Archiv für Barrierefreiheit

Was bei der Haspa und anderen schief läuft

Es war 1997 als mein Freund und ich vergeblich versuchten, in Hamburg ein Konto bei der Hamburger Sparkasse (Haspa) zu eröffnen. Wir waren beide Studenten, verdienten aber beide schon ganz gut Geld. Mein Freund bezog zudem Blindengeld, eine Leistung, die allen blinden Menschen in Hamburg einkommensunabhängig zusteht. Das wollte die Mitarbeiterin der Haspa aber nicht glauben und lehnte meinen Freund kurzerhand als Kunden ab – weil er Blindengeld bezog. Auch auf unseren Hinweis hin, dass sie mit dieser Regel ausschließen, dass blinde Menschen bei ihnen ein Konto eröffnen können, beeindruckte die Mitarbeiterin nicht. Sie würden grundsätzlich keine Kunden annehmen, die Geld vom Landessozialamt beziehen. Von dort kommt das Hamburger Blindengeld. Wir gingen zur Deutschen Bank, die uns problemlos willkommen hieß.

Warum ich diese Geschichte erzähle? Weil ich mich heute wieder daran erinnerte als ich den Blogeintrag von Gerlef Gleiss las, in dem er berichtet, dass Mitarbeiter einer Haspa-Filiale einem behinderten Kunden mitteilten, ihn künftig nicht mehr bedienen zu wollen, da seine Behinderung, eine Muskelerkrankung, sie anekele und sie auch nicht wüssten, wie sie mit ihm umgehen sollten.

Wenig später meldete sich Marco Zehe in den Kommentaren des Blogs von Jens Bertrams und berichtete, dass die Haspa ihm vor Jahren eine ec-Karte verweigert habe, da er blind sei und deshalb das Sicherheitsrisiko zu hoch sei, ihm eine Karte zu geben. Er wechselte die Bank.

Auch die Haspa hat sich unterdessen mit einer etwas hilflosen Stellungnahme zu Wort gemeldet. Ich glaube wirklich, dass es ihnen leid tut. Denn die Mopo hat zwar aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen nicht berichtetet, aber der Blogeintrag dürfte die Reichweite der Mopo unterdessen um ein Vielfaches überschritten habe. Natürlich tut es der Haspa leid, so durch den Twitter-und-Facebook-Fleischwolf gedreht zu werden.

Aber was hätte man denn tun sollen, um sowas zu verhindern? Mir fallen da ein paar Dinge ein. Zu erst einmal muss das Problem innerhalb des Unternehmens als solches erkannt werden. Die Mitarbeiter sind im Umgang mit behinderten Kunden offensichtlich überhaupt nicht geschult und machen deshalb Fehler – um es mal deutlich zu sagen: Sie diskriminieren die eigenen Kunden bzw. potenzielle Kunden. Das kann niemals im Interesse eines gewinnorientierten Unternehmens sein. Dass das kein Einzelfall ist, zeigen die anderen Fälle.

Die Haspa hätte sehr gut an uns verdienen können, wenn sie nicht gleich drei gut ausgebildete behinderte Kunden vergrault hätte. Der Schaden liegt im Nachhinein betrachtet in erster Linie bei der Bank. Wir haben unser Geld einfach woanders hingetragen.

Die Stellungnahme der Haspa zum aktuellen Fall macht aber deutlich, dass auch die Unternehmensführung nicht so genau weiß, wie sie mit dem Thema eigentlich umgehen soll. Man weiß nur, so geht es nicht. Was ein Unternehmen wie die Haspa braucht, ist eine klare Strategie zum Umgang mit behinderten Kunden und bei der Kundengewinnung. Das hat in Großbritannien fast jedes mittelgroße bis große Unternehmen.

Ich habe gerade zufällig vor kurzem einen Vortrag der Lloyds Bank dazu gehört. Die machen das auch nicht, weil sie so megasozial sind, sondern weil sie behinderte Menschen als Kunden gewinnen wollen. Die Lloyds Bank hat zum Beispiel – wie fast jede britische Bank – behinderte Mysteryshopper, die die Bank auf solche Missstände hinweisen. Das sind behinderte Testkunden, die diverse Services der Bank nutzen und anschließend ein Feedback geben oder sich von sich aus melden und dafür bezahlt werden. Ein Kunde bemängelte beispielsweise, dass er blind ist und alleine lebt, das wisse die Bank auch, aber ständig würde jemand anrufen, um ihm eine Autoversicherung zu verkaufen. Das ist nicht einmal Diskriminierung, dennoch will die Bank so etwas abstellen. Es ist kein guter Kundenservice.

Und selbst kleine Unternehmen beschäftigen sich immer mehr mit dem Thema. Disability Equality Training gehört zu den Standardinhalten eines jeden Kundentrainings in UK. Damit sichern sich die Konzerne hier auch rechtlich ab, falls sie wegen Diskriminierung verklagt werden.

Ich war gerade fünf Tage lang London Ambassador bei den Olympischen Spielen, habe Besuchern den Weg zur nächsten U-Bahn gezeigt und alle möglichen Fragen beantwortet. Dafür bekam ich drei Tage Training und selbst in dem kurzen Training war der Umgang mit behinderten Besuchern Teil des Schulungsprogramms. Dieses wiederum kam von John Lewis, einer Kaufhauskette ähnlich wie Kaufhof in Deutschland. Das heißt, auch John Lewis schult ganz gezielt, was den Umgang mit behinderten Kunden angeht. Das ist in Großbritannien normal. Es kommt aber auch in Deutschland immer mehr. Ich schule selbst bei deutschen Unternehmen, die behinderte Kunden als loyale Zielgruppe erkannt haben. Und ich als Kundin kann nur sagen: Es macht sich bemerkbar. Ich werde, gerade bei John Lewis, vorbildlich bedient, niemand ignoriert mich, ich werde proaktiv angesprochen wie jeder andere Kunde auch.

Gerade weil behinderte Kunden oft schlechte Erfahrungen machen, schätzen sie die Unternehmen, die sie gut behandeln, und erzählen es sogar weiter – darüber gibt es eindeutige Studien in Deutschland und in Großbritannien.

Einer Bank wie der Haspa braucht man nicht mit sozialer Verantwortung kommen. Das ist mir klar. Aber wirtschaftlich schadet diskriminierendes Verhalten fast immer. Und ich rede nicht nur über die Reputationsschädigung via Twitter und Facebook wie heute, sondern es geht um den realen Verlust von Kunden.

Unternehmen müssen also klar machen, dass diskriminierendes Verhalten nicht geht, nach innen wie nach außen – und zwar mit Konsequenzen und der klaren Ansage, dass auch behinderte Menschen Kunden sind, die man gewinnen und halten will. Dazu gehört übrigens auch, die angebotenen Serviceleistungen möglichst barrierefrei zu gestalten.

