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Was ich mir 2012 von den Medien wünsche – das Echo

Mein letzter Blogeintrag „Was ich mir 2012 von den Medien wünsche“ hat ein riesen Echo hervor gerufen, worüber ich mich sehr freue. Ich habe zu dem Thema dem Dortmunder Radiosender eldoradio ein Interview gegeben, das man hier nachhören kann. Dafür, dass ich etwa zwei Stunden vor dem Interview eingeschlafen bin und erst mit Klingeln des Telefons wieder aufwachte, klinge ich relativ ausgeschlafen, finde ich. :-)

Was ich mir für 2012 von den Medien wünsche

Ein Wissenschaftler sucht einen Assistenten. Das ist normalerweise keine Nachricht, die es bis in die Medien schaffen würde – wenn der Wissenschaftler nicht Stephen Hawking heißen würde und zwischen Weihnachten und Neujahr nicht sowieso schon journalistisch Saure-Gurken-Zeit wäre.

Nun dauerte es nicht lang bis die Meldung kommentiert wurde. Raul Krauthausen zum Beispiel schrieb mit Hinweis auf Spiegel Online, er hasse es, wenn Journalisten über Rollstuhlfahrer schreiben, sie seien „an den Rollstuhl gefesselt“ und „leiden an“ etwas.

Bei der Meldung handelt es sich in großen Teilen um eine Meldung der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Wer weiß, wie Nachrichtenagenturen arbeiten, den wundert es nicht, dass die Meldung sofort auf Hunderten Nachrichtenseiten zu lesen war – mit der Formulierung, dass Hawking „an den Rollstuhl gefesselt“ ist und „leidet“.

Konkurrent dapd hatte eine kürzere Meldung dazu im Dienst. Auch bei dapd „leidet“ Stephen Hawking, ist aber nicht gefesselt, sondern nur „fast vollständig gelähmt“.

Ich könnte noch ein paare andere Beispiele aufzählen, die mir in den vergangen Wochen aufgefallen sind, was den Umgang mit behinderten Menschen in den Medien angeht:

– In der Tagesschau wird berichtet, dass ein Mann jetzt ein „Krüppel“ sei, nachdem er von einem Rechtsradikalen zusammen geschlagen wurde. Der Mann hat eine halbseitige Lähmung.

– In der Berichterstattung über die Verleihung des Literaturnobelpreises berichtet dpa zwar in epischer Breite über die Behinderung des Nobelpreisträgers Tomas Tranströmer (dieser ist wie Hawking „an den Rollstuhl gefesselt“ und „er hob leicht die intakte linke Hand und zeigte ein frohes Lächeln“), seine Werke werden aber in der gesamten Berichterstattung kaum erwähnt.

– Das „Nachtmagazin“ zeigt einen Beitrag über die gehörlose Twitterin Julia Probst, lässt sie aber de facto gar nicht zu Wort kommen, sondern aus dem Off wird behauptet, sie könne nicht sprechen. Man macht sie im wahrsten Sinne des Wortes zur Taubstummen. Dabei sieht man wie Julia redet, nur was sie sagt, hören wir nicht. Selbst wenn es unverständlich gewesen wäre, was Julia gesagt hat, hätte man es einfach neu vertonen können oder die ARD hätte einen Gebärdensprachdolmetscher zum Dreh buchen sollen. Ein TV-Porträt, über jemanden, die zwar anwesend ist, aber selbst nicht zu Wort kommt – undenkbar, wenn es um eine hörende Person gegangen wäre.

– Und die Westdeutsche Zeitung weiß immer noch nicht, dass gehörlose Menschen nicht „taubstumm“ sind.

Ich will gar nicht so sehr über die Begriffe diskutieren. Wer da Klärungsbedarf hat, kann sich gerne das „Buch der Begriffe“ herunterladen, wo vieles erklärt wird.

Ich möchte einen Wunsch für 2012 äußern: Ich wünsche mir, dass Journalisten ihr Bild von Menschen mit Behinderungen mal in Frage stellen, bevor sie über sie schreiben. Die Formulierungen, Texte und Reportagen, über die ich mich ärgere, sind eigentlich nur ein Symptom. Ein Symptom dafür, dass Journalisten ihre eigenen Vorurteile in die Texte und Beiträge übertragen, die sie selber haben, und sie damit zur allgemein gültigen Wahrheit erklären.

