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Archiv für Leben

Hallo Motel One, wir müssen reden

Ich mag Euch ja eigentlich. Euer Grünblau, Euren Einrichtungsstil und ich gehöre eigentlich voll zu Eurer Zielgruppe. Ich reise viel und in unterschiedliche Städte, ich buche per App und maile Euch ratzfatz vorher an, dass ich ein barrierefreies Zimmer brauche, was Ihr (und da mal ein Lob!) auch immer hingekriegt habt bislang, auch wenn mir eigentlich lieber wäre, wenn ich das barrierefreie Zimmer gleich in der App buchen könnte. Aber ich glaube, unsere Wege trennen sich jetzt in Zukunft. Ich mag nicht mehr, ich fühle mich bei Euch nicht wirklich willkommen.

Es gibt kaum eine Floskel, die ich öfter höre als „Aber bei Neubauten wird ja sowieso auf Barrierefreiheit geachtet“. Möchte man das Gegenteil beweisen, muss man die Menschen einfach in so manche Eurer Hotels schicken. Das ist jetzt das dritte Hotel Eures Unternehmens in dem ich war, für das ich Euch weder eine Baugenehmigung noch eine Betriebsgenehmigung erteilt hätte, wenn ich irgendwas mitzureden hätte, weil es nicht die Mindeststandards an Barrierefreiheit einhält, wie sie eigentlich in Europa unterdessen üblich sind und wie ich sie als Gast erwarte. Nun kann man bauliche Mängel oft mit gutem Personal ausgleichen, aber ich kann Euch ja mal erzählen, wie meine Anreise verlief:

Neubau mit Stufen

Ich kam am Nachmittag in Eurem Hotel in Brüssel an. Das Hotel ist laut diverser Reisewebseiten Baujahr 2014. Das zähle ich noch unter die Kategorie „Neubau“. Zu meinem großen Erstaunen stand ich dann am Haupteingang vor etwa fünf Stufen. Er gab weder ein Schild noch eine Klingel, um Hilfe anzufordern. Eine gastfreundliche Anreise geht anders.

Ich schickte also einen wildfremden Passanten an die Rezeption. Er kam zurück und sagte mir, es gebe einen anderen Eingang. Ja, das muss ja so sein, wenn Ihr barrierefreie Zimmer verkauft, wird es wohl auch irgendwo einen barrierefreien Eingang geben. Nur wo? Der Passant und ich fanden den Eingang trotz einer gewissen Pfadfinderbegabung meinerseits nicht. Also schickte ich ihn wieder hinein und bat ihn, der Rezeption eindringlich zu sagen, sie sollen gefälligst rauskommen und mit mir reden. Ich hatte noch keinen einzigen Mitarbeiter von Euch getroffen, hatte aber schon extrem das Gefühl, nicht gerade freundlich behandelt zu werden. Es kam dann aber tatsächlich jemand.

Der Mitarbeiter sagte mir, der barrierefreie Eingang sei der Zugang zum Parkhaus. Ernsthaft, Motel One? Das findet Ihr okay? Bei einem neugebauten Hotel? Um den Fahrstuhl des Parkhauses nutzen zu können, brauchte ich allerdings eine Schlüsselkarte, die mir ausgehändigt wurde. Ich wäre also sowieso nicht alleine ins Hotel gekommen. Die Rezeption war übrigens zu diesem Zeitpunkt mit vier Mitarbeitern besetzt. Ich war der einzige Gast, der anreiste. Sie waren also keinesfalls zu beschäftigt, um mal nach der Rollstuhlfahrerin draußen zu schauen. Zudem fiel mir auf, dass mich die Mitarbeiter von der Rezeption aus vor der Tür hätten sehen müssen. Klebt Ihr Eure Mitarbeiter hinter dem Tresen fest oder warum kommt niemand, wenn sie sehen, dass da eine Rollstuhlfahrerin vor der Tür steht, die nicht rein kommt?

Rampe ins Nirgendwo

Der Mitarbeiter sagte mir auch, es gebe einen barrierefreien Hintereingang. Nachdem ich meinen Koffer aufs Zimmer gebracht hatte (zum Zimmer komme ich gleich), wollte ich den barrierefreien Hintereingang nutzen, auf den mich der Mitarbeiter verwiesen hatte. Wenn man allerdings die Rampe des Eingangs als Sammelstelle für Müllcontainer des Hotels nutzt, ist auch der barrierefreie Hintereingang nicht mehr barrierefrei. Also rief ich die Rezeption an, damit jemand die Rampe freiräumt. Es ging nur leider niemand ans Telefon. Also fuhr ich den ganzen Weg zurück zur Rezeption und machte auf mein Problem aufmerksam. Die Müllcontainer wurden dann auch gleich beseitigt. Aber als ich am unteren Ende der Rampe angekommen war, bemerkte ich, wo diese Rampe endete: Auf einer extrem steilen Straße mit Kopfsteinpflaster, die mit dem Rollstuhl de facto unbefahrbar war und auch nicht wirklich irgendwo hinführte, wo man als Hotelgast hin möchte. Euer barrierefreier Eingang landet quasi im Nirgendwo für mich.

Also entschloss ich mich, als ich später wieder ins Hotel zurückkam, doch wieder den Parkhauseingang zu benutzen. Ich hatte extra die Schlüsselkarte dafür mitgenommen. Aber als ich die Schlüsselkarte in den Leser schieben wollte, bemerkte ich, dass der eigentlich viel zu hoch angebracht ist. Ich schätze bei etwa 1,50 Meter und man muss ihn von oben einschieben. Ich habe aber Gott sei Dank lange Arme und kann mich gut aufsetzen (nicht stehen!) und habe es geschafft, die Karte in den Kartenleser zu bekommen. Ernsthaft, Motel One, hat sich überhaupt irgendjemand mal Gedanken gemacht, wie Rollstuhlfahrer in dieses Hotel kommen sollen? De facto habt Ihr keinen einzigen barrierefreien Eingang, der diese Bezeichnung verdient.

