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Archiv für Barrierefreiheit

Wer den Pfennig nicht ehrt…

Ich hatte beim Ausmisten eine Tupperdose mit Kleingeld gefunden. Viel Kleingeld. Das einzige Problem war, es handelte sich um D-Mark. Ja, ich weiß auch nicht, wie diese Dose diverse Umzüge in den vergangenen 17 Jahren ungesehen überstehen konnte, aber jetzt war sie nun einmal da und man schmeißt ja schließlich kein Geld weg. Wer den Pfennig nicht ehrt und so.

Es handelte sich um rund 100 Mark, 50 Euro also. Eine kurze Recherche bei Google ergab, man kann tatsächlich noch D-Mark in Euro umtauschen. Am einfachsten geht das persönlich, in Deutschland, bei der Bundesbank. Da ich vergangene Woche für 5 Tage in Berlin war, um bei der re:publica zu sein, dachte ich mir, ich könne eine Stunde opfern, um mir bei der Bundesbank schnell meine 50 Euro abzuholen.

Praktischerweise liegt die Bundesbank an der gleichen U-Bahnlinie wie die re:publica, nämlich an der U2. Unpraktischerweise gibt es keine barrierefreie U-Bahnstation dort, also nahm ich die nächstgelegene barrierefreie Station und rollte dann etwa 1km bis zur Bundesbank.

Münzsammler

Vor dem Gebäude standen lange Schlangen. „Die können unmöglich alle Tupperdosen mit D-Mark gefunden haben“, dachte ich bei mir und ging einfach an der Schlange vorbei. Später verstand ich, es waren Münzsammler. Münzsammler sind ein Volk, mit dem ich den vergangenen 40 Jahren meiner Lebenszeit noch nie etwas zu tun hatte, aber das sollte sich nun ändern. Ich ging zu einem Sicherheitsmenschen und sagte ihm, ich wolle D-Mark tauschen. Er zeigte auf eine Tür, sagte ich solle den Lift nach oben nehmen. Oben angekommen gab es noch mehr Mitglieder des Volkes der Münzsammler, die sich in zwei Reihen aufspalteten. Nur wo ich hin musste, war mir nicht klar. Ich wollte ja keine Münzen kaufen.

Der Sicherheitsmensch von unten kam über die Treppe zu mir und brachte mich durch die beiden Schlangen zu seinem Kollegen. Ob er sich bitte weiter um mich kümmern könne. Er konnte. Welche Münzen ich den kaufen wolle, fragte er. Noch bevor ich überhaupt antworten konnte, mischte sich ein älterer Herr ein. Es ginge nicht, dass ich bevorzugt behandelt werde. Ich solle mich gefälligst hinten anstellen. „Da sind doch Stufen“, verteidigte mich der Sicherheitsmann. „Wie sollen wir das denn sonst machen?“. Ich unterbrach den Streit: „Ich möchte keine Münzen kaufen. Ich möchte D-Mark eintauschen“, sagte ich. „Achso“, sagte der Sicherheitsmann. Da käme ich aber auch nicht hin. Der Teil des Gebäudes sei nicht barrierefrei. Genauso wie die Münzausgabestelle sei hier nichts barrierefrei. Da stand ich nun mit meinen D-Mark. 15 Jahre nach Inkrafttreten des Bundesbehindertengleichstellungsgesetzes, das Bundesgebäude zur Barrierefreiheit verpflichtet, war der Bereich für den Publikumsverkehr der Bundesbank immer noch nicht barrierefrei. Mehr Bundesgebäude als die Bundesbank kann ein Gebäude doch gar nicht sein, dachte ich, aber ich weiß auch, in Deutschland wird im Bestand so gut wie nicht umgebaut. Ich solle warten, sagte man mir. Und so wartete ich zwischen den Münzsammlern darauf, dass jemand mein Geldproblem löste.

D-Mark

Während ich wartete, fiel mir ein, wie absurd das alles ist. Der Finanzminister Deutschlands käme in seinem eigenen Land nicht einmal in der Bundesbank klar. Müsste sich vermutlich noch anpöbeln lassen, dass er sich vordrängeln will. Nach einiger Zeit erschien eine sehr freundliche und hilfsbereite Frau. Sie fragte nach meinen D-Mark und ich sagte ihr, ich habe eine Tupperdose voll mit Geld, die ich gerne tauschen würde. Sie sagte, sie würde das für mich erledigen. Und so übergab ich in diesem Gedränge einer Frau, der ich vertrauen musste, dass sie da arbeitet, in dem Gedränge meine 100 D-Mark. Nach einer ganzen Weile kam sie wieder, überreichte mir meine Tupperdose. Darin 50 Euro. Mission erfüllt. Nur zum Aufzug musste ich mich jetzt noch durchkämpfen. Die Münzsammler sind kein Volk, das sich einfach bewegen lässt, aber die nette Bundesbank-Mitarbeiterin bahnte mir den Weg.

Das sind so Situationen, wo ich merke, dass ich einen „Reversen Kulturschock“ bekäme, sollte ich jemals wieder nach Deutschland ziehen. Natürlich ist die „Bank of England“ barrierefrei. Das Gebäude ist uralt. Das der Bundesbank übrigens nicht. Mir fehlt da unterdessen jegliches Verständnis, wie man solch ein Gebäude, das umzubauen ginge, nicht einfach umbaut. Am Geld kann es bei der Bundesbank ja kaum liegen.

#TeamWallraff – Was sich ändern muss

Wie sie sich jetzt alle zu Wort melden, die ganzen Heilerziehungspfleger, Heimbetreuer und Pfleger, die ihre Reputation gefährdet sehen: Bei ihnen sei ja alles prima bei der Lebenshilfe. Ja ne, ist klar. Nur nichts verändern! War doch so schön kuschelig die ganzen letzten Jahre.

Und wenn man dann hinter die Fassade schaut und mal ohne Betriebsblindheit in einer Einrichtung sitzt, wird es einem dann doch oft ganz anders. Und dabei muss es gar nicht um eindeutige Misshandlungen gehen, wie am Montag das Team Wallraff auf RTL aufdