dem Land, in dem gewählt wird, Steuern zahlen. Naja, immerhin darf ich das Gemeindeparlament von Greenwich mitbestimmen. Meine Stimme kommt mir hier fast noch wichtiger vor als in Deutschland, weil die Wahlbeteiligung hier insbesondere bei Kommunalwahlen bedenklich schlecht ist. In unserem Wahlbezirk (Eltham South) lag die Wahlbeteiligung beim letzten Mal bei 40%.

Sehr interessant ist zu sehen, welche Rolle die Behindertenpolitik im Wahlkampf spielt. Das Magazin „Disability Now“ hat die Parteien zu ihrer Behindertenpolitik befragt. Alles in allem ist das alles sehr mau, was dort genannt wird.

Das ist ziemlich unverständlich, denn in einer Umfrage im April unter behinderten Wahlberechtigten gaben zwei Drittel der Befragten an, dass die Behindertenpolitik der Parteien ihre Wahlentscheidung maßgeblich beeinflussen würde.

Sehr interessant diesbezüglich war eine Posse, die sich letzte Woche ereignete. Der Spitzenkandidat der Konservativen, David Cameron, war in London auf einem Wahltermin. In der Näher hielt sich ein Vater mit seinem rollstuhlfahrenden Sohn auf, die eigentlich nur einen Krankenhaustermin wahrnehmen wollten. Das Wahlkampfteam von Cameron dachte sich wohl, es mache ein tolles Pressebild, wenn ihr Kandidat den behinderten Jungen trifft und fragte den Vater, ob er gemeinsam mit seinem Sohn mit Cameron sprechen wolle. Der Vater wollte, denn er hatte sich über die Politik der Konservativen zur schulischen Integration geärgert. Der Vater hatte lange darum gekämpft, seinen Sohn in eine Regelschule schicken zu können und ärgerte sich über eine Passage aus dem Wahlprogramm.

Was die konservativen Wahlkämpfer bekamen, war also kein herziges Wahlkampfbild, sondern ein Debatte auf allen Kanälen und in Zeitungen über die schulische Integration behinderter Kinder und die Politik der Torries – gemeinsam mit einem Bild, das alles andere als herzig aussieht.

Der Vater des Kindes ist zudem Chef eines recht bekannten ThinkTanks und ließ sich freudig und wortgewandt in jede Sendung schalten und trat massiv für die schulische Integration behinderter Kinder ein. So schnell kann ein Wahlprogramm ganz schön altmodisch aussehen.

Ich weiß immer noch nicht, was ich am Donnerstag wähle. Gestern rief die Labour-Partei an und fragte mich, wie wahrscheinlich es sei, dass ich am Donnerstag Labour wähle. Abwarten und Tee trinken!

Für mich wird interessant zu sehen, ob sie die Barrierefreiheit meines Wahllokals verbessert haben. Ich habe mich nach der Europawahl beim Wahlleiter der Gemeinde beschwert, weil der barrierefreie Eingang nach 18 Uhr geschlossen war und ich erst an die Scheibe im Hochpaterre klopfen musste, damit mir jemand aufmacht. Das Wahllokal hatte aber bis 22 Uhr geöffnet. Den E-Mails und den überschwänglichen Entschuldigungen nach zu urteilen, müsste es diesmal klappen.

Der Koalitionsvertrag und die Behindertenpolitik

So, der Koalitionsvertrag der neuen Regierung in Deutschland ist da. In Teil III gibt es sogar ein eigenes Kapitel einen eigenen Absatz zur künftigen Behindertenpolitik. Dieses lautet:

