Archiv für Barrierefreiheit

Ist wirklich jeder behindert?

An welchem Satz merkt man ganz schnell, dass jemand es sicher ganz nett meint, aber im Grunde null Ahnung hat, wovon er redet? Auf meiner Hitliste weit oben steht der Satz: „Im Grunde ist ja jeder irgendwie behindert.“ Dieser Satz wird so gut wie immer nur von nicht behinderten Menschen benutzt und ich hasse ihn. Ich schreie innerlich, wenn zu mir jemand diesen Satz sagt und gerade ist der Satz irgendwie wieder voll in Mode. Warum ich den Satz hasse? Er ist einfach falsch und er negiert völlig die Diskriminierung, die behinderte Menschen erfahren.

Zum einen steckt dahinter der Wunsch nach Gleichmacherei. Alle sind ja irgendwie gleich, alle machen die gleichen Erfahrungen. Das ist sicher sehr nett gemeint, aber nein, mit Verlaub, das ist nicht so. Nicht behinderte Menschen machen nicht die Erfahrungen, die behinderte Menschen machen. Nicht einmal behinderte Menschen machen die gleichen Erfahrungen die andere behinderte Menschen machen, weil sie andere Bedürfnisse haben.

Nicht behinderte Menschen müssen sich nicht bei der Bahn 24 Stunden vorher anmelden, wenn sie reisen wollen. Die können einfach in den Zug steigen. Die dürfen auch auf den Berliner Fernsehturm und ins Kino wann und wo sie möchten, die können auch jede Sendung im Fernsehen sehen und nicht nur die wenigen, die man untertitelt, um mal nur ein paar Beispiele zu nennen.

Meine Behinderung definiert sich für mich darüber, wie barrierefrei mein Alltag ist. In einer barrierefreien Umwelt fühle ich mich nicht behindert. Leider ist die Umwelt aber so, dass behinderte Menschen an sehr viele Barrieren stoßen. Das schließt sie von vielen Lebensbereichen aus: öffentliche Verkehrsmittel, Bildung, Beruf, Kultur, Medien. Die Liste ist ewig lang. Behinderte Menschen machen also tagtäglich die Erfahrung, dass sie ausgegrenzt werden. Sie werden behindert. Das zu ändern ist eine Frage von Menschenrechten und dem Bekämpfen von Diskriminierung.

Wenn man das ändern möchte (was ich schwer hoffe), muss man als erstes einmal den Umstand anerkennen, dass es Diskriminierung und Ausgrenzung gibt und auch, dass Behinderung kein allein individuelles Problem eines einzelnen ist, sondern ein gesellschaftliches Problem.

Diese oben beschriebene Gleichmacherei macht aber genau das Gegenteil. Es erkennt nicht die Bedürfnisse einer bestimmten Minderheit an, die die Gesellschaft vielfach nicht berücksichtigt, sondern tut so als seien die Erfahrungen im Alltag für alle gleich. Das ist aber nicht so.

Diese Definition von Behinderung übrigens ist auch der Grund, warum es im britischen Englisch „disabled people“ und nicht „people with disabilities“ (oder wie im Deutschen „Menschen mit Behinderungen“) heißt. „Disabled people“ geht davon aus, dass behinderte Menschen behindert werden nicht eine Behinderung haben, es ein gesellschaftliches Problem ist und fokussiert nicht auf eine rein medizinische Diagnose. Die Diagnose nennt man „impairment“ nicht „disability“.

Dahinter stehen zwei verschiedene Denkweisen über Behinderung. Das „medizinische Modell“ und das „soziale Modell“ von Behinderung. In Deutschland definiert man Behinderung danach, was jemand nicht kann und sieht das als alleinige Ursache für die Behinderung. Zum Beispiel: Ich komme in das Gebäude nicht rein, weil ich nicht laufen kann. Das „soziale Modell“ geht davon aus, dass die äußeren Umstände die Behinderung sind. Also: Ich komme in das Gebäude nicht rein, weil da fünf Stufen vor der Tür sind.

Zukunftsweisender ist sicher das „soziale Modell“, denn ein Gebäude kann man ändern, aber es wird immer Menschen geben, denen fünf Stufen Probleme bereiten. Darauf zu hoffen, dass sich das individuell oder medizinisch löst, ist ziemlich unwahrscheinlich und führt zu weiterer, andauernder Ausgrenzung – eben so lange wie das Gebäude nicht geändert ist.

Also nein, im Grunde ist nicht jeder behindert, nur ein Teil der Bevölkerung. Aber jeder kann etwas dafür tun, dass die Barrieren weniger werden. Dazu gehört auch, solche Sprüche zu überdenken.

Du bist nicht barrierefrei, Deutscher Bundestag

2002 war behindertenpolitisch ein wichtiges Jahr. Da hat der Deutsche Bundestag das Behindertengleichstellungsgesetz auf den Weg gebracht. Darin werden Träger öffentlicher Gewalt auf Bundesebene zur Barrierefreiheit verpflichtet. Darin steht in §11 der schöne Satz: „Träger öffentlicher Gewalt (…) gestalten ihre Internetauftritte und -angebote sowie die von ihnen zur Verfügung gestellten grafischen Programmoberflächen, die mit Mitteln der Informationstechnik dargestellt werden, (…) schrittweise technisch so, dass sie von behinderten Menschen grundsätzlich uneingeschränkt genutzt werden können.“

11 Jahre nach Inkrafttreten des Gesetzes schafft es der Deutsche Bundestag nicht, sich einfach mal an sein eigenes Gesetz zu halten. Wenn er das täte, wäre die nagelneue Kampagnenseite „Du bist die Wahl“ barrierefrei. Die Videos hätten zum Beispiel Untertitel und eine Übersetzung in Gebärdensprache. Auch würde die Seite blinden Nutzern nicht mitteilen, dass sie in Englisch ist und der Sprachausgabe so eine falsche Sprache vorgaukeln. Auch behinderte Menschen „sind die Wahl“. Inklusion fängt vor der eigenen Haustür an, auch vor der des Deutschen Bundestages.

Onlinetalk

Deutschlandradio Wissen.
Baut das Internet Barrieren ab? Und welche Rolle spielen Weblogs dabei? Zu diesem und anderem habe ich im Onlinetalk bei Deutschlandradio Wissen diskutiert. Den direkten Link zum Nachhören gibts hier

Deutschland ist ein Fall für die Werbeaufsicht

Deutschland ist für behinderte Menschen voll zugänglich. Glaubt Ihr nicht? Da habt Ihr recht, aber genau das will die Bundesrepublik Deutschland gerade behinderten Briten erzählen, denn die sollen in Deutschland bitte Urlaub machen. Dafür hat Deutschland, finanziert aus den Mitteln des Bundeswirtschaftsministeriums eine Printkampagne aufgelegt, die den erstaunlichen Slogan hat: „Access All Areas – Welcome to Germany“.

Werbung

Weiter heißt es (sinngemäß) übersetzt „Deutschland bietet eine Fülle von Möglichkeiten für einen erholsamen Urlaub. Besucher mit Behinderungen und eingeschränkter Mobilität, Ältere eingeschlossen, und Menschen mit Sportverletzungen sind alle in der Lage Deutschland voll zu genießen. Deshalb bieten viele Orte, Städte und Regionen in Deutschland spezielle Pakete für Menschen Behinderungen an. Da ist etwas für jeden dabei.“

Leider vergisst die Werbung einige nicht ganz unerhebliche Dinge zu erwähnen. Wie das ja manchmal so ist bei Werbung. Oder die Verantwortlichen haben ihr Büro seit Jahren nicht verlassen und glauben ernsthaft, Deutschland sei barrierefrei.

Ich bin beim Realitätsabgleich gerne behilflich:

– Deutschland ist gar nicht so barrierefrei wie sich viele nicht behinderte Menschen einbilden.
– An Europas größtem Flughafen Frankfurt ist es nur ganz schwer möglich, ein Taxi zu bekommen, das ein Kombi ist. Ein barrierefreies Taxi findet man an keinem Flughafen, das muss man Wochen vorher vorbestellen. In den meisten Städten gibt es gar keines. Wer stufenlos zur S-Bahn möchte, muss das Bahnpersonal des Flughafens Frankfurt am selten besetzten Servicepoint des Lokalbahnhofs bemühen und lernt den Müllraum des Bahnhofs kennen. Vielleicht meinten die Werber das mit „Access All Areas“.
– Der Berliner Funkturm lädt alle Besucher ein, außer Rollstuhlfahrer. Die dürfen nicht hinauf. Aus Sicherheitsgründen.
– Es gibt einen massiven Mangel an barrierefreien Toiletten. Überall. Einfach mal beim nächsten Kneipen- oder Restaurantbesuch darauf achten, ob es eine barrierefreie Toilette gibt. Nicht nur ebenerdig, sondern mit Griffen und so und breit genug für einen Rollstuhl.
– Es gibt auch einen Mangel an barrierefreien Hotelzimmern, die nicht mehr als 100 Euro kosten. Einfach beim nächsten Urlaub oder bei der Dienstreise mal fragen, ob das Hotel barrierefreie Zimmer hat und ob diese Einzel- oder Doppelzimmer sind. Es scheint in Deutschland unter Hoteliers dieses Gerücht zu geben, behinderte Menschen reisen immer alleine. Ja, ich meine auch Euch, Motel One.

Und noch ein Wort an die Werber: Die Werbung ist eigentlich ein Fall für die britische Werbeaufsicht, aber ich frage mich, ob das die Mühe wert ist. Die Zielgruppe fühlt sich nämlich schon durch Euer Wording null angesprochen. „People with disabilities“ heißen in UK „Disabled people“. Eine Behinderung wie Ihr es meint ist ein „impairment“. Und ich vermute stark, dass sich die Senioren nicht sehr freuen, wenn sie als „the elderly“ in der Werbung angesprochen werden. Aber wer glaubt, Deutschland sei barrierefrei, der hat vermutlich eh nicht mit der Zielgruppe gesprochen.

Ich selbstverwirkliche mich, deshalb arbeite ich

Zwei Blogeinträge in einer Woche? Ich weiß nicht mehr, wann das zum letzten Mal vorkam, aber ich habe den Drang, auf diesen Blogeintrag zu antworten. Das Nuf hat sich über dieses Video geärgert

und ihren Ärger in den Blogeintrag mit dem Titel „Geht euch doch selbstverwirklichen, ich geh arbeiten“ fließen lassen.

Nun war ich schon bei der Überschrift verwirrt. Wo ist denn da der Widerspruch? Dann las ich den Blogeintrag und es wurde mir klarer. Ja, ich mag dieses theatralische Gesülze amerikanischer Art und solche Kitschvideos auch nicht besonders. Die Aussage finde ich allerdings nicht so verkehrt. Im Gegenteil.

Ich gehe tatsächlich arbeiten, weil ich das, was ich mache, gerne tue. Mein Beruf ist meine Berufung, meine Selbstverwirklichung. Ich wusste schon immer, ich möchte, nein, ich MUSS Journalistin werden. Seit ich 7 war und ganze Sätze schreiben konnte ungefähr. Als ich etwa 9 Jahre alt war bekam ich als Belohnung für eine Operation einen Tag beim ZDF geschenkt und ab da war ich endgültig verloren an den Journalismus.

Hätte ich auf die guten Ratschläge um mich herum gehört, wäre ich heute Juristin oder Lehrerin – „der Staat stellt ja doch manchmal Behinderte ein“ – oder Telefonistin – „das raten wir allen Rollstuhlfahrern“. Gott sei Dank bin ich so stur und habe wie eine Bekloppte daraufhin gearbeitet, Journalistin zu werden. Hat dann ja auch geklappt.

Nun brauche ich ja nicht zu verschweigen, dass es für mich schon etwas aufwendiger ist, arbeiten zu gehen, vor allem in einem Beruf, bei dem man ständig draußen rumturnt, als für Leute, die den Journalistenberuf auf zwei Beinen ausüben – das liegt in erster Linie in der nicht immer barrierefreien Umwelt.

Als ich Volontärin bei dpa war, hatte ich teilweise bis zu 3 Terminen am Tag an immer anderen Örtlichkeiten. Wenn ich die Räumlichkeiten nicht kannte, musste ich anrufen und alles abklären. Das ist auch heute noch so und klappt mal gut, mal weniger gut. Außerdem muss ich immer viel früher los als andere Kollegen, um pünktlich da zu sein, weil ich mit Rollstuhl ins Auto laden und Lifte suchen einfach langsamer bin. Das ist zwar alles manchmal nervig, aber ich liebe meinen Beruf so sehr, ich nehme das gerne dafür in Kauf. Und ja, ich könnte mich auch verrenten lassen, aber ich will das nicht. Mein Beruf ist meine Selbstverwirklichung.

Würde ich diesen Aufwand betreiben für einen Job, der mich nicht erfüllt? Wohl eher nicht. Und unterdessen picke ich mir auch im Journalismus die Rosinen raus. Ich schreibe nur noch, was mir Spaß macht, ich den Aufwand vertretbar finde und das ist mehr als genug.

Als ich meine Firma gründete, habe ich mich für diverse Existenzgründerprogramme beworben. Ich bin in einige aufgenommen worden. Ein Programm stellte mir eine Beraterin zur Seite, die, wie sich später herausstellte, auch Rupert Murdoch beriet. Auf fast jede Frage, die sie mir am Anfang stellte, antwortete ich mit „Weil ich das gut finde“ oder „Weil ich das so gerne mag.“ Ich habe damals eine deutschsprachige Zeitung gestartet, die als einziges Konzept hatte, eine Zeitung zu werden, die ich selber gerne lesen würde. Das gefiel ihr nicht. Ich solle mal aus meiner Komfortzone rauskommen, sagte sie mir. Da habe ich sie rausgeschmissen. Warum? Weil ich glaube, dass Menschen dann gut sind, wenn sie an das glauben, was sie tun. Das ist bei mir jedenfalls so. Außerdem hatte ich meine Komfortzone schon oft genug verlassen. Warum soll ich mir das Leben ungemütlich machen, wenn ich das Sagen habe? Zudem kann ich nichts verkaufen, was ich selber nicht mag. Ich habe an meine Zeitung geglaubt, sie aufgebaut und im vergangenen Jahr, nach 5 Jahren, verkauft. Ganz ohne die Murdoch-Beraterin. Auch das war Selbstverwirklichung, denn ich wollte wieder mehr selber schreiben und ein bisschen mehr Zeit haben.

Und manchmal macht es mich einfach wütend – vielleicht so wütend wie das Nuf beim Betrachten des Videos – wenn ich sehe, dass Menschen völlig gegen ihre Bestimmung leben, sie das Leben eines anderen leben oder weil ihnen das die Eltern oder sonst wer vorgegeben haben.

Wenn ich morgen tot umfalle (bitte nicht!), habe ich zumindest die Gewissheit, mein Leben mit dem ausgefüllt zu haben, was mir Spaß macht, zumindest dann, wenn es möglich war. Die negativen Dinge im Leben kommen so oder so. Da muss man nichts zu tun. Mein Beruf spielt bei den positiven Dingen eine sehr wichtige Rolle. Insofern kann ich die Aussage des Videos gut verstehen.

All you need is… Barrierefreiheit

Wer ein bisschen verfolgt, was ich auf Twitter und / oder Facebook so schreibe, weiß, dass ich in den letzten 24 Monaten auf ein paar Bühnen dieser Stadt stand. Ich habe elf Jahre in Hamburg gelebt und stand auf keiner einzigen. Bühnen waren für mich immer ein Ort, zu dem ich nur mit großem Aufwand, wenn überhaupt, hinkomme. Ich war früher schon froh, wenn der Rollstuhlplatz im Publikum nicht in der letzten Reihe hinter einer Säule war. Die Zugänglichkeit der Bühne stand für mich gar nicht zur Diskussion. Ich hatte als Jugendliche mal gesehen, wie Wolfgang Schäuble bei einer Wahlkampfveranstaltung auf die Bühne gehoben wurde. Das wollte ich für mich nicht.

Dass Bühnen für mich wieder zu einer Option wurden, habe ich London und einer Verkettung mehrerer glücklicher Umstände zu verdanken. Der Kulturbetrieb insgesamt wirkt auf mich hier viel zugänglicher, aber ich habe mich dennoch nur sehr vorsichtig genähert. Sozialisation sucks!

Royal Festival Hall

Alles fing mit einem Flashmob-Chor an. Innerhalb eines Tages wurde geprobt und dann an drei Orten der Stadt gesungen – die Bühne war der öffentliche Raum, also barrierefrei. Dort lernte ich Lara Ruffle kennen, die mich fragte, ob ich nicht in ihrem Chor, der Lewisham Choral Society mitsingen möchte. Ich singe nicht besonders gut (aber war immer im Schulchor und kann Noten lesen) und so bin ich einfach hingegangen. Das erste Konzert war dann auch schon gleich in der Royal Festival Hall. Ausverkauft. Mit diesem Chor habe ich dann im gleichen Jahr auch bei den Paralympics gesungen.

Royal Festival Hall

In der Royal Festival Hall lernte ich, dass große Bühnen durchaus barrierefrei sein können. Der ganze Backstage-Bereich war barrierefrei und die Bühne konnte man hoch- und runterfahren. Ich bin, zusammen mit einem anderen Rollstuhlfahrer und einem gehbehinderten Mann im Chor (ja, ich war mal nicht die Einzige!), vorab auf die Bühne, diese wurde dann hochgefahren und so kamen wir stufenlos und ohne Probleme auf die Bühne.

Royal Albert Hall

Ende vergangenen Jahres meldete ich mich auf einen Aufruf, den ich über meinen „alten“ Chor bekam, ein Charity-Konzert in der Royal Albert Hall zu singen als Unterstützung eines großen Schulchores, der noch ein paar erwachsene Stimmen brauchte. Ermutigt durch die „Hebebühne“ der Royal Festival Hall, ging ich einfach hin und es war wieder kein Problem (nachdem ich das Bühnenmanagement davon überzeugt hatte, dass ich besser nicht oben auf einem Plateau mit zwei Stufen stehe). Die Hauptbühne ist barrierefrei, genauso der Backstage-Bereich. Auch in der altehrwürdigen Konzerthalle gibt es eine barrierefreie Toilette hinter der Bühne.

Abbey Road Studios

Anfang des Jahres habe ich den Chor gewechselt. Ich hatte einfach wieder Lust auf Rock statt auf Klassik und bin dem Rockchoir beigetreten. Dazu kam ich, weil mich wieder jemand fragte, ob ich nicht bei ihnen singen wolle, nämlich bei der Post-Olympic-Dance-Group, bei denen ich seit den Paralympics tanze – als einzige Rollstuhlfahrerin.

Musikinteressierten muss ich glaube ich nicht erklären, was die Abbey Road Studios sind.

Abbey Road Studio 1

Für den Rest: Es sind die wohl renommiertesten und bekanntesten Tonstudios der Welt. Die Beatles haben hier Alben aufgenommen, genauso wie Adele oder Pink Floyd. Ich war baff als ich erfuhr, dass mein Chor im April dort Aufnahmen machen wird. Wir hatten sogar den gleichen Toningenieur sowie den gleichen Flügel wie bei den Aufnahmen für „Skyfall“. Und es war einfach toll, sowas mal zu machen und die Akustik in den Studios ist Wahnsinn.

Das ist das Piano, auf dem „Lady Madonna“ gespielt wurde, ein Steinway Vertegrand Upright:
Klavier

Seitdem die Plattenfirma EMI, der das Anwesen gehört, die Studios 2010 verkaufen wollte, hat die Regierung sie kurzerhand unter Denkmalschutz gestellt. Denkmalschutz und Barrierefreiheit verträgt sich auch in Großbritannien nicht immer gut und ich war doch etwas beunruhigt als ich mir am Abend vor der Aufnahme den Wikipedia-Eintrag durchlas und auf dem Foto sah, dass das Gebäude Stufen vor der Tür hat. Alle Sorge war umsonst. Auch die Abbey Road Studios haben einen ebenerdigen Eingang und so kam ich in die legendären Räumlichkeiten.

Stühle im Studio

Und das ist das Ergebnis:

Diese ganzen Aktivitäten gehen nur, weil so vieles um mich herum barrierefrei ist. Die Kirchen, in denen die beiden Chöre proben, die Tanzstudios, in denen meine Tanzgruppe trainiert. Sadler’s Wells zum Beispiel ist einfach atemberaubend barrierefrei – mit Rampen, Duschen, Toiletten und Evakuierungsplan für Rollstuhlfahrer. Nicht das Theater. Der Probenbereich! Wir proben in vier verschiedenen Studios in London. Alle sind barrierefrei (eines hat eine einzige Stufe). Ich wäre gar nicht auf die Idee gekommen, dass es barrierefreie Tanzstudios gibt. Sozialisation sucks!

So geht Inklusion. Ganz ohne Inklusionstanz.

Wie barrierefrei ist London?

Update: Aus diesem Blogeintrag ist unterdessen eine eigene Webseite entstanden: London barrierefrei.

Eigentlich sollte dieser Blogeintrag schon vor Monaten erscheinen, um ehrlich zu sein, noch vor den Olympischen Spielen. Ich wollte schon länger eine Liste mit den wichtigsten Dingen aufschreiben, die man in Bezug auf London und Barrierefreiheit wissen sollte, da ich immer mehr Anfragen dazu bekomme. Hier ist also die ultimative Liste mit dem, was man über London und seine Barrierefreiheit wissen sollte (neue Punkte sind fett markiert):

Allgemein

  • London ist barrierefreier als sein Ruf.
  • Planung schadet aber dennoch nicht.
  • Es gibt viel mehr barrierefreie Toiletten als auf dem Kontinent. Auch in Einrichtungen, in denen man als Kontinentaleuropäer keine barrierefreie Toilette vermuten würde, gibt es oft eine. Einfach fragen!
  • Der Euroschlüssel, den man auf dem Kontinent hat und der einem Zugang zu Behindertentoiletten gibt, heißt hier Radarkey und sieht anders aus. Bestellen kann man ihn hier.
  • Alle Ampeln in Großbritannien sind barrierefrei. Unterhalb des gelben Kastens gibt es einen Kegel, der sich dreht. Auf dem Boden befinden sich taktile Platten, um die Ampel auch für blinde Menschen auffindbar zu machen.
  • Es ist gesetzlich verboten, behinderte Menschen zu diskriminieren. Unternehmen, die es doch tun, machen sich schadenersatzpflichtig.
  • Qualifizierte und gekennzeichnete Assistenzhunde dürfen daher in jede Einrichtung, jedes Geschäft oder Restaurant.
  • An den meisten Kassen und Informationsschaltern gibt es Induktionsanlagen für schwerhörige Menschen. Einfach nach dem Ohr mit T-Symbol Ausschau halten und das Hörgerät auf T schalten.
  • Viele Restaurantketten (z.B. Cafe Rouge, Nando’s oder Pizza Express) haben auch Speisekarten in Braille. Einfach nachfragen.
  • Ich habe bei Foursquare diverse Listen mit barrierefreien Plätzen in London angelegt.
  • Wer medizinische Hilfe benötigt, kann sich als EU-Bürger kostenfrei vom National Health Service behandeln lassen. Für Notfälle sind, wie in Deutschland, die Notaufnahmen (Accident & Emergency) zuständig, wer weniger dringend Hilfe braucht, kann sich an ein Walk-In-Centre wenden. Ich habe mit dem Walk-In Centre in Soho gute Erfahrung gemacht. Die können auch Rezepte ausstellen. Zur kostenlosen Behandlung EHIC-Karte nicht vergessen, sonst zahlt man 75 Pfund!

Öffentliche Verkehrsmittel

  • Am schnellsten kommt man vom Flughafen Heathrow mit dem Heathrow Express in die Stadt. Billiger ist es aber mit der U-Bahn. Alle Stationen in Heathrow sind barrierefrei. Wer lieber mit dem Heathrow Express fährt und während der Fahrt den Rollstuhl nicht verlässt, kann für sich und eine Begleitperson eine ermässigte Fahrkarte kaufen (Disabled Discount). In dem Fall braucht man keine Disabled Railcard.
  • Transport for London hat umfangreiches Kartenmaterial, das man sich an jedem Ticketschalter kostenlos geben lassen kann.
  • Es gibt Karten in Großdruck, mit verschiedenen Kontrasten, Karten mit barrierefreien Toiletten und sogar einen akustischen U-Bahnplan.
  • Dieses Material von Transport for London gibt es auch online.
  • Alle Londoner Busse sind barrierefrei und haben Rampen, die automatisch ausfahren.
  • Die meisten Rampen befinden sich an der hinteren Tür des Busses. Einfach dem Busfahrer ein Zeichen geben und er fährt sie aus.
  • Rollstuhlfahrer zahlen in Londoner Bussen grundsätzlich nichts, egal ob Londoner oder nicht.
  • Das gilt nicht für alle anderen Verkehrsmittel wie U-Bahn, DLR oder Overground.
  • Eine Begleitperson ist in London in öffentlichen Verkehrsmittel nie frei. Am besten kauft man sich eine Oyster-Karte, lädt sie auf und fährt sie ab. Das ist am preiswertesten.
  • Auf der Webseite von Transport for London kann man sich barrierefreie Verbindungen raussuchen lassen.
  • Das geht auch telefonisch unter 0843 222 1234
  • Außerdem hat die Organisation Transport for All, für die ich ehrenamtlich arbeite, umfangreiche Informationen online.
  • Transport for All hat auch eine Hotline, an die man sich wenden kann, wenn man Hilfe bei der Planung braucht oder die einem hilft, wenn man ein Problem hat, öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen: +44 20 7737 2339. Es gibt die Organisation auch auf Twitter unter @transportforall und Facebook Außer mir spricht da allerdings niemand Deutsch, also Anfragen bitte in Englisch stellen.
  • Es gibt tolle Apps, die einem die Planung sehr vereinfachen. Nur eine kleine Auwahl: Mit Travel Deluxe kann man seine Route (barrierefrei) planen, Bus Checker zeigt an, wann der nächste Bus kommt (geht auch mit Voice Over) und Bus Mapper hilft einem, die passende Busroute zu finden.
  • Londons U-Bahnsystem ist nur bedingt barrierefrei. London hat 270 Stationen, davon sind derzeit 66 stufenlos per Rampe oder Lift zugänglich.
  • Seit den Olympischen Spielen gibt es an manchen Stationen so genannte Platform Humps, also Bahnsteigerhöhungen, z.B. in Green Park Station, Earl’s Court (Piccadilly Line) und Brixton. Unbedingt die Beschilderung an den Stationen dazu beachten.
  • Außerdem gibt es manuelle Rampen, die an den Zug angelegt werden können, an manchen Stationen. Derzeit sind das: Hammersmith, King’s Cross St. Pancras, West Ham, Westminster, Southfields, Wimbledon, Earl’s Court, Fulham Broadway, Stratford, Woodford, Oxford Circus, Queen’s Park, Edgware, Morden, Finchley Central und Stockwell. Einfach einen Mitarbeiter an der Startstation ansprechen, auch wenn man die Rampen nur an der Zielstation braucht. Die funken die Kollegen dann an.
  • Stationen, die mit einem weißen Rollstuhlfahrer-Symbol gekennzeichnet sind, haben eine große Stufe in die Bahn, aber zum Bahnsteig kommt man stufenlos.
  • Stationen, die ein blaues Rollstuhlfahrer-Symbol haben, haben einen ebenerdigen Einstieg in die Bahn.
  • Der Osten Londons ist erheblich barrierefreier als der Westen.
  • Alle Stationen der Docklands Light Railway (DLR) sind barrierefrei und haben einen fast ebenerdigen Einstieg.
  • Zu fast allen Stationen fahren auch Busse. Allerdings dauert die Fahrt mit dem Bus wegen des dichten Verkehrs oft ewig.
  • Ist ein Lift an einer Station defekt und gibt es keine direkte Alternative per Bus, zahlt Transport for London ein von ihnen gebuchtes Taxi. Einfach beim Stationsmanager melden.
  • Transport for London hat diverse Videos produziert, die erklären, wie man in London barrierefrei voran kommt.

Taxis

  • Alle London-Taxis (Black cabs genannt) sind barrierefrei. Das heißt, sie haben Rampen, die angelegt werden können. Die Türen kann man aushängen, so dass sich die Türöffnung vergrößert.
  • Alle Taxis haben zudem eine ausklappbare Stufe, um den Einstieg für gehbehinderte Menschen zu erleichtern. Manche haben einen drehbaren Sitz.
  • Taxifahrern droht Lizenzentzug und/oder ein Bußgeld, wenn sie einen wegen eines Assistenzhundes oder aufgrund der Behinderung nicht mitnehmen wollen.
  • London hat derzeit zwei Taxi-Apps, die ich beide empfehlen kann: Hailo und GetTaxi. Ich persönlich nutze Gettaxi.

Mit dem Auto nach London

  • Wer seinen Londonaufenthalt nicht im Auto verbringen möchte, dem rate ich dringend davon ab, mit dem Auto in die Innenstadt zu fahren. Es staut immer und überall.
  • London hat furchtbar komplizierte Parkregeln für behinderte Menschen, die von Gemeinde zu Gemeinde unterschiedlich sind. Wer es dennoch versuchen will, dem empfehle ich den Blue Badge Parking Guide für London. Da stehen alle Regelungen drin – allerdings muss man selber rausfinden, in welcher Gemeinde man sich gerade befindet.

Unterkunft

  • Es gibt zahlreiche Hotels mit barrierefreien Zimmern. Hilfreich ist es, wenn das Hotel auch an einer barrierefreien U-Bahnstation ist oder zumindest relativ zentral liegt.
  • Ich habe gute Erfahrungen mit den Ketten Holiday Inn Express und Premier Inn gemacht. Im oberen Preissegment ist es gar kein Problem, barrierefreie Hotelzimmer zu finden.

Kultur

  • Viele kulturelle Einrichtungen bieten spezielle Angebote für behinderte Menschen. Museen bieten so genannte „Touch tours“ an, es gibt Theatervorstellungen mit Untertitel, in Gebärdensprache oder mit Audiodeskription. Wann und wo es diese Vorführungen gibt, kann man bei Access London Theatre nachsehen.
  • Manche Einrichtungen bieten Rabatt für Menschen mit Behinderungen an. Manchmal ist die Begleitperson auch frei, aber nicht immer. Einfach fragen.
  • Die meisten großen Theater und Einrichtungen haben ein so genanntes „Accessibiliy Statement“ auf ihrer Webseite, wo sie erklären was sie für Barrierefreiheit tun, wohin man sich wenden muss, wenn man die Rollstuhlplätze reservieren möchte oder welchen Service sie sonst noch anbieten, was sehr hilfreich ist vor dem Besuch.
  • Die meisten Sehenswürdigkeiten sind barrierefrei. Selbst historische Gebäude wurden, wenn es irgendwie möglich war, barrierefrei umgebaut. English Heritage hat eine gute Übersicht über Barrierefreiheit ihrer Sehenswürdigkeiten auf der Webseite.

Sprache

  • Die Briten sind sehr hilfsbereite Menschen und fragen eher einmal zu viel als einmal zu wenig. Es ist aber kein Problem, das Hilfsangebot mit „No, thank you. I’m fine“ abzulehnen.
  • Wenn man um etwas bittet oder sogar etwas fordert, sollte man das dennoch, wenn möglich, immer als Frage formulieren („Could you open the ramp, please?“).
  • Das Wort „handicap“ ist im Englischen verpönt. In Großbritannien wird es in Bezug auf behinderte Menschen so gut wie gar nicht mehr genutzt. Richtig ist „disability“ oder „disabled“.

Viel Spaß in London!

Die Liste wird weiter ergänzt, wenn mir noch weitere Punkte einfallen, die mir wichtig erscheinen.

Scandic Hotels – nicht perfekt aber auf gutem Weg zur Barrierefreiheit

Unternehmen, die mit Barrierefreiheit werben und versuchen, behinderte Kunden anzusprechen, haben bei mir eigentlich schon gewonnen. Es ist so selten, dass behinderte Kunden als Zielgruppe erkannt werden, dass ich mir schwer tue aus lauter Verbundenheit noch irgendwo anders hinzugehen als zu denen, die mich als Kundin wertschätzen.

Ich bin jetzt zum zweiten Mal im Scandic Hotel am Potsdamer Platz. Scandic ist eine skandinavische Hotelkette, die ein umfassendes Konzept zur Barrierefreiheit in ihren Häusern etabliert hat und damit auch wirbt. PR-mässig hat sich das in jedem Fall schon ausgezahlt – immerhin berichtete unter anderem CNN über das Konzept. Aber wie sieht das nun in der Praxis aus? Alles nur Werbung?

Das Problem ist natürlich, das sei vorweg bemerkt, wenn ein Unternehmen damit wirbt, besonders barrierefrei, besonders familienfreundlich, besonders umweltfreundlich oder was auch immer zu sein, dass man umso mehr auf die Mängel achtet, die dann doch in dem jeweiligen Bereich herrschen, die einem bei einem anderen Unternehmen vielleicht gar nicht aufgefallen wären. Dennoch dachte ich, es sei gut, meine Erfahrungen mal zu bloggen – vielleicht um auch andere Hotels anzuregen, sich mal ihr eigenes Haus mal genauer anzuschauen.

Die Ankunft

Am Eingang gibt einen Nebeneingang mit einem elektronischen Türöffner, so dass man gar nicht durch die Drehtür muss. Das Hotel wirbt mit dem Konzept „Design für alle“. Warum also kein Eingang für alle? Blinde Menschen würden den Nebeneingang erst einmal gar nicht so einfach finden.

Die Begrüßung an der Rezeption war vorbildlich. Die Rezeptionistin wies mich sofort darauf hin, dass der Tresen am Ende niedriger ist und zog mit mir dahin um. Das lässt auf eine gute Schulung des Personals schließen. Außerdem sind diese niedrigen Tresen in Hotels nicht selbstverständlich und sind sehr angenehm für mich als Rollstuhlfahrerin.
Dann fragte sie mich, ob sie die Türverankerung aushängen lassen soll. Ich wusste erst einmal gar nicht was sie meint. Als ich am Zimmer ankam, verstand ich es.

Der Weg zum Zimmer

Ich würde es mit „unproblematisch“ zusammenfassen, aber es gibt ein Aber. Ein Hotel, das damit wirbt, barrierefrei zu sein, sollte kein Gedöns wie Aschenbecher und Glaselemente vor den Aufzugrufknopf stellen. Wenn ich mich schon vorbeugen muss, um dran zu kommen, ist der Knopf für jemandem im E-Rolli eher schlecht zu erreichen. Blinde Menschen laufen auch gerne mal in so etwas rein.

Super sind die gewählten Bodenbeläge, denn sie sind extrem rollfreundlich. Nichts ist schlimmer als dicker Teppichboden in Hotels. Darauf rollen weder Rollstühle noch Koffer gut.

Ein weiterer Punkt, der mir im Lift auffiel: Vogelgezwitscher im Fahrstuhl und eine Sprachausgabe mit der Stockwerksansage vertragen sich nicht. Man hört nämlich die Stockwerksansage nicht mehr gut, vor allem wenn sie so leise ist wie hier.

Das Zimmer

Ach du meine Güte, gebe es einen Preis für die schwergängigsten Hoteltüren der Welt – Scandic Hotel Potsdamer Platz, der Preis wäre Deiner. Diese Türen sind nicht nur für behinderte Hotelgäste eine Zumutung, sondern für jeden. Dieser Bügel, der die Tür automatisch ins Schloss fallen lässt, ist so stark eingestellt, dass man die Tür nur schwer öffnen kann. Doof mit Kindern, doof mit Koffern, doof im Rollstuhl. Dem Hotel ist das Problem offensichtlich bekannt, sonst hätte die nette Rezeptionistin nicht gefragt, aber Design für alle ist nicht „Wir hängen für die Rollstuhlfahrer die Türsteuerung aus“.

Hotelzimmer

Das Zimmer sonst ist großzügig. Es gibt Lichtsignalanlagen für gehörlose Kunden und elektrisch verstellbare Betten. Das Bett kann man im Rollstuhl nur von einer Seite aus anfahren. Das ist nicht ideal, aber absolut Standard in barrierefreien Zimmern und für mich nicht so tragisch – wenn da nicht die Fernbedienung wäre… Als ich in mein Zimmer kam, lief der Fernseher und man forderte mich auf, die „OK“-Taste der Fernbedienung zu drücken für die Hotelinformationen. So weit so normal. Aber die Fernbedienung lag so, dass ich sie niemals alleine erreicht hätte ohne aufs Bett zu steigen und auf die andere Bettseite zu klettern. Das war mir dann aber doch zu viel Aufwand.

Der Gang an einer Seite des Bettes ist zu schmal, um mit dem Rollstuhl durchzupassen. Ich rief also die Putzfrau, die glücklicherweise vor meiner Tür putzte und ließ mir die Fernbedienung geben. Genau das gleiche Problem hatte ich bereits vor einem Jahr als ich schon mal im Scandic-Hotel übernachtet habe.

