Archiv für Leben

Buchchallenge

Ich wurde von Benedikt Lika nominiert, zehn Bücher aufzulisten, die mir ganz besonders wichtig sind, die mich auf irgendeine Art beeinflusst haben, oder die mir einfach immer als besondere Bücher in Erinnerung bleiben.

Los geht’s:

PipiPippi Langstrumpf von Astrid Lindgren – „Ich mach mir die Welt, widdewidde wie sie mir gefällt“ finde ich immer noch eine prima Einstellung.

Wir nennen es Arbeit von Holm Friebe und Sascha Lobo – Gelesen, festen Job aufgegeben, nie bereut.

Autobiografie einer Optimistin von Alison Lapper – Tolle Frau, tolles Buch.

Watching the English: The Hidden Rules of English Behaviour von Kate Fox – Das Buch hat mir am Anfang in London das Leben gerettet. Ich habe endlich verstanden, warum der Concierge in unserem Haus immer so komisch reagiert hat, wenn ich in Wetterfragen nicht mit ihm einer Meinung war. Und warum die Briten überhaupt so gerne übers Wetter reden.

Scapegoat: Why We Are Failing Disabled People von Katharine Quarmby – Wer verstehen möchte, was Hasskriminalität gegen behinderte Menschen bedeutet, wie sie sich zeigt und woher sie kommt, dem kann ich das Buch nur empfehlen.

Deutschland Schwarz Weiß von Noah Sow – Sehr lesenswertes Buch zum Thema Alltagsrassismus.

Glückskinder: Warum manche lebenslang Chancen suchen – und andere sie täglich nutzen von Hermann Scherer – Das Buch habe ich am Flughafen gekauft, weil mir die Aufmachung so gut gefiel. Den Inhalt fand ich aber noch viel besser.

Soul Trader von Rasheed Ogunlaru – eines der besten Businessbücher, das ich je gelesen habe. Vor allem für Gründer und Startups sehr zu empfehlen.

Die Kunst des Klüngelns von Anni Hausladen – Ich habe das Buch zu Beginn meines Berufslebens gelesen und kann rückblickend sagen, das war kein schlechter Zeitpunkt.

Momo von Michael Ende – Oh, was habe ich Momo geliebt. Und dank dieses Buches früh viel gelernt.

Wahlen, Inklusion und die britische Polizei

Wahlen

Behinderte an Wahl gehindert
Während manche Europäer wohl gleich zwei Mal gewählt haben, hat man behinderte Menschen in Brandenburg an der Wahl gehindert.

Gesundheit

UK child death rate among worst in western Europe Nur in Malta sterben in der EU noch mehr Kleinkinder vor dem 5. Lebensjahr als in Großbritannien. Grund: Armut. Unfassbar.

Inklusion

Der lange Weg zur Inklusion
Benedikt Lika ist einer der tollen Menschen, die man einfach so in diesem Internet trifft. Seit 2007 hat sich der Dirigent mit dem Projekt „Roll and Walk“ in seiner Heimatstadt Augsburg einen Namen gemacht. Er bietet einerseits jungen talentierten Musikern eine Plattform in seinem Orchester, anderseits möchte er insbesondere Menschen mit Behinderung den Zugang zur klassischen Musik eröffnen. Außerdem ist er seit kurzem Mitglied des Stadtrats nachdem ihn die Augsburger weit vorne auf die Liste katapultierten. So geht Inklusion.

Down’s Syndrome student held in cell for nine hours after going into school on Bank Holiday Monday to retrieve his favourite baseball cap
Ein Junge mit Down-Syndrom bricht an einem schulfreien Tag in seine Schule ein, weil er seine Kappe dort vergessen hatte, an der er so hängt. Die Londoner Polizei nimmt ihn fest und hält ihn neun Stunden lang fest bis die Schule und ein Anwalt intervenieren können. So geht Inklusion nicht.

Lernen behinderte Kinder an Regelschulen besser? Die Wissenschaftler vom Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen kommen zu dem Schluss, dass Kinder mit Förderbedarf mehr und besser lernen, wenn sie mit nichtbehinderten Kindern gemeinsam unterrichtet werden. Na welch Überraschung!

Matthias Schweighöfers Meniskus und meine Lebensqualität

Sticker Walking is overratedMatthias Schweighöfer hat Meniskus-Probleme. Das ist sehr bedauerlich. Und weil er ein Meniskus-Problem hat, glaubt er nun, mein Leben und das anderer Querschnittgelähmter beurteilen zu können. Glaubt Ihr nicht? Dann lest mal das hier:

Ich war selbst leidenschaftlicher Läufer, bis mir mein Meniskus einen Strich durch die Rechnung gemacht hat. Wie muss es erst den Menschen gehen, die querschnittsgelähmt sind? Ich würde alles dafür tun, dass man einen Weg findet Querschnittslähmung zu heilen und all diesen Menschen ihr Leben und ihren Lebensmut zurückgeben zu können.

Mit diesem Geschwurbel ruft Schweighöfer dazu auf, die Forschung zur Heilung von Querschnittlähmung zu unterstützen, indem man bei einem Rennen für ihn startet.

Nun ist es Matthias Schweighöfer unbenommen Geld zu sammeln, für was er will. Für die Erforschung von Querschnittlähmung oder was auch immer. Er könnte auch für die Erforschung der Vanilleduft-Extraktion aus Kuhdung oder das Sprachverständnis von Ratten sammeln, nur – Überraschung! – all das hat mit meiner Lebensqualität rein gar nix zu tun. Glaubt Ihr nicht? Ist aber so. Sogar wissenschaftlich bewiesen:

  • Schon 1973 stellten Forscher keinen Unterschied bei behinderten und nichtbehinderten Menschen fest, wenn sie zu ihrer Zufriedenheit, ihrer Laune oder ihrem Frustationsgrad befragt wurden. (P Cameron et al., Journal of Consulting and Clinical Psychology, 1973, vol. 41, 207-214)
  • 1994 gaben 86 Prozent der befragten, hoch querschnittgelähmten Menschen (Tetraplegie) in einer Studie an, ihr eigenes Leben als „durchschnittlich“ oder „besser als durchschnittlich“ zu bewerten. (KA Gerhart et al., Annals of Emergency Medicine, 1994, vol. 23, 807-812).
  • In einer Studie mit älteren querschnittgelähmten Menschen bewerteten diese ihre Lebensqualität sogar höher als nichtbehinderte Menschen der gleichen Altersgruppe. (MG Eisenberg & CC Saltz, Paraplegia, 1991, vol. 29, 514-520).

Und es gibt noch viele weitere Studien dazu, die mehrheitlich alle das Gleiche sagen: Die Fähigkeit, laufen zu können, hat kaum Einfluss auf die Beurteilung der eigenen Lebensqualität. Wenn Matthias Schweighöfer also meint, querschnittgelähmten Menschen „ihr Leben und ihren Lebensmut“ zurückgeben zu wollen, ist er einfach auf dem falschen Dampfer. Danke, haben wir schon!

Sollte Matthias Schweighöfer aber wirklich etwas zur Verbesserung der Lebenssituation querschnittgelähmter Menschen tun wollen, könnte er bei den Sozialhelden eine Rampe spenden. Über jedes Lokal mehr, in das ich hineinkomme, freue ich mich. Oder er könnte dafür sorgen, dass seine Filme nur noch in barrierefreien Kinos laufen.

Nicht das „nicht Laufen können“ ist das Problem, sondern die Barrieren im Alltag, die nicht weggehen, indem man in die Forschung gegen Querschnittlähmung investiert. Zudem ist es ziemlich illusorisch zu glauben, dass die jetzige Generation an Querschnittgelähmten davon noch etwas hat. Seit ich denken kann, höre ich, dass es bald ein Mittel gegen Querschnittlähmung geben wird. Man sei kurz vor dem Durchbruch. Ich bin jetzt 37 Jahre querschnittgelähmt. Wenn ich meine Lebensfreude von dieser Forschung abhängig gemacht hätte, meine Güte…

Blogstöckchen: Fünf Bücher

Zum Welttag des Buches macht ein Blogstöckchen die Runde. Ich habe es von Frau Gehlhaar gefangen und habe mich daher extra aus dem Bett bewegt (bin krank), um ganz schnell diesen Blogeintrag zu schreiben (jaja, ich geh dann auch ganz schnell wieder weg vom Rechner!).

Die Aufgabe lautet:

“Zähle 5 Bücher auf, die ganz oben auf deiner Wunschliste stehen, die aber KEINE Fortsetzungen von Büchern sind, die du schon gelesen hast – sie sollen also völlig neu für dich sein. Danach tagge 8 weitere Blogger und informiere diese darüber.”

Hier ist meine Liste:

Richard Branson: Screw it, let’s do it.

Auf Deutsch heißt das Buch „Geht nicht gibt’s nicht!: So wurde Richard Branson zum Überflieger. Seine Erfolgstipps für Ihr (Berufs-) Leben.

Richard Branson ist ein sehr erfolgreicher britischer Unternehmer. Wer in Großbritanniens Business-Welt unterwegs ist, stößt irgendwann auf seinen Namen. Er ist das Vorbild für viele Gründer hier im Land. Ich habe mich aber noch nicht sehr intensiv mit ihm beschäftigt, geschweige denn ein Buch von ihm gelesen, aber ich denke, ich sollte das endlich mal tun.

Nilz Bokelberg: Endlich gute Musik: Diese Lieder müssen sein

Nilz Bokelberg erzählt ein Leben anhand von Musik: große Songs, wichtige Platten, aber auch musikalische Enttäuschungen. Nilz ist mein Jahrgang, seine Karriere startete er als VJ beim Musiksender VIVA. Ich bin also irgendwie mit ihm aufgewachsen. Unterdessen folgen wir uns online, wo man sich so folgen kann und ich lese gerne Bücher von Menschen, zu denen ich irgendwie einen Bezug habe. Und Musik ist ja eh ein super Thema…

Sheryl Sandberg: Lean In: Women, Work, and the Will to Lead

Auf Deutsch heißt das Buch Lean In: Frauen und der Wille zum Erfolg. Ich hätte es schon gelesen, wenn es in UK als Hörbuch zum Download erhältlich wäre. Ist es aber nicht und weil ich gerade etwas Schwierigkeiten habe zu Lesen (ja, ich geh auch gleich wieder vom Bildschirm weg!), hätte ich es gerne angehört. Wegen des Rechte-Irrsinns steht es immer noch auf meiner Wunschliste.

Sheryl Sandberg ist Geschäftsführerin von Facebook und gehörte davor zur Führungsmannschaft bei Google. Sie geht in dem Buch der Frage nach, wie mehr Frauen in anspruchsvollen Jobs an die Spitze gelangen können.

Jane Campbell / Mike Oliver: Disability Politics

Das Buch erzählt die Geschichte der Behindertenbewegung in Großbritannien. Co-Autorin ist das heutige Oberhaus-Mitglied Jane Campbell, die Rollstuhlfahrerin ist und sich seit Jahrzehnten für Inklusion und Teilhabe behinderter Menschen einsetzt. Ich finde immer noch sehr faszinierend, wie es behinderte Menschen geschafft haben, sich erfolgreich dafür einzusetzen, dass das Land innerhalb von 20 Jahren komplett auf den Kopf gestellt und massiv in Barrierefreiheit investiert wurde und eine entsprechende Gesetzgebung folgte.

Zoe Beck: Brixton Hill

Zwei Tage nachdem jemand auf Facebook das Buch empfahl, war ich in der Straße Brixton Hill und habe mich total verlaufen. Wenn das kein gutes Omen ist, das Buch zu lesen, dann weiß ich auch nicht…

Ich gebe das Blogstöckchen weiter an jeden, der es gerne möchte…

Barrierefreie Kaffeesatzlesereien 2014

Inspiriert durch Thomas Knüwers Glaskugelige Kaffeesatzlesereien 2014 möchte ich mal ein paar Vorhersagen machen, was das Themen Barrierefreiheit und Behinderung 2014 angeht.

  • 1. Behinderung wird cool.

  • Ich beobachte schon seit einer ganzen Weile, dass Behinderung bei weitem nicht mehr das Negativ-Label hat, das es einmal hatte. Das zeigt sich in so nervigen Aussagen wie „Ansich ist ja jeder behindert.“ Manchmal habe ich das Gefühl, Leute fangen an, sich zu rechtfertigen, nicht behindert zu sein. Das ist natürlich völliger Quatsch, aber dennoch besser als dieser schamhafte Umgang aus den 80ern. Angesichts der Tatsache, dass Individualität ja auch gerade ziemlich hip ist, passt auch die Akzeptanz von Behinderung da gut rein. Wer will schon sein wie alle anderen?

  • 2. Die Cyborgs kommen. So what?

  • Dazu passt auch das Thema Cyborgs. Früher waren Prothesen etwas für Kriegsversehrte, jetzt sollen sie für alle da sein und angeblich will sie auch jeder. Ich hab da so meine Zweifel. Behinderte Menschen wird es immer geben, auch wenn sie sich jetzt Cyborgs nennen oder ein paar Nichtbehinderte meinen, ihr Handy mache sie schon zu einem Cyborg. So what? Ja, die Medien lieben das Thema, die Relevanz für behinderte Menschen ist allerdings ziemlich gering. Jedem die Schublade, in die er gerne passen möchte – zumindest so lange es nicht dazu führt, dass die Akzeptanz von behinderten Menschen darunter leidet. Wer glaubt, alle Behinderungen müssen und können mittels Technologie ausgerottet werden, ist alles andere als fortschrittlich, sondern allenfalls naiv.

  • 3. Für manche Airline wird es teuer, behinderte Menschen zu diskriminieren. Die anderen werden daraus lernen.

  • Oh, was freue ich mich auf dieses Urteil! Der Fluggesellschaft Easyjet droht 2014 in Frankreich eine Strafzahlung von 70.000 Euro, weil sie behinderte Kunden diskriminiert haben sollen. Ich prophezeie: Easyjet verliert auch in der letzten Instanz und muss zahlen.
    Es wird ein Ruck durch die Airlineindustrie gehen, die dann endlich merkt, dass auch behinderte Menschen Kunden sind und sie sich ihre Gäste nicht aussuchen können, jedenfalls nicht danach, ob die Kunden behindert sind oder nicht.

  • 4. Der Rollstuhlfahrer-Kinderwagen-Krieg in britischen Nahverkehrsbussen wird zugunsten der Rollstuhlfahrer entschieden.

  • Und auf noch ein Urteil freue ich mich. Ein britisches Gericht wird grundsätzlich entscheiden, ob Busgesellschaften die Rollstuhlplätze in Nahverkehrsbussen für Rollstuhlfahrer vorhalten müssen oder ob Busfahrer Rollstuhlfahrer abweisen können, wenn die Plätze durch nicht behinderte Fahrgäste, zum Beispiel Kinderwagen, genutzt werden. Ich prophezeie: Es wird zugunsten von Rollstuhlfahrern entschieden. Ein Urteil der Vorinstanz gibt es dazu schon. Das wird dazu führen, dass sich die britische Busindustrie endlich mal nach besseren Linienbussen umschaut und zwei Freiflächen einrichtet – eine für Rollstuhlfahrer und eine für Kinderwagen. Bis das passiert, werden Eltern ihren Buggy falten müssen oder aussteigen, wenn ein Rollstuhlfahrer kommt.

  • 5. Das soziale Modell von Behinderung kommt langsam immer mehr in Deutschland an.

  • Die Fortschritte bei der gleichberechtigten Teilhabe behinderter Menschen in Großbritannien sind vor allem auf das vorherrschende soziale Modell von Behinderung zurückzuführen. Behinderung wird als gesellschaftliche Aufgabe verstanden, nicht mehr als persönliches Schicksal, gegen das man wenig tun kann. Ich glaube, dass daran der Schlüssel liegt, Dinge in Deutschland für behinderte Menschen zu verändern und ich glaube, das soziale Modell von Behinderung wird immer mehr ins Bewusstsein der Menschen, auch der behinderten Menschen selbst, rücken.

  • 6. Auch behinderte Menschen, die Assistenz benötigen, dürfen künftig Geld verdienen.

  • Es gab eine sehr erfolgreiche Petition, es gab einen hervorragenden Beitrag von Panorama. Ich glaube, politisch ist der Status Quo, dass behinderte Menschen, die auf Assistenz angewiesen sind, nur wenig verdienen können und nichts ansparen dürfen, nicht zu halten. Ich glaube, dass 2014 zumindest ein Gesetzentwurf auf den Weg gebracht wird, der das ändert.

  • 7. ARD und ZDF teilen mit, bis wann ihr gesamtes Programm untertitelt wird.

  • Bei einem Überschuss von 500 Millionen Euro an Rundfunkabgaben, ist es nicht zu verstehen, warum ARD und ZDF ihr Programm nicht endlich vollständig untertiteln. Mit dem Geld könnte man nicht nur untertiteln, sondern auch noch die Bildbeschreibungen für blinde Menschen massiv ausbauen. Zumindest sollten die Sender 2014 in der Lage sein mitzuteilen, bis wann sie die 100% Untertitel erreicht haben.

  • 8. Es wird mehr behinderte Menschen in ganz normalen Fernsehrollen geben.

  • Der Münsteraner Tatort macht es seit längerem vor. Der Tatort mit Nora Tschirner und Christian Ulmen hat es auch gezeigt. Die Lindenstraße kann es auch, wenn sie will: Es wird immer mehr sichtbar behinderte Menschen in ganz normalen Rollen geben. Das ist im britischen Fernsehen längst üblich und sollte auch in Deutschland bald normal werden. Der Tatort „Die fette Hoppe“ hat schon gut vorgelegt, aber da geht noch mehr.

  • 9. Sibylle Brandt wird neue Behindertenbeauftragte der Bundesregierung.

  • Keine Jahresvorschau 2014 ohne einen Tipp, wer Behindertenbeauftragte/r wird. Ich tippe auf Sibylle Brandt. In erster Linie weil Rolling Planet schon rumposaunt hat, es würde eine Frau von der SPD, aber sie dürften nicht sagen, wer. Rolling Planet sitzt in Bayern. Sibylle Brandt kommt aus Bayern und ist vom Netzwerk „Selbst Aktiv“ der SPD. Außerdem passt ihr Profil irgendwie zu dieser Regierung, finde ich.
    Sie hat einen Blindenführhund. Ich hoffe sehr, dass es dann endlich mal ein Assistenzhundegesetz in Deutschland geben wird, das zum einen die Ausbildungsqualität der Hunde absichert, aber auch das Abweisen von Assistenz- und Blindenführhunden unter Strafe stellt.

  • 10. SMS-Notruf startet in Deutschland flächendeckend.

  • Wer in Deutschland gehörlos ist und die Polizei oder Feuerwehr erreichen will, muss ein Fax schicken. Derzeit ist es nur in drei Bundesländern möglich, eine SMS im Notfall zu schicken. Die Bundesregierung hat schon x Mal zugesagt, das zu ändern, passiert ist nix. Das kann doch jetzt nicht noch einmal ein Jahr dauern, oder? Also, 2014 kommt der flächendeckende Notruf per SMS für gehörlose und sprachbehinderte Menschen.

Jahresendfragebogen 2013

Ich gebe zu, ich habe mich vor 2013 etwas gefürchtet. Wie ich vor einem Jahr schrieb, war die Gefahr einer Post-Olympia-Depression schon sehr groß. 2012 war einfach zu besonders. So schlimm war 2013 aber dann doch nicht, finde ich. Hier mein Jahresendfragebogen.

Vorherrschendes Gefühl für 2013?
Weitermachen!

2013 zum ersten Mal getan?
In den berühmten Abbey Road Studios ein Lied aufgenommen.

2013 leider gar nicht getan?
In Hamburg gewesen.

Wort des Jahres?
Legacy.

Getränk des Jahres?
Rekorderlig Strawberry & Lime Cider

Essen des Jahres?
Käsefondue an Silvester.

Meistangerufene Person?
Artur

Die schönste Zeit verbracht mit?
Artur und Mercer

Die meiste Zeit verbracht mit?
Mit Schreiben – Artikel, Papiere, Beschwerdebriefe, Stellungnahmen, E-Mails, Rechnungen – und dem Einsetzen für einen barrierefreien öffentlichen Nahverkehr in London mit Transport for All.

Song des Jahres?
Mr. Blue Sky und Something inside so strong – Rockchoir (das ist mein Chor)

CD des Jahres?
Twelve Stops and Home – The Feeling

Buch des Jahres?
Schatzfinder: Warum manche das Leben ihrer Träume suchen – und andere es längst leben

Erkenntnis des Jahres?
Mein Bauchgefühl hat so gut wie immer recht.

Drei Dinge auf die ich gut hätte Verzichten können?
Die Entzündung im Bein in einer Wunde, die auf Antibiotikum nicht ansprach.
Die Ignoranz und Dummheit mancher Mitbürger.
Eine saublöder Brief einer Versicherung an meinem Geburtstag.

Beste Idee/Entscheidung des Jahres
Einen Auftrag aufzugeben, weil der Kunde eine andere Agenda verfolgte als ich.

Schlimmstes Ereignis?
Das mit dem Bein war schon nicht so lustig.

Schönstes Ereignis?
Entspannter Urlaub in Barcelona.

2013 war mit einem Wort?
Eine Herausforderung.

RIP Nelson Mandela

Mandela-Statue und KindRuhe in Frieden, Nelson Mandela! Er war ein wichtiger Unterstützer der Behindertenbewegung weltweit. In einem seiner Bücher schrieb er:

  • Wir möchten ein Gehalt bezahlt bekommen und eine Arbeit verrichten, für die wir geeignet sind und keine Arbeit tun, von der der Staat meint, dass sie für uns geeignet ist.
  • Wir wollen da leben, wo wir möchten und nicht woanders, weil wir in der Region nicht geboren sind.
  • Wir wollen nicht gezwungen sein, in gemieteten Häusern zu wohnen, die wir niemals unser Eigen nennen können.
  • Wir möchten Teil der normalen Bevölkerung sein und nicht gezwungen sein, in unseren eigenen Ghettos zu leben.
  • Wir möchten, dass es uns erlaubt ist, auch nach 11 Uhr abends aus dem Haus zu gehen und nicht in unseren Zimmern zu sitzen wie kleine Kinder.
  • Wir möchten in unserem eigenen Land reisen können.
  • Wir möchten einen gerechten Teil des ganzen Landes haben; wir wollen Sicherheit und einen Anteil an der Gesellschaft.
  • Vor allem möchten wir gleiche politische Rechte, denn ohne sie werden unsere Behinderungen dauerhaft sein.

Mandela schrieb nicht von behinderten Menschen. Es liest sich nur so. Zum ersten Mal habe ich von Mandelas Rolle in der Behindertenbewegung 2004 in Oslo gehört, in einer Rede von Lars Odegard, die ich immer noch für eine der besten Reden zu Teilhabe behinderter Menschen halte, die ich je gehört habe. Ich habe sie damals übersetzt. Hier ist das Original in Englisch.

Mandela war und ist ein wichtiges Vorbild für alle Menschen, die gegen Ausgrenzung, Erniedrigung und Exklusion kämpfen. Die Behindertenbewegung in Großbritannien aber auch in anderen Ländern ist stark beeinflusst durch ihn und die Geschichte Südafrikas. Vielleicht ist das der Grund, warum Großbritannien das beste Anti-Diskriminierungsgesetz in der EU hat, was einen großen Einfluss auf meinen Alltag hat. Danke, Madiba!

Behinderte Frauen und häusliche Gewalt

Warnung: Dieser Blogeintrag behandelt das Thema Gewalt gegen Frauen. Wer sich damit lieber nicht beschäftigen möchte, sollte nicht weiterlesen. Da ich auch nicht weiß, was es zu dem Thema groß zu diskutieren gibt, habe ich die Kommentare geschlossen.

Jemand postete den Buchtipp auf Facebook und ich kannte zufällig eine der Autorinnen. „Disabled Women and Domestic Violence“ heißt das Buch. Es war eigentlich nicht das, was ich gerade lesen wollte, aber da ich, wie gesagt, eine der Autorinnen persönlich kenne, war ich neugierig.

Es ist ein Sachbuch, das eine neue britische Studie zu eben diesem Thema auswertet und auf alte Studien zurückgreift. Ich gehe zu Amazon, lade mir das Buch auf mein iPad und fange an, zu lesen und kann gar nicht mehr aufhören. So unfassbar sind die Erkenntnisse aus den Befragungen von behinderten Frauen, die Gewalt durch ihre Partner und Partnerinnen erfahren haben. Es geht um behinderte Frauen, die eine Mobilitätseinschränkung oder eine sensorische Behinderung haben. Auch wenn es sich um eine britische Studie handelt, ich bin mir sehr sicher, die Erfahrungen lassen sich sehr gut auf andere Länder wie Deutschland übertragen.

Den ersten Hammer finde ich gleich auf den ersten Seiten: „Es gibt Forschungsindizien, die dafür sprechen, dass behinderte Frauen in UK, unabhängig vom Alter, der sexuellen Orientierung, der Ethnie oder Klasse, doppelt so häufig misshandelt oder vergewaltigt werden wie nicht behinderte Frauen.“

Die Studie untersuchte auch, wieso diese Frauen so häufig in Partnerschaften bleiben, wenn der Partner gewalttätig ist. Es zieht sich wie ein roter Faden durch die Untersuchung: Sie haben oft kaum eine andere Wahl, vor allem wenn der Partner / die Partnerin gleichzeitig Assistenzleistungen übernimmt und wenn sie sich Hilfe holen, hat kaum jemand Verständnis für ihre Bedürfnisse.

In dem Buch ist ein Fall dokumentiert von einer Frau, die in ihrer Not die Polizei anrief. Die Polizei kam, wollte den gewalttätigen Mann eigentlich mitnehmen, dann fragte man sie, ob ihr Partner sie denn pflegen würde. Als sie das bejahte, sagte der Polizist zu ihr, dass man ihn dann ja wohl schlecht mitnehmen könne. Die Polizei zog wieder ab und die Frau blieb mit dem gewalttätigen Mann alleine.

Manche Hilfseinrichtungen signalisierten den behinderten Opfern häuslicher Gewalt, dass ihre Hilfsangebote nicht für sie sind, sondern eigentlich nur für nicht behinderte Frauen. Umgekehrt waren kontaktierte Behindertenorganisationen auch oft überfordert.

Ein weiteres Problem sind Frauenhäuser, die gar nicht barrierefrei sind. Und selbst wenn sie es sind, reicht das vielen behinderten Frauen nicht. Sie brauchen nicht nur eine barrierefreie Umgebung, sie brauchen auch Assistenz. Welches Frauenhaus hat aber einen angeschlossenen Assistenzdienst, der sie ins Bett hebt oder zur Toilette bringt?

In dem Buch kommt auch zur Sprache, dass die Gewalt an Frauen häufig zunimmt, wenn die Behinderung fortschreitend ist. Je stärker der Hilfebedarf der Frauen wurde, desto gewalttätiger wurden teilweise ihre Partner und Partnerinnen. Vor allem wenn der Partner oder die Partnerin auch gleichzeitig für die Pflege / Assistenz zuständig war, wurde das gegen die Frauen benutzt, in dem man eben diese Leistungen verweigerte oder die Behinderung ausnutzte, um die Frau zu demütigen. So beschreibt eine Frau wie ihr Partner den Stecker zur Batterie ihres E-Rollstuhls abzog und sie so stundenlang festsaß, ohne sich wegbewegen zu können.

Das größte Hindernis, den / die gewalttätige Partner / Partnerin zu verlassen sind organisatorische Barrieren wie barrierefreier Wohnraum, Organisation von Assistenz, Verfügbarkeit von Hilfsmitteln aber auch finanzielle Barrieren, die dadurch entstehen, wenn man den Wohnort wechseln will und deshalb ein anderer Kostenträger zuständig wird.

Ein weiteres Hindernis ist vielfach die Einstellung der Umgebung, also dass den Frauen signalisiert wird, sie sollen doch dankbar sein, überhaupt einen Partner zu haben – „in ihrer Situation“. Sie werden oft als asexuell angesehen, was es nicht einfacher macht, beispielsweise eine Vergewaltigung anzuzeigen, und sie werden vielfach nicht als vollwertige erwachsene Persönlichkeiten wahrgenommen. Bei der Einrichtung von Hilfsangeboten werden sie daher teilweise völlig übersehen.

In dem Buch wird sehr gut beschrieben, wie Hilfsangebote aussehen müssen, um für behinderte Frauen zugänglich zu sein. Dabei geht es gar nicht so sehr um bauliche Barrieren (die gibt es natürlich auch), sondern um ein ganzheitliches Konzept. Das Buch endet mit den Worten: „Dieses Buch war sicherlich sehr erschütternd zu lesen, aber es schließt mit einer hoffnungsfrohen Botschaft ab – es gibt klare und optimistische Wege, um endlich den Bedürfnissen behinderter Frauen gerecht zu werden, die Missbrauch erfahren haben. Wir wissen, was hilfreich ist und wir wissen, was getan werden kann. Alles, was wir tun müssen, ist folgendes zu beachten: – Es darf keine Angebote zu häuslicher Gewalt geben, die nicht das Thema Behinderung beachten. – Es darf keine Angebote für behinderte Menschen geben, die nicht auch geschlechtsspezifische Belange berücksichtigen und Missbrauch beachten.

P.S.: Wer in Deutschland Hilfe benötigt, kann sich an das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen wenden. Für gehörlose Menschen gibt es dort ebenfalls ein Angebot.“

20 Dinge über mich

Mich hat auch niemand gefragt, aber ich habe dieses Blogstöckchen dennoch aufgehoben und 20 Dinge über mich aufgeschrieben. Genauso wie Felix, DasNuf, Kaltmamsell und viele andere zuvor.

1. Ich wollte schon immer Journalistin werden.

2. Als ich neun Jahre alt war, bekam ich einen Tag beim ZDF geschenkt – als Belohnung für eine Operation – danach wollte ich dann noch mehr Journalistin werden.

3. Ich hatte schon in der Grundschule Französischunterricht, weil ich in der Nähe der französischen Grenze wohnte. Später ging ich in eine Schule mit Intensivunterricht Französisch. Meine Eltern sind jedes Jahr mit uns nach Frankreich in Urlaub gefahren und wir fuhren oft nach Frankreich zum Einkaufen. Ich war auch zum Schüleraustausch in Frankreich. Ich spreche aber immer noch nicht gut Französisch.

4. Meine Englischlehrerin sagte mal zu mir „Du wirst diese Sprache nie lernen.“ Ich muss da immer dran denken, wenn ich wieder etwas für die BBC mache und durch den Haupteingang gehe. Ich antworte jedes Mal im Geiste „Naja, aber für die BBC reicht es.“

5. Ich bin ganz schlecht im Promis erkennen, selbst wenn ich mit ihnen rede. Ich könnte nie für die BUNTE oder so arbeiten. Ich würde an Schauspielern, Sängern, Popstars etc. einfach vorbeigehen. Allein im vergangenen Jahr habe ich es zwei Mal geschafft, prominente Persönlichkeiten zu fragen, was sie denn eigentlich so beruflich machen.

6. Ich habe es auch geschafft, in meinen ersten Tagen bei BBC, die Moderatorin des BBC-Frühstücksfernsehens zu fragen, was sie denn bei BBC so macht.

7. Ich hasse Rotwein.

8. Ich wollte als Kind eine Carrera-Bahn haben, die ich aber nicht bekommen habe.

9. Bis zu meinem 19. Lebensjahr bin ich im Durchschnitt alle vier Jahre umgezogen. Ich war in drei weiterführenden Schulen und zwei Kindergärten.