Geräumiges Zimmer am Ende des Hotelflurs

Nun zu meinem Zimmer: Das Positive vorweg. Es ist geräumig und ich kann das Bett von beiden Seiten anfahren. Das ist längst nicht in allen Euren Hotels so. Ich war schon in „barrierefreien“ Zimmern von Euch untergebracht, in denen ich fast die Hälfte des Zimmers nicht nutzen konnte, weil ich nicht zwischen das Fußende des Bettes und die Wand passte (bei einem Rollstuhl mit einer Breite von 63cm!). Das immerhin ist in Brüssel besser.

Aber was bitte hat Euch geritten, die barrierefreien Zimmer an den Ende eines richtig langen Flurs zu legen? Es sind die Zimmer, die am weitesten weg vom Fahrstuhl sind. Hat Euer Architekt eine sadistische Ader oder warum müssen gehbehinderte Gäste so weit laufen? Es sind ja nicht nur Rollstuhlfahrer, die die barrierefreien Zimmer buchen. Und auch ich bin dankbar, wenn ich meinen Koffer nicht 50 Meter über einen dicken Teppich zum Zimmer ziehen muss, auf dem der Rollstuhl alleine schon schlecht rollt.

Dann das Bad. Es ist mir schleierhaft, warum die Toilette so niedrig angebracht ist. Auch dafür gibt es Standards bei barrierefreien Bädern. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der in Belgien auf dieser Höhe ist. Für Menschen, die sich schwer tun aufzustehen, ist die Toilette die Hölle. Es war mir fast nicht möglich von der Toilette zurück in meinen Rollstuhl zu kommen. Die Toilette ist um einiges niedriger als mein Rollstuhl. Da hätten die Griffe vielleicht geholfen. Aber Gott sei Dank habe ich gleich bemerkt, dass Stabilität nicht die Eigenschaft ist, die ich dem Klappgriff als erstes zusprechen würde, den Ihr da angebracht habt, und ich hielt es für weise, diesen besser nicht zu nutzen. Zudem hängt er zu hoch, nämlich passend für die Höhe, auf der die Toilette vermutlich eigentlich hätte sein sollen.

Und dann hätte ich noch eine Frage zur Dusche: Wie habt Ihr Euch gedacht, dass Rollstuhlfahrer duschen? Stehend? Oder warum gibt es keinen Duschstuhl und die Duschelemente sind auf der Höhe für Stehende angebracht? Wenn ich mit meinem eigenen Rollstuhl unter die Dusche fahre, ist das nicht wirklich gut für den Rollstuhl. Außerdem wird die Sitzbespannung nass und da sitze ich ja den ganzen Tag drauf. Deshalb gehören Duschstühle eigentlich zur Standardausstattung eines barrierefreien Zimmers.

Also ein erholsamer Hotelaufenthalt sieht für mich definitiv anders aus. Ich blieb Gott sei Dank nur eine Nacht. Deshalb hätte ich auch sowieso keine Zeit gehabt, den schön angelegten Innenhofbereich zu nutzen. Ist auch besser so, denn sonst hätte ich mich vielleicht geärgert, dass ich da gar nicht hinkomme. Zum Innenhof führen nämlich nur Stufen.

Das geht auch anders

Versteht Ihr jetzt, warum ich mich in Eurem neugebauten Hotel überhaupt nicht willkommen fühle? Behinderte Menschen sind treue Kunden. Darüber gibt es Studien. Sie gehören zu einer der treusten Kundengruppen, die man als Hotel finden kann, wenn man sie gastfreundlich behandelt und barrierefrei baut. Ich bin da ein super Beispiel. Ich habe gerade alle meine Berlin-Aufenthalte für die nächsten neun Monate, bei denen ich die Daten bereits kenne, durchgebucht. Immer im gleichen Hotel. Immer im gleichen Zimmer. Dabei bin ich eigentlich wirklich jemand, die Abwechslung liebt, aber eben auch problemlose Hotelaufenthalte. Es wird Euch jetzt nicht überraschen, dass es kein Hotel von Euch ist. Es ist ein liebevoll eingerichtetes barrierefreies Zimmer Eurer direkten Konkurrenz, in dem einfach alles passt, ich über den Haupteingang ins Hotel komme, die gesamte Fläche des Zimmers erreichen kann, es einen Duschstuhl gibt und der Weg von Fahrstuhl zum Zimmer nicht länger als 10 Meter ist.

Stillstand bedeutet Rückschritt zitiert Euer CEO im Editorial der aktuellen Ausgabe Eures Hotelmagazins Erich Kästner. In diesem Sinne, Ihr habt noch viel zu tun, um beim Thema Barrierefreiheit in Bewegung zu kommen.

Wer den Pfennig nicht ehrt…

Ich hatte beim Ausmisten eine Tupperdose mit Kleingeld gefunden. Viel Kleingeld. Das einzige Problem war, es handelte sich um D-Mark. Ja, ich weiß auch nicht, wie diese Dose diverse Umzüge in den vergangenen 17 Jahren ungesehen überstehen konnte, aber jetzt war sie nun einmal da und man schmeißt ja schließlich kein Geld weg. Wer den Pfennig nicht ehrt und so.

Es handelte sich um rund 100 Mark, 50 Euro also. Eine kurze Recherche bei Google ergab, man kann tatsächlich noch D-Mark in Euro umtauschen. Am einfachsten geht das persönlich, in Deutschland, bei der Bundesbank. Da ich vergangene Woche für 5 Tage in Berlin war, um bei der re:publica zu sein, dachte ich mir, ich könne eine Stunde opfern, um mir bei der Bundesbank schnell meine 50 Euro abzuholen.

Praktischerweise liegt die Bundesbank an der gleichen U-Bahnlinie wie die re:publica, nämlich an der U2. Unpraktischerweise gibt es keine barrierefreie U-Bahnstation dort, also nahm ich die nächstgelegene barrierefreie Station und rollte dann etwa 1km bis zur Bundesbank. Anstatt die U-Bahn zu benutzen, ist es am besten, ein unu über die Stadt zu fahren, weil es wirklich schnell ist und man kann einfach durch Autos fahren.