Wenn aber behinderte Menschen irgendwann wirklich in der Mitte der Gesellschaft ankommen sollen, dann spielen die Medien eine nicht zu unterschätzende Rolle. So lange den Leuten immer wieder vermittelt wird, das Leben mit Behinderung sei in erster Linie ein tragisches Schicksal eines Einzelnen, das die Lebens- und Leistungsqualität so massiv einschränkt, dass nichts anderes wichtiger wäre, wird es schwierig, behinderte Menschen als Bürger, Arbeitnehmer, Arbeitgeber oder Menschen mit gleichen Rechten anzusehen. Als normaler Teil der Gesellschaft eben. Stattdessen findet eine Herabsetzung statt. Das führt zur Ausgrenzung.

Und wer für diese Argumente nicht empfänglich ist, der wird vielleicht dieses verstehen: Es geht hier auch um journalistische Qualität. Faktentreue zum Beispiel und um eine angemessene Sprache in dem jeweiligen Beitrag. Und es geht um Inhalte: Es ist einfach schlechter Journalismus, Absatz über Absatz mit der Behinderung der Person zu füllen, nur weil man seine Theorie / sein Werk / seine Arbeit nicht verstanden oder gelesen hat. Das fällt mir insbesondere bei Hawking immer wieder auf, aber wenn ich nichts von Physik verstehe (und dafür habe ich größtes Verständnis), dann bin ich vielleicht auch die falsche Person für die Berichterstattung über seine Theorien.

Ich glaube, dass deutsche Redaktionen, so wie es im angelsächsischen Bereich bereits üblich ist, dringend einen Styleguide bräuchten, in dem der Umgang mit dem Thema Behinderung dargelegt wird. Ich halte nichts davon, die Behinderung von jemandem totzuschweigen. Die Frage ist, wie man darüber berichtet und welchen Stellenwert man dem Thema einräumt.

P.S.: dpa hat mir übrigens schon zugesagt, sich zu bemühen, „an den Rollstuhl gefesselt“ 2012 nicht mehr zu verwenden. 2011 hatten sie es 14 Mal im Dienst.

Vorsicht Geek!

Leute, die mich kennen, wissen, ich bin ein Geek. Ich liebe alles, was mit Internet, Gadgets, Handys und Apps zu tun hat und kann mich auch stundenlang darüber unterhalten. Ich mag Geeks, ich gehe sogar regelmäßig zum „London Girl Geek Dinner„, einem Treffen von weiblichen Geeks.

Deshalb musste ich auch nicht lange überlegen als mich Thomas Knüwer fragte, ob ich Lust hätte, für die erste deutsche Ausgabe der Zeitschrift „Wired“ einen Artikel über einen Geek zu schreiben, um in Deutschland diese Bezeichnung bekannter zu machen. Der Geek, über den ich geschrieben habe, ist Olaf Storbeck, der – im Gegensatz zu mir – Zahlen liebt.

Seit heute liegt die erste Ausgabe der „Wired“ in Deutschland, Österreich und Schweiz in den Regalen – sie wird im Bundle mit „GQ“ verkauft. Im Oktober gibt es sie auch im Einzelverkauf. Zudem gibt es eine App mit zahlreichen Zusatzinformationen.

Wired-Ausgaben

Ich lese die amerikanische Ausgabe der „Wired“ schon länger auf dem iPad und die britische „Wired“ kaufe ich mir manchmal auf Papier. Was gibt es also Schöneres als für eine Zeitschrift zu schreiben, die man selber liest? Meine eigene Zeitung basiert sogar auf dem simplen Prinzip, dass das in die Zeitung kommt, was ich selber lesen würde.

Und so bin ich heute voller Vorfreude in Hamburg in einen Zeitschriftenladen und habe alle „Wired“-Ausgaben gekauft, die sie hatten. Die „Wired“ hat mich dann auch darüber hinweg getröstet, dass mein neuer Rollstuhl nicht so ist, wie ich ihn mir vorgestellt und bestellt habe und ich nun ohne ihn zurück nach London fliegen werde. Es ist ja nicht so, dass ich nicht bereits vier Monate darauf warte und mein alter Rollstuhl bereits drei Mal geschweißt wurde, weil die Original-Schweißnähte reißen. Aber als Geek fahre ich natürlich keinen Nokia 6310-Rollstuhl, sondern eher ein iPhone 5 (wann kommt das denn endlich?) unter den Rollstühlen.

Ich habe ein paar Freicodes für die „Wired“-App, die ich gerne an meine Blogleser abgebe. Aber nur, wenn Ihr mir eine Frage in den Kommentaren beantwortet: Wenn Du eine Sache ändern könntest, um das Leben von Menschen mit Behinderungen zu verbessern, was wäre das? Ich suche mir (ganz subjektiv) die besten Antworten aus und schicke Euch den Code zu (bitte korrekte E-Mailadresse angeben).

Update: So, die Codes sind vergeben. Ihr dürft natürlich dennoch weiter kommentieren.

Das deutsche Problem mit Oscar Pistorius

„Unversehrt“, sagte Tom Buhrow in den „Tagesthemen“. Nein, das war keineswegs vor 20 Jahren, sondern heute abend. Er bezeichnete damit die Konkurrenten des behinderten Sportlers Oscar Pistorius. Für alle, die ähnlich sportinteressiert sind wie ich – nämlich gar nicht: Oscar Pistorius ist Sprinter und Weltrekordhalter, der mit zwei Unterschenkelprothesen läuft.

Oscar Pistorius
Bild: Elvar Freyr Lizenz: Creative Commons Attribution 2.0 Generic (CC BY 2.0)

Ich musste mich versichern, nicht eine historische Version der „Tagesthemen“ zu sehen, denn ich glaube, die Begriffe „versehrt“ / „unversehrt“ habe ich zuletzt vor 20 Jahren gehört. Ich habe als Kind mal Leistungssport gemacht und der noch aus Nachkriegszeiten stammende Verein hieß damals „Versehrtensportgemeinschaft“. Da hörte ich das Wort zum letzten Mal.

Ich reite auf den Begriffen so herum, weil ich glaube, dass sie ein Symptom sind, ein Symptom dafür, wie Behinderung in Deutschland gedacht und seit Jahrzehnten kaum neu definiert wird. Da nutzen auch die schönsten Papiere nichts, die von irgendwem herausgegeben werden. Die Gesellschaft hält in großen Teilen an dem Bild eines nicht leistungsfähigen, „versehrten“ Behinderten fest. Und da passt es auch ganz gut, dass Tom Buhrow im weiteren Verlauf der Sendung von „gesunden“ Sportlern spricht. Oscar Pistorious ist aber nicht krank. Dementsprechend sind seine nicht behinderten Kollegen auch nicht „gesund“, sondern eben „nicht behindert“. Ein behinderter Mensch kann genauso gesund und krank sein wie ein nicht behinderter Mensch. Das will aber irgendwie nicht in die Köpfe der Leute hinein. Behinderung wird immer noch als in erster Linie medizinisches Problem angesehen, nicht als gesellschaftliches.

So lange das so ist, wird man sich auch weiterhin bestenfalls über die Leistungsfähigkeit behinderter Menschen wundern, schlechtestenfalls in Frage stellen, womit wir wieder bei Oscar Pistorius wären. Ich halte es für keinen Zufall, dass die Hauptzweifel an Pistorius‘ Leistungsfähigkeit aus Deutschland kommen. Es war die Sporthochschule in Köln, die Pistorius attestierte, er habe Vorteile durch seine Prothesen. Der Internationalen Sportgerichtshof CAS und andere Gutachter sahen das anders. Deshalb darf Pistorius bei den Olympischen Spielen starten, wenn Südafrika ihn nominiert.
Clemens Prokop, der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), wird von Stern.de wie folgt zitiert: „Bei aller Wertschätzung für Pistorius, aber durch seinen Start verliert die Leichtathletik ihre Identität. Leistung ist nicht mehr die Summe aus Talent und Training.“

Weil ein behinderter Mensch mit Prothesen startet, glaubt der Deutsche Leichtathletik-Verband, der Sport verliere seine Identität. Im Großbritannien sieht man das übrigens ganz anders. Da ist Pistorius ein „sportlicher Held“, wie der Telegraph schreibt, den die Leute mögen und der großartige Leistungen zeigt. Die Leute freuen sich auf Pistorius und dass er wahrscheinlich starten wird. Aber in Großbritannien bezeichnet auch kein Nachrichtensprecher nicht behinderte Sportler als „gesund“ und Behinderung gilt in erster Linie als gesellschaftliches Problem, nicht als medizinisches.

Ich glaube, es gibt ein Tabuthema in Deutschland. Das heißt „Leistungsfähige Menschen mit Behinderungen“. Das schlägt sich nicht zuletzt in der Beschäftigungsquote behinderter Menschen nieder. Es wird behinderten Menschen oft nichts zugetraut. Und wenn sie dann das Gegenteil beweisen, also zum Beispiel schnell genug laufen wie Pistorius, wird alles getan, die Leistung herabzusetzen. Es kann nicht sein, was nicht sein darf.