„Wir treten für eine tatsächliche Teilhabe von Menschen mit Behinderungen am gesellschaftlichen Leben ein. Unser Ziel ist, die Rahmenbedingungen für Menschen mit und ohne Behinderungen positiv zu gestalten. Voraussetzung hierfür ist u. a. die Barrierefreiheit in allen Bereichen von Schule über Ausbildung bis zum Beruf sowie von Verkehr über Medien und Kommunikationstechnik bis hin zum Städtebau. Politische Entscheidungen, die Menschen mit Behinderungen direkt oder indirekt betreffen, müssen sich an den Inhalten der UN-Konvention über die Rechte der Menschen mit Behinderungen messen lassen. Deshalb werden wir einen Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen entwickeln.
Wir wollen, dass ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen länger und lebenswerter in ihrem gewohnten Umfeld wohnen können. Das KfW-Förderprogramm zur Versorgung mit altersgerechtem Wohnraum wird weiterentwickelt.“

Das könnte auch im Koalitionsprogramm einer Rot-Grünen Regierung stehen. Man könnte fast versucht sein zu glauben, in Deutschland wird jetzt alles barrierefrei. Ich bin keine Pessimistin, aber ich fürchte, das wird nicht so kommen.

Zuerst einmal hat man jetzt wieder Zeit gewonnen. Man wartet jetzt erst einmal auf den Aktionsplan. Vor dem Aktionsplan wird es keine oder nur sehr wenig Aktion geben. Ich tippe in der Mitte der Legislaturperiode wird er dann endlich fertig sein.

Und dann passiert wieder das, was fast immer passiert: Die Politik wird sich einigen, wenig umstrittenen und leicht umzusetzenden Themen annehmen. Große wichtige Dinge werden außen vor bleiben. Einen Rechtsanspruch wird es nur in Ausnahmefällen geben.

Ich habe vor kurzem mehrere interessante Videos auf YouTube gefunden, die die Proteste vor der Einführung eines umfassenden Antidiskriminierungsgesetzes für behinderte Menschen in Großbritannien zeigen.

So ging es vor der Einführung des Disability Discrimination Acts 1995 in London zu und vermutlich hat sich das im Gesetz niedergeschlagen:

P.S.: Kann mir jemand sagen, ob man Videos bei YouTube, die einem nicht gehören, untertiteln kann? Und wenn ja, wie? Ich würde das Video nämlich gerne untertiteln.