10. Ich habe 10 Jahre lang in Hamburg gewohnt – nirgendwo habe ich länger gewohnt bislang.

11. Als ich 18 war, bin ich vom katholischen zum evangelischen Glauben konvertiert.

12. Ich habe mal Leistungsschwimmen gemacht, bin auch Deutsche Meisterschaften geschwommen, aber ich mochte es nicht sonderlich, weil da nur andere behinderte Jugendliche waren und ich bei Wettkämpfen kaum Konkurrenz hatte (zu jung, weiblich, zu behindert).

13. Ich hatte mal Angst vor Spinnen – bis ich mir selber damit so auf die Nerven ging, dass ich zum Londoner Zoo in einen Anti-Arachnophobie-Kurs gegangen bin. War furchtbar, aber hat geholfen.

14. Ich bin nicht geizig, aber ich liebe Rabattkarten und freue mich, wenn ich den 10. Kaffee kostenlos bekomme.

15. Ich arbeite gerne in wuseliger Umgebung. Deshalb habe ich mein Büro aufgegeben und bin in einen Co-Working-Space gezogen.

16. Weil ich nicht gerne länger als 12 Stunden sitze, arbeite ich morgens oft vom Bett aus.

17. Ich habe seit mehr als 20 Jahren keine Krankengymnastik mehr gemacht. Alle Horrorszenarien, die mir prophezeit wurden, sind nicht eingetreten. Dafür habe ich eine Menge Zeit sinnvoll genutzt.

18. Nachdem ich bei den beiden Eröffnungszeremonien für London2012 mitgemacht habe, habe ich kaum noch Lampenfieber.

19. Ich hasse Ungerechtigkeit und Diskriminierung aller Art.

20. Ich bin ein Geek.

Journalismus, James Bond und ich

Als ich vor fast 7 Jahren nach London ging, habe ich weder damit gerechnet, an der Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele teilzunehmen noch damit, nach den Spielen einmal für die BBC in James-Bond-Manier die öffentlichen Verkehrsmittel der Stadt zu testen. Aber genau das habe ich im Juli gemacht. Der Film lief vergangenes Wochenende im Frühstücksfernsehen bei BBC One und in der Sendung BBC Fast Track auf BBC World News.

Das Konzept des Films: Ex-Paralympics-Sportler Ade Adepitan und ich rasen von einer ehemaligen Olympiastätte zu einer London2012-Olympiastätte – er mit dem Handbike, ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Die Politik betont immer wieder die Nachhaltigkeit der Spiele und wie viel sich seitdem in London geändert hat. Das haben wir getestet. Das Ergebnis seht Ihr hier:

Ade brauchte rund 30 Minuten weniger als ich. Ich war bei 30 Grad und einer irren Hitze in der U-Bahn fast zwei Stunden unterwegs, musste zwei Busse und zwei U-Bahnen nehmen um barrierefrei von A nach B zu kommen – eine Strecke für die man als nicht behinderter Passagier rund 45 Minuten gebraucht hätte.

Das Team

Um diesen Film machen zu können, hatten wir eine Armee an Leuten um uns herum. Ich habe schon viel fürs Fernsehen gearbeitet, in Deutschland und in UK, aber das war wirklich auch für BBC-Maßstäbe ziemlich cool. Wir hatten mehrere Kameraleute und Producer. Vor Ade fuhr ein Team mit einem Audi, in dessen Kofferraum eine Kamera und ein Kameramann saß. Außerdem hatte Ade eine James-Bond-mäßige Kamera an seinem Bike und ein Mikrofon.

Die Gadgets

Ich hatte ebenfalls eine Kamera am Rollstuhl. Die war kaum größer als ein Daumennagel. Die hatten wir mit Black Tack (das ist so schwarzes Kaugummiband) auf Kniehöhe meines Rollstuhls festgemacht. Zudem hatte ich ein Mikrofon auf der Brust. Ein Kameramann hatte ein Hemd mit einem Knopf, in den eine winzige Kamera eingebaut war. Die Kabel waren unter dem Hemd, der Kontrollmonitor in einer Umhängetasche. Eine Producerin hatte eine Kamera, die ungefähr so groß war wie eine übergroße Streichholzschachtel in der Hand. Und es gab auch normal große Kameras.

Der Grund für unser James-Bond-Auftreteten war, dass die BBC von den Verkehrsbetrieben niemals eine Drehgenehmigung für so einen Film bekommen hätte und es natürlich möglichst authentisch sein sollte. Kein Mitarbeiter hätte mich einfach stehen lassen, wie es in dem Film zu sehen ist, wenn sie gewusst hätten, sie werden gefilmt. Und bestimmt hätten sie kein ungeschultes Personal da hingestellt.

Journalismus zum Thema Barrierefreiheit mit richtig coolen Gadgets, bei strahlendem Sonnenschein und einem klasse Team – das hat richtig Spaß gemacht und ich glaube, das merkt man dem Film auch an.