Solche Beispiele gibt es auch im Alltag. Ich wurde mehr als einmal gefragt, als ich sagte, dass ich für dpa arbeite, wer mich denn eingestellt habe. Oder man sagte mir: „Sie hatten den Job doch sicher schon vor dem Unfall.“ Welcher Unfall? Hä? Ich hatte keinen Unfall.

Und die Steigerung dessen sind Menschen, die glauben, man nehme als behinderter Mensch nicht behinderten die Arbeitsplätze weg, da ja für uns „sowieso gesorgt“ sei. Auch das habe ich schon erlebt.

Es nutzt nichts, sich darüber aufzuregen. Es nutzt nur, das Gegenteil zu beweisen und die Menschen zum Umdenken zu bewegen. Diese Bemühungen würden allerdings schneller voran kommen, wenn gestandene Journalisten, die sonst jedes Wort drei Mal überlegen, wenn sie ihre Moderation schreiben, auch mal ihre Sichtweise überdenken. Die Medien spielen eine nicht zu unterschätzende Rolle beim Umdenken. Mit der Berichterstattung über Oscar Pistorius könnte man mal zeigen, wie weit man damit schon ist.

Re:publica 2011: Der Friedrichstadtpalast applaudierte lautlos

Ich glaube, ich übertreibe nicht, wenn ich schreibe, dass die letzten Tage wohl die Besten in Deutschland waren seit ich nicht mehr in Deutschland lebe.
Seit Dienstag abend bin ich in Berlin, um die re:publica zu besuchen. Ich wusste ja, dass meine Twitter-Timeline großartig ist, aber ich weiss nun auch, dass es auch im richtigen Leben richtig nette Menschen sind. Ich habe so viele nette Menschen getroffen, denen ich folge oder die mir folgen und / oder dieses Blog lesen. Außerdem habe ich Menschen wieder getroffen, die ich nicht mehr gesehen hatte, seit ich aus Deutschland weg bin. Und ich habe mich so gefreut, dass sie sich gefreut haben, mich zu sehen. Es war wie ein Klassentreffen nach langer langer Zeit.
Als allererstes traf ich Julia Probst, die für mich den besten und bewegendsten Auftritt auf der Re:publica hatte. Sie ist gehörlos und wurde bekannt, weil sie darüber twittert, was sie Fußballspielern und Trainern während des Spiels von den Lippen abliest und zudem die Körpersprache von Politikern analysiert. Außerdem bloggt sie zum Thema Barrierefreiheit und Gehörlosigkeit.

Philip Banse interviewte Julia (und andere Blogger) über ihre Erfahrungen und fragte sie über die Gebärdensprache aus. Eine Dolmetscherin übersetzte das, was Julia gebärdete und das, was der Moderator fragte. Und das Publikum im gut gefüllten Friedrichstadtpalast hörte aufmerksam zu und war fasziniert. Auch dann als Julia anprangerte, dass in Deutschland nur 10 Prozent des Fernsehprogramms untertitelt wird, während in den USA und Großbritannien bereits 100% Untertitel angeboten werden. Und sie prangerte die fehlende schulische Integration behinderter Kinder an. Kurzum: Julia hat in den 20 Minuten wahrscheinlich mehr für das Bewusstsein bei der Gesellschaft, für Inklusion, Gebärdensprache und Barrierefreiheit getan als so mancher Almosenverein in den letzten 10 Jahren. Und sie hat eines gezeigt: Man kann die Leute wirklich für das Thema begeistern, wenn man nur will und es richtig macht. Gebärdensprache kann so ein tolles Instrument dafür sein.

Als das Gespräch zu Ende war, applaudierte der ganze Friedrichstadtpalast in Gebärdensprache. Die Leute hielten ihre Hände in die Luft und schüttelten sie, eben so wie man das in Gebärdensprache macht. Und ich muss ehrlich sagen, in dem Moment war ich wirklich gerührt, weil ich es als riesiges Zeichen der Akzeptanz empfand. Die Gebärdensprache ist sozusagen bei den Nerds angekommen, dann kann das mit den Normalbürgern doch auch klappen, denke ich mir.