Lindy Hop und Danny Boyle für alle

Seit Monaten freue ich mich, endlich diesen Blogeintrag schreiben zu dürfen und jetzt weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll. Ich möchte Euch unbedingt von den letzten drei Monaten berichten – wohl die Intensivsten in meinem Leben bislang – und wie ein Sportmuffel wie ich durch eine Verkettung von glücklichen Umständen plötzlich bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele tanzen durfte.

Alles fing im März 2011 an als mich meine Freundin Maria Zedda fragte, ob ich mir vorstellen könne, Mitglied einer Gruppe zu werden, die gemeinsam mit der Olympiagesellschaft Maßnahmen erarbeitet, um die Olympischen und Paralympischen Spiele barrierefreier für behinderte Menschen zu machen und mehr behinderte Menschen dafür zu begeistern.

Als Sportmuffel zu Olympia

Ich fand, sie hätte niemand Unpassenderen fragen können als mich, denn ich interessierte mich bis zu diesem Zeitpunkt weder für Sport noch die Olympischen Spiele. Dem Behindertensport stehe ich sogar recht kritisch gegenüber. Ich bin nicht gerade ein Fan der Paralympics. Aber ich bin ein sehr neugieriger Mensch und fand dann doch sehr interessant, was hinter den Kulissen von solch einem Event passiert. Deshalb sagte ich zu.

Im Rahmen dieser Arbeit bekam ich alle Pressemitteilungen vorab zu sehen, die die Olympiagesellschaft vor den Spielen verschickt hat. Irgendwann im November flatterte eine Pressemitteilung in mein Postfach, in der stand, dass man Freiwillige für die Eröffnungszeremonie suchte. Man musste keinerlei Vorwissen mitbringen, nur Spaß am Tanzen haben. Damit konnte ich dienen. Ich hasse zwar Sport, aber ich tanze sehr gerne. Und so kam es, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben an einem Vortanzen teilnahm.

Es gab spezielle Termine für behinderte Bewerber, aber auf der Bewerbungswebseite stand auch, dass man durchaus auch an jedem anderen Termin teilnehmen könne. Da ich ja eine große Anhängerin von Inklusion bin, ging ich nicht zum Termin für behinderte Teilnehmer sondern zu dem für alle. Das Vortanzen war toll. Wir übten eine Choreographie ein, ich setzte sie, so gut ich konnte, in Rollstuhlbewegungen um und hoffte, dass das reicht, um weiterzukommen. Ich tanzte zum ersten Mal in meinem Leben mit einem professionellen Tänzer – zu Parklife von Blur in der Dauerschleife. Das Lied werde ich nie mehr vergessen. Zudem war es ein Massentanz mit 200 anderen Bewerbern. Ich war die einzige Rollstuhlfahrerin, aber fand, es war Inklusion pur. Ich hatte so etwas noch nie zuvor gemacht, aber die Reaktionen der anderen Bewerber waren toll. Niemand hatte Angst mit mir zu tanzen. Jeder tat es so gut er es konnte. Ich kam nach den zwei Terminen nach Hause und dachte, selbst wenn ich nicht angenommen werde, das Vortanzen alleine war schon ein Erlebnis.

Tanzen bis zum Umfallen bei Ford

Ein paar Wochen nach dem Vortanzen rief mich die Castingchefin an und besprach mit mir zwei Rollen, die ich haben könne. Eine Passive in der Abschlusszeremonie oder eine sehr trainingsintensive aktive Rolle in der Eröffnungszeremonie. Ich wusste sofort, was ich machen möchte. Und dann ging es eine Woche später auch schon los. 1 – 2 Mal Training pro Woche, teilweise ganztägig und im strömenden Regen bis zur Erschöpfung. Am Ende hatten wir dann sogar noch mehr Termine. Und so verbrachte ich meine Wochenenden seit April auf einem Freigelände der Ford-Werke in Dagenham, später im Stadion.

Wie unsere Proben aussahen, sieht man auf diesem Video.

Jreena Green, die Lindy Hop-Queen

Neben mir gab es noch eine andere Rollstuhlfahrerin in unserem Teil, der dem nationalen Gesundheitsdienst NHS gewidmet war. Toll fand ich, dass niemand auf die Idee kam, uns als Patientinnen einzusetzen sondern als Krankenschwestern wie alle anderen auch. Überhaupt waren die Proben, was den künstlerischen Teil angeht, eines der inklusivsten Erlebnisse meines Lebens. Wir hatten eine Tanztrainerin, die die Schritte der Choreographie mit uns in Rollstuhlbewegungen umgesetzt hat und uns wirklich nicht geschont hat. Ihr Name ist Jreena Green und sie ist für mich persönlich die Heldin dieser Eröffnungszeremonie. Wir hatten genau die gleiche Choreographie wie alle anderen auch – von Lindy Hop bis zum Zombie-Tanz. Sie hat von Anfang an verstanden, was Inklusion bedeutet und hat das konsequent umgesetzt. Ich hatte zudem einen super Tanzplatz in der ersten Reihe direkt vor der Queen und der VIP-Tribüne.

Danny Boyle ist zudem ein großartiger Regisseur. Ich habe am Anfang gar nicht damit gerechnet, ihn überhaupt zu treffen. Aber er war bei jeder Probe dabei, war immer ansprechbar, hat uns nach unserer Meinung gefragt, Autogramme gegeben und Fotos gemacht.

Heiße Schokolade macht Flecken

Natürlich gab es auch weniger tolle Momente, z.B. als uns gesagt wurde, dass zwei Minuten unseres Auftritts gekürzt werden oder dass es keine heiße Schokolade mehr gibt, weil die Flecken aus den weißen Stadionsitzen nicht mehr rausgehen. Überhaupt war das Catering ein einziges Desaster. Ich kann für die nächsten fünf Jahre keine Sandwichs mehr sehen und auch keine [hier den Namen eines Sponsoren einsetzen] – Chips. Und auch die Transportorganisation war am Anfang zum Haare raufen. Aber am Ende haben sie es dann doch noch hingekriegt.

Lustig war übrigens manchmal die Reaktionen der Leute, denen ich erzählte, dass ich gerade für die Eröffnungszeremonie trainiere. Meistens dachten die Leute, es geht um die Paralympics. Rollstuhlfahrerin = Paralympics. Klar. Dabei hatte diese Show so viele behinderte Darsteller. Ich kenne allein 10 weitere Leute mit sichtbaren Behinderungen – Rollstuhlfahrer, eine blinde Frau mit Hund, mehrere Leute mit Down Syndrom, einige gehörlose Tänzer und nicht zu vergessen der Kinderchor mit hörenden und gehörlosen Kindern, die die Nationalhymne sangen und gebärdeten. Das ist Inklusion!

Zu hohe Anforderungen?

Ich erwähne dennoch, dass ein Verband behinderter Künstler kritisierte, die Hürde, um bei der Eröffnungszeremonie dabei zu sein, sei zu hoch gewesen. Zu viele Trainingstermine – wir probten über 150 Stunden – und sehr hohe Anforderungen. Ich muss sagen, das stimmt, was meine Rolle angeht. Wir durften nur zwei Mal fehlen, sonst wurden wir ausgeschlossen vom Auftritt. Aber ich habe auch nie um Erleichterung diesbezüglich gebeten. Ein älterer Herr aus dem „Green and Pleasant“-Teil erzählte mir jedoch, dass er schon aussteigen wollte, weil ihm das mit seiner Arthritis zu viel wurde, aber einer der Choreographen sofort zu ihm kam und sagte, er soll nur dann kommen, wenn er denkt, er fühle sich fit. So hat er einige Proben verpasst, aber sie haben dann individuell mit ihm gearbeitet.

Das nimmt mir niemand mehr

Ich habe die letzten Monate sehr viel Zeit mit sehr vielen netten Menschen verbracht. An unserem Trampolinbett tanzten fünf weitere Leute. Ich habe Freunde fürs Leben kennen gelernt, nicht zuletzt meine Tanzpartnerin Gill, mit denen ich jetzt ein einmaliges Erlebnis teile. Dafür bin ich unendlich dankbar. Es war harte Arbeit, aber am Ende war es das wert. Als ich nach meinem Auftritt auf der Fototribüne saß (ja, jetzt fragt nicht, wie ich da hin gekommen bin) und mir den Rest der Show ansah, war ich in erster Linie stolz. Stolz, in einem so tollen Land zu leben, bei der größten Show der Welt dabei gewesen zu sein und stolz darauf, einfach das Beste mitzunehmen, was einem das Leben bietet. Und jetzt bin ich einfach nur dankbar. Das nimmt mir niemand mehr.

P.S.: Dieser Blogeintrag muss wegen der Social-Media-Richtlinien der Olympischen Spiele leider ohne eingebundene Fotos auskommen. Es ist mir zu riskant, irgendwelche Fotos zu verwenden.

An ihren Taten sollt ihr sie erkennen – ein Manifest

Neulich saß ich mit Alexander in Frankfurt beim Essen. Wir unterhielten uns über die sehr überschaubare Community an Bloggern, die sich behindertenpolitisch äußern, und feixten, dass er, Jule, Raul und ich niemals in einem Auto oder ins selbe Flugzeug steigen dürften. Wenn uns etwas zustößt, gibt es im deutschsprachigen Raum kaum noch jemanden, der behindertenpolitisch bloggt und twittert. Wir mussten zwar darüber lachen, aber eigentlich ist es eher zum Heulen. Wenn wir uns selbst nicht für behindertenpolitische Belange und Barrierefreiheit einsetzen, wer dann?

Und paradoxerweise ist die deutsche Behindertenpolitik gar nicht mehr mein Alltag – außer wenn ich alle paar Wochen in Deutschland bin und mal wieder kein barrierefreies Hotelzimmer kriege oder die nicht vorhandene barrierefreie Toilette suche, erinnere ich mich daran, warum es dieses Blog noch gibt.

Wer die Diskussionen der letzten Tage auf Twitter oder in Blogs verfolgt hat, dem wird klar sein, dass sich nicht einmal die Leute, die behindertenpolitisch unterwegs sind, einig darüber sind, wohin die Reise gehen soll. Und was mich am meisten nervt: Viele Leute, die das Thema gerade schick finden, reden nur, wollen vielleicht mit dem Thema auch noch irgendwie Geld abstauben, aber konkret wird nichts gemacht. Damit meine ich vor allem Politiker, die regelmäßig Solidaritätsbekundungen twittern und das Thema besetzen wollen, aber noch nicht einen Antrag zu dem Thema in ihrem Parlament eingebracht haben oder das grundsätzlich nur tun, wenn sie gerade in der Opposition sind. You know who you are.

Ich könnte Sascha Lobo dafür knutschen, dass er auf der re:publica dazu aufgerufen hat, wieder mehr zu bloggen. Das war ein guter Weckruf an mich und daran erinnerte ich mich als ich vorhin dachte „Macht doch, was Ihr wollt in Deutschland. Ich lebe hier im Land des sozialen Modells von Behinderung, mit einem ordentlichen Antidiskriminierungsgesetz, integrativer Beschulung und höherer Beschäftigungsquote behinderter Menschen. Ich nerve jetzt noch ein bisschen die Verkehrsbetriebe von London und schaue in 10 Jahren mal nach, ob Ihr endlich mal geschafft habt, wenigstens 50 Prozent aller behinderter Kinder integrativ zu beschulen.“

Nein, zu früh gefreut. Das mache ich nicht. Aber Ziele zu formulieren, ist keine schlechte Idee. Die gleichberechtigte Teilhabe behinderter Menschen kann doch nicht ständig so vertagt werden, wie die Eröffnung des Berliner Flughafens.

Das Internet vergisst ja sehr wenig und auch deshalb ist es gut, dass es Blogs gibt. Denn ich finde, man muss endlich mal die Taten sprechen lassen und nicht immer nur schwätzen. Deshalb habe ich mir überlegt, ich formuliere einfach mal 10 Maßnahmen, die mir wichtig sind, an denen man objektiv messen kann, ob Deutschland wirklich etwas ändert oder alle immer nur Sonntagsreden halten. Wie weit man mit der Erreichung dieser Ziele gekommen ist, werde ich jedes Jahr nach der re:publica in einem Blogeintrag überprüfen. Entscheidungsträger, Politiker und andere, rufe ich gerne dazu auf, positive Beispiele der Veränderung in den Kommentaren zu hinterlassen.

Wenn es mit der Inklusion behinderter Menschen in allen Lebensbereichen voran gehen soll, sind meiner Ansicht nach folgende Maßnahmen unumgänglich:

  • 1. Ein umfassendes Antidiskriminierungsgesetz mit Schadensersatzanspruch und Anspruch auf Beseitigung mit Klagerecht im Falle eines Verstoßes. Das Gesetz muss alle Lebensbereiche abdecken und private Einrichtungen einschließen. Ziel muss sein, dass kein behinderter Mensch aufgrund seiner Behinderung, einen schlechteren Service bekommt als ein nicht behinderter Mensch. Das schließt z.B. den Anspruch ein, Assistenzhunde überall hin mitnehmen zu dürfen.
  • 2. Ein Masterplan zur schulischen Integration behinderter Kinder mit einem Anspruch auf angemessene Förderung und Assistenz muss her. Derzeit gehen 80 Prozent aller behinderter Kinder auf Sonderschulen. Die meisten behinderten und nicht behinderten Kinder würden davon profitieren, wenn sie gemeinsam zur Schule gehen würden. Kinder, die nicht im Klassenverband unterrichtet werden können, müssen alternative Angebote bekommen.
  • 3. Eine Änderung des Rundfunkstaatsvertrages, die die Fernsehanstalten zu einer vollständigen Untertitelung ihres Programms verpflichtet, wie es bereits in den USA oder Großbritannien der Fall ist, muss her. Zugleich sind Vorgaben zu definieren, was die Audiodiskription und die Übersetzung in Deutsche Gebärdensprache angeht. Die Einhaltung muss durch staatliche Stellen überprüft und ggf. geahndet werden.
  • 4. Das Recht auf selbstbestimmtes Leben muss in Gesetzen festgeschrieben werden. Dafür bedarf es eines Anspruchs auf persönliche Assistenz (z.B. Pflege, Kommunikationshilfe etc.) im Bedarfsfall unabhängig vom persönlichen Einkommen oder des Einkommens der Familie.
  • 5. Die Antragstellung für Hilfsmittel und Assistenz im Berufsleben ist viel zu kompliziert und langwierig. Das führt dazu, dass behinderte Menschen große Hürden haben, überhaupt arbeiten zu gehen. Es findet ein Verschiebebahnhof zwischen Kostenträgern statt und es wird einem ständig signalisiert, dass man besser nicht arbeiten sollte. Es sollte eine zentrale Stelle geschaffen werden, über die sämtliche Anträge laufen. Der Topf, aus dem Assistenz gezahlt wird, darf nicht gedeckelt werden.
  • 6. Deutschland braucht Maßnahmen und Programme, um die bisherige Sozialisation und Ausgrenzung behinderter Menschen zu überwinden. Dafür bedarf es Geld und die Bereitschaft aller, etwas ändern zu wollen. Das geht nicht ohne die Behindertenverbände, die sich mehrheitlich entscheiden müssen, ob sie Freizeitvereine sind und bleiben wollen, oder ob sie nicht doch politische Interessenverbände sind. Dazu gehört dann eine professionelle Kommunikation nach außen und eine klare politische Zielrichtung.
  • 7. Es müssen ordentliche Statistiken geführt werden, was die Inklusion behinderter Menschen angeht. Nur so kann überhaupt analysiert werden, wo die Probleme liegen. Wieviele Sportvereine haben behinderte Mitglieder? Wie viele Bewerber mit Behinderung hat ein Großkonzern? Wieviele stellt er davon ein? Wieviele behinderte Menschen nehmen an staatlich finanzierten Programmen / Veranstaltungen / etc. teil? Erreichen wir die Gruppe überhaupt?
  • 8. Das Strafrecht muss dringend reformiert werden. Kein Strafmaß darf geringer ausfallen, nur weil das Opfer eine Behinderung hat. Stattdessen muss der etwaigen Diskriminierung des Opfers aufgrund der Behinderung stärker Rechnung getragen werden.
  • 9. Der Zugang zu Bildung und Information ist auch für behinderte Menschen ein Grundrecht. Deshalb muss in Gesetzen sichergestellt werden, dass jeder Mensch Informationen in einer für ihn zugänglichen Form (z.B. elektronisch, in Gebärdensprache, Braille etc.) erhält – sowohl im staatlichen als auch im privatwirtschaftlichen Bereich.
  • 10. Die Erfolge sind jährlich zu überprüfen und in einem Bericht der Bundesregierung und aller Landesregierungen dezidiert darzulegen.

re:publica 2012

So, jetzt ist sie vorbei, die re:publica. Ich sitze im Flugzeug zurück nach London und versuche, die Eindrücke auf mich einwirken zu lassen. Mein Brainstorming:

  • Es war viel barrierefreier als in den letzten Jahren. Man kam auch als Rollstuhlfahrerin in jede Session – ja, es gab auch einen Lift nach oben (das haben mich ganz viele Leute gefragt). Und eine barrierefreie Toilette gab es auch. Man hätte sie vielleicht ausschildern sollen, aber es gab sie.
  • Dass sich Barrierefreiheit bemerkbar macht, wenn man sie herstellt, zeigte die Anzahl der Leute, die eine Behinderung hatten. Es gab mal Zeiten, da war ich die einzige Teilnehmerin mit einer (sichtbaren) Behinderung. Das ist definitiv nicht mehr so. Und das ist toll. So sieht Inklusion aus, wenn man sie möchte.
  • Während die Barrierefreiheit für Rollstuhlfahrer gut war, hatten die gehörlosen Teilnehmer mehr zu kämpfen. Ich fand gut, dass es Schriftdolmetscher gab. Die Qualität des Outputs lies aber zu Wünschen übrig, was sicher auch daran liegt, dass es diesen Beruf in Deutschland noch gar nicht so lange gibt und Übung natürlich auch dort den Meister macht.
  • Es gab aber nicht immer Schriftdolmetscher und viel zu wenig wurde in Gebärdensprache übersetzt. Eine Induktionsanlage für Schwerhörige und CI-Träger ist nicht nur richtig geekig, sondern sollte eigentlich bei jeder Konferenz Standard sein.
  • Klasse fand ich, dass es draußen am Grill einen Tisch zum Hinsetzen gab und keine Stehtische. Es gab sehr viele Sitzgelegenheiten. Das ist Barrierefreiheit XXL. Ich konnte mich so gut wie immer auf einer Augenhöhe mit Leuten unterhalten.
  • Ich fände toll, wenn das Thema Barrierefreiheit in Zukunft in Sessions behandelt wird, auf denen nicht das Label „Aktion Mensch“ klebt und nicht nur auf der hinterletzten Bühne. Dass ausgerechnet in der Session mit dem Regierungssprecher das Thema so prominent behandelt wurde, fand ich wiederum klasse.
  • Die Sessions selber fand ich mehrheitlich sehr gut. Ich nehme viele Anregungen mit. Zum Beispiel von der Session über die Blogger der EU, die sich mit EU-Politik befassen.
  • Den Vortrag von Sascha Lobo fand ich großes Kino wie immer. Weil der Vortrag sehr schlecht bzw. am Ende gar nicht geschriftdolmetscht wurde, habe ich für gehörlose Freunde auf meinem Laptop mitgeschrieben. Ich habe das noch nie gemacht. Ich kann sehr schnell tippen – Nachrichtenagentur lässt grüßen – und es hat besser geklappt als ich dachte. Ich bin sicher, es gibt noch mehr Leute, die das können. Vielleicht wäre das eine Anregung, um Konferenzen und Barcamps, die nicht so ein großes Budget haben, barrierefreier zu machen: Crowdsourcing zum Schriftdolmetschen.
  • Ich fand es zum Totlachen, dass ein Teilnehmer, der kleinwüchsig ist und im Rollstuhl sitzt, ständig für Raul Krauthausen gehalten wurde. Das war wirklich Realsatire. Ich frage mich, wie viele Rollstuhlfahrer täglich für Wolfgang Schäuble gehalten werden, weil sie den aus dem Fernsehen kennen. Ja, es gibt mehr von uns als man so glaubt.
  • Raul Krauthausen und Martin Habacher

  • Gelacht habe ich auch beim PoetrySpam. Laut. Und geweint vor Lachen habe ich auch. Danke sehr dafür! Das war großartig.
  • Ich möchte mich bei den Fernsehsendern bedanken, die nicht auf dem Gehweg zur re:publica geparkt haben und mich und andere nicht behinderten. Den anderen möchte ich sagen: Ich habe Euch durchschaut. Ihr wolltet testen, ob man auch mit einem Rollstuhl über ein Auto springen kann. Aber darauf falle ich nicht rein. Für solche Experimente habt Ihr ja jetzt Samuel Koch.

Was ich mir für die nächste re:publica sonst noch wünsche:

  • Mehr Internationalität. Ich glaube, dass es der deutschen Internetszene gut tun würde, sich mehr Impulse von außen zu holen.
  • Einen Geldautomat, an den ich auch ran komme. Das war der Geldautomat auf der re:publica:
    Geldautomat mit Treppe

    Sowas ist in Deutschland immer noch ein strukturelles Problem. Denn der nächste Automat am Anhalter Bahnhof war kaum besser zu erreichen:
    Geldautomat von unten, Display nicht erreichbar

    Das Display war vom Rollstuhl aus nicht zu sehen.

  • WLAN (okay, das wäre jetzt doch zu viel verlangt)

Liebe inklusive

Ich wollte die Sendung erst ignorieren. Als ich das erste Mal von „The Undateables“ las, dachte ich, einfach totschweigen, dann erledigt sich das Problem schon von alleine. Da hatte ich die Rechnung ohne die Marketingabteilung des Senders Channel 4 gemacht, die das ganze Land mit Plakaten zupflastern lies auf denen mehrere behinderte Menschen zu sehen sind. „The Undateables“ steht darunter.

Keine U-Bahnfahrt, bei der man nicht an einem der Plakate vorbei kam. Am Tag als die Sendung startete, wusste ich, dass Ignorieren nicht die richtige Strategie ist. Eine Mutter eines behinderten Kindes im Teeanageralter schrieb auf Twitter, ihr Kind sei auf der Straße gerade als „undateable“ beschimpft worden – und das im fast immer politisch korrekten England.

Als die ersten empörten Stimmen laut wurden, sogar das European Disability Forum in Brüssel meldete sich zu Wort, habe ich dann doch für epd darüber geschrieben, anstatt die Sendung zu ignorieren.

Das Ergebnis steht heute unter anderem in der taz, aber auch in anderen deutschen Tageszeitungen.

„The Undateables“ ist eine Reality-Dating-Show mit behinderten Menschen. Mit Nachahmung deutscher Sender ist schwer zu rechnen. Das Programm sucht für die behinderten Kandidaten einen potenziellen Partner, schickt sie auf Dates und filmt sie dabei natürlich.

Das Programm geht grundsätzlich davon aus, dass behinderte Menschen als Partner nicht vermittelbar sind. Daher auch der Titel. Und jetzt kommt Channel 4 und rettet diese Menschen aus der Einsamkeit. Der Sender belegt das mit einer Studie, aus der angeblich hervorgeht, dass sich 70 Prozent der Briten nicht vorstellen können, mit einer behinderten Person Sex zu haben. Meine – durchaus durch den britischen Humor beeinflusste – Reaktion war: Also ich möchte auch mit 70 Prozent der Briten auch keinen Sex haben.

Aber ich habe mit der Sendung ein ganz anderes Problem. Sie tut so als biete sie eine Lösung eines Problems, das sie selbst mitverursacht. Sie hämmert den Leuten in die Köpfe ein, behinderte Menschen seien keine potenziellen Partner. Jedenfalls nicht, so lange Channel 4 nicht auftaucht. Und selbst dann werden einige der Kandidaten immer noch so präsentiert als wäre es abwägig, dass jemand mit dieser oder jenen Behinderung einen Partner finden.

Es ist statistisch wirklich so, auch in Großbritannien, dass Menschen mit Behinderungen, vor allem Frauen, öfter Single sind als nicht behinderte Menschen.

Aber woher kommt das?

Es wird offensichtlich insgesamt nicht gerade einfacher, gute Beziehungen zu führen. Die Scheidungsrate spricht Bände und jeder kann sich ja mal seinen eigenen Freundeskreis anschauen, wie da Beziehungen plötzlich auseinander gehen. Da kann man jetzt viel diskutieren, warum das so ist. Tatsache ist, es gibt allgemein eine Tendenz dazu, sich schneller wieder zu trennen oder sich gar nicht aufeinander einzulassen.

Dann muss man sich mal überlegen, wo man einen potenziellen Partner kennenlernt: Bei der Arbeit (oder über die Arbeit entstandene Zusammenhänge), in der Freizeit, beim Sport, an der Uni etc. Das sind nachwievor Lebensbereiche, zu denen Menschen mit Behinderungen weniger und schwieriger Zugang haben als nicht behinderte Menschen. Die Beschäftigungsquote behinderter Menschen ist verheerend, Freizeiteinrichtungen sind vielfach nicht barrierefrei, die Bildungschancen behinderter Menschen sind schlechter als die nicht behinderter Menschen. Das wirkt sich indirekt auch auf die Lebensgestaltung von behinderten Menschen aus – und auf deren Sozialisation.

Das Beste, was mir im Leben passieren konnte, war, dass ich immer auf einer Regelschule war. Das hat nämlich meine eigene Wahrnehmung massiv geprägt, glaube ich. Ich hatte immer sehr ähnliche Ziele und Träume wie meine nicht behinderten Klassenkameraden und habe auch immer das gemacht, was sie gemacht haben. Ich habe früh gelernt, meine Bedürfnisse zu artikulieren und diese durchzusetzen.

Andererseits habe ich gelernt, dass das nicht zu viel verlangt ist. Alle netten Menschen gehen darauf ein und der Rest ist es eh nicht wert, das habe ich schnell gelernt, und das ist auch bei Beziehungen so.

Womit wir bei den Männern wären: Die Spreu trennt sich sehr früh vom Weizen, wenn man eine Behinderung hat. Oder anders ausgedrückt: Die Arschlöcher interessieren sich schon mal von vorneherein eher selten für einen. Und das mag zwar als Teenager nicht immer einfach zu verstehen sein, mit heute 35 aber denke ich, das war schon ganz gut so. Ich hatte nur nette Freunde, es war kein einziges Arschloch dabei. Und ich weiß, dass das nicht selbstverständlich ist.

Ich glaube auch, dass das Umfeld, gerade bei Teenagern, eine wichtige Rolle spielt. Vor ein paar Wochen habe ich erst wieder erlebt, wie eine Mutter ihrer etwa 17 Jahre alten behinderten Tochter ins Wort fiel, die sich ansich sehr eloquent für Barrierefreiheit gegenüber einem Politiker einsetzte. So erzieht man seine Kinder nicht zu selbstbewussten Menschen, liebe Gluckeneltern. Auch Eltern von behinderten Kindern müssen irgendwann mal loslassen können und sollten ihre Kinder zur Selbstständigkeit ermutigen.

Und noch etwas halte für sehr wichtig: Man kann nur von anderen Menschen verlangen, dass sie die Behinderung akzeptieren, wenn man sie selbst akzeptiert hat. Kein Mensch möchte sich ständig anhören, wie schwer man es hat. Höchstens irgendwelche Leute mit Helfersyndrom, aber das ist ja nun auch keine Basis.