Münzsammler

Vor dem Gebäude standen lange Schlangen. „Die können unmöglich alle Tupperdosen mit D-Mark gefunden haben“, dachte ich bei mir und ging einfach an der Schlange vorbei. Später verstand ich, es waren Münzsammler. Münzsammler sind ein Volk, mit dem ich den vergangenen 40 Jahren meiner Lebenszeit noch nie etwas zu tun hatte, aber das sollte sich nun ändern. Ich ging zu einem Sicherheitsmenschen und sagte ihm, ich wolle D-Mark tauschen. Er zeigte auf eine Tür, sagte ich solle den Lift nach oben nehmen. Oben angekommen gab es noch mehr Mitglieder des Volkes der Münzsammler, die sich in zwei Reihen aufspalteten. Nur wo ich hin musste, war mir nicht klar. Ich wollte ja keine Münzen kaufen.

Der Sicherheitsmensch von unten kam über die Treppe zu mir und brachte mich durch die beiden Schlangen zu seinem Kollegen. Ob er sich bitte weiter um mich kümmern könne. Er konnte. Welche Münzen ich den kaufen wolle, fragte er. Noch bevor ich überhaupt antworten konnte, mischte sich ein älterer Herr ein. Es ginge nicht, dass ich bevorzugt behandelt werde. Ich solle mich gefälligst hinten anstellen. „Da sind doch Stufen“, verteidigte mich der Sicherheitsmann. „Wie sollen wir das denn sonst machen?“. Ich unterbrach den Streit: „Ich möchte keine Münzen kaufen. Ich möchte D-Mark eintauschen“, sagte ich. „Achso“, sagte der Sicherheitsmann. Da käme ich aber auch nicht hin. Der Teil des Gebäudes sei nicht barrierefrei. Genauso wie die Münzausgabestelle sei hier nichts barrierefrei. Da stand ich nun mit meinen D-Mark. 15 Jahre nach Inkrafttreten des Bundesbehindertengleichstellungsgesetzes, das Bundesgebäude zur Barrierefreiheit verpflichtet, war der Bereich für den Publikumsverkehr der Bundesbank immer noch nicht barrierefrei. Mehr Bundesgebäude als die Bundesbank kann ein Gebäude doch gar nicht sein, dachte ich, aber ich weiß auch, in Deutschland wird im Bestand so gut wie nicht umgebaut. Ich solle warten, sagte man mir. Und so wartete ich zwischen den Münzsammlern darauf, dass jemand mein Geldproblem löste.

D-Mark

Während ich wartete, fiel mir ein, wie absurd das alles ist. Der Finanzminister Deutschlands käme in seinem eigenen Land nicht einmal in der Bundesbank klar. Müsste sich vermutlich noch anpöbeln lassen, dass er sich vordrängeln will. Nach einiger Zeit erschien eine sehr freundliche und hilfsbereite Frau. Sie fragte nach meinen D-Mark und ich sagte ihr, ich habe eine Tupperdose voll mit Geld, die ich gerne tauschen würde. Sie sagte, sie würde das für mich erledigen. Und so übergab ich in diesem Gedränge einer Frau, der ich vertrauen musste, dass sie da arbeitet, in dem Gedränge meine 100 D-Mark. Nach einer ganzen Weile kam sie wieder, überreichte mir meine Tupperdose. Darin 50 Euro. Mission erfüllt. Nur zum Aufzug musste ich mich jetzt noch durchkämpfen. Die Münzsammler sind kein Volk, das sich einfach bewegen lässt, aber die nette Bundesbank-Mitarbeiterin bahnte mir den Weg.

Das sind so Situationen, wo ich merke, dass ich einen „Reversen Kulturschock“ bekäme, sollte ich jemals wieder nach Deutschland ziehen. Natürlich ist die „Bank of England“ barrierefrei. Das Gebäude ist uralt. Das der Bundesbank übrigens nicht. Mir fehlt da unterdessen jegliches Verständnis, wie man solch ein Gebäude, das umzubauen ginge, nicht einfach umbaut. Am Geld kann es bei der Bundesbank ja kaum liegen.

Jahresendfragebogen 2016

Vorherrschendes Gefühl für 2016?

Aua.

2016 zum ersten Mal getan?

Die Goldenen Blogger mitdirigiert. Hat viel Spaß gemacht.

In Irland gewesen. Keine Ahnung, warum ich da nicht mal früher hingeflogen bin. Da musste erst die re:publica einen Klassenausflug organisieren.


2016 leider gar nicht getan?
Wirklich das Leben genossen, bis auf die eine Woche Urlaub am Ende des Jahres. Weil ich immer entweder Schmerzen hatte oder nicht richtig essen konnte oder Medikamente nahm oder alles zusammen.

Wort des Jahres?

Dry socket. Auch nach zehn Jahren auf der Insel lernt man immer noch neue Vokabeln. Diese ist allerdings besonders schmerzhaft, kann lange dauern und wünscht man seinem schlimmsten Feind nicht.

Getränk des Jahres?

Der tolle Apfel-Cocktail im Hotel in Lissabon. Überhaupt habe ich viel in Hotelbars nette Stunden verbracht.

Bestes Essen des Jahres?

Alles Portugiesische in Lissabon, Spargel-Crepes in Brixton und Indisch bei Dishoom.

Meistangerufene Person?

Keine Ahnung. Meistbesuchte Person war definitiv mein Zahnarzt.

Die schönste Zeit verbracht mit?

Artur in Lissabon.

Die meiste Zeit verbracht mit?

Im Bett liegen. Ich glaube, ich war kaum ein Jahr so viel und lange krank wie 2016. Und immer wenn ich dachte, jetzt geht’s wieder, einen Tag also zum Beispiel rausgegangen bin, lag ich wieder vier Tage flach vor Erschöpfung.

Song des Jahres?

Mal wieder ein Eurovision-Song, und zwar der Österreichische. 


Beeindruckendstes Buch des Jahres?

Ich habe 2016 so viel gelesen wie nie. 54 Bücher, um genau zu sein. Wenn man krank ist, hat man ja viel Zeit. Zudem habe ich wirklich in jeder freien Minute und im Auto Hörbücher gehört. Da der Weg zu meinem Zahnarzt 90 Minuten beträgt und ich da wirklich oft war, kam da einiges zusammen. Hier die drei beeindruckendsten Bücher:

1. Meinen Hass bekommt ihr nicht von Antoine Leiris
2. Wer den Wind sät: Was westliche Politik im Orient anrichtet von Michael Lüders
3. The Life-Changing Magic of Not Giving a Fuck von Sarah Knight

Erkenntnis des Jahres?

Man kann auch einfach mal krank sein. Auch für länger. Die Welt dreht sich trotzdem weiter.

Drei Dinge auf die ich gut hätte verzichten können?

Alle verf*ckten Infektionen, die ich dieses Jahr hatte. Allesamt sehr originell und abendfüllend, wenn man davon erzählt, aber sehr schmerzhaft.
Die behindertenfeindlichen Kommentare unter meinen Texten.
Das Brexit-Referendum und seine Auswirkungen.

Beste Idee/Entscheidung des Jahres?

Mal ein paar Gänge zurückzuschalten.

Schlimmstes Ereignis?

Das Brexit-Referendum. Ich bin eigentlich immer noch geschockt.

Schönstes Ereignis?

Urlaub in Portugal.

2016 war mit einem Wort?

Anstrengend.

Jahresendfragebogen 2015

Vorherrschendes Gefühl für 2015?
WTF

2015 zum ersten Mal getan?
Den Eurovision Song Contest gecovert. Und es war toll.
Die Queen live erlebt. Und es war beeindruckend.
Eine Ethikdebatte losgetreten. Und es war überraschend.
Und so viele andere Dinge wie nie zuvor zum ersten Mal gemacht.

2015 leider gar nicht getan?
Wirklich Urlaub gemacht

Wort des Jahres?
Yalla Yalla

Getränk des Jahres?
Pfirsich-Eistee und Wiener Melange

Bestes Essen des Jahres?
Die tollen Reisgerichte von Sikh Help Austria, die sie am Hauptbahnhof ausgegeben haben, und das syrische Dinner in Hamburg.

Meistangerufene Person?
Telefonieren ist so 2014.

Die schönste Zeit verbracht mit?
Mit den lieben Menschen von Train of Hope Wien, vor allem mit dem tollen Infotisch-Team, und zuletzt virtuell viel gelacht mit dem A-Team in Hamburg.

Die meiste Zeit verbracht mit?
Spenden annehmen, Zugverbindungen raussuchen, Fragen beantworten, Probleme lösen. Und zwar alles yalla yalla.

Song des Jahres?
Der Eurovision Song Contest-Beitrag von UK (ja, ich weiß, ich bin die Einzige, die das Lied mochte):
Still in love with you. In der Gebärdensprachversion. Sehr tanzbar. Auch im Pressezentrum. Es soll da Videobeweise geben.

Wobei „Golden Boy“ von Israel war auch super. Also jedenfalls die Stimmung im Pressezentrum während des Auftritts.

CD des Jahres?
Die Toten Hosen – Reich & Sexy II. Und die Toten Hosen auf dem Heldenplatz in Wien live zu erleben war großartig.

Beeindruckendstes Buch des Jahres?
Goodbye, Jehova. Wie ich die bekannteste Sekte der Welt verließ.

Erkenntnis des Jahres?
1. Wie 2013: Mein Bauchgefühl hat so gut wie immer recht. 2. Ich habe wirklich tolle Freunde.

Drei Dinge auf die ich gut hätte Verzichten können?
Januar, Februar, März, April, Juni, Juli, August – ups, das waren schon sieben.

Beste Idee/Entscheidung des Jahres
Konsequent zu bleiben.

Schlimmstes Ereignis?
Ich kann mich nicht entscheiden. Das Jahr war ziemlich bescheiden, aber ab September wurde es besser.

Schönstes Ereignis?
Die Helferparty der Stadt Wien und das tolle Wochenende davor.

2015 war mit einem Wort?
Achterbahn.

Danke, Train of Hope!

Ich komme gerade von einer Podiumsdiskussion zum Thema behinderte Flüchtlinge in Europa. Dieser Abend ist eine gute Gelegenheit mal Revue passieren zu lassen, was mir in den vergangenen Wochen so passiert ist und was ich gelernt habe. Ich glaube, ich übertreibe nicht, wenn ich sage, die Erfahrungen mit den Flüchtlingen und dem „Train of Hope“ in Wien werden mich nachhaltig prägen und auch Einfluss darauf haben, wie ich mich künftig engagiere und mit wem und vor allem unter welchen Bedingungen.

Train of Hope Plakat

Vorweg muss ich sagen, ich bin meinen Mithelferinnen und -helfern – viele von ihnen waren selber Flüchtlinge – sehr dankbar für die tollen Erfahrungen und die gegenseitige Unterstützung. Das was am „Train of Hope“ im Team erreicht wurde, war für mich unvorstellbar und es macht mich so stolz, wenn ich auf die letzten Wochen zurückblicke.

Es gibt ein paar Punkte, die ich festhalten möchte, auch weil ich glaube, dass sie anderen engagierten Menschen helfen könnten und auch den NGOs, die mit Freiwilligen arbeiten, auch wenn vieles natürlich subjektiv ist und meine Erfahrungen sich speziell auf den „Train of Hope“ beziehen.

Nicht reden, machen

Ich habe beim „Train of Hope“ erst im Lager, der Spendenannahme und in den vergangenen Wochen am Infotisch gearbeitet. Der Infotisch infomierte Flüchtlinge über Reiserouten, Preise und wir versuchten auch sonst jede Frage zu beantworten, die wir gestellt bekamen. Damit hatte ich wochenlang ständig direkten Kontakt mit geflüchteten Menschen.

Das Erfolgsrezept des „Train of Hope“ kann man definitiv mit „Nicht reden, machen“ zusammenfassen. Diese Devise wirkte auf mich wie ein Magnet. Wer einmal dort mitgearbeitet hat, wirklich praktische Hilfe leisten konnte, kam immer wieder. Die Möglichkeit dort zu helfen, hätte nicht niederschwelliger sein können: Man geht einfach hin, wenn man Zeit hat und bleibt so lange man kann. Später als wir mehr in Teams zusammenarbeiteten, begannen die Teams Dienstpläne zu erstellen, aber auch diese waren sehr flexibel.

Ich hatte von Anfang an keine Angst, Entscheidungen zu treffen. Ich habe viel aus dem Bauch heraus entschieden, gerade weil alles neu war und das fand ich toll. Hierarchien gab es am Anfang so gut wie nicht. Es war teilweise Chaos pur, aber es funktionierte trotzdem. Es funktionierte, weil jeder Verantwortung übernahm. Nicht reden, machen. Eine falsche Entscheidung ist besser als keine.

Eure Bürokratie nervt

Aus dieser Erfahrung heraus kann ich sagen, ich habe eine ziemliche Allergie gegen Bürokratie entwickelt. Gegen österreichische insbesondere. Kein Formular hat jemals einem Flüchtling den Hunger gestillt. Wenn man fragt, was derzeit konkret getan wird, um beispielsweise behinderte Flüchtlinge zu versorgen, dann hört man, man erfasse derzeit den Bedarf. Seit Monaten. Man zählt also. So lange man zählt, muss man sich nicht mit konkreten Problemlösungen befassen. Nicht zählen, machen. Und ich habe zunehmend den Eindruck, die Bürokratie ist derzeit die größte Barriere bei der Hilfe für Flüchtlinge. Ob beabsichtigt oder nicht, es nervt tierisch. Und jede NGO, die erstmal mit Formularen um sich wirft, bevor man helfen kann, werde ich nicht unterstützen.

Behinderte Flüchtlinge sind kein Randthema

Wann immer ich über behinderte Flüchtlinge spreche und von denen erzähle, denen ich am „Train of Hope“ begegnet bin, kommt die Antwort „Gibt es denn welche?“ oder „Das können wir derzeit nicht leisten, die auch noch zu versorgen“. Dabei haben Deutschland und Österreich die UN-Behindertenrechtskonvention unterzeichnet. Behinderte Flüchtlinge sind besonders schutzbedürftig. Die Staaten stellen sich nur offensichtlich überhaupt nicht darauf ein. Und dann frage ich mich, was passiert eigentlich im Katastrophenfall? Heißt es dann auch, man könne sich jetzt nicht auch noch um behinderte Bürger kümmern? Mein Verdacht ist: Genauso wird es sein. Oder weiß der Katastrophenschutz dann, wo die nächste barrierefreie Unterkunft ist? Und warum wissen sie es dann jetzt nicht? Und gibt es dann plötzlich genug barrierefreie Unterkünfte? Wohl kaum.

Pausen sind wichtig

Die längste Schicht am Hauptbahnhof, die ich gemacht habe, war 14 Stunden lang. Mit zwei Klo-Pausen. Gegessen wurde als der Burgerladen im Hauptbahnhof Burger für die Helfer vorbeibrachte. Die Pause war 10 Minuten lang. Das kann man ein oder zweimal machen, danach wird man krank. Hab ich für Euch ausprobiert. Nicht nachmachen, jedenfalls nicht, wenn man über 30 ist.

Nachdem ich zum Infotisch gewechselt bin kam zu der körperlichen Belastung die mentale hinzu. Denn die persönlichen Geschichten der Flüchtlinge machen den Krieg plötzlich sehr real. Wenn Menschen ihr Hemd anheben und ihre Schussverletzungen zeigen zum Beispiel. Oder wenn Menschen ihre Angehörigen auf der Flucht verloren haben und hoffen, sie bei uns wiederzufinden. Ich brauchte zwischendurch immer mal wieder eine Verschnaufpause, war nicht mehr jeden Tag am Bahnhof und bin dann wieder aufgeladen dorthin zurück. Ich glaube, das hat mich davor bewahrt, mit den vielen Geschichten nicht mehr umgehen zu können.

Austausch ist noch wichtiger

Oh Facebook, Whatsapp & Co. – ohne Euch wäre es in den letzten Wochen sehr schwer geworden. Nicht nur zur Unterstützung für die Flüchtlinge, sondern auch zum Austausch mit anderen Helfer. Es war einfach immer jemand online, der einem zuhörte, auch wenn gerade im Real Life niemand da war. Dieser Austausch ist immens wichtig. Niemand musste mit den Erlebnissen alleine fertig werden. Unser Infotischteam hat eine eigene Whatsapp-Gruppe und wir reden dort über alles mögliche. Tag und Nacht. Aber natürlich auch über die Dinge, die wir am Hauptbahnhof so erlebten. Und ich kenne die Nachteulen unter meinen Helfer-Freunden (Hallo Gil!) und weiß, wen man auch noch um 2 Uhr nachts ansprechen kann.

Hierarchien sind überbewertet

Irgendwann zog man beim „Train of Hope“ Hierarchien ein. Es gab plötzlich Teamleiter und einen Vorstand. Es gab einige Helfer, die sich das gewünscht hatten. Die Vereinsgründung war aus finanziellen und rechtlichen Gründen notwendig geworden.

Heute denke ich, damit ging der Charme von „Train of Hope“ etwas verloren und ich kann auch nicht sagen, dass diese Hierarchien wirklich zu einem verbesserten Arbeiten geführt hätten. Beim Infotisch waren immer alle gleich und das haben wir gefühlsmäßig auch so beibehalten, auch mit Teamleitern. Dass diese Hierarchien aber zwingend notwendig sind, kann ich nicht bestätigen. Dafür braucht man allerdings Menschen, die eigenverantwortlich handeln und auch handeln wollen und die Teamplayer sind. Wer allerdings kein Teamplayer ist, wird es in der Flüchtlingshilfe sowieso schwer haben.