Und weil es mich so viele Leute gefragt haben: Ja, die Barrierefreiheit der Re:publica hat sich verbessert seit ich das letzte Mal dort war. Am barrierefreien Eingang steht dauerhaft Personal, das den Eingang umgehend öffnet und der Mitarbeiter in der Kalkscheune hat mir sofort seine Handynummer gegeben, damit ich ihn jederzeit erreichen kann und rein und raus komme.

Was ich mir für das nächste Mal wünsche: Schriftdolmetscher, die das Gesagte mitschreiben, was dann auf die Leinwand geworfen wird, und Gebärdensprachdolmetscher. Dann könnten auch gehörlose und schwerhörige Menschen die Sessions ohne Einschränkungen besuchen. Ich zahle auch 10 Euro mehr an Eintritt, wenn das möglich wäre. Und ich bin sicher, nach dem tollen Auftritt von Julia bin ich nicht die Einzige. Oder es findet sich ein Sponsor. Ich träume schon vom Banner am Eingangsbereich: „Die Barrierefreiheit auf der re:publica 2012 wird Ihnen präsentiert von [hier eine Aufzugs-, Hörgeräte-, Treppenliftfirma einsetzen oder eine Firma, die einfach verstanden hat, dass behinderte Kunden auch Kunden sind und dass das Thema eh gerade ziemlich cool ist]“.

Wann wird die ARD barrierefrei, Frau Piel?

Sehr geehrte Frau Piel, mit Interesse habe ich Ihre Interviews zum Beginn Ihrer Amtszeit als ARD-Vorsitzende gelesen. Unter anderem äußern Sie sich zum neuen Gebührenmodell, bei dem künftig auch blinde und gehörlose Menschen GEZ-Gebühren zahlen sollen. Ich sage Ihnen ganz offen, ich habe damit überhaupt kein Problem, wenn diese Menschen auch die gleiche Leistung bekommen wie nicht behinderte Gebührenzahler. Die Tagesschau hat gerade ihre erste App für iPhone & Co. veröffentlicht. Es ist kein Hexenwerk, die App so zu entwickeln, dass sie auch die von Apple standardmässig im iPhone integrierte Sprachausgabe (VoiceOver) unterstützt. Damit könnten auch blinde und sehbehinderte Menschen die App nutzen.

Schon kurz nach der Veröffentlichung der App war klar, die Software ist für blinde Menschen völlig wertlos. Sie ist so programmiert, dass die Sprachausgabe weder das Navigieren noch Vorlesen unterstützen kann. Ich habe über Twitter meinen Unmut darüber ausgedrückt und „gut unterrichtete Kreise“ informierten mich darüber, dass man das schlicht „vergessen“ habe. Wie man das im Jahr 2010 im Pflichtenheft vergessen kann, wo doch die Barrierefreiheit im Rundfunkstaatsvertrag festgelegt ist, wundert mich allerdings schon.

Ich bot den „Kreisen“ an, der Tagesschau kostenfrei bei der Änderung behilflich zu sein. Nach wenigen Tagen meldeten sich die „Kreise“ wieder und teilten mir mit, bei der Tagesschau bestehe kein Interesse, die App dahin gehend zu ändern.

Ich habe mein Hilfsangebot auch noch einmal im Tagesschau-Blog als Kommentar hinterlassen und eindringlich gebeten, die App zugänglich zu machen. Keine Reaktion. Wie darf ich das verstehen? Behinderte
Menschen sollen zwar Gebühren zahlen, aber das heißt nicht, dass
sie die Angebote im gleichen Umfang nutzen dürfen?

Ihre Kollegen bei der BBC haben übrigens auch eine App für BBC News mit ganz ähnlichen Funktionen wie die Tagesschau-App. Und wissen Sie was? Ich kenne blinde Menschen in England, die diese auf dem iPhone haben. Sie ist einigermaßen barrierefrei und übrigens kostenfrei.

Und wo wir gerade bei der Barrierefreiheit bei der ARD sind: Mir ist klar, warum gehörlose Zuschauer künftig nur 1/3 der GEZ-Gebühren zahlen müssen. Die öffentlich-rechtlichen Sender untertiteln ja auch nur 1/3 des Programms. Das Erste hat 2009 33 Prozent des Programms untertitelt. Mit Verlaub, ich halte das für einen Skandal. Jeder gehörlose Mensch, der eine Weile in Großbritannien oder in den USA war, kommt zurück nach Deutschland und fragt sich: „Warum können die Deutschen das nicht – 100% des Programms untertiteln?“. Die BBC untertitelt selbst Konzerte und im ganzen Land laufen auf Flughäfen, in Lounges und Wartezimmern Fernseher mit Untertitel, damit man durch den Ton nicht gestört wird. Die ARD untertitelt nicht einmal alle Informationssendungen und dann teilweise in haarsträubender Qualität. Schauen Sie sich mal eine ihrer aktuellen Sendungen nur mit Untertitel an!