Letztendlich gilt, was immer gilt: Rausgehen und Leute kennenlernen – anstatt seine Seele an Channel 4 zu verkaufen. Das führt nicht nur dazu, dass man mehr Leute kennenlernt und damit mehr Leute als Partner in Frage kommen, sondern das führt auch dazu, dass die Gesellschaft insgesamt den Umgang mit behinderten Menschen als normal empfindet. Denn selbst wenn die Statistik stimmt, dass die Mehrheit der Leute sich keine Sex mit behinderten Menschen vorstellen kann, heißt das nur eines: Sie kennen zu wenige.

Unhöflich aber nützlich

Ich sitze ja unterdessen hier in England in dem ein oder anderen Gremium. Manchmal hadere ich sehr mit der britischen Diskussionskultur. Während wir Deutschen ja oft und gerne auch mal ungefragt unsere Meinung kund tun und auch auf die Frage „Wie geht’s?“ in epischer Länge antworten, reden viele Briten tendenziell gerne erst einmal um den heißen Brei herum.

Ich gebe es offen zu: Ich glaube nicht, dass ich mich diesbezüglich jemals assimilieren werde. Mich macht es wahnsinnig, wenn es darum geht, irgendein verpfuschtes Bauprojekt schön zu reden, während der x-te Rollstuhlfahrer nicht ins Gebäude kommt, blinde Menschen sich den Kopf an der falsch geplanten Treppe stoßen oder gehörlose Menschen nicht an Informationen kommen. Ich sag das dann auch genauso und verlange Änderung. Am besten vorgestern. Das Gesetz habe ich sowieso fast immer auf meiner Seite.

Vor kurzem war ich wieder in solch einer Situation und bemerkte aus dem Augenwinkel, dass sich zwei der Anwesenden über mich in Gebärdensprache austauschten während ich sprach. Das ist zwar nicht besonders höflich, aber immerhin konnte ich verstehen, was sie gebärdeten – ich habe gerade meinen Pre-Level 3-Kurs in Britischer Gebärdensprache beendet. Das heißt, ich bin zwar noch nicht perfekt, kann aber einfacher Konversation folgen und teilnehmen.

Als ich fertig war mit Sprechen, mischte ich mich in die Diskussion in Gebärdensprache ein und wir konnten uns super absprechen, während die eigentliche Sitzung weiter lief. Ja, das war wieder nicht besonders höflich, aber irre effizient. Nur eine Person von uns Dreien war übrigens gehörlos.

Vor kurzem gab es am Oxford Circus Demonstrationen gegen die Sozialkürzungen der britischen Regierung. Einige Rollstuhlfahrer hatten sich aneinander gekettet und blockierten so die Zufahrt zur Regent Street – was zu einem ziemlich Chaos am Einkaufssamstag führte. Natürlich kam früher oder später die Polizei und versuchte, mit den Demonstranten zu verhandeln. Ich konnte im Fernsehen sehen, wie sich die (hörenden) Demonstranten in Gebärdensprache verständigten, wie sie weiter verfahren. Die Polizei verstand natürlich kein Wort.

Bei meiner Sitzung, auf der so hart gerungen wurde, waren alle Leute, die Gebärdensprache konnten, auf der Seite der Menschen mit Behinderungen. Es war die klassische Situation, in der behinderte Menschen auf der einen Seite versuchten, nicht behinderte Menschen auf der anderen Seite von ihren Forderungen zu überzeugen und sie zum Umsetzen zu bewegen. Klassische Lobbyarbeit also. Behindertenpolitischer Alltag. Und zumindest einen Teil der „einen Seite“ konnte sich noch während die Beratungen liefen abstimmen, ohne dass „die andere Seite“ es verstehen konnte oder der Ablauf gestört wurde. Das habe ich so noch nie erlebt, wird aber sicher nicht das letzte Mal sein. Es ist zwar irre unhöflich (aber hey, es geht um Politik!), aber es ist auch sehr nützlich und macht vor allem irre Spaß. Ich bin gespannt, wie lange es dauert, bis „die andere Seite“ Gebärdensprache lernt.

Was ich mir 2012 von den Medien wünsche – das Echo

Mein letzter Blogeintrag „Was ich mir 2012 von den Medien wünsche“ hat ein riesen Echo hervor gerufen, worüber ich mich sehr freue. Ich habe zu dem Thema dem Dortmunder Radiosender eldoradio ein Interview gegeben, das man hier nachhören kann. Dafür, dass ich etwa zwei Stunden vor dem Interview eingeschlafen bin und erst mit Klingeln des Telefons wieder aufwachte, klinge ich relativ ausgeschlafen, finde ich. :-)

Was ich mir für 2012 von den Medien wünsche

Ein Wissenschaftler sucht einen Assistenten. Das ist normalerweise keine Nachricht, die es bis in die Medien schaffen würde – wenn der Wissenschaftler nicht Stephen Hawking heißen würde und zwischen Weihnachten und Neujahr nicht sowieso schon journalistisch Saure-Gurken-Zeit wäre.

Nun dauerte es nicht lang bis die Meldung kommentiert wurde. Raul Krauthausen zum Beispiel schrieb mit Hinweis auf Spiegel Online, er hasse es, wenn Journalisten über Rollstuhlfahrer schreiben, sie seien „an den Rollstuhl gefesselt“ und „leiden an“ etwas.

Bei der Meldung handelt es sich in großen Teilen um eine Meldung der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Wer weiß, wie Nachrichtenagenturen arbeiten, den wundert es nicht, dass die Meldung sofort auf Hunderten Nachrichtenseiten zu lesen war – mit der Formulierung, dass Hawking „an den Rollstuhl gefesselt“ ist und „leidet“.

Konkurrent dapd hatte eine kürzere Meldung dazu im Dienst. Auch bei dapd „leidet“ Stephen Hawking, ist aber nicht gefesselt, sondern nur „fast vollständig gelähmt“.

Ich könnte noch ein paare andere Beispiele aufzählen, die mir in den vergangen Wochen aufgefallen sind, was den Umgang mit behinderten Menschen in den Medien angeht:

– In der Tagesschau wird berichtet, dass ein Mann jetzt ein „Krüppel“ sei, nachdem er von einem Rechtsradikalen zusammen geschlagen wurde. Der Mann hat eine halbseitige Lähmung.

– In der Berichterstattung über die Verleihung des Literaturnobelpreises berichtet dpa zwar in epischer Breite über die Behinderung des Nobelpreisträgers Tomas Tranströmer (dieser ist wie Hawking „an den Rollstuhl gefesselt“ und „er hob leicht die intakte linke Hand und zeigte ein frohes Lächeln“), seine Werke werden aber in der gesamten Berichterstattung kaum erwähnt.