Eine Handynummer bedeutet Verantwortung

Ich habe ein paar Flüchtlingen meine Handynummer gegeben. Bereut habe ich es bislang kein einziges Mal. Im Gegenteil. Ich finde es sehr erfüllend zu sehen, was aus den Menschen wird, wenn sie erstmal dort angekommen sind, wo sie hinwollten und wenn man sie auf diesem Weg ein bisschen begleiten kann. Aber es kann eben auch Verantwortung bedeuten, wenn sie Unterstützung brauchen, kann man schlecht sagen, das interessiert einen jetzt nicht mehr. Also ich kann das jedenfalls nicht. Ich fühle mich verantwortlich. Und bevor ich jemandem meine Handynummer gebe, überlege ich mir, ob ich bereit bin, dieser Person weiter zu helfen oder eben nicht.

Vielfalt ist toll

Seit ich für die BBC gearbeitet habe, weiß ich, wie toll es ist, in vielfältigen Teams zu arbeiten. Am Infotisch war die jüngste Helferin 18, die Älteste 55. Wir hatten mehrere arabischstämmige Helferinnen und Helfer, die gedolmetscht und auch beraten haben. Wir haben alle einen ganz anderen beruflichen Hintergrund. Trotzdem sind wir unterdessen ein sehr eingeschworenes Team und wirklich gute Freunde geworden.

Danke „Train of Hope“

Als die Olympischen Spiele und die Paralympics 2012 in London zu Ende waren, waren wir alle traurig, weil wir dachten, ein derartiges Gemeinschaftsgefühl nie mehr erleben zu können. Wie oft hat man schon die Gelegenheit mit Hunderten von Menschen gemeinsam solch ein Projekt stemmen zu können? Der „Train of Hope“ hat mich das noch einmal erleben lassen. Dafür bin ich unendlich dankbar.

Jahresendfragebogen 2014

Jaha, ich schaffe es doch noch in diesem Jahr dieses Blog wenigstens noch einmal zu befüllen. Ich war nicht untätig dieses Jahr, ich habe nur mehr als 40 Mal bei Stufenlos gebloggt. Ich verspreche auch gar nicht, dass das 2015 besser wird und ich hier wieder etwas mehr schreibe, aber ich nehme es mir zumindest vor. Hier kommt also der ultimative Jahresendfragebogen (kopiert bei Don Dahlmann und ein bisschen geändert).

Beste Entscheidung: Einen Vertrag nicht zu kündigen.

Beste Anschaffung: Mein MacBookAir. Eigentlich schon Ende 2013 gekauft, aber erst 2014 richtig eingesetzt. Nie bereut.

Dämlichste Anschaffung: Eine Desigual-Handtasche. Hat genau eine Woche gehalten.

Getränk des Jahres: Almdudler

Bestes Essen: Alles in Wien – Schnitzel, Gulasch, Knödel, Braten, Schnitzel und natürlich Schnitzel.

Lied des Jahres: Viva la vida

Beste Idee: In Wien nicht am Flughafen zu wohnen.

Dämlichste Idee: Ehrlich gesagt war ich 2014 ganz vernünftig. Ich bemühe mich, das 2015 zu ändern.

Kurzsichtiger oder weitsichtiger? Kurzsichtiger. Ich warte schon wieder auf neue Gläser.

Beste Lektüre: Brixton Hill von Zoë Beck.

Langweiligste Lektüre: MindMaps for Business.

Haare länger oder kürzer? Länger.

Mehr ausgegeben oder weniger? Gleich viel.

Die gefährlichste Unternehmung? Bei 10km/h an einem gepimpten E-Rolli hängen und nachts bei Eiseskälte durch Wien rasen.

Die teuerste Anschaffung? Ein neues Auto. Volkswagen. Gute Entscheidung nach dem Desaster mit Ford.

Das leckerste selbst gemachte Essen? Käsefondue.

Die meiste Zeit verbracht mit…? Schreiben, reden, schulen.

Die schönste Zeit verbracht…? In Wien. Fast einen ganzen Monat lang. Super anstrengend aber trotzdem wie Urlaub. Ja, das geht.

Vorherrschendes Gefühl 2014? Es läuft.

2014 zum ersten Mal getan? 1. Bei ZEIT Online einen Blog gestartet. 2. Zwei Wochen lang für die BBC mein Leben gefilmt.

2014 nach langer Zeit wieder getan? Viel gelesen.

Drei Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen? 1. Meine Zeit im Wartezimmer wegen irgendwelcher Zipperlein. 2. Behindertenfeindliche Kommentare 3. Idiotische Bürokratie

Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte? Geld für den Umbau der Crossrail-Stationen im Haushalt zu finden.

Größter Erfolg: Gemeinsam mit Transport for All den Londoner Bürgermeister, Transport for London und die britische Regierung dazu bewegt zu haben, alle Crossrail-Stationen, die in das Crossrail-Netz integriert werden, barrierefrei umzubauen. Dafür war ich unter anderem bei mehreren Ministern und habe in meiner zuvorkommenden deutschen Art auf den Tisch gehauen unser Anliegen vorgetragen. Wir haben es am Ende durchgesetzt!

Größte Enttäuschung: Das Urteil, das Rollstuhlfahrern keinen Vorrang in britischen Bussen vor Kinderwagen gibt – auf Rollstuhlplätzen. 2015 geht der Fall vor den Supreme Court.

Journalismus

Älteste Interviewte: Stella Rutter (91)

Promis getroffen (und erkannt): Unter anderem Angelina Jolie und Brad Pitt

Am meisten geschrieben über: Die Kirche von England und die Zulassung von Frauen im Bischofsamt

Größte Herausforderung: Ein Artikel über eine musikwissenschaftliche Entdeckung.