Und von Audiodeskription, also der Bildbeschreibung für blinde Menschen, oder gar Gebärdensprache rede ich schon gar nicht. Nach
meinen Beobachtungen
ist durchschnittlich nur eine Sendung pro Tag mit Audiodeskription versehen. In UK ist unterdessen 20 Prozent des Fernsehprogramms mit Bildbeschreibungen verfügbar. Mich ärgert an der Debatte um die Tagesschau-App vor allem, dass bereits über neue Einnahmequellen geredet wird, bevor die ARD (gleiches gilt allerdings auch für das ZDF) überhaupt ihrer Aufgabe der Grundversorgung nachgekommen ist – und zwar für alle Menschen. Also, wann wird die ARD barrierefrei, Frau Piel?

Update:
Der technische Leiter von Tagesschau.de hat in den Kommentaren zugesichert, dass es in den nächsten Wochen ein Update geben wird, das die Sprachausgabe unterstützt.

Diagnose: Querschnittlähmung oder „Der Kaiser ist nackt“

Ich verfolge seit Samstag die Berichterstattung um das Unglück bei „Wetten, dass…?“. Mir war schon ziemlich früh klar, dass die Verletzungen des Kandidaten ziemlich stark auf eine Querschnittlähmung hindeuten. Nun ist er heute aus dem künstlichen Koma geholt worden und hat leider nach wie vor Lähmungen an Armen und Beinen. Auch wenn es offensichtlich keiner aussprechen möchte – und schon gar nicht das ZDF: Der Mann hat mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Querschnittlähmung.

Das heißt aber nicht, dass nicht noch in den nächsten Wochen, Monaten und Jahren Verbesserungen eingetreten können, was die Funktionsfähigkeit der Arme, Beine und Organe angeht. Meine Querschnittlähmung habe ich als Neugeborene bekommen nach der Geburt und bis etwa zum 12. Lebensjahr kamen immer noch Funktionen zurück. Aber die Querschnittlähmung ist geblieben.

Aber die Schönrederei des Zustands des Kandidaten passt sehr gut dazu, wie wir heute mit diesen Risiken umgehen: Wir blenden sie aus. Man fährt mit 200 km/h bei Regen über die Autobahn und glaubt, man hätte alles im Griff. Man hüpft über Autos und glaubt, es passiert nix. Dass ein Kandidat sich schwer verletzen kann, spielt am Samstagabendfernsehen doch nur eine untergeordnete Rolle, wenn man gemütlich zu Hause sitzt. Wer will denn da an Krankenhaus, Querschnittlähmung oder gar Tod denken?

Es passiert immer nur anderen etwas. Nie einem selber. Und jetzt ist Deutschland in der Situation Augenzeuge geworden zu sein, wie ein Mensch sich wahrscheinlich in den Rollstuhl katapultiert. Ziemlich spektakulär, aber letztendlich doch sehr alltäglich. Rund 1000 Menschen werden im Jahr allein in Deutschland querschnittgelähmt, die meisten sind männlich und hatten einen Unfall. Und jetzt spricht man darüber, ob er jemals wieder laufen kann. Für Menschen mit einer Halswirbelsäulenverletzung ist es ein Erfolg, wenn sie selbstständig atmen können oder die Hände ein bisschen bewegen können.

Es ist naiv zu glauben, in ein paar Monaten sei alles wieder gut. Querschnittlähmung ist nicht heilbar und geht auch nicht einfach wieder weg wie ein Schnupfen. Die Nervenbahnen sind wahrscheinlich durchtrennt oder gequetscht. Was Samuel jetzt braucht, ist eine gute Reha. Wohnung, Hilfsmittel und Assistenz müssen organisiert werden. Ich hoffe sehr, dass das ZDF für solche Fälle versichert war. Das wäre ein Segen für ihn. Dann muss er sich wenigstens nicht mit der Krankenkasse und dem Sozialamt rumärgern. Oder man schafft es, so viele Spenden aufzutreiben, dass er das nicht muss. Es wäre ihm zu wünschen, dass das alles gut geregelt wird, denn das ist die Voraussetzung für ein dennoch selbstbestimmtes Leben. Was aber sicher nicht hilfreich ist, ist dieses „Der Kaiser ist nackt“-Verhalten und der Glaube daran, dass schon alles wieder gut wird. Das ist Zeitverschwendung auf einem Weg zu einer guten Rehabilitation.