– Das „Nachtmagazin“ zeigt einen Beitrag über die gehörlose Twitterin Julia Probst, lässt sie aber de facto gar nicht zu Wort kommen, sondern aus dem Off wird behauptet, sie könne nicht sprechen. Man macht sie im wahrsten Sinne des Wortes zur Taubstummen. Dabei sieht man wie Julia redet, nur was sie sagt, hören wir nicht. Selbst wenn es unverständlich gewesen wäre, was Julia gesagt hat, hätte man es einfach neu vertonen können oder die ARD hätte einen Gebärdensprachdolmetscher zum Dreh buchen sollen. Ein TV-Porträt, über jemanden, die zwar anwesend ist, aber selbst nicht zu Wort kommt – undenkbar, wenn es um eine hörende Person gegangen wäre.

– Und die Westdeutsche Zeitung weiß immer noch nicht, dass gehörlose Menschen nicht „taubstumm“ sind.

Ich will gar nicht so sehr über die Begriffe diskutieren. Wer da Klärungsbedarf hat, kann sich gerne das „Buch der Begriffe“ herunterladen, wo vieles erklärt wird.

Ich möchte einen Wunsch für 2012 äußern: Ich wünsche mir, dass Journalisten ihr Bild von Menschen mit Behinderungen mal in Frage stellen, bevor sie über sie schreiben. Die Formulierungen, Texte und Reportagen, über die ich mich ärgere, sind eigentlich nur ein Symptom. Ein Symptom dafür, dass Journalisten ihre eigenen Vorurteile in die Texte und Beiträge übertragen, die sie selber haben, und sie damit zur allgemein gültigen Wahrheit erklären.

Wenn aber behinderte Menschen irgendwann wirklich in der Mitte der Gesellschaft ankommen sollen, dann spielen die Medien eine nicht zu unterschätzende Rolle. So lange den Leuten immer wieder vermittelt wird, das Leben mit Behinderung sei in erster Linie ein tragisches Schicksal eines Einzelnen, das die Lebens- und Leistungsqualität so massiv einschränkt, dass nichts anderes wichtiger wäre, wird es schwierig, behinderte Menschen als Bürger, Arbeitnehmer, Arbeitgeber oder Menschen mit gleichen Rechten anzusehen. Als normaler Teil der Gesellschaft eben. Stattdessen findet eine Herabsetzung statt. Das führt zur Ausgrenzung.

Und wer für diese Argumente nicht empfänglich ist, der wird vielleicht dieses verstehen: Es geht hier auch um journalistische Qualität. Faktentreue zum Beispiel und um eine angemessene Sprache in dem jeweiligen Beitrag. Und es geht um Inhalte: Es ist einfach schlechter Journalismus, Absatz über Absatz mit der Behinderung der Person zu füllen, nur weil man seine Theorie / sein Werk / seine Arbeit nicht verstanden oder gelesen hat. Das fällt mir insbesondere bei Hawking immer wieder auf, aber wenn ich nichts von Physik verstehe (und dafür habe ich größtes Verständnis), dann bin ich vielleicht auch die falsche Person für die Berichterstattung über seine Theorien.

Ich glaube, dass deutsche Redaktionen, so wie es im angelsächsischen Bereich bereits üblich ist, dringend einen Styleguide bräuchten, in dem der Umgang mit dem Thema Behinderung dargelegt wird. Ich halte nichts davon, die Behinderung von jemandem totzuschweigen. Die Frage ist, wie man darüber berichtet und welchen Stellenwert man dem Thema einräumt.

P.S.: dpa hat mir übrigens schon zugesagt, sich zu bemühen, „an den Rollstuhl gefesselt“ 2012 nicht mehr zu verwenden. 2011 hatten sie es 14 Mal im Dienst.

Von Spreu und Weizen

Es gab einen Fahrerwechsel auf dem Weg zu meinem Schneider, der mir nur schnell einen Knopf an meinem Mantel wieder annähen wollte. Ich war zuvor problemlos in den Bus eingestiegen und dachte, ich käme auch problemlos wieder raus. Die Rampe funktionierte, der Bus war ein eher neueres Modell und es war kein Doppeldeckerbus. Die Rampen an den kleinen Bussen funktionieren oft besser als bei den Doppeldeckerbussen. Keine Ahnung warum.

Ich drückte den Knopf mit dem Rollstuhlsymbol, aber der Fahrer reagierte nicht. Ich rief nach vorne, dass er mir doch bitte die Rampe ausfahren solle. „Ich kann Sie nicht hören“, antwortete er. Erst dachte ich, er hört mich wirklich nicht, was angesichts der Größe des Busses schon etwas ungewöhnlich war. Ich bat ihn weitere zwei Mal die Rampe auszufahren, aber die Antwort war immer wieder die Gleiche: „Ich kann Sie nicht hören.“ Nach dem dritten Mal fügte er hinzu: „Sie müssen bis zur nächsten Haltestelle warten.“ Er hatte mich also sehr wohl verstanden.

An der nächsten Haltestelle, die sehr weit von meinem Schneider entfernt war, sagte mir der Busfahrer in sehr barschem Ton, die Rampe sei defekt. Er hatte nicht einmal versucht, sie auszufahren. Das wusste ich, weil es einen Warnton gibt, wenn die Rampe ausfährt. Da wurde mir klar, dass er mich vorher gehört hatte und mich einfach schikanieren wollte.

Ich blieb ganz ruhig und sagte: „Okay, und was schlagen Sie vor, wie ich jetzt den Bus verlassen soll?“. Plötzlich sprang er auf, knallte mit der Tür seiner Fahrerkabine, vielleicht trat er auch gegen sie, und schrie mich an. Schimpfte auf den Bus, auf mich, auf das Leben, fluchte und baute sich vor mir auf und beschimpfte mich. „Sie brauchen mich nicht anzuschreien“, sagte ich. „Ich werde Sie so oder so Ihrem Arbeitgeber melden. Lassen Sie mich bitte aus dem Bus.“ Daraufhin zog er mich ohne Rampe aus dem Bus und rauschte davon.

Ich nahm sofort mein Handy und rief die Verkehrsbetriebe an, um ihnen mitzuteilen, dass einer ihrer Fahrer wohl ein kleines Aggressionsproblem hat, das er offensichtlich an Rollstuhlfahrern auslässt. Die Frau der Beschwerdehotline war deutlich hörbar betroffen, entschuldigte sich in aller Form, versprach mir, ein Disziplinarverfahren einzuleiten, aber mein Tag war eigentlich gelaufen.

Situationen wie diese passieren nicht ständig, aber sie kommen leider viel zu oft vor. Ich bejammere das nicht, aber es ist so. Häufig denken Menschen, die mich (und andere Menschen mit einer sichtbaren Behinderung) so behandeln, dass wir uns nicht wehren. Deshalb trauen sie sich überhaupt, sich so aufzuführen. Spätestens wenn ihn sein Manager zum Gespräch bittet, wird er eines Besseren belehrt werden. Das ist das, was mich in solchen Situationen beruhigt. In dem Moment, in dem ich mich beschwere, habe ich wieder ein Stück Kontrolle zurück.