2014 war mit 1 Wort … ? Abwechslungsreich.

Buchchallenge

Ich wurde von Benedikt Lika nominiert, zehn Bücher aufzulisten, die mir ganz besonders wichtig sind, die mich auf irgendeine Art beeinflusst haben, oder die mir einfach immer als besondere Bücher in Erinnerung bleiben.

Los geht’s:

PipiPippi Langstrumpf von Astrid Lindgren – „Ich mach mir die Welt, widdewidde wie sie mir gefällt“ finde ich immer noch eine prima Einstellung.

Wir nennen es Arbeit von Holm Friebe und Sascha Lobo – Gelesen, festen Job aufgegeben, nie bereut.

Autobiografie einer Optimistin von Alison Lapper – Tolle Frau, tolles Buch.

Watching the English: The Hidden Rules of English Behaviour von Kate Fox – Das Buch hat mir am Anfang in London das Leben gerettet. Ich habe endlich verstanden, warum der Concierge in unserem Haus immer so komisch reagiert hat, wenn ich in Wetterfragen nicht mit ihm einer Meinung war. Und warum die Briten überhaupt so gerne übers Wetter reden.

Scapegoat: Why We Are Failing Disabled People von Katharine Quarmby – Wer verstehen möchte, was Hasskriminalität gegen behinderte Menschen bedeutet, wie sie sich zeigt und woher sie kommt, dem kann ich das Buch nur empfehlen.

Deutschland Schwarz Weiß von Noah Sow – Sehr lesenswertes Buch zum Thema Alltagsrassismus.

Glückskinder: Warum manche lebenslang Chancen suchen – und andere sie täglich nutzen von Hermann Scherer – Das Buch habe ich am Flughafen gekauft, weil mir die Aufmachung so gut gefiel. Den Inhalt fand ich aber noch viel besser.

Soul Trader von Rasheed Ogunlaru – eines der besten Businessbücher, das ich je gelesen habe. Vor allem für Gründer und Startups sehr zu empfehlen.

Die Kunst des Klüngelns von Anni Hausladen – Ich habe das Buch zu Beginn meines Berufslebens gelesen und kann rückblickend sagen, das war kein schlechter Zeitpunkt.

Momo von Michael Ende – Oh, was habe ich Momo geliebt. Und dank dieses Buches früh viel gelernt.

Wahlen, Inklusion und die britische Polizei

Wahlen

Behinderte an Wahl gehindert
Während manche Europäer wohl gleich zwei Mal gewählt haben, hat man behinderte Menschen in Brandenburg an der Wahl gehindert.

Gesundheit

UK child death rate among worst in western Europe Nur in Malta sterben in der EU noch mehr Kleinkinder vor dem 5. Lebensjahr als in Großbritannien. Grund: Armut. Unfassbar.

Inklusion

Der lange Weg zur Inklusion
Benedikt Lika ist einer der tollen Menschen, die man einfach so in diesem Internet trifft. Seit 2007 hat sich der Dirigent mit dem Projekt „Roll and Walk“ in seiner Heimatstadt Augsburg einen Namen gemacht. Er bietet einerseits jungen talentierten Musikern eine Plattform in seinem Orchester, anderseits möchte er insbesondere Menschen mit Behinderung den Zugang zur klassischen Musik eröffnen. Außerdem ist er seit kurzem Mitglied des Stadtrats nachdem ihn die Augsburger weit vorne auf die Liste katapultierten. So geht Inklusion.

Down’s Syndrome student held in cell for nine hours after going into school on Bank Holiday Monday to retrieve his favourite baseball cap
Ein Junge mit Down-Syndrom bricht an einem schulfreien Tag in seine Schule ein, weil er seine Kappe dort vergessen hatte, an der er so hängt. Die Londoner Polizei nimmt ihn fest und hält ihn neun Stunden lang fest bis die Schule und ein Anwalt intervenieren können. So geht Inklusion nicht.

Lernen behinderte Kinder an Regelschulen besser? Die Wissenschaftler vom Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen kommen zu dem Schluss, dass Kinder mit Förderbedarf mehr und besser lernen, wenn sie mit nichtbehinderten Kindern gemeinsam unterrichtet werden. Na welch Überraschung!

Matthias Schweighöfers Meniskus und meine Lebensqualität

Sticker Walking is overratedMatthias Schweighöfer hat Meniskus-Probleme. Das ist sehr bedauerlich. Und weil er ein Meniskus-Problem hat, glaubt er nun, mein Leben und das anderer Querschnittgelähmter beurteilen zu können. Glaubt Ihr nicht? Dann lest mal das hier:

Ich war selbst leidenschaftlicher Läufer, bis mir mein Meniskus einen Strich durch die Rechnung gemacht hat. Wie muss es erst den Menschen gehen, die querschnittsgelähmt sind? Ich würde alles dafür tun, dass man einen Weg findet Querschnittslähmung zu heilen und all diesen Menschen ihr Leben und ihren Lebensmut zurückgeben zu können.

Mit diesem Geschwurbel ruft Schweighöfer dazu auf, die Forschung zur Heilung von Querschnittlähmung zu unterstützen, indem man bei einem Rennen für ihn startet.

Nun ist es Matthias Schweighöfer unbenommen Geld zu sammeln, für was er will. Für die Erforschung von Querschnittlähmung oder was auch immer. Er könnte auch für die Erforschung der Vanilleduft-Extraktion aus Kuhdung oder das Sprachverständnis von Ratten sammeln, nur – Überraschung! – all das hat mit meiner Lebensqualität rein gar nix zu tun. Glaubt Ihr nicht? Ist aber so. Sogar wissenschaftlich bewiesen:

  • Schon 1973 stellten Forscher keinen Unterschied bei behinderten und nichtbehinderten Menschen fest, wenn sie zu ihrer Zufriedenheit, ihrer Laune oder ihrem Frustationsgrad befragt wurden. (P Cameron et al., Journal of Consulting and Clinical Psychology, 1973, vol. 41, 207-214)
  • 1994 gaben 86 Prozent der befragten, hoch querschnittgelähmten Menschen (Tetraplegie) in einer Studie an, ihr eigenes Leben als „durchschnittlich“ oder „besser als durchschnittlich“ zu bewerten. (KA Gerhart et al., Annals of Emergency Medicine, 1994, vol. 23, 807-812).
  • In einer Studie mit älteren querschnittgelähmten Menschen bewerteten diese ihre Lebensqualität sogar höher als nichtbehinderte Menschen der gleichen Altersgruppe. (MG Eisenberg & CC Saltz, Paraplegia, 1991, vol. 29, 514-520).

