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Archiv für Hamburg

Was bei der Haspa und anderen schief läuft

Es war 1997 als mein Freund und ich vergeblich versuchten, in Hamburg ein Konto bei der Hamburger Sparkasse (Haspa) zu eröffnen. Wir waren beide Studenten, verdienten aber beide schon ganz gut Geld. Mein Freund bezog zudem Blindengeld, eine Leistung, die allen blinden Menschen in Hamburg einkommensunabhängig zusteht. Das wollte die Mitarbeiterin der Haspa aber nicht glauben und lehnte meinen Freund kurzerhand als Kunden ab – weil er Blindengeld bezog. Auch auf unseren Hinweis hin, dass sie mit dieser Regel ausschließen, dass blinde Menschen bei ihnen ein Konto eröffnen können, beeindruckte die Mitarbeiterin nicht. Sie würden grundsätzlich keine Kunden annehmen, die Geld vom Landessozialamt beziehen. Von dort kommt das Hamburger Blindengeld. Wir gingen zur Deutschen Bank, die uns problemlos willkommen hieß.

Warum ich diese Geschichte erzähle? Weil ich mich heute wieder daran erinnerte als ich den Blogeintrag von Gerlef Gleiss las, in dem er berichtet, dass Mitarbeiter einer Haspa-Filiale einem behinderten Kunden mitteilten, ihn künftig nicht mehr bedienen zu wollen, da seine Behinderung, eine Muskelerkrankung, sie anekele und sie auch nicht wüssten, wie sie mit ihm umgehen sollten.

Wenig später meldete sich Marco Zehe in den Kommentaren des Blogs von Jens Bertrams und berichtete, dass die Haspa ihm vor Jahren eine ec-Karte verweigert habe, da er blind sei und deshalb das Sicherheitsrisiko zu hoch sei, ihm eine Karte zu geben. Er wechselte die Bank.

Auch die Haspa hat sich unterdessen mit einer etwas hilflosen Stellungnahme zu Wort gemeldet. Ich glaube wirklich, dass es ihnen leid tut. Denn die Mopo hat zwar aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen nicht berichtetet, aber der Blogeintrag dürfte die Reichweite der Mopo unterdessen um ein Vielfaches überschritten habe. Natürlich tut es der Haspa leid, so durch den Twitter-und-Facebook-Fleischwolf gedreht zu werden.

Aber was hätte man denn tun sollen, um sowas zu verhindern? Mir fallen da ein paar Dinge ein. Zu erst einmal muss das Problem innerhalb des Unternehmens als solches erkannt werden. Die Mitarbeiter sind im Umgang mit behinderten Kunden offensichtlich überhaupt nicht geschult und machen deshalb Fehler – um es mal deutlich zu sagen: Sie diskriminieren die eigenen Kunden bzw. potenzielle Kunden. Das kann niemals im Interesse eines gewinnorientierten Unternehmens sein. Dass das kein Einzelfall ist, zeigen die anderen Fälle.

Die Haspa hätte sehr gut an uns verdienen können, wenn sie nicht gleich drei gut ausgebildete behinderte Kunden vergrault hätte. Der Schaden liegt im Nachhinein betrachtet in erster Linie bei der Bank. Wir haben unser Geld einfach woanders hingetragen.

Die Stellungnahme der Haspa zum aktuellen Fall macht aber deutlich, dass auch die Unternehmensführung nicht so genau weiß, wie sie mit dem Thema eigentlich umgehen soll. Man weiß nur, so geht es nicht. Was ein Unternehmen wie die Haspa braucht, ist eine klare Strategie zum Umgang mit behinderten Kunden und bei der Kundengewinnung. Das hat in Großbritannien fast jedes mittelgroße bis große Unternehmen.

Ich habe gerade zufällig vor kurzem einen Vortrag der Lloyds Bank dazu gehört. Die machen das auch nicht, weil sie so megasozial sind, sondern weil sie behinderte Menschen als Kunden gewinnen wollen. Die Lloyds Bank hat zum Beispiel – wie fast jede britische Bank – behinderte Mysteryshopper, die die Bank auf solche Missstände hinweisen. Das sind behinderte Testkunden, die diverse Services der Bank nutzen und anschließend ein Feedback geben oder sich von sich aus melden und dafür bezahlt werden. Ein Kunde bemängelte beispielsweise, dass er blind ist und alleine lebt, das wisse die Bank auch, aber ständig würde jemand anrufen, um ihm eine Autoversicherung zu verkaufen. Das ist nicht einmal Diskriminierung, dennoch will die Bank so etwas abstellen. Es ist kein guter Kundenservice.

Und selbst kleine Unternehmen beschäftigen sich immer mehr mit dem Thema. Disability Equality Training gehört zu den Standardinhalten eines jeden Kundentrainings in UK. Damit sichern sich die Konzerne hier auch rechtlich ab, falls sie wegen Diskriminierung verklagt werden.

Ich war gerade fünf Tage lang London Ambassador bei den Olympischen Spielen, habe Besuchern den Weg zur nächsten U-Bahn gezeigt und alle möglichen Fragen beantwortet. Dafür bekam ich drei Tage Training und selbst in dem kurzen Training war der Umgang mit behinderten Besuchern Teil des Schulungsprogramms. Dieses wiederum kam von John Lewis, einer Kaufhauskette ähnlich wie Kaufhof in Deutschland. Das heißt, auch John Lewis schult ganz gezielt, was den Umgang mit behinderten Kunden angeht. Das ist in Großbritannien normal. Es kommt aber auch in Deutschland immer mehr. Ich schule selbst bei deutschen Unternehmen, die behinderte Kunden als loyale Zielgruppe erkannt haben. Und ich als Kundin kann nur sagen: Es macht sich bemerkbar. Ich werde, gerade bei John Lewis, vorbildlich bedient, niemand ignoriert mich, ich werde proaktiv angesprochen wie jeder andere Kunde auch.

Gerade weil behinderte Kunden oft schlechte Erfahrungen machen, schätzen sie die Unternehmen, die sie gut behandeln, und erzählen es sogar weiter – darüber gibt es eindeutige Studien in Deutschland und in Großbritannien.

Einer Bank wie der Haspa braucht man nicht mit sozialer Verantwortung kommen. Das ist mir klar. Aber wirtschaftlich schadet diskriminierendes Verhalten fast immer. Und ich rede nicht nur über die Reputationsschädigung via Twitter und Facebook wie heute, sondern es geht um den realen Verlust von Kunden.

Unternehmen müssen also klar machen, dass diskriminierendes Verhalten nicht geht, nach innen wie nach außen – und zwar mit Konsequenzen und der klaren Ansage, dass auch behinderte Menschen Kunden sind, die man gewinnen und halten will. Dazu gehört übrigens auch, die angebotenen Serviceleistungen möglichst barrierefrei zu gestalten.

C’est la vie

Ich erwähnte ja bereits, dass bei mir derzeit nichts so funktioniert, wie ich das plane. Heute war schon wieder so ein Tag.

Ich wollte von London aus mit dem Auto nach Hamburg fahren. Eigentlich wollte ich fliegen, aber bekam für heute keinen preiswerten Flug und dachte, ich fahre einfach mit dem Auto. Ich wollte sowieso ein paar größere Einkäufe machen, Leute besuchen und so weiter.

Ich weiß nicht mehr, was mich geritten hat, die Fähre zu buchen statt den Eurotunnel. Und dann auch noch mit Seafrance. Ich hatte Seafrance schon bei der Anmeldung mitgeteilt, dass ich Rollstuhlfahrerin bin. Das ist insofern wichtig, weil die Fährgesellschaften dann darauf achten, einen Autostellplatz in der Nähe des Fahrstuhls und mit genügend Platz zu geben. Vor der Einfahrt auf die Fähre kam sogar noch ein Mitarbeiter zu mir und fragte mich, auf welcher Seite des Autos ich denn Platz brauche. Ich dachte noch „Klappt ja super“, wurde aber auf der Fähre eines besseren belehrt. Ich bekam einen Stellplatz ohne Platz an der Fahrertür, konnte meinen Rollstuhl nicht ausladen. Und man muss bei der Überfahrt das Auto verlassen.

Also sagte ich dem Einweiser bescheid und diverse Autos mussten wieder rückwärts aus der Fähre rausfahren – so auch ich.
Ich hatte dann einen Platz in der Nähe der Fahrstuhltür, ging nach oben und freute mich auf Hamburg. Dort sollte ich nie ankommen.