Als ich twitterte und auf Facebook schrieb, dass ich gerade einen Busfahrer gemeldet habe, weil er mich angeschrien hat und mir die Rampe ohne Grund nicht ausfuhr, dauerte es nicht einmal 30 Sekunden bis sich die ersten Freunde bei mir meldeten und mir Mut zusprachen und einfach nett waren. Das sind so Momente, wo mir mal wieder bewusst wird, wie viele unglaublich nette Menschen ich um mich herum habe, die verstehen, was Diskriminierung bedeutet, auch wenn sie selber vielleicht nie wirklich diskriminiert wurden.

Vergangene Woche war ich auf einem Geburtstag eingeladen. Ich kannte das Geburtstagskind nicht gut. Ich hatte ihn in meinem Leben drei Mal getroffen, davon zwei Mal auf einer sehr lauten Party. Wir haben getanzt, aber nicht sehr viel geredet. Es war einfach zu laut. Ich war, ehrlich gesagt, ein bisschen überrascht, dass er mich überhaupt zu seinem Geburtstag einlädt, aber ich habe mich gefreut. In der Einladung stand auch, dass er extra eine barrierefreie Location ausgesucht habe. Da musste ich an Rauls Blogeintrag denken, in dem er schreibt:

„Zu Geburtstagen werde ich oft nicht eingeladen, bei Partys nicht gefragt und bei Urlaubsplänen außen vor gelassen, weil die peinliche Situation vermieden werden soll, in der gemeinsam erkannt wird, dass die entsprechende Aktivität nicht barrierefrei möglich ist.“

Die Einladung des mir fast fremden Geburtstagskindes war für mich ein schönes Beispiel dafür, dass das nicht so sein muss, wenn die Leute einfach nur ein bisschen mitdenken. Und ich muss sagen, ich habe so gut wie nur noch Leute um mich herum, die genau das tun, mitdenken eben – offensichtlich selbst dann, wenn sie mich kaum kennen: Freunde reservieren in barrierefreien Restaurants Tische, buchen selbstverständlich einen Rollstuhlplatz für Konzerte ohne dass ich darum bitten muss, checken vorher, ob etwas barrierefrei ist und sagen mir, ohne dass ich überhaupt frage, wie die bauliche Situation ist, damit ich entscheiden kann, ob ich mit möchte. All das ohne peinliche Diskussion, sondern es ist einfach normal.

Es ist kein Zufall, dass das so ist. Wer, wie ich, ein Leben mit ein paar mehr Herausforderungen als man normalerweise so hat, führt, der tut sich keinen Gefallen daran, sich mit Menschen aufzuhalten, die die Behinderung nicht akzeptieren. Mit „nicht akzeptieren“ meine ich zum Beispiel Menschen, die mich nicht zum Geburtstag einladen, wie Raul es erwähnt, sich keine Gedanken machen und peinlich berührt sind, wenn es nicht klappt. Ich finde das sehr anstrengend. Diese Anstrengung kann und mag ich mir aber nicht leisten, weil ich ja sonst keine Kraft mehr habe, mich mit den Leuten auseinander zu setzen, die ich mir nicht aussuchen kann: Aggressive Busfahrer zum Beispiel. Ich brauche dafür ein Netzwerk, das mich unterstützt und nicht nur bedauert, das mir auf die Schulter klopft und sich mit mir über den Busfahrer empört. Ich brauche ein Umfeld, das mir nicht noch mehr Herausforderungen schafft als ich sowieso schon habe. Und so trennt sich Spreu und Weizen sehr schnell bei mir. Ich merke ziemlich schnell, wer meine Behinderung akzeptiert und wer nicht. Die zweite Gruppe wird es nie leicht haben mit mir. Ich kann mir das nicht leisten, aber das ist auch in Ordnung so. Die erste Gruppe ist mehr als groß genug.

Die Komiker des Deutschen Bundestages

Ich muss gestehen, so viel Sinn für Humor hätte ich den Damen und Herren des Deutschen Bundestages gar nicht zugetraut. Ich habe schallend gelacht als ich die Nachricht las: Der Deutsche Bundestag sagt die Veranstaltung zum Welttag der Menschen mit Behinderungen ab, weil sich zu viele behinderte Menschen angemeldet haben – genauer gesagt zu viele Rollstuhlfahrer.
Ja, wer rechnet denn mit sowas? Da macht man eine Veranstaltung zum Thema Teilhabe von Menschen mit Behinderungen und die Leute, die teilhaben sollen, kommen auch noch? Loriot hätte seine Freude daran gehabt. Ich auch, aber ich habe ja auch leicht lachen. Ich lebe ja nicht mehr in Deutschland, sondern genieße „den deutschen Humor“ und seine Blüten nur noch etwa einmal im Monat und in kleinen Dosen, wenn ich geschäftlich in Deutschland bin.
Die Komiker des Deutschen Bundestages haben sich offensichtlich nicht überlegt, welches Signal sie mit der Absage der Veranstaltung aussenden: Wenn Ihr über Eure eigenen Belange mitreden wollt, sagen wir die Veranstaltung eben ab – aus Sicherheitsgründen natürlich. Ist für die Politik vielleicht wirklich sicherer, nicht mit den Betroffenen selbst zu reden. Da kann man dann schön weitermachen wie bisher, was im Falle des Deutschen Bundestages bedeutet, wenig bis nichts zu tun, was das Leben von Menschen mit Behinderungen wirklich ernsthaft verbessern würde.
Und selbst wenn es keine politischen Bezug zur Absage gibt, muss sich der Deutsche Bundestag zumindest den Vorwurf gefallen lassen, zu doof zu sein, solch eine Veranstaltung zu organisieren. Ich weiß nicht, was besser ist.
Und wer jetzt meint, das Ganze betreffe ihn nicht, der sollte auf der Hut sein. Ich bin sicher, den Komikern vom Deutschen Bundestag fallen noch mehr Gelegenheiten ein, uns zum Lachen zu bringen: Man könnte den autofreien Sonntag abschaffen – zu viele Fahrradfahrer. Oder die Familienfeste der Parteien – zu viele Kinder. Oder den Karneval der Kulturen – zu viele Ausländer. Und wenn sie nicht aufpassen, wird bald auch der Deutsche Bundestag zum Sicherheitsrisiko – zu viele Politiker.
Nach und nach trudeln die Stellungsnahmen der behindertenpolitischen Sprecher ein. Man bedauert die Absage, es soll für nächstes Jahr eine Lösung gefunden werden. Aber keiner sagt, was alle denken: Wie peinlich!
Und bevor jetzt wieder alle schreien, wie gefährlich es wäre, 100 Rollstuhlfahrer zur gleichen Veranstaltung zu lassen: Genau das passiert im sicherheitsverrückten London nächste Woche. Der Bürgermeister hat, wie in jedem Jahr, zur Disability Capital Conference geladen. Ich war da schon mehrmals und schätze, da sind auch mindestens 100 Rollstuhlfahrer. Und beim Liberty Festival in London sind es sogar noch mehr. Ich bin sicher, die Briten erzählen Euch gerne, lieber Bundestag, wie man mit 100 Rollstuhlfahrern sicherheitstechnisch fertig wird. Nur Mut, Ihr schafft das!