Update 13. Dezember 2010: Nachdem Samuel Koch ins Paraplegikerzentrum in der Schweiz verlegt wurde, haben die Ärzte nun bestätigt, dass er eine Querschnittlähmung hat.

Voll bemüht

Die Aktion Mensch hat heute eine „Aufklärungskampagne“ (Zitat Aktion Mensch) gestartet. „Voll im Leben“ heißt die Kampagne. „Sie zeigen, dass sie [Menschen mit Behinderungen] ganz selbstverständlich Teil unserer Gesellschaft sind,“ heißt es auf der Kampagnenseite, die mit Sprüchen wie „Voll behindert, nicht alle mitspielen zu lassen. Für Freizeit, in der jeder gewinnt.“ Zu sehen ist ein Mann mit Prothese, der gemeinsam mit anderen Fußball spielt. Plakat der Aktion Mensch

Ähm, waren wir nicht schon einmal weiter? Muss 2010 wirklich noch dafür geworben werden, einen Mann mit Prothese im Fußballverein nicht auszugrenzen? Und muss die Gesellschaft wirklich über eine Plakatkampagne lernen, dass es behinderte Menschen gibt, die dazu gehören?

Ich gebe zu, ich lebe nicht mehr in Deutschland und kriege einiges nicht mehr so mit, aber ich halte Deutschland dann doch für fortschrittlicher.

Berufliche Integration und schulische Integration sind wichtige Themen. Ich weiß, dass es da riesen Probleme in Deutschland gibt, aber ich glaube leider nicht an den Effekt der Kampagne. Dafür ist sie zu brav und auch nicht provokant, wie die Aktion Mensch aber glaubt.

Ein rollstuhlfahrendes Mädchen in eine Regelschule zu schicken ist doch nicht wirklich das Problem, jedenfalls nicht für die Klassenkameraden auf dem Poster. Ein Problem sind die Bürokraten, die die Pflege während der Schulzeit nicht zahlen wollen und der nicht barrierefreie Schulbus. Und ich vermute mal, dass die Gäste weit weniger Probleme mit einer Kellnerin, die Down-Syndrom hat, haben als der Arbeitgeber. Die Kampagne verschweigt die Ursachen für Ausgrenzung.

Die Idee, Sonja Kurfiß Carina Kühne, die Kellnerin, einen Blog über ihren Alltag schreiben zu lassen, fand ich gut, allerdings nur so lange bis ich den Eindruck hatte, da hat eine Agentur über die Texte nicht nur drüber gelesen. Da lobe ich mir Ohrenkuss. Gerade weil da keine Agentur „drüber schaut“.

Die Aktion Mensch hat schon in den 90er Jahren eine erheblich pfiffigere Kampagne gestartet: Die Aktion Grundgesetz, die sich für mehr Rechte behinderter Menschen einsetzte – provokant und präsent.

Postkarte der Aktion Grundgesetz:

Die Aktion Grundgesetz hatte gute Werbemittel und flotte Sprüche. „Voll behindert…“, „voll krank…“, „voll gestört“… finde ich weder provokant noch originell. Zudem benennt die Kampagne keine Adressaten. Ich bin sicher, die Mehrheit der Deutschen ist für die Inklusion behinderter Menschen. Die Probleme bei der Umsetzung sind aber komplexer als einen amputierten Mann mitspielen zu lassen.

Das iPhone und die Barrierefreiheit

Ich bin seit ein paar Monaten Besitzerin eines iPhones und habe Zugriff auf Informationen, die für mich im Alltag hilfreich sind. Nicht zuletzt, über die vielen Applikationen lassen sich immer und jederzeit Informationen einholen, die mir helfen, meinen Alltag zu organisieren. Auch mein Freund hat ein iPhone und nutzt es mit einer Sprachausgabe, die Apple standardmässig mitliefert. Wer es mal ausprobieren will, einfach auf –Settings – General – Accessibility gehen und Voice Over einschalten. Eine Liste mit Apps, die mit der Sprachausgabe nutzbar sind, gibt es auch.
Wie die Sprachausgabe funktioniert, kann man hier in diesem Apple-Video sehen (sorry, ohne Untertitel):

Natürlich gehören zum iPhone auch die kleinen Programme, die man zusätzlich installieren kann, die so genannten Apps.
Ich will mal die auflisten, die ich nutze und die zu mehr Barrierefreiheit beitragen:

Qype Radar – Die App zum gleichnamigen Portal mit Bildern und Bewertungen und teilweise Einträgen, die darüber informieren, ob die bewertete Lokalität barrierefrei ist oder nicht. Zumindest der Eingang ist aber auf den Bildern oft zu sehen, auch wenn die Angabe fehlt. Und wenn nicht, bekommt man die Telefonnummer ja eh immer gleich mitgeliefert.