In Calais angekommen fuhr ich von der Fähre und guter Dinge etwa zwei Kilometer weiter bis ich plötzlich fast die Kontrolle über mein Auto verlor. Ich wusste sofort, dass mir ein Reifen geplatzt ist und schaffte es gerade noch, das Auto auf den Standstreifen zu befördern – oder besser gesagt, auf das, was die Franzosen dafür halten. Das Hauptproblem war zu bremsen, ohne die Kontrolle über das Auto zu verlieren. Ich fuhr etwa 90 km/h als der Reifen platzte. Zudem endete der Standstreifen an der Stelle und verlief spitz zu. Ein Teil des Autos stand also auf der Fahrbahn, nicht viel, aber die LKW und Autos mussten schon etwas nach links ziehen, um an mir vorbeizukommen. Kurzum: Ich stand da saugefährlich und hatte richtig Angst.

Aufgeschlitzter Reifen

Da ich ja nicht so einfach aus dem Auto komme, sondern meinen Rollstuhl ausladen muss, was auf der Autobahn wenig ratsam ist, rief ich die Polizei an. Ich gebe zu, ich musste erst einmal überlegen, was denn in Frankreich die Notrufnummer ist. Da fiel mir ein, dass ich in meiner eigenen Zeitung mal eine Meldung hatte, dass es jetzt einheitliche europäische Notrufnummer gibt: 112. Da rief ich also an und es lief ein Band mit einer Ansage, die ich nicht verstand. Ich war mir nicht einmal sicher, ob das wirklich der Notruf ist. Es hörte sich eher an wie die Warteschlange eines Telefonanbieters. Aber es meldete sich eine Frau, die mir sagte, ich sei richtig. Ich erklärte ihr halb in Französisch, halb in Englisch meine missliche Lage und dass ich Rollstuhlfahrerin bin und dringend Hilfe brauche, weil ich mich nicht in Sicherheit bringen kann.
Sie schaltete mich in eine Dreierkonferenz mit der Polizei und erklärte der Polizei das Problem, erwähnte auch, dass ich behindert bin und mein Auto nicht verlassen kann, um mich in Sicherheit zu bringen.

Und dann denkt man als deutsch-britisch sozialisierter Mensch, da kommt jetzt gleich die Polizei mit Martinshorn und alles wird gut. Nicht so in Frankreich. Es kam erst einmal niemand. Ich rief in meiner Not den ADAC an, die auch in Frankreich ein Callcentre haben. Der Mann sagte mir, es würde in Frankreich lange dauern bis man auf der Autobahn Hilfe bekommt. Ich solle mich in Sicherheit bringen. Ich erklärte ihm, dass ich das nicht kann und er riet mir, nochmal bei der Polizei Druck zu machen.

Nach 45 Minuten rief ich also wieder an und sagte, ob ihnen klar sei, dass das lebensgefährlich ist, wie ich da stehe. Und siehe da, da kam dann doch mal ein Streifenwagen. Aber die sicherten nicht die Unfallstelle, sondern stellten sich ähnlich doof wie ich auf den Seitenstreifen – ohne Blaulicht, ohne Warndreieck. Keiner der beiden Polizisten sprach ein Wort Englisch. Und ich hatte zwar im Französischunterricht das Lied „Sur le pont d’Avingon“ gelernt und konnte beschreiben wie Madame Leroc Kuchen backt, aber leider nicht, wie man sich im Notfall verständigt. Wir verständigten uns mit Zeichensprache und ich verstand, dass ein Abschlepper bestellt wurde.

Der kam auch irgendwann und der durchaus kompetente Mensch machte den Polizisten klar, dass sie doch mal die Unfallstelle absichern sollten. Prima Idee! Da stand ich schon über eine Stunde auf der Autobahn.

Das Absichern der Unfallstelle sah dann so aus, dass die Polizistin sich ohne Warnweste, Kelle oder sonst was auf die Fahrbahn stellte und den Fahrern in ihrer weißen Bluse zuwinkte, die Spur zu wechseln. Vive la France! Allerdings stand unterdessen der Abschlepper hinter mir und so war ich etwas abgesichert.

Obwohl der ADAC noch sagte, dass man in Frankreich keine Reifen auf der Autobahn wechseln dürfe, begann der Mann den Reifen zu wechseln. So musste ich wenigstens nicht in irgendeine Werkstatt. Ich wär auch gar nicht in den LKW reingekommen und da die Polizei in einem Kleinwagen rumfuhr, wäre ich auch da eher schlecht reingekommen.