Kalifornien und die Barrierefreiheit – Europa holt auf

Die USA gelten in Bezug auf Barrierefreiheit als eines der fortschrittlichsten Länder der Welt. Unter den US-Bundesstaaten wiederum ist Kalifornien einer der führenden Staaten. Nach einer Woche in Kalifornien muss ich aber sagen: Europa holt auf! Und das hat auch mit der Wirtschaftskrise zu tun.
Ich war ein paar Tage in San Francisco und habe die Stadt kaum wieder erkannt: Ich war vor ein paar Jahren zuletzt da als ich noch in Deutschland lebte und war damals ziemlich beeindruckt. Tausende elektrische Türöffner, Fahrstühle, abgeflachte Bordsteine, Brailletasten in den Fahrstühlen. Aber offensichtlich geht den Amerikanern das Geld aus, um die Sachen auch in Schuß zu halten: Tausende elektrische Türöffner – aber keiner geht. Zwei U-Bahnstationen waren für mich unbenutzbar, weil die Fahrstühle nicht gingen. Immerhin – man wird wenigstens bereits am Flughafen darauf hingewiesen, aber letztendlich hilft einem das auch nicht, zum Ziel zu kommen.
Kein einziger Fahrstuhl, den ich in den letzten sieben Tagen benutzt habe, hatte eine funktionstüchtige Sprachausgabe. Es gibt in Großbritannien so gut wie keinen Lift mehr, der keine hat… Ich musste mich erst wieder umstellen, nach der Anzeigetafel zu suchen, um zu sehen, wo ich bin.
Bedingt durch die Wirtschaftskrise und die schlechte Haushaltslage Kaliforniens werden offensichtlichlich die Straßen auch nicht mehr so gepflegt. Die einst super gebauten Rampen bröckeln in San Francisco vor sich hin. Im Sillicon Valley gibt es aber wohl noch Geld. Hier sieht es besser aus.
Die Lifte in San Francisco rochen genau so wie die in Frankfurt – nach Urin. Früher gab es überall Security, die aufgepasst hat, dass sowas nicht passiert – jetzt sind sie eingespart.
Vorgestern war ich in einem Einkaufszentrum in Palo Alto und hatte prompt einen Strafzettel über 300 Dollar wegen Parken auf einem Behindertenparkplatz an der Scheibe. Ja witzig, ich weiß. Und ja, ich hatte den Parkausweis im Auto liegen. Die USA sind assoziiertes Mitglied der Kommission für die europäischen Parkausweise und erkennen diesen (mit wenigen Ausnahmen) an, wenn er in einem Touristenauto liegt. Ich nutze den europäischen (früher deutschen) Parkausweis seit 1996 in den USA und hatte nie ein Problem. Hinzu kommt, mein Auto ist als Hertz-Mietwagen zu erkennen und hat Handgas, was ebenfalls von außen zu sehen ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass hier jemand unbegründet auf dem Behindertenparkplatz steht, war somit relativ gering.
Am gleichen Abend traf ich mich mit einer Rollstuhlfahrerin aus Mountain View, die mir sagte „Palo Alto sucks„. Die versuchten so ihren Haushalt aufzubessern. Sei ihr auch schon passiert. Sie würden es halt versuchen. Dem Einspruch würde sofort stattgegeben. Ich solle zum Rathaus fahren.
Ich habe mich dann also auf das Rathaus der Stadt Palo Alto bemüht. Behördengänge im Ausland finde ich immer besonders „toll“ – vor allem wenn man so einen unnötigen Mist erledigen muss. Und tatsächlich, die nette Dame empfang mich als sei ich schon Rollstuhlfahrerin 375 an diesem Tag, die mit dem gleichen Anliegen auftaucht, schob mir ein Formular rüber, das ganze fünf Zeilen Platz für die Widerspruchsbegründung hatte und sagte, ich bekäme in drei Wochen einen Bescheid nach England geschickt. Achja, und dann fragte sie mich noch, wo genau Amsterdam in Deutschland liegt, was ich ihr freundlich beantwortet habe.
Zum Rathaus kam ich übrigens auch nicht ohne Probleme. Es gab keinen Behindertenparkplatz – man will es ja den Leuten nicht zu einfach machen mit dem Widerspruch – und das Rathaus war sehr groß, aber nur von einer Seite zugänglich. Also einmal um den ganzen Block rum in drückender Mittagshitze. Willkommen im barrierefreien Kalifornien!
Wir haben unterdessen mit mehreren behinderten Kaliforniern gesprochen, die alle sagten, die Barrierefreiheit sei sehr lückenhaft umgesetzt. Vor allem im Arbeitsbereich. An manchen Stellen ist man baff, was alles gemacht wurde. Dann wiederum sieht man die Shuttlebusse von großen Firmen, die für Rollstuhlfahrer nicht benutzbar sind, aber eigentlich ein wichtiges Transportmittel für die Mitarbeiter im Silicon Valley sind. Ich kenne diverse vergleichbare Mitarbeitershuttle in Deutschland und in England von großen Firmen. Alle konnte ich nutzen.
Die USA muss sich anstrengen, wenn sie nicht hinter Europa zurückfallen will, was Barrierefreiheit in allen Lebensbereichen angeht.

Deutschland im Sommer 2009

In Hessen wird einem Mann, der nach einem Motorradunfall Pflege benötigt und im Rollstuhl sitzt, vom örtlichen Sozialamt die Assistenz verweigert. Man zahle lediglich eine Heimunterbringung. Dass der Mann verheiratet ist und damit von seiner Frau getrennt leben müsste, interessiert den Behördenleiter nicht.

