Archiv für London

All you need is love (and music)

Gestern war in Großbritannien Feiertag, den habe ich dazu genutzt, zum ersten Mal in meinem Leben an einem so genannten Flashmob teilzunehmen. Ein Flashmob bezeichnet laut Wikipedia „einen kurzen, scheinbar spontanen Menschenauflauf auf öffentlichen oder halböffentlichen Plätzen, bei denen sich die Teilnehmer persönlich nicht kennen und ungewöhnliche Dinge tun.“ In unserem Fall war das „Ungewöhnliche“ das Singen von mehreren Liedern an drei zentralen Plätzen Londons: Southbank, Trafalgar Square und Covent Garden.
Ich hatte über Twitter davon erfahren und bin tatsächlich am Montagmorgen um 10 Uhr zu den Proben in eine Uni in Greenwich gegangen. Und tatsächlich, ein paar weitere hundert Leute fanden die Idee auch gut: Geboren war der London Flash Choir.
Drei Stunden haben wir unter Anleitung eines Musikstudenten im Innenhof der Uni geprobt, um dann die Londoner mit unserem Gesang zu beglücken.
Was soll ich sagen: Es war toll. Die Mitsänger waren nett, die Leute haben toll reagiert, sich sehr gefreut und wir haben hoffentlich nicht all zu schief gesungen. Den ganzen Tag wurden wir von einem BBC-Kamerateam begleitet und heute morgen kam der Film im BBC-Frühstücksfernsehen. Der Beitrag ist unterdessen online. Zudem gibt es auf YouTube das erste Video von unserer Aktion in Covent Garden.
Wenn Ihr jemals die Möglichkeit habt, bei einem solchen Flashmob mitzumachen, tut es. Es ist sehr schön in die Gesichter völlig überraschter aber erfreuter Passanten zu sehen, die dann am Ende sogar mitmachen.

Vier Jahre London

Am 5. Dezember hat sich meine Ankunft in London mal wieder gejährt. Ich bin jetzt vier Jahre in London, obwohl ich ja nur sechs Monate bleiben wollte. Ich muss dennoch sagen: „Was, ich bin erst vier Jahre in London?“ Denn ich habe in den vier Jahren so viel erlebt, das wäre selbst für 10 Jahre viel.

  • Ich habe für BBC gearbeitet
  • Eine Firma gegründet
  • Eine Zeitung ins Leben gerufen
  • In drei Wohnungen gewohnt
  • Ein Haus gekauft
  • Sehr viele, sehr nette Menschen kennen gelernt
  • Die deutsche Kanzlerin und den britischen Premierminister getroffen und ganz viele andere Politiker, Stars und Sternchen
  • Eine neue Sprache gelernt (British Sign Language)
  • Viele Print-, Radio- und Fernsehinterviews geführt und gegeben
  • Vorträge gehalten, auf Kongressen, an Hochschulen, in Deutschland, Österreich und Großbritannien
  • Eine Fußball-Weltmeisterschaft überlebt

In den kommenden vier Jahren möchte ich gerne

  • die britische Staatsangehörigkeit annehmen (ja, ich behalte auch die deutsche, keine Panik), damit ich wählen kann
  • noch mehr nette Menschen kennen lernen
  • British Sign Language verbessern und eine Qualifikation bekommen (NVQ3/4)
  • Anfangen, auf Englisch zu bloggen
  • Alle Projekte verwirklichen, die in meinem Kopf rumschwirren
  • Mehr Zeit haben
  • Die Olympischen Spiele in London er- und überleben
  • die Queen treffen (und selbstverständlich am Straßenrand William und Kate zuwinken) – nein, ich bin wirklich keine Royalistin, aber ich bemühe mich, mich zu integrieren

Was mir noch fehlt zum Glück?
Ein Dönerladen mit gutem deutschen Döner Kebab. Der Döner hier schmeckt nicht.

Der Countdown läuft

Im Sommer 2012 finden in London die Olympischen und paralympischen Spiele statt. In der Stadt läuft der Countdown. Das Foreign Office, also das britische Außenministerium hat aus diesem Anlass gerade einen Image-Film mit Tanni Grey-Thompson produziert, der derzeit auf den Webseiten der britischen Botschaften zu sehen ist. Darin berichtet die rollstuhlfahrende Sportlerin über das Vereinigte Königreich und wie sich die Einstellung zu behinderten Menschen verändert hat – und natürlich über ihren Sport.

Anmerkung: Da der automatisch generierte Untertitel von YouTube offensichtlich kein britisches Englisch mag und völlig unverständlich ist, habe ich den Text transkribiert (unter dem Video) und das Außenministerium gebeten, ihn ins Video einzubinden.

Text des Videos:

Britain is a pretty good place to be if you are a disabled person in terms of sport where the envy of the world in terms of our support structures, our media coverage, the games that we’re going to be hosting, we’re using as a platform to show the world what we can achieve.

And actually, you know, in the outside world, away from sport, it’s still one of the best countries to be in. Racing is amazing because it’s speed, it’s fair, if you are on a road race you can be going downhill at 50mph, 2ft from the ground. And your breaks don’t really work. It’s exhaustion, it’s elation, so many different things all wrapped up together. And if you’re competing on the track that can happen in 20 seconds. It’s the most amazing thing. But the outside world is so different from that.

My family was so supportive of me during the thing I wanted to do. And they brought me up to believe if somebody had an issue with my impairment it was their problem not mine.

When I was young, literally I couldn’t go out because there weren’t accessible toilets.

Cinemas didn’t allow disabled people in on their own without adults with them. And you look back now and it’s actually quite scary: That was only 30, 35 years ago. And at the time when disability was thought about very differently, they encouraged me to explore and to leave home and to travel, believing that the world would have to change, that it wasn’t me. There was nothing wrong – me being in a wheelchair.

I never set out to try to change the world. I set out to become the best athlete I possibly could. Realisation that I can actually become Number 1 in the world I think took quite a long time to come to me because it was always looking at steps, it was about improve my world ranking, it was making about the next games. When I got older it was when I recognised I had certain strength and been able to trying encourage people to change their attitudes towards disability.

Britain has so much to be proud of in terms of its understanding disabled people. But also in terms of putting disability sport on the map, because it was in Britain that the Paralympic Games began. And sport has really led the way – underpinned by an awful lot of disabled people who’ve helped make it happen. It’s led the way in terms of showing what’s an inclusive world can look on.

The opportunity to host the Olympics and Paralympics in London was one that anybody involved in sport wanted to be part of, because it was about showing the world how good we are organising things. We’re are passionate about sport. We’re passionate about doing things properly, about building lovely venues. But it’s not just that. It’s about how we change the City of London, how we change the rest of the UK.

London – in fact any old city – is huge challenge to adapt and to modernise because there is this sort of amalgamation of different historical and architectural designs. And we have a lot of rules what you can adapt and how you can adapt it. That can be really difficult.

But there has been kind of stat changes either through acts of parliament or just people’s understanding that have made people’s lives easier.

I think if you ask people from outside Britain what we’re like as a nation there might be a thought that we’re resistant to change. But acutually as a country I think we are very dynamic, we are very forward thinking, we are very inclusive, we try to make decisions that are the best for the most number of people. And that’s actually a very exciting country to be part of because we have this huge amount of history and culture. But actually we’re all looking forward to see what we can do in the future to make life better for everybody.

Stuckholm

Wir wollten eigentlich nur 2 Tage in Stockholm bleiben. Artur hat dort einen Vortrag gehalten und ich bin mitgefahren. Ich war noch nie in Stockholm und wollte mir die Stadt mal ansehen. Für 2 Tage ist das auch wirklich ein sehr schönes Reiseziel – es wurden dann aber 9 Tage.
Schon am Mittwoch scherzten wir, ob wir wohl ein Wochenende dran hängen müssen, weil in Island ein Vulkan ausgebrochen sei. Es wurde nicht nur ein Wochenende, es wurde eine ganze Woche.