Nach der Aktion hielt ich es für keine gute Idee, weiter nach Hamburg zu fahren, zumal ich nicht wusste, in welchem Zustand das Ersatzrad ist, auch wenn mir der Techniker versicherte, ich solle ruhig damit fahren – nur mit dem Luftdruck wisse er nicht genau bescheid.

Ich fuhr also zurück – diesmal durch den Eurotunnel, nicht mit der doofen Fähre. Ich vermute, dass ich mir das Rad bei der Rückwärtsfahraktion auf der Fähre aufgeschnitten habe. Ist auch egal. Ich bin heilfroh, dass nichts passiert ist und ich noch lebe.

Und weil ich ja schon stur bin, fliege ich morgen trotzdem nach Hamburg. Mit der Swiss, auch wenn die gerade mal wieder nicht so genau weiß, ob sie mich als behinderte Passagierin mitnehmen möchte – ich hätte mich ja nicht 48 Stunden vorher angemeldet. Meine hellseherischen Fähigkeiten sind leider nicht so gut, dass ich gestern schon wusste, was mir heute passiert.

Leben ist das, was passiert, während du dabei bist, andere Pläne zu schmieden.

John Lennon hat mal gesagt: „Leben ist das, was passiert, während du dabei bist, andere Pläne zu schmieden.“ Wie recht er hatte! Egal, was ich gerade mache, plane oder mir vornehme, es kommt alles immer ganz anders, wie ich mir das vorher überlegt habe. Ich nehme mir Sachen vor, die schon nach 24 Stunden nicht mehr relevant sind, ich führe die besten Interviews mit Menschen, mit denen ich eigentlich gar nicht reden wollte, über Themen, von denen ich keine Ahnung habe. Ich gehe auf Partys, auf die ich gar nicht gehen wollte, und habe den größten Spaß.

Gerade sitze ich in einem Frankfurter Hotel in meinem alten Sopur-Rollstuhl (Insider erinnern sich vielleicht an die Zeit als Sopur noch cool war, ja, es ist lange her und der Rollstuhl dementsprechend alt). Mein Proactiv-Rollstuhl, der mir sieben Jahre treue Dienste geleistet hat und so gut wie nie Reparaturen hatte, ist mir gestern buchstäblich unterm Hintern zusammen gebrochen. Eine Achse ist gebrochen und die Stange am Rückenteil.

Nun muss ich zugeben, dass diese Entwicklung durchaus voraussehbar war. Sieben Jahre ist für meine Rollstühle ein geradezu biblisches Alter. Keiner meiner Rollstühle hat bislang länger als fünf Jahre in meinen Diensten gestanden. Schon im März ist mir beim Tanzen eine wichtige Schraube gebrochen und eine USA-Reise, die ich am nächsten Tag antreten wollte, stand auf Messers Schneide. Aber ich bin damals doch in San Diego angekommen und ein netter Fahrradladenbesitzer hat ihn repariert.

Am Tag vor der USA-Reise fragte mich eine Freundin, ob ich mit ihr in die Kensington Roof Gardens auf eine Party gehe. Auch wenn das defintiv der x zu vielste Event war, auf dem ich dieses Jahr war und ich mir vorgenommen hatte, an dem Abend früh ins Bett zu gehen, habe ich zugesagt, war aber zu faul, anzurufen und zu fragen, ob es barrierefrei ist. Ich dachte mir, 6. Stock, da stehen die Chancen gut, dass es einen Aufzug gibt. Es gab nicht nur einen Aufzug, es gab diverse und einen Hublift am Eingang.

Es gab Türsteher, die super nett und zuvorkommend waren, den Hublift bedient haben etc. Dann kam ich oben an und ein Mitarbeiter passte mich ab und sagte mir, ohne dass ich darum gebeten hatte, das Wichtigste über die Barrierefreiheit der Location: Wo die barrierefreie Toilette ist, wie ich in den Garten komme und dass ich jederzeit einen Mitarbeiter um Hilfe bitten kann. Da war ich ja schonmal baff über so viel Gastfreundlichkeit. Dann nahm er mir meine Jacke ab, damit ich nichts ins Gedränge an der Garderobe musste. Super nett!