In Berlin wird einem Rollstuhlfahrer der Theaterbesuch zur Hölle gemacht. Er könne unmöglich unangemeldet ins Theater gehen, wird ihm gesagt. Als er sich weigert, wieder zu gehen, und einen nicht barrierefreien Platz einnimmt, droht man, die Polizei zu rufen, obwohl er eine Eintrittskarte hat.

In München weigert sich das Arbeitsamt einem gehörlosen Auszubildenden die Gebärdensprachdolmetscher für die Berufsschule zu stellen. Er verliert daraufhin seinen Ausbildungsplatz. Als er wieder einen neue Stelle findet, bleibt das Amt bei seiner Auffassung und schreibt, er solle am Blockunterricht an einer Gehörlosenschule in Essen teilnehmen. Er habe kein Recht, in München eine Berufsschule zu besuchen.

In Berlin muss eine alleinerziehende Mutter ihren Job aufgeben, weil die Schulbehörde die Schulhelfer für ihren behinderten Sohn nicht mehr im benötigten Umfang stellen möchte.

In Magdeburg wird eine arbeitslose, nicht behinderte Frau als „geistig behindert“ eingestuft, damit man sie in eine Behindertenwerkstatt schicken kann.

Changing places

Es macht richtig Spaß zwischen Deutschland und England hin- und herzupendeln. Man entdeckt da Dinge, die in einem der Länder normal sind und im anderen nicht einmal angedacht sind – klimatisierte Busse zum Beispiel sind in London Mangelware, in Deutschland zumindest in den Städten, in denen ich in den letzten Monaten war, üblich. Hier fangen sie gerade erst an, sich über heiße Busse aufzuregen und zu überlegen, was man den tun könne und wie man sicherstellen kann, dass die Fahrer nicht aus Versehen auch noch die Heizung anmachen. Heute nachmittag lief dazu eine Talksendung im Radio. Nunja….
Dann wiederum gibt es hier Kampagnen, da denke ich, das wird es in Deutschland in 20 Jahren noch nicht geben. „Changing Places“ ist so ein Beispiel. „Changing Places“ setzt sich dafür ein, dass barrierefreie Toiletten auch für Menschen mit Mehrfachbehinderungen und anderen Bedürfnissen zugänglich sind. Das heißt, dass es einen Lifter gibt, Wickelmöglichkeiten, mehr Platz etc. In Deutschland wird immer noch darüber diskutiert, ob man hier und dort überhaupt eine Behindertentoilette braucht.
Die Kampagne macht darauf aufmerksam, dass Menschen mit Mehrfachbehinderungen derzeit teilweise auf dem Fußboden versorgt werden müssen, weil ansonsten kein Platz ist. Hier erzählen Leute von ihren Erfahrungen, wie sie mit der Situation umgehen und was es für sie bedeutet, wenn mehr Behindertentoiletten nicht nur auf den 08/15-Rollifahrer zugeschnitten wären. Es gibt auch eine Suchmöglichkeit nach Toiletten, die die Anforderungen bereits erfüllen.
Außerdem bin ich jedesmal begeistert, wie professionell solche Kampagnen hier durchgezogen werden. Hinter dieser steckt unter anderem die Organisation Mencap, die größte Organisation für Menschen mit Lernschwierigkeiten in Großbritannien.

300 Behindertenparkplätze

Heute war ich mal wieder im Lakeside Shopping Centre in Essex. Ich gehe dort sehr gerne einkaufen, denn es ist einfach alles barrierefrei und es ist einfach schön da. Das Centre liegt direkt am See, man kann bei schönem Wetter in einem der Restaurants auf dem Steg sitzen.
Heute bin ich anders auf das Gelände gefahren und kam an einem orangefarbenen Schild vorbei. Ich musste zwei Mal hinsehen. Da soll es doch wirklich 300 Behindertenparkplätze geben, die ich nicht kannte.