Mein persönliches Highlight in meinem Zimmer ist allerdings die Stehlampe. Ich kenne sicher fast 1000 barrierefreie Hotelzimmer auf der ganzen Welt – noch nie irgendwo sonst habe ich eine Stehlampe im Zimmer gehabt, die ausschließlich mit dem Fuß zu bedienen ist (oder wenn man sich aus dem Rollstuhl lehnt, aber das fällt für mich nicht unter die Kategorie „barrierefrei“).

Stehlampe

Das Bad

Die Badausstattung ist ziemlich gehoben, aber ebenfalls Standard, was barrierefreie Hotelbäder angeht. Lustig fand ich, dass das Hotel mir im Bad irgendein Angebot macht – am Spiegel. Welches das ist, kann ich Euch nicht sagen. Ich kann es nicht lesen, es hängt viel zu hoch. Auch hat man eine handtuchwaschtechnische Botschaft an mich. Die kann ich ebenfalls nicht lesen, weil sie für mich unerreichbar ist. Ich ahne angesichts meiner Hotelerfahrung allerdings, dass es darum geht, Handtücher zu sparen und so.

Resüme

Keine Frage, Scandic hat definitiv das Thema Barrierefreiheit im Blick. Ich finde vor allem das Personal sehr gut geschult, was sowieso immer die halbe Miete ist. Allerdings unterscheiden sich die Zimmer kaum von anderen barrierefreien Zimmer in dieser Preiskategorie, wenn man vom elektrisch verstellbaren Bett absieht. Und wie immer steckt der Teufel im Detail. Die Fernbedienung gehört nicht auf den nicht erreichbaren Nachttisch und die Stehlampe mit Fußbedienung gehört gar nicht ins Zimmer. Es sind die Kleinigkeiten, die wie so oft den Unterschied zwischen gut und sehr gut ausmachen. Scandic ist sicher auf einem guten Weg. Aber es geht noch viel besser.

DLD13: Wer Behinderung ausrottet, tötet Innovation

„Fast könnte man meinen, der DLD habe sich die angebliche Heilung der Welt als roten Faden ausgesucht“, schrieb ich 2008 als ich vom DLD zurückkam. Der DLD ist eine Konferenz rund um Innovation, auf der ich diverse Male war. Damals bezog ich mich auf die Vorstellung des Unternehmens 23andme. Meinen kritischen Blogeintrag dazu, findet sich hier und ich könnte ihn heute noch unterschreiben.

Im gleichen Jahr musste ich mir dann auch noch anhören, dass ein Leben im Rollstuhl ein Leben zwischen Leben und Tod ist. Ich glaube, das war der Punkt, wo ich die Lust auf den DLD verloren habe.

Und tatsächlich, auch in diesem Jahr tauchte der rote Faden wieder auf. Mir entglitten alle Gesichtszüge als dieser Tweet in meiner Timeline auftauchte:

Das Ausrotten von Behinderung als Innovationsidee? Sind wir wieder soweit, ja? Die entsetzen Reaktionen behinderter Konferenzteilnehmer und Twitterleser ließen nicht lange auf sich warten und wurden erfreulicherweise oft retweetet.

Das ist auch das Positivste, was ich dem Ganzen abgewinnen kann. Behinderte Menschen halten nicht mehr die Klappe, wenn man ihre Abschaffung debattiert. Im Blogeintrag zur Konferenz steht sogar die wunderbare Vokabel „eliminate disability„.

Und abgesehen davon, dass man im Geschichtsunterricht schon ziemlich geschlafen haben muss, um das Thema Behinderung – auch noch in Deutschland – so zu behandeln, es ist auch noch falsch in Bezug auf Innovation.

Viele der Innovationen, die wir heute nutzen, sind nur da, weil es behinderte Menschen gibt. Es waren behinderte Menschen, die die Impulse zu Erfindungen wie der Tastatur, dem Transistor oder Teletext und vielem anderen gaben. Channel4 hat dazu einen hervorragenden Artikel recherchiert. Auch Artur Ortega hat vor drei Jahren für Yahoo! bei der UN einen Vortrag dazu gehalten.

Viele Entwicklungen entstehen, weil Menschen unterschiedlich sind, weil sie unterschiedliche Sichtweisen haben und unterschiedliche Bedürfnisse haben. Die Diversität einer Gesellschaft führt zu Innovation, nicht deren Gleichmachung und das Ausrotten von Behinderung, was sowieso niemals funktionieren wird.

Wer Innovation will, sollte die Vielfalt, die mit Behinderung einhergeht, wertschätzen. Vokabel wie „eliminieren“ und „ausrotten“ spiegeln eine Einstellung wider, die ganz und gar nicht innovativ ist, sondern von vorgestern.

Update: Das Twitter-Team des DLD hat sich unterdessen entschuldigt. Im Blog wurde die Formulierung, die aus dem Programmtext stammt, geändert.

Die Paralympics sind toll, schafft sie ab

Wisst Ihr, was die mir am häufigsten gestellten Fragen der vergangenen Wochen sind? Mich haben x Leute gefragt, warum die Olympischen Spiele und die Paralympics eigentlich zwei verschiedene Veranstaltungen sind, warum es zwei Eröffnungs- und zwei Abschlussfeiern gibt und was es mit dieser Pause von zwei Wochen zwischen den beiden Veranstaltungen auf sich hat. Jedes Mal musste ich den mich erwartungsvoll anschauenden Gesichtern sagen: „Ich weiß es nicht. Ich kann es auch nicht nachvollziehen.“

Natürlich kenne ich die Argumente, aber nachdem ich ein Großteil meiner Zeit in den letzten Wochen in paralympischen Spielstätten verbracht habe, verstehe ich sie noch weniger.

Wenn man mir vor einem Jahr gesagt hätte, dass ich 2012 ganze Wochen in Stadien verbringe, von der Rollstuhlrugbyveranstaltung zum Schwimmen und vom Schwimmen zum Rollstuhlbasketball düse – ich hätte die Person für verrückt erklärt. Aber nachdem ich durch eine Verkettung glücklicher Umstände doch noch eine Akkreditierung bekam, konnte ich mir die ganzen Paralympics anschauen, nachdem ich mit meinem Chor bereits bei der Eröffnungszeremonie gesungen habe. Und es war richtig toll!

Dass ich dort gesungen habe, ist nicht selbstverständlich. Ich habe ziemlich mit mir gerungen als mein Chor gefragt wurde, ob wir auftreten würden. Ich hatte die Zusage für die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele schon und ich war immer schon große Skeptikerin, was die Paralympics angeht. Sollte ich also auf einer Veranstaltung singen, die ich eigentlich nicht mag?