Kensington Roof Gardens ist wahrscheinlich einer der besten Orte, um in London eine Party zu feiern. Es ist nicht nur sehr nett (eine Gartenlandschaft über den Dächern Londons), sondern auch noch barrierefrei, obwohl es viele Ebenen gibt. Aber es gibt Rampen, auch ins Partyzelt. England ist wirklich genial, was so etwas angeht.

Ich hatte jedenfalls einen super Abend. Die Live-Band war spitze und ich habe stundenlang getanzt und hatte Spaß. Als ich wieder zurück nach draußen wollte, merkte ich, dass sich die Einzelteile meines Rollstuhls selbstständig machten. Eine ziemlich wichtige Schraube war gebrochen. Der Kopf war einfach abgefallen. Verschleiß und Tanzen verträgt sich nicht.

Nun war das Problem, dass das Seitenteil daduch in meinem rechten Rad hing. Diverse Partygäste begannen, sich auf die Suche nach etwas zu machen, womit man die Schraube provisorisch ersetzen konnte. Es war wie im Film. Ein Mann entdecke Gartendraht und klaute diesen aus den Blumen. Unterdessen kam der Manager, der wiederum den Haustechniker rief, der sofort begann, den Rollstuhl zu reparieren. So gut es eben ging, mit Gartendraht. Also eine Party-Location, die um Mitternacht noch einen Techniker hat, der Rollstühle repariert, hat mich schwer beeindruckt und ich habe mich auch 1000 Mal bedankt. Britischer Pragmatismus pur! Die Leute waren alle so freundlich und hilfsbereit und machten gar kein Aufhebens darum. Man wollte mir einfach nur helfen.
Die Reparatur hielt nicht einmal bis zur U-Bahnstation. Die Freundin, die mich mitgenommen hatte, schob mich, da der Rollstuhl kaum noch fuhr. Von der U-Bahn habe ich mir dann ein Taxi nach Hause genommen. Und von dort am nächsten Tag mit dem Auto zum Flughafen und in den USA direkt in den nächsten Fahrradladen.

Gestern ist der Rollstuhl aber so gebrochen, dass man ihn maximal mit Schweißen reparieren könnte, wenn überhaupt. Ich habe bereits (okay, nicht bereits, aber dann doch mal) im Mai einen neuen Rollstuhl bestellt und dieser hatte vor zwei Wochen sogar schon einen Liefertermin, der aber nicht eingehalten wurde. Und nun hängt meine Terminplanung (fast hätte ich „Leben“ geschrieben) der nächsten Tage (hoffentlich nicht Wochen) in den Händen von Proactiv (das ist die Rollstuhlfirma, die gerade cool ist). Ich hoffe, die sind sich dessen bewusst und liefern den neuen Rollstuhl schnell. Am besten vorgestern. Dann könnte ich von Frankfurt nach Hamburg düsen und den Rolli abholen. Vielleicht sogar noch diese Woche. Oder nächste. Aber ich plane das mal lieber nicht. Geht ja eh wieder schief.

Zeichen der Ausgrenzung aus Stahl

Andreas Bemeleit beschreibt in seinem Weblog Zwischenzeit wie die Stadt Hamburg mit einer neuen Touristenattraktion behinderte Menschen ausgrenzt. Ein schönes Beispiel für Leute, die immer noch glauben, alle neuen Gebäude würden barrierefrei gebaut.

„Die Architekten von Bothe Richter Teherani haben in Allianz mit Hamburgs Senat und Bürgerschaft ein aus Beton und Stahl geschaffenes Zeichen der Ausgrenzung vollbracht. Sie schaden dem Image Hamburgs, indem sie Barrieren schaffen, die vermeidbar gewesen wären.“

Hier nachzulesen.