Hotelzimmer wurden knapp

Ich gebe zu, es gibt schlimmere Orte, an denen man festsitzen kann als Schweden, zumindest wenn man in einem der besten Hotels der Stadt in einem barrierefreien Zimmer untergebracht ist. Ich hatte am Donnerstag schon Lufthansa angerufen, nachdem unser Flug gecancelt war. Der Mitarbeiter meinte zu mir, ich könne zum Flughafen rausfahren und mir einen Hotelvoucher geben lassen, aber sicher sei er sich nicht. Ich könne auch einfach in diesem Hotel bleiben. Eventuell zahle Lufthansa das Zimmer. Mein Bauchgefühl sagte mir, dieses Zimmer unter keinen Umständen herzugeben und es sollte richtig sein.

Am Freitag erzählte uns dann eine Mitarbeiterin eines anderen Hotels, dass sie bereits 80 Gäste wegschicken mussten – alle gestrandet in „Stuckholm“ wie für uns die schwedische Hauptstadt künftig heißen wird.

Flug umbuchen und Wäsche waschen

Die Tage verbrachte ich damit, unseren Flug umzubuchen. Es dauerte Stunden bis man jemanden erreichte, aber wir wollten sofort auf einen neuen Flug, wenn der alte mal wieder gecancelt war bevor andere Leute die Maschine schon gefüllt hatten. Es gehen nicht wahnsinnig viel Maschinen von Stockholm Richtung Deutschland bzw. England. Wäsche waschen war auch eine beliebte Beschäftigung, denn wir hatten ja nur Wäsche für zwei Tage dabei.

Britisch-Belgische Bustour

Am Anfang der Woche fing ich an, nach alternativen Transportmöglichkeiten zu suchen – mit wenig Erfolg. Züge ausgebucht, aus Kopenhagen bekam ich die Information, dass die Deutsche Bahn nur noch mit Ticket einsteigen lässt, dieses aber schwer zu bekommen ist. Irgendwann surfte ich auf die Seite der britischen Botschaft in Stockholm und fand eine Sonderseite für gestrandete Briten in Stockholm mit einer schwedischen Telefonnummer, mit der man sich in Verbindung setzen konnte. Ich rief dort an in der Hoffnung, dass die eine Idee hatten, wie wir wieder nach London kommen. Und tatsächlich, die nette Frau am Telefon sagte mir, man habe gemeinsam mit der belgischen Botschaft einen Bus organisiert, der zumindest nach Brüssel fahre. Wenn wir Glück hätten, bekämen wir dort einen Anschluss mit dem Eurostar. Nun muss ich sagen, Busreisen gehören nicht gerade zu meiner bevorzugten Reiseart, aber ich hatte ja keine Wahl. Wir wollten nach einer Woche Stockholm in dreckigen Klamotten einfach nur nach Hause und der Luftraum war nach wie vor zu. Um 23.15 Uhr sollten wir zur belgischen Botschaft kommen, von dort sollte die britisch-belgische Evakuierungstour starten. Am Ende des Telefonats fragte mich die Botschaftsmitarbeiterin noch nach meinem Namen, meinem Geburtsdatum und meiner Passnummer. Da musste ich dann gestehen, dass ich zwar britische Steuerzahlerin bin, aber einen deutschen Pass habe und Artur einen portugiesischen. War aber kein Problem, sie wollten uns dennoch helfen. Wir haben dann noch einen ebenfalls gestrandeten Vortragenden aus den USA mitgenommen, auch das war kein Problem weder für die britische und belgische Botschaft.

Ich hasse Reisebusse

Nun muss man sagen, dass Reisebusse (zumindest kontinentaleuropäische, die in England haben oft Hublifte) mehrheitlich nicht barrierefrei sind. Im Gegenteil, die Treppen sind eng und steil und hinein ging es nur auf dem Po. Die Kanten waren scharf, die Sitze unbequem. Es war eine Tortur. Dass wir diese Reise nicht bis zum Ende mitmachen würden, war spätestens dann klar als der niederländische Busfahrer sagte, man werde noch ein Ziel in den Niederlande anlaufen und die Fahrt dauere etwa 24 Stunden. Man werde gegen Mitternacht in Brüssel ankommen. Aber was sollten wir gegen Mitternacht in Brüssel? Ein barrierefreies Hotelzimmer suchen. Pah! Aussichtslos bei den vielen Leuten, die versuchten mit dem Eurostar nach England zu kommen!