Schild mit Hinweis auf 300 Behindertenparkplaetze

Mir war das vorher noch nie aufgefallen, weil es auch in anderen Parkhäusern um das Einkaufszentrum herum Behindertenparkplätze gibt.

Ich folgte also der Beschilderung und fand mich tatsächlich in einem Parkhaus mit 300 Behindertenparkplätzen wieder, die am einkaufsmüden Montag nicht schlecht gefüllt waren. Sie waren unterteilt in welche für Rollstuhlfahrer (breiter) und welche mit normaler Breite. Und alle Autos vor, hinter und neben meinem hatten einen Ausweis an der Windschutzscheibe liegen.

Es gibt in Großbritannien erheblich mehr Behindertenparkplätze als in Deutschland. Ich habe mich da schnell dran gewöhnt und es erleichtert mir den Alltag sehr, weil ich problemlos den Rollstuhl ein- und ausladen kann. Aber 300 Plätze habe ich nocn nie auf einen Streich gesehen.

Ich habe allerdings auch den Eindruck, es gibt mehr Parkausweisbesitzer als in Deutschland. Die Parkplätze sind oft besetzt, aber nicht von Falschparkern sondern von Ausweisbesitzern. Das ist aber mein rein subjektiver Eindruck und das wollte ich nun bestätigt haben.

Die Zahlen für Großbritannien fand ich schnell: Es gibt 2,3 Millionen blaue Parkausweise auf der Insel. Das macht bei geschätzten 61 Millionen Einwohnern 3,8 Prozent der Bevölkerung, die einen Ausweis besitzen. Finde ich sehr realistisch, wenn man davon ausgeht, dass etwa 10 Prozent der Bevölkerung behindert ist, sind vielleicht 3,8 Prozent stark gehbehindert oder blind. Kann schon sein. Das Verkehrsministerium hat erst im Oktober 2008 eine Studie zur Nutzung der Parkausweise veröffentlicht. Demnach bin ich in fast allen Kategorien die Ausnahme, die die Regel bestätigt (jung, arbeitend, Ausländerin, Ausweis seit mehr als 10 Jahren etc.). Aber das nur nebenbei…

Dann habe ich mich auf die Suche nach deutschen Zahlen gemacht und fand sofort eine Frage des Bundestagsabgeordneten Ilja Seifert von Ende Mai dieses Jahres an die Bundesregierung. Er hat sich auch gefragt, wieviele Parkausweise es eigentlich in Deutschland gibt und die Bundesregierung antwortete wie folgt: „Der Bundesregierung liegen keine bundesweiten Statistiken über die Anzahl der europäischen Parkausweise vor.“ Na toll. Und jetzt kann ich meine Vermutung, was die Anzahl angeht, nicht einmal überprüfen.

Re:publica 09 oder back to the roots

Ich war schon ewig auf keiner Web2.0-Konferenz mehr, habe aber trotzdem gerne zugesagt, als man mich fragte, ob ich auf der Re:publica ein Vortrag über das Thema „Digitale Identität“, dieses Blog und meine Erfahrungen mit Facebook, Twitter & Co. berichte. Außerdem freute ich mich, auf ein paar schöne Tage mit alten Bekannten in Berlin. Es war ein bisschen „back to the roots“ für mich.
Einer der Kooperationspartner der Re:publica war die Aktion Mensch. Für mich war deshalb klar, das wird eine barrierefreie Veranstaltung. Ich gebe zu, das war naiv von mir.
Mein ersten Zweifel kamen mir bereits im Hotelzimmer, das für mich gebucht worden war. Ich hatte ein Zimmer, in dem ich mich kaum bewegen konnte. Zwischen Schreibtisch und Bett war so wenig Platz, dass mein Zimmer quasi halbiert war: In die eine Hälfte, in der ich sein konnte und die andere, die durch den engen Durchgang nicht erreichbar war. So konnte ich auch nicht am Schreibtisch sitzen. Das Hotel wirbt explizit mit der Barrierefreiheit seiner Zimmer, habe ich auf der Homepage gesehen. Man kann den Veranstaltern kaum einen Vorwurf machen. Mein Zimmer war aber nicht nur sehr unglücklich eingerichtet, es war auch ein im 1. Stock direkt an der Straßenbahn ohne Iso-Fenster gelegenes RAUCHERzimmer.
Am zweiten Abend, nachdem ins Nachbarzimmer ein Kettenraucher eingezogen war und der Rauch dank Klimaanlage in meinem Zimmer landete, bat ich um ein neues Zimmer: Enge, Lärm und Rauch fand ich ein bisschen viel Zumutungen. Um es kurz zu machen: Das Hotel war nicht in der Lage, mir bis zum Ende der Re:Publica ein neues Zimmer zu geben. Was lernt man daraus: Glaube nie den Werbeversprechen eines Unternehmens, wenn es um Barrierefreiheit geht.