Lieber Flughafen Hamburg…

es ist immer schön zu wissen, dass alles so bleibt wie es ist, auch wenn man lange fort geht. Nicht auszudenken, wenn ich einmal bei Dir ankommen würde und es gebe plötzlich bei Dir eine angemessene Zahl an barrierefreien Toiletten an den Gates. Habe ich mich doch schon daran gewöhnt, dass der Gang zur Toilette in Bezug auf die Entfernung dem sich anschließenden Flug ähnelt.
Jetzt gibt es eine neue Toilettenanlage. Im Terminal 2, direkt am Fahrstuhl vor der Gepäckausgabe. Eigentlich ein idealer Ort, um eine barrierefreie Toilette zu installieren. Aber wir wollen ja, dass sich nichts ändert. Deshalb hast Du auch konsequenterweise keine barrierefreie Toilette eingebaut und die Anlage auch gleich mit Stufen versehen. Der alte Mann, der in meinem Flieger war, und am Stock ging, musste auch noch ein bisschen weiter laufen als alle anderen. Wäre ja aber noch schöner, wenn jeder Hans und Franz, gleich welchen Alters, Deine Toiletten benutzen könnte. Lieber Flughafen Hamburg, es ist toll, dass man bei Dir keine Überraschungen erlebt und alles beim Alten bleibt.
Auf meine Frage, was sich seit dem Inkrafttreten der neuen EU-Richtlinie für behinderte Passagiere am Flughafen geändert hat, sagte Deine Mitarbeiter: Ähm…Nichts. Das nenne ich wirklich konsequent.

London – Hamburg und zurück

Ich komme mir gerade vor, wie in den besten dpa-Zeiten, in denen ich fast alle zwei Wochen durch die Gegend geflogen bin: Letzte Woche Wien, heute Hamburg, übernächste Woche wieder Wien.
Heute war ich also in Hamburg, um einen Vortrag zu halten. Weil ich am Mittwoch abend einen Termin hatte, wollte ich nicht am Abend vorher anreisen und musste also die erste Maschine ab Heathrow nehmen. Ich bin schon jahrelang nicht mehr mit British Airways geflogen und so kannte ich das neue Terminal 5 noch nicht.
Ich bin mit dem Heathrow Express ab Paddington gefahren. Der Ein- und Ausstieg ist ebenerdig, es gibt nur eine kleine Schwelle. Der Zug hält direkt im Terminal, man muss nur mit dem Fahrstuhl nach oben fahren. Zum Fahrstuhl kam ich aber schon gar nicht, weil das Tor, durch das Rollstuhlfahrer vom Bahnsteig gehen, abgeschlossen war und niemand hatte einen Schlüssel. Das Tor ist deshalb nötig, weil rechts davon Stangen stehen, um zu vermeiden, dass die Leute mit den Kofferwagen direkt in den Zug fahren. Das hätte man durchaus eleganter lösen können. Ein Mitarbeiter hat dann eine der Stangen entfernt. Die Tücke liegt wie immer im Detail.
Der Fahrstuhl wiederum ist sehr interessant. Er hat keine Knöpfe, sondern er fährt dauernd Abflugebene, Ankunftsebene und Bahnhof an. Und immer ist einer der Fahrstühle erreichbar. Man muss nicht warten.
In der Abflughalle wurde ich das erste Mal mit den Neuregelungen der EU-Richtlinie für behinderte Reisende konfrontiert: Es gab nur Check-In-Automaten. An den Countern selber konnte man nur Gepäck abliefern, aber nicht einchecken. Ich bin nicht gewohnt, dass ich am Automaten einchecken kann, denn bislang musste ich immer zum Check-In, um Assistenz anzufordern. Ich habe noch nie in meinem Leben woanders eingecheckt als am Check-In, weil es nie ging und Rollstuhlfahrer bei manchen Airlines für Telefon-Checkin etc. sogar gesperrt sind. Ein Mitarbeiter erklärte mir, ich könne am Automaten einchecken und mich dann an den Service des Flughafens wenden. Völlig unbürokratisches Verfahren und schnell. Den Anhänger für den Rollstuhl könne ich am Gate ausdrucken lassen. Ich nehme an, dass die Mitarbeiter auch jemanden anrufen, falls jemand blind ist. Am Automaten einchecken geht jedenfalls nicht und ich hoffe, dass BA nicht irgendwann einfällt, diese Mitarbeiter einzusparen.
Ich ging also zum Service für behinderte Reisende, die es an immer mehr europäischen Flughäfen gibt. Der Mitarbeiter fragte, ob ich allein zum Gate gehen könne, dann würde er dort jemanden hinschicken. AUch das ging ratzfatz. Kein Anstellen mehr, gar nichts.
Dann kam ich zur Sicherheitskontrolle. Der Mitarbeiter forderte mich auf, eine der Kisten, in die man seine Sachen legt, nach oben aufs Band zu heben. Sie stehen auf Seite der Passagiere und nicht wie sonst bei den Mitarbeitern. Ich sagte ihm, die Kiste sei mir zu schwer. Es gab aber nicht wirklich ein Konzept, was passiert, wenn jemand die Kiste nicht heben kann. Der Mitarbeiter ist hinter seinem Band gefangen. Bei alten Leuten wird das auch ein Problem sein. Irgendjemand anderes half mir dann. Ich könnte wetten, dass die Planer bei der Einrichtung gesagt haben: „Rollstuhlfahrer gehen eh nicht alleine zum Gate.“ Theorie und Wirklichkeit…
Die Gates liegen eine Etage tiefer, auch dort gibt es genug Fahrstühle, diesmal allerdings mit Knöpfen. Am Gate angekommen, kümmerte ich mich um den Anhänger für meinen Rollstuhl. Auch das ging ganz schnell und die Mitarbeiter boten mir noch an, mich umzusetzen, denn mein Sitzplatz sei ungünstig gelegen. Ob ich lieber am Gang oder am Fenster sitzen wolle, wurde ich gefragt. Das ist insofern bemerkenswert, weil es ja bekanntlich immer noch Airlines gibt, die da weniger flexibel sind. Natürlich konnte ich auch als Erste ins Flugzeug. Lief alles reibungslos und die Mitarbeiter waren nett. Entweder ich hatte Glück oder British Airways hat wirklich was an ihrem Service getan. Die letzten Male war dieser gruselig.
In Hamburg verlief auch alles problemlos. Ich hätte allerdings fast meinen Rückflug verpasst, aber ich sitze im Flugzeug während ich das schreibe. Ich habe einfach telefonisch eingecheckt. Ich hatte ja vom Morgen gelernt, dass das geht. Auch bei Lufthansa, denn mit denen fliege ich gerade zurück. Das ist eine riesen Erleichterung, denn ich habe schon einmal meinen Flieger verpasst, weil man mich nicht hat telefonisch einchecken lassen. „Sie müssen an den Schalter“, aber der schließt halt irgendwann.
Ich glaube, die neue EU-Richtlinie hat wirklich etwas verändert. Es gibt genug Personal auf den Flughäfen und alles funktioniert reibungslos.
Vor kurzem habe ich einen Vortrag gehört, bei dem mal wieder jemand behauptete, man könne Barrierefreiheit nicht gesetzlich verordnen. Der heutige Tag hat mir wirklich gezeigt: Doch, das kann man. Man muss es nur wollen. Ich habe heute meinen Flieger nicht verpasst, weil ich genauso schnell und bequem einchecken konnte wie alle anderen auch und sofort Assistenz greifbar war. Das ist wirkliche Barrierefreiheit.