Hamburg-Stillhorn

Also beschlossen wir, an der Raststätte Hamburg-Stillhorn auszusteigen und von dort zum Hauptbahnhof zu fahren. Die Fahrt hatte langsam etwas von einem Road Movie.
In Dänemark mussten wir auf der Fähre raus aus dem Bus, was wieder Kletterkünste meinerseits bedeutete. Aber da konnte ich wenigstens zur Toilette gehen. Die Bustoilette war für mich unerreichbar.
In Hamburg-Stillhorn haben wir uns dann ein Taxi gerufen. Der Taxifahrer staunte nicht schlecht als er fragte „Wo kommen Sie denn her?“ und wir sagten „Aus Stockholm und wir wollen nach London.“ Aber erstmal wollten wir zum Bahnhof. Dort angekommen sagte uns der Bahnmitarbeiter, dass es keine Eurostar-Tickets mehr gebe und wir uns besser auf den Weg nach Süden machen sollten, denn die französischen Bahnen streikten sowieso. Gut, dass wir nicht nach Brüssel gefahren waren!

Frankfurt

Also beschlossen wir, kurzerhand mit unserem amerikanischen Anhang nach Frankfurt zu fahren. Dort standen sowohl unsere als auch seine Chancen besser, einen Flug nach Hause zu bekommen als in Hamburg. Ich kaufte schnell Tickets nach Frankfurt, der nächste Zug sollte in 30 Minuten gehen und ging zum Servicepoint, um Einstieghilfe zu bekommen. Der Mann schickte uns direkt zum Bahnsteig, wo ich eine Servicemitarbeiterin ansprach und ihr sagte, dass ich Einstieghilfe für den Zug nach Frankfurt bräuchte. „Sie haben sich aber nicht angemeldet“, blaffte sie mich an. Ich musste einfach laut lachen. Stimmt, ich hatte mich nicht an die Vorschrift gehalten, dass sich behinderte Reisende 24 Stunden vorher bei der Bahn anmelden müssen. Ich sass allein die letzten 12 Stunden in einem Reisebus. Wie dumm von mir! Ich erklärte ihr, dass wir froh seien, überhaupt den Weg raus aus Schweden gefunden zu haben, da die Züge überbucht seien und wir seit über einer Woche in Stockholm gestrandet waren bis die Botschaften einen Bus organisiert hatten und wir jetzt einfach nur nach Frankfurt kommen wollten, um von dort per Auto (meine Eltern leben in der Nähe) oder Flugzeug weiterzukommen. Sie begriff, dass ihr Kommentar uns etwas weltfremd vorgekommen sein musste und half mir in den Zug. Dort genossen wir erst einmal eine gute deutsche Currywurst und Bionade. Wir fuhren bis Frankfurt-Flughafen und dort holte uns meine Mutter ab. Unterdessen war zumindest der deutsche Flugraum wieder offen und wir buchten einen Flug nach London am nächsten Morgen. Die Flüge aus Stockholm gingen immer noch nicht. Und nach rund 36 Stunden Rückreise – davon 12 Stunden Bus -, kamen wir dann endlich in London an.

Mein Bedarf an Köttbullar und schwedischem Schokokuchen ist für die nächsten Jahre erst einmal gedeckt und auch IKEA kann ich derzeit nix abgewinnen. Aber eines muss ich sagen: Ich schaue der britischen Staatsangehörigkeit mit Freude entgegen. Auf deren Auslandsvertretungen scheint Verlass – und das Außenministerium twittert sogar.