Der erste Tag der Re:publica begann damit, dass ich um den Friedrichstadtpalast kurvte, um den barrierefreien Eingang zu finden. Ausgeschildert war nichts und der Haupteingang war nur über viele Stufen zu erreichen. Ich habe dann jemanden reingeschickt, um fragen zu gehen. Überhaupt habe ich auf der Re:publica ziemlich viele Leute irgendwo hingeschickt, um irgendwas zu fragen, zu holen und auszurichten. Es gab einen Seiteneingang. Nachdem man den richtigen Menschen samt Schlüssel gefunden hatte, war die Tür offen. Sollte aber geschlossen bleiben. „Sagen Sie mir bescheid, wenn Sie wieder raus wollen“, sagte mir der Fliegenträger vom Friedrichstadtpalast. Das wollte ich aber nicht, denn die Veranstaltung fand in zwei Häusern statt: Dem Friedrichstadtpalast und der Kalkscheune. Und draußen war das Wetter spitzenmäßig und alle Leute gingen ständig raus und rein. Das wollte ich auch. Am 2. Tag wechselte das Personal und plötzlich war auch die Tür dauerhaft offen. Wenn es schon getrennte Eingänge für Rollstuhlfahrer gibt, lasst sie offen. Ich komme mir nicht sehr willkommen vor, wenn ich ständig vor verschlossenen Türen stehe.

Ein ähnliches Problem ergab sich nach der Quizshow im Friedrichstadtpalast (fand ich übrigens sehr unterhaltend!). Es gab eine Party in der Kalkscheune. Die Kalkscheune hat mehrere recht steile Stufen vor der Tür aber einen barrierefreien Seiteneingang. Aber keiner der Türsteher war bereit, mir diesen zu öffnen. So stand ich 30 Minuten vor der Kalkscheune, schickte eine Person nach der anderen rein, um die Leute zu bitten, mir die Tür aufzumachen. Schlussendlich sagten die Türsteher, sie ließen mich nur rein, wenn ich mich tragen lasse, was völliger Unfug war, denn die Kalkscheune ist völlig zugänglich, wenn man nur eine Tür aufmacht. Da war der Punkt, an dem ich richtig sauer war und den Tag verflucht habe, an dem ich für den Kongress zugesagt habe. Keine Sorge, das änderte sich am 2. Tag gleich wieder, nach dem ich meinen Vortrag gehalten habe und viele nette Menschen getroffen habe. Aber mein Abend war eigentlich gelaufen. Ich weiß nicht, ob es klar ist, wie man sich fühlt, wenn man vor einem Gebäude steht und Menschenmassen an einem ins Gebäude ziehen, aber man selber wird völlig ignoriert, ganz gleich, wie viele Menschen man um Einlass bittet. Als dann endlich jemand von den Veranstaltern auftauchte – gerade noch rechtzeitig, denn ich war kurz davor, die ganze Re:publica sausen zu lassen – und mir ebenfalls vorschlug, mich die Treppen hochtragen zu lassen, war ich wirklich kurz vorm Platzen vor Wut. Ich kann und konnte nicht verstehen, wieso fünfstellige Summen von einer Behindertenhilfe-Lotterie in einen Kongress fließen, aber nicht einmal die einfachsten Dinge bedacht wurden: Wenn Rollstuhlfahrer kommen (und auch wenn man keine erwartet), öffnet man den barrierefreien Eingang. Vor allem dann, wenn man sie selber eingeladen hat. Ich habe dann später erfahren, dass es eigentlich dazu ein Briefing gab. Ich habe mit den Organisatoren gesprochen und auch mit der Aktion Mensch. Warum es trotzdem schief gelaufen ist, kann man eigentlich nur mit Ignoranz Einzelner erklären. Aber daran scheitern diese Dinge oft.