Blinde willkommen, Rollstuhlfahrer müssen draußen bleiben

Ich habe noch nie verstanden, warum das gerade einmal 10 Jahre alte Cinemaxx am Bahnhof Dammtor in Hamburg nicht komplett barrierefrei ist. Ich verstehe auch nicht, warum einige Behindertenverbände in Deutschland so wenig auf Barrierefreiheit achten, wenn es gerade nicht um ihr eigenes Klientel geht. Deshalb verstehe ich auch nicht, warum mein Partner, der blind ist, vom Blinden- und Sehbehindertenverein in Hamburg eine Einladung ins Cinemaxx bekommt, um Harry Potter mit Audiodeskription (Bildbeschreibung für blinde Zuschauer) zu sehen (Anmerkungung zur Klarstellung: Der BSVH ist nicht der Veranstalter, sondern hat nur die Mail verschickt – siehe Kommentare). Ich könnte ihn nicht begleiten, denn die Vorführung findet in einem nicht barrierefreien Kinosaal statt, wie man der Ankündigung ebenfalls entnehmen kann („nicht für Rollis geeignet“).

Wie kann man eigentlich so ignorant sein? Es gibt auch blinde und sehbehinderte Menschen, die zusätzlich eine Gehbehinderung haben oder im Rollstuhl sitzen. Ich erwarte von jedem Veranstalter, dass er auf Barrierefreiheit achtet – bei Veranstaltungen, die sich an behinderte Menschen richten, sowieso. Wie muss man eigentlich ticken, wenn man eine Veranstaltung nur für blinde Menschen macht und Menschen mit anderen Behinderungen ausschließt?