Britische vs. Deutsche Gebärdensprache

Erst einmal Entschuldigung, dass ich so lange nichts geschrieben habe, aber mein Freund und ich haben seit Weihnachten eine kleine Krankenhaus-Tournee unternommen und kennen bald jeden Gastroendrologen in dieser schönen Stadt. Mir geht es gut, aber mein Freund wird diese Woche operiert – endlich! Ich hoffe, 2010 wird besser als es angefangen hat und als 2009 endete.

Seit November lerne ich British Sign Language (Britische Gebärdensprache) an der Citylit in London. Ich habe in Deutschland schon Deutsche Gebärdensprache (DGS) gelernt (DGS1), kann mich aber jetzt davon überzeugen, dass es wirklich stimmt: Gebärdensprachen sind nicht international. Sie sind teilweise sogar grundverschieden.

Die Britische Gebärdensprache unterscheidet sich schon beim Fingeralphabet von vielen anderen Gebärdensprachen. Die Briten gebärden das Alphabet mit zwei Händen. Die Deutschen nur mit einer.

Der Kurs, den ich besuche, hat ziemlich hohe Anforderungen. De facto muss man jede Woche da sein und zu Hause wirklich lernen, sonst verpasst man den Anschluss. Die Prüfungen werden von einer landesweiten Zertifizierungsstelle abgenommen. Bei meiner ersten Prüfung habe ich einen Fehler gemacht: Ich habe vor Aufregung das deutsche Fingeralphabet für ein Wort benutzt statt das britische. Und auch ansonsten muss ich aufpassen, nicht alles zu mischen. Am Anfang habe ich die Vokabeln auf Deutsch gelernt, aber britische Gebärden dazu gemacht. Das konnte nicht gut gehen: Wie soll das Hirn kapieren, dass Gemüse mit V auf dem Arm gebärdet wird (V für Vegetable) etc.
Das habe ich mir jetzt abgewöhnt und lerne die Vokabeln auf Englisch.

Heute hatte ich meine zweite von drei Prüfungen in diesem Semester. Es ging darum, zu verstehen, was die Prüferin gebärdet und das zu wiederholen und gleichzeitig selber möglichst viel zu gebärden. Je mehr Vokabeln man kann, umso besser. Man konnte sich das Thema unter drei Themen aussuchen. Ich habe „Meine Familie“ gewählt. Da konnte ich die meisten Vokabeln (Wie sehen die Familienmitglieder aus? Wo wohnen sie? Was sind ihre Hobbys?).

Ganz spannend sind auch die Kursteilnehmer. Rund die Hälfte der 18 Leute ist nicht britischer Herkunft, lernt also von einer Fremdsprache in die andere zu übersetzen – genauso wie ich. Wir haben halb Europa im Kurs (Deutschland, Niederlande, Frankreich, Italien) plus eine Iranerin, einen Iraker, jemand aus dem Sudan, eine Marokkanerin und eine Amerikanerin. Typisch London eben!

Ich hab noch keine Ahnung, was ich mit meiner neuen Sprache anfangen werde. Ich lerne das so schnell wie niemals eine Fremdsprache zuvor. Wäre also schade, es nicht zu nutzen. Ich habe mich jetzt für BSL2 angemeldet und habe auch die Aufnahmeprüfung bestanden. BSL3 führt schon zur Dolmetscherausbildung. Ich werde wohl immer irgendwie Journalistin bleiben, aber ich kenne auch Flugbegleiter, die nebenbei dolmetschen. Warum also nicht? Es gibt im ganzen Land derzeit nur rund 400 BSL-Dolmetscher.

Bitte vorwarnen

Es ist „Global Entrepreneurship Week“ – also Existenzgründerwoche – und aus diesem Anlass finden in London diverse Veranstaltungen statt. Die British Library beispielsweise hatte Lord Alan Sugar zu Gast. Sugar ist ziemlich populär in Großbritannien und mir war klar: Das wird eine ausverkaufte Veranstaltung als ich die E-Mail mit der Einladung bekam. Also habe ich ratzfatz bei der Buchungshotline angerufen und zwei Karten reserviert. Ich habe bei der British Library einen Leseausweis und einen Kartenbestellaccount, weil ich nicht zum ersten Mal dort auf einer Veranstaltung war. Ich hatte Glück und bekam noch zwei Karten.