Ich mochte die Paralympics deshalb nicht, weil ich mir selbst immer die Frage gestellt habe, warum das eigentlich zwei Veranstaltungen sind. Ich empfand die Paralympics als eine ziemlich klischeemässige Behinderten-veranstaltung, auch weil ich den Behindertensport selbst so erlebt habe. Als immer sehr integrativ aufgewachsener Teenager musste ich in einen Behindertensportverband gehen, um Sport zu machen, weil mich der örtliche Sportverein nicht genommen hat. Da ging es nicht um spezielle Förderung, sondern ganz klar um Ausgrenzung. Und ich verlor deshalb auch schnell den Spaß daran.

Nun habe ich wirklich Tage in Stadien und anderen Sportstätten verbracht und habe sehr viel von den Paralympics gesehen. Und meine Skepsis ist völlig gewichen. Die Paralympics sind großartig. Es hat Spaß gemacht, das alles zu erleben. Vor allem das Publikum hat das zu einem wahren Erlebnis gemacht. Ich bin sehr stolz auf die Briten. Die haben es wirklich rocken lassen. Aber die Frage, warum das zwei Veranstaltungen sind, wird für mich immer lauter: Ausverkaufte Spielstätten, ein begeistertes Publikum, super Berichterstattung im ganzen Land. Die Briten haben also gezeigt, dass die Paralympics nicht mehr stiefmütterlich neben den Olympischen Spielen ihr Dasein fristen müssen.

Paradewagen mit Sportlern von TeamGB und Paralympics

Ich habe mit vielen Sportlern gesprochen, interessanterweise sind vor allem die behinderten Sportler nicht sehr dafür, die Spiele zusammen zu legen. Man hat Angst, dass sich niemand mehr für sie interessiert, wenn Usain Bolt läuft. Aber das Problem gibt es jetzt auch schon. Wenn Usain Bolt läuft schaut auch keiner Judo, wenn das parallel läuft, auch nicht bei nicht behinderten Athleten. Und die Spiele 2012 haben bestens bewiesen, dass sich das Publikum für behinderte Sportler genauso begeistern kann wie für nicht behinderte Athleten – wenn man sie sich begeistern lässt. Mit der Entscheidung des deutschen Fernsehens nur wenig live und wenn, dann vor 16 Uhr, zu berichten, haben die Deutschen die besten Wettkämpfe verpasst. Die Silbermedaille von Manuela Schmermund zum Beispiel oder die Goldmedaille für die deutschen Basketballfrauen in einem super Spiel gegen Australien. Oder Gold für Schwimmerin Kirsten Bruhn. Oder wie Oscar Pistorius von einem Brasilianer geschlagen wurde. Und was ich der ARD noch in 10 Jahren nachtragen werde ist, dass sie bei der Eröffnungsfeier der Paralympics erst eingestiegen sind als diese schon über 30 Minuten lief – Ihr habt mich und meinen Chor also verpasst.

Dann gibt es noch das Argument, die Spiele würden zu groß. Das kann schon sein, aber es ist jetzt schon ein gigantisches Unternehmen, da machen zwei drei mehr Häuser im olympischen Dorf den Bock auch nicht mehr fett. Zudem finde ich, dass nicht jede Sportart olympisch sein muss. Mir fallen sofort bei olympischen wie paralympischen Spielen Sportarten ein, auf die ich verzichten könnte.

Ich glaube zudem, dass es das deutsche Problem mit der Sportförderung lösen könnte, wenn man die Olympischen Spiele und die Paralympischen Spiele zusammen legt. Behinderte Leistungssportler werden im Vergleich zu ihren nicht behinderten Kollegen geradezu mit Brotkrumen abgespeist. Es gibt derzeit nur 10 behinderte deutsche Berufsportler, die in einem Programm gefördert werden, sagte der Bundespräsident im Deutschen Haus und fand das auch noch fortschrittlich. Im Vergleich zu anderen Ländern ist das ein Witz. Wenn es aber nur noch ein Topf gibt, aus dem alle finanziert werden, gebe es auch für die behinderten Sportler genug Geld. Sie könnten sich aus dem großen Topf bedienen und bekämen nicht nur Brotkrumen hingeschmissen. Und auch die Sponsoren müssten nicht behinderte und behinderte Sportler gleichermaßen unterstützen, wenn sie die Olympischen Spiele als Plattform nutzen möchten. Es wäre eben eine große Veranstaltung. Und die Fernsehsender würden sicher nicht die Liveschaltung unterbrechen, nur weil zwischen den beiden Leichtathletikwettkämpfen ein Rollstuhlrennen angesetzt ist. Es würde die Medienberichterstattung tendenziell verbessern.

Paradewagen mit Ellie Simmonds

Die Spiele dieses Jahr haben gezeigt, dass behinderte Athleten genauso Stars werden können, wie nicht behinderte Sportler. In UK kennt jeder Ellie Simmonds, von Oscar Pistorius ganz zu schweigen. Hannah Cockroft wirbt für meinen Internetprovider mit einem unverwechselbaren Lachen und mit super Aussagen über ihre Behinderung. Ich bin mir durchaus bewusst, dass behinderte Sportler den Umgang damit erst lernen müssen, aber ob behindert oder nicht – zu einer erfolgreichen Sportlerkarriere gehört eben auch die Außendarstellung.

Also was ist dann eigentlich das Problem? Mein Verdacht ist ein bisschen, dass es nicht zuletzt ein politisches ist. Derzeit gibt es sehr viele Funktionen und Jobs zwei Mal – einmal für die Olympischen Spiele, einmal für die Paralympics. Es müssten also einige Leute ihren Job aufgeben. Der erste Schritt dahin, ist in London allerdings schon vollzogen worden, indem es nur eine Organisation (LOCOG) für beide Spiele gab.

Ich glaube, dass diese Bewegung hin zu Inklusion auch in anderen Ländern möglich ist. Man braucht keine getrennten Spiele für behinderte und nicht behinderte Sportler mehr. Gerade der Sport hat eine riesen Möglichkeit, Vorbild für andere Gesellschaftsbereiche zu sein. Deshalb: Integriert die Paralympics in die Olympischen Spiele. Es ist Zeit.