Theaterferien

Anruf beim Thalia Theater in Hamburg.
Ich: „Guten Tag. Können Sie mir sagen, ob das Nachtasyl (Lokal im Theater) barrierefrei ist?“
Schweigen am anderen Ende.
Ich: „Ich würde gerne wissen, ob man mit dem Rollstuhl in das Nachtasyl kommt.“
Thalia Theater: „Wir haben Theaterferien.“
Ich: „Das war nicht meine Frage. Ich möchte gerne wissen, ob man grundsätzlich mit dem Rollstuhl in das Nachtasyl kommt.“
Thalia Theater: „Wenn Sie starke Leute mitbringen.“

Ich bin doch kein Hindernis für die Hochbahn, nur ein Verspätungsgrund

Ich habe die Hamburger Hochbahn angeschrieben und gefragt, warum sie mich als Hindernis ansehen. Sie haben mir geantwortet. Und ich habe nochmal Glück gehabt: Ich bin doch kein Hindernis. Ich bin nur Schuld an den Busverspätungen… Das ist natürlich viel besser… Selbst die Fahrpläne der Hochbahn sind nicht so knapp bemessen als dass das Ausklappen der Rampe (was übrigens mehrheitlich von anderen Fahrgästen und nicht vom Busfahrer erledigt wird) zu Verspätungen führt. Das geht sehr schnell und da es nicht so bescheuerte Rampen sind wie in London, besteht auch nicht die Gefahr, dass sie steckenbleiben. Und ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich den letzten Busfahrer gesehen habe, der jemandem mit einem Kinderwagen in den Bus geholfen hat. Das ist nämlich gar nicht mehr nötig seit Hamburg nur noch Niederflurbusse hat. Kurzum: Ich habe keinen Schimmer, von was die Hochbahn eigentlich redet.

Sehr geehrte Frau Link,

vielen Dank für Ihre E-Mail, mit der Sie uns Gelegenheit gegen, Ihre Beanstandung ins rechte Licht zu rücken.
Selbstverständlich ist es nicht unsere Intention, behinderte Fahrgäste als Hindernis darzustellen. Ganz im Gegenteil! In der Kampagne ging es darum, unseren Fahrgästen generell aufzuzeigen, welche vielfältigen Gründe es gibt, weshalb unsere Busse nicht immer pünktlich ihr Ziel erreichen, und welch komplexe Leistungen unsere Busfahrer jeden Tag erbringen müssen. Neben zahlreicher Probleme wie Staus oder Baustellen, kann es auch mal zu Verzögerungen kommen, wenn unsere Busfahrer Rollstuhlfahrern oder Fahrgästen mit Kinderwagen behilflich sind. Das ist vielen Fahrgästen gar nicht bewusst, weshalb wir auch diese Situation in unserer Kampagne aufgezeigt haben.

Sie äußerten völlig zu Recht, dass sie nicht als Hindernis dargestellt werden möchten. Das ist auch, wie schon zuvor erwähnt, absolut nicht unsere Absicht.
Leider ist die Formulierung etwas unglücklich. Darum werden Ihren Hinweis an die Agentur mit der Bitte um Änderung weitergeben, und bitten um Entschuldigung dafür, dass diese eigentlich gut gemeinte Kampagne bei Ihnen eine Fehlinterpretationen hervorrufen konnte.

Wir hoffen, dass wir Ihnen eine zufriedenstellende Antwort geben konnten. Sollte das nicht der Fall sein, dann rufen Sie uns gerne montags bis freitags in der Zeit von 9-18 Uhr unter angegebener Rufnummer an. Wir stehen Ihnen gerne für ein Gespräch zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen

Leiter Beschwerdemanagement

Gepäck ist aufgetaucht

So, meine Tasche ist wieder aufgetaucht. Sie stand seit Samstag auf dem Flughafen Hamburg. „Für die nicht akzeptable Performance unseres Handlingsagenten Air Service Hamburg haben wir gestern eine Stellungnahme angefordert“, schreibt mir Germanwings. Das Gepäck ist jetzt auf dem Weg nach London – ich wollte eigentlich, dass es nach Hamburg ausgeliefert wird, aber wir wollen mal nicht kleinlich sein. Ich bin mal gespannt, wann es ankommt und ob ich es schaffe, Gatwick zu erreichen. Bei mir zu Hause ist ja keiner, die sollen es zur BBC schicken… Ich bin aber schon mal froh, dass ich Hoffnung haben darf, dass es irgendwann mal ankommt.