Da ich, wie gesagt, dort ein- und ausgehe, kannte ich auch den Saal, in dem das Ganze stattfinden sollte. Ich wusste, es gibt elektrische Türöffner, Platz für 1-2 Rollstühle in der ersten Reihe, Behindertentoiletten etc. Ideale Voraussetzungen also. Und so dauerte der Bestellvorgang auch nur 2 Minuten.

Als ich dann an dem Abend dort ankam, war ich überrascht: Die Rollstuhlplätze waren verschwunden und mit auf dem Boden installierten Stühlen ausgefüllt. Ich schaute mich etwas irritiert im Saal um. Da kam auch schon jemand vom Veranstalter hinter mir her und stotterte wenig freundlich rum. Dann sagte sie mit kräftiger Stimme: „Haben Sie uns darüber informiert, dass sie Rollstuhlfahrerin sind?“. Ich merkte, wie Ärger in mir aufstieg. Da haben die einen komplett barrierefreien Saal, bauen den um, um zwei Leute mehr in den Saal zu kriegen (dafür aber einen Rollstuhlfahrer weniger) und ich soll schuld sein? Also sagte ich in ähnlich bestimmtem Ton: „Ja, natürlich.“ Und ganz gelogen war es nicht. Die British Library fragt bei der Registrierung ab, ob welche besonderen Bedürfnisse man bei der Nutzung der Einrichtung hat. Und ich hatte schon vor Jahren natürlich angegeben, dass ich Rollstuhlfahrerin bin. Aber das hatte bei der Kartenbestellung wohl niemand abgefragt. Nun soll es also mein Fehler sein, dass ich nicht noch einmal explizit darauf hingewiesen habe? Ich fühlte mich „wahnsinnig willkommen“ in diesem Moment, dachte aber, es sei schlau, nicht rumzudiskutieren, sondern sie das selber auslöffeln zu lassen. Es würde niemand wagen, mich wieder nach Hause zu schicken. Das war mir klar. Ich wäre auch nicht wieder gegangen. Schließlich hatte ich zwei Eintrittskarten. Und das war ein vom Staat subventionierter Event. Die britische Regierung versucht händeringend, mehr behinderte Menschen zur Existenzgründung zu überreden. Also erwarte ich einfach, dass ich da willkommen bin – zumal sie mich ja nicht einmal überreden brauchten.

Das Auslöffeln bestand dann darin, einen Platz zu finden, wo ich stattdessen stehen sollte. Schließlich sollte ich den VIPs in der ersten Reihe nicht die Sicht versperren und die Sitze brauchte man auch alle für eben diese. Es gab eine ziemliche Rumrennerei seitens der Veranstalter. Ein Sitz wurde dann doch geopfert und ich konnte dem Schauspiel beiwohnen.

Natürlich gehe ich auch nächstes Jahr wieder hin. Auch um zu schauen, ob der Rollstuhlplatz nicht wieder zweckentfremdet wurde. Vielleicht haben sie durch die Rumrennerei ja gemerkt, dass das ein Event sein sollte, bei dem jeder Existenzgründer oder Inhaber willkommen sein sollte. Und willkommen fühlt man sich nur dann, wenn man nicht darum bitten muss, auch einen Platz zu bekommen.

Die Geschichte hat mich an meine ersten Tage bei BBC erinnert als für mich beim Einführungsseminar selbstverständlich ein Stuhl weggenommen wurde – bevor ich den Saal überhaupt gesehen hatte. Es ist nur eine kleine Geste, die aber einen großen Unterschied macht.

Post aus Palo Alto

Die Stadt Palo Alto hat sich entschlossen, von mir nicht weiter 300 Dollar wegen Parkens auf einem Behindertenparkplatz (mit Ausweis) zu verlangen. Meine vierzeilige Beschwerde (mehr Platz war nicht auf dem Formular) wurde anerkannt. Ich wiederum habe mich entschlossen, in Palo Alto einfach nicht mehr zu parken.