Toiluxe – Eine App, die die nächste öffentliche Toilette anzeigt, leider noch ohne Angabe, ob es eine barrierefreie Toilette ist, aber dennoch relativ hilfreich.

Starbucks – Wo ein Starbucks, da ist auch fast immer eine barrierefreie Toilette. Die App zeigt unter anderem an, wo der nächste Starbucks ist. Sehr praktisch!

Foursquare – Mein Freund nutzt Foursquare in unbekannter Umgebung, um zu schauen, welche Geschäfte um ihn rum sind, in dem er die Plätze bei Foursquare aufruft. Und wenn er mir mitteilen will, wo er gerade ist, loggt er sich einfach ein. Das geht schneller als mit dem iPhone eine SMS blind zu schreiben.

WhatsApp – Die ideale App für gehörlose Nutzer. Man kann kostenlos SMS hin- und herverschicken, auch wenn das Programm geschlossen ist (funktioniert seit dem Update nicht immer reibungslos).

Tube Deluxe – U-Bahn-Karte für London mit Angaben zur Barrierefreiheit der Stationen.

London Bus – Da die U-Bahn-Stationen ja nur zu einem Viertel zugänglich sind, geht manchmal nur der Bus. Alle 6000 Londoner Busse sind barrierefrei. Die App findet die nächste Bushaltestelle, kennt die Fahrpläne und Strecken.

Tesco Clubcard – Tesco ist eine große britische Supermarktkette, die natürlich ihre eigene Kundenkarte hat. Die muss man aber nicht mehr mit sich rumschleppen, wenn man ein iPhone hat, sondern die App generiert aus der Kundennummer einen Barcode, den man an der Kasse hinhalten kann. Gerade für Menschen, die motorische Behinderungen haben, finde ich das sehr bequem. Die müssen die Karte nicht raussuchen. Jetzt ist das bei so einer Kundenkarte nicht so tragisch, aber ich hoffe, dass so künftig alle Karten verschwinden werden und man mit einem Fingertipp die Karte abrufen kann.

Gala statt Spiegel

Wenn im Flugzeug Magazine verteilt werden, stehen in Deutschland Gala und Bunte immer ganz oben auf der Rangliste der beliebtesten Magazine. Nicht Spiegel, nicht Focus, nicht die Wirtschaftswoche. Ich lese trotzdem meist den Spiegel, frage mich aber langsam, ob man die Zeit im Flieger nicht besser zur Erholung nutzen sollte, wenn es geht. Rausschauen, träumen und an was Schönes denken. Also vielleicht doch Gala oder Bunte lesen?
Spiegel-Artikel wie dieser gefährden meinen positiven Gemütszustand beim Fliegen. Ich hatte den Artikel im Flugzeug gelesen und kam schon schlecht gelaunt an.
Ich hatte erst überlegt, sofort darüber zu bloggen. Wie sich das eigentlich anfühlt, wenn das Leben mit Behinderung in den Medien ständig als weniger wert betrachtet wird und man sich ständig rechtfertigen muss, dass man „dennoch“ ein schönes Leben führt. Habe ich dann aber nicht gemacht, es hätte meine Laune noch verschlechtert.
Dann kam ich nach der Reise nach Hause und hatte mehrere E-Mails im Postfach mit der Bitte, doch etwas zu besagtem Artikel zu schreiben. „Och nee“, dachte ich. Ich mag mich bei dem schönen Wetter nicht mit diesem Thema rumärgern. Aber eigentlich müsste ich. Es ist wirklich wichtig. Und dann habe ich gesehen, dass es Oliver Tolmein ausführlich getan hat und ich sowieso nichts mehr hinzuzufügen hätte. Ach doch, eines noch: Mir macht das wirklich Sorgen, wie manche Menschen, die manchmal auch Journalisten sind, mit dem Thema Behinderung und Lebenswert umgehen. So große Sorgen, dass ich es am liebsten verdränge und demnächst vielleicht doch lieber die Gala im Flugzeug lese.