Und es gibt noch viele weitere Studien dazu, die mehrheitlich alle das Gleiche sagen: Die Fähigkeit, laufen zu können, hat kaum Einfluss auf die Beurteilung der eigenen Lebensqualität. Wenn Matthias Schweighöfer also meint, querschnittgelähmten Menschen „ihr Leben und ihren Lebensmut“ zurückgeben zu wollen, ist er einfach auf dem falschen Dampfer. Danke, haben wir schon!

Sollte Matthias Schweighöfer aber wirklich etwas zur Verbesserung der Lebenssituation querschnittgelähmter Menschen tun wollen, könnte er bei den Sozialhelden eine Rampe spenden. Über jedes Lokal mehr, in das ich hineinkomme, freue ich mich. Oder er könnte dafür sorgen, dass seine Filme nur noch in barrierefreien Kinos laufen.

Nicht das „nicht Laufen können“ ist das Problem, sondern die Barrieren im Alltag, die nicht weggehen, indem man in die Forschung gegen Querschnittlähmung investiert. Zudem ist es ziemlich illusorisch zu glauben, dass die jetzige Generation an Querschnittgelähmten davon noch etwas hat. Seit ich denken kann, höre ich, dass es bald ein Mittel gegen Querschnittlähmung geben wird. Man sei kurz vor dem Durchbruch. Ich bin jetzt 37 Jahre querschnittgelähmt. Wenn ich meine Lebensfreude von dieser Forschung abhängig gemacht hätte, meine Güte…

Blogstöckchen: Fünf Bücher

Zum Welttag des Buches macht ein Blogstöckchen die Runde. Ich habe es von Frau Gehlhaar gefangen und habe mich daher extra aus dem Bett bewegt (bin krank), um ganz schnell diesen Blogeintrag zu schreiben (jaja, ich geh dann auch ganz schnell wieder weg vom Rechner!).

Die Aufgabe lautet:

“Zähle 5 Bücher auf, die ganz oben auf deiner Wunschliste stehen, die aber KEINE Fortsetzungen von Büchern sind, die du schon gelesen hast – sie sollen also völlig neu für dich sein. Danach tagge 8 weitere Blogger und informiere diese darüber.”

Hier ist meine Liste:

Richard Branson: Screw it, let’s do it.

Auf Deutsch heißt das Buch „Geht nicht gibt’s nicht!: So wurde Richard Branson zum Überflieger. Seine Erfolgstipps für Ihr (Berufs-) Leben.

Richard Branson ist ein sehr erfolgreicher britischer Unternehmer. Wer in Großbritanniens Business-Welt unterwegs ist, stößt irgendwann auf seinen Namen. Er ist das Vorbild für viele Gründer hier im Land. Ich habe mich aber noch nicht sehr intensiv mit ihm beschäftigt, geschweige denn ein Buch von ihm gelesen, aber ich denke, ich sollte das endlich mal tun.

Nilz Bokelberg: Endlich gute Musik: Diese Lieder müssen sein

Nilz Bokelberg erzählt ein Leben anhand von Musik: große Songs, wichtige Platten, aber auch musikalische Enttäuschungen. Nilz ist mein Jahrgang, seine Karriere startete er als VJ beim Musiksender VIVA. Ich bin also irgendwie mit ihm aufgewachsen. Unterdessen folgen wir uns online, wo man sich so folgen kann und ich lese gerne Bücher von Menschen, zu denen ich irgendwie einen Bezug habe. Und Musik ist ja eh ein super Thema…

Sheryl Sandberg: Lean In: Women, Work, and the Will to Lead

Auf Deutsch heißt das Buch Lean In: Frauen und der Wille zum Erfolg. Ich hätte es schon gelesen, wenn es in UK als Hörbuch zum Download erhältlich wäre. Ist es aber nicht und weil ich gerade etwas Schwierigkeiten habe zu Lesen (ja, ich geh auch gleich wieder vom Bildschirm weg!), hätte ich es gerne angehört. Wegen des Rechte-Irrsinns steht es immer noch auf meiner Wunschliste.

Sheryl Sandberg ist Geschäftsführerin von Facebook und gehörte davor zur Führungsmannschaft bei Google. Sie geht in dem Buch der Frage nach, wie mehr Frauen in anspruchsvollen Jobs an die Spitze gelangen können.

Jane Campbell / Mike Oliver: Disability Politics

Das Buch erzählt die Geschichte der Behindertenbewegung in Großbritannien. Co-Autorin ist das heutige Oberhaus-Mitglied Jane Campbell, die Rollstuhlfahrerin ist und sich seit Jahrzehnten für Inklusion und Teilhabe behinderter Menschen einsetzt. Ich finde immer noch sehr faszinierend, wie es behinderte Menschen geschafft haben, sich erfolgreich dafür einzusetzen, dass das Land innerhalb von 20 Jahren komplett auf den Kopf gestellt und massiv in Barrierefreiheit investiert wurde und eine entsprechende Gesetzgebung folgte.

Zoe Beck: Brixton Hill

Zwei Tage nachdem jemand auf Facebook das Buch empfahl, war ich in der Straße Brixton Hill und habe mich total verlaufen. Wenn das kein gutes Omen ist, das Buch zu lesen, dann weiß ich auch nicht…

Ich gebe das Blogstöckchen weiter an jeden, der es gerne möchte…