Wo bin ich eigentlich?

Das ist wohl einer der meist gestellten Fragen von Fahrgästen in Londoner Bussen. Denn es gab bis vor kurzem weder Haltestellenanzeigen noch -ansagen. Man musste immer selber versuchen, einen Blick auf die Bushaltestelle zu erhaschen, um zu sehen, wo man gerade ist. Hatte man sich verirrt, waren die Busfahrer auch keine große Hilfe. Die kennen bei weitem nicht alle Haltestellen, sondern manche sind froh, wenn sie sich währen ihrer Tour durch die Stadt nicht verfahren.

Das hat jetzt ein Ende, denn seit heute haben alle 8000 Londoner Busse eine Haltestellenanzeige und -ansage. Blinden Menschen mussten in London bislang schon sehr abenteuerlustig sein, wenn sie in einen Londoner Bus gestiegen sind, um von A nach B zu kommen. Denn wie gesagt, die Busfahrer waren nicht immer eine Hilfe. Im Gegenteil. Sie gaben teilweise falsche Informationen und der blinde Fahrgast fand sich dann irgendwo wieder, wo er gar nicht hinwollte. Es gab seit ich hier bin diverse Zeitungsartikel mit solchen Geschichten.

Das System iBus funktioniert vollautomatisch und über Satellitenortung weiß das System, wo sich der Bus gerade befindet und wann die nächste Haltestelle angezeigt bzw. angesagt werden muss. Und auch die Leitstelle weiß jetzt wo ihre Busse sind. Es soll ja hier Busfahrer gegeben haben, die fuhren wie und wann sie wollten oder auch gar nicht. Es ist laut Transport for London das derzeit größte Ortungssystem für Fahrzeuge weltweit.

Das ist übrigens ein schönes Beispiel, wie Barrierefreiheit allen Menschen nutzt: Ob Touristen, Fahrgäste, die sich nicht auskennen, blinde oder gehörlose Menschen – alle brauchen Haltestellenanzeigen und / oder -ansagen. Und die Verkehrsbetriebe nutzen das System auch noch zur Ortung ihrer Busse. Damit ist allen gedient.

Google Streetview und die Barrierefreiheit

„Damit kann man doch nichts Sinnvolles machen, sondern nur Unfug“, war der Tenor im Radio hier als Google Streetview online ging. Und ich muss sagen, ich war auch ziemlich baff als ich die Qualität der Bilder gesehen habe. Ich glaube mich sogar auf einem Bild wieder erkannt zu haben. Komisches Gefühl.

Seit heute kann ich aber sagen: „Mir nutzt Google Streetview.“ Heute nachmittag bekam ich eine Einladung zu einer Verstaltung in einem Gebäude, das ich nicht kenne. Ich ging auf Google Maps und dann auf Streetview und konnte sehen, dass ich da höchstwahrscheinlich nicht reinkomme, weil es ein uraltes Gebäude mit Portaltreppe ist.

Heute abend hat mir Google Streetview dann wieder genutzt. Ich bin gerade dabei, die Gegend hier zu erkunden und wollte zum nächst gelegenen Pizza Express-Restaurant. Das ist eine Restaurantkette, die eigentlich ziemlich barrierefrei überall ist. Aber ich kannte das Lokal wie gesagt nicht und schaute mir auf Google Maps an, wo es genau liegt. Dann konnte ich mir mit Streetview den Eingang ansehen, ranzoomen und wusste, ich komme da rein. Ebenerdiger Eingang, mehr muss ich nicht wissen.