Dass das WLAN während fast der ganzen Veranstaltung nicht ging, empfand ich wegen der Vorkommnisse des ersten Tages fast als Lappalie. Die Konferenz wurde für mich mit dem 2. Tag dann auch weit besser. Die Twitterlesung war ganz großes Kino und ich habe mich sehr gefreut, so viele Menschen zu treffen, die ich lange nicht mehr gesehen hatte oder eigentlich nur virtuell kenne.
Da war mir dann auch egal, dass ich eine Veranstaltung verpasste, weil ich den barrierefreien Weg dorthin nicht fand und auch keiner da war, um zu fragen. Und selbst die doofen Erfahrungen vom Vortag verursachten noch das ein oder andere interessante Gespräch.

Zum Nachdenken hat mich gebracht, dass die Aktion Mensch mit der Methode „Wer zahlt, bestimmt was gespielt wird“, bestimmte Themen bei so einer Konferenz setzt. Ich schwanke noch zwischen „Genialer Lobbyismus für eine gute Sache“ und „Geht es wirklich nicht anders?“. Aber große Konzerne machen das genau so. Aber sollte es nicht selbstverständlich sein, dass eine Konferenz, die sich mit der Gesellschaft befasst, allen Menschen offen steht und auch verschiedene Gesellschaftsgruppen unter den Referenten widerspiegelt. Wenn dieser Anspruch aber schon bei den Geschlechtern (es waren weit weniger Frauen da als Männer) nicht klappt, wie soll das dann bei einem Thema wie Behinderung funktionieren? Ich habe noch keine Antwort gefunden, aber eines hat die Re:publica bei mir erreicht: Mich zum Nachdenken angeregt.

Europameister im Aussortieren

DER SPIEGEL hat jahrzehntelang die deutsche Behindertenpolitik völlig ignoriert. Ich hatte vor ein paar Jahren mal das SPIEGEL-Archiv nach Artikeln zur Behindertenpolitik durchsucht und habe so gut wie nichts gefunden. Jetzt ist Anfang Januar ein Artikel erschienen, wie ich ihn noch nie in irgendeiner Zeitung oder in einem Magazin in Deutschland gelesen habe: Es geht um die systematische Ausgrenzung behinderter Menschen in Deutschland. Und er ist so gut und hintergründig geschrieben, dass ich dem SPIEGEL fast verzeihe, die letzten Jahre nichts dazu geschrieben zu haben. Besonders freue ich mich über einige Beispiele, die mir bekannt vorkamen *hüstel*.
Ulrike Demmer hat den Nagel genau auf den Kopf getroffen. Nun hoffe ich sehr, dass der Artikel eine breite Debatte auslöst und vor allem die Damen und Herren Sonderpädagogen mal über ihre Zukunft und die Verantwortung ihres Berufsstandes nachdenken.
Der Artikel ist meines Erachtens einer der wichtigsten und ehrlichsten Artikel zur Situation behinderter Menschen in Deutschland, der in den letzten Jahren erschienen ist. Deutschland als „Europameister im Aussortieren“ zu bezeichnen ist mutig, aber ich fürchte, es trifft den Nagel auf den Kopf.