Dann habe ich mich gefragt, welcher Bus dort hin fährt und entdeckte vor dem Lokal eine Bushaltestelle. Ich zoomte wieder ran und sah das Schild der Buslinie 321. Die hält auch bei mir und so wusste ich, welchen Bus ich nehmen muss. Ich kannte mich schon aus, ohne da gewesen zu sein. Ich glaube, Streetview wird mir im Alltag wirklich helfen. Denn auf die Information von Leuten bezüglich Barrierefreiheit kann man sich überhaupt nicht verlassen, auch wenn man vorher anruft. Die Leute nehmen gar nicht wahr, dass sie Stufen vor der Tür haben und erzählen dann, sie hätten keine. Jetzt kann ich selber nachsehen…

Rampen-Déjà-vu

Ich bin gerade dabei, die örtlichen Busfahrer und ihre Gesellschaften an mich zu gewöhnen. Das war bis jetzt immer so in London: Wenn ich umgezogen bin, dauerte es ein paar Wochen bis die Busgesellschaften gemerkt haben, dass es durchaus sinnvoll ist, zu kontrollieren, ob die Rampe funktioniert, bevor der Bus das Depot verlässt. Eigentlich ist das so vorgeschrieben, dass die Busfahrer bei Busübernahme checken müssen, ob die Rampe geht oder nicht. Aber die Praxis sieht leider anders aus.

Also geht eine Busrampe nach der anderen beim Ausfahren kaputt, bleibt stecken oder fährt gar nicht raus. Irgendwann kommt der Punkt, wo die Busgesellschaften sagen, sie müssen die Rampen regelmäßig warten, weil in Eltham regelmäßig eine Rollstuhlfahrerin Bus fährt und es ziemlich teuer ist, ständig defekte Busse aus dem Verkehr zu ziehen. Dann passiert das auch weit weniger. Aber an diesem Punkt sind wir noch nicht. Derzeit wird ein Bus nach dem anderen aus dem Verkehr gezogen, weil ich einfach nur von A nach B will.

Ich wollte nach Eltham auf der High Street einkaufen gehen und wartete auf den Bus. Dieser kam auch und ich merkte sofort, dass die Rampe nicht ordentlich ausfuhr. Die Rampenelemente steckten ineinander, aber sie reichte zum Boden. Ich sagte dem Busfahrer bescheid und er meinte, ich solle trotzdem drauf fahren, wenn ich das schaffen würde. Ich ahnte schon, dass sich die Rampe dann nicht mehr einfahren lässt, aber er bestand darauf, obwohl ich anbot, auf den nächsten Bus zu warten. „Nein, ist gar kein Problem.“

Ich war dann überrascht als er relativ schnell die Türe schloss und wohl auch kein Problem hatte, die Rampe einzufahren. Wir fuhren jedenfalls los. An den nächsten Haltestellen wollte niemand aussteigen und so fuhren wir in recht zügigem Tempo durch Eltham. Irgendwann stoppte der Busfahrer und sagte einem Fahrgast, der hinten am Notausgang saß, er solle doch bitte mal kontrollieren, ob der Notausgang richtig verschlossen sei. Er habe ein Warnsignal auf seinem Display, das er nicht kenne. Er vermute aber, es sei der Notausgang.

Ein paar Fahrgästen dauerte das zu lange und sie entschlossen sich, auszusteigen. Als sich die Türe öffnete, wurde klar, was das Warnsignal bedeutete: Der Fahrer hatte die Rampe nicht eingefahren und fuhr bereits mehrere Kilometer mit ausgefahrener Rampe durch die Stadt. Ich dachte, ich hätte ein Déja vu. War mir das doch schon mal passiert.

Ich machte den Fahrer darauf aufmerksam und er sagte: „Das ist unmöglich. Der Bus fährt nicht, wenn die Rampe noch draußen ist.“ Aber nachdem er selbst den Kopf aus dem Bus gesteckt hatte, musste er zugeben, dass ich doch recht hatte.

Defekte Rampe am Bus

Die Rampe fuhr natürlich nicht mehr ein und auch der Unterboden des Busses war beschädigt und so blieb dem Busfahrer nichts anderes übrig, uns alle aussteigen zu lassen und seine Zentrale anzufunken. Ich bin sehr zuversichtlich, dass dieses Busunternehmen künftig ein Auge auf seine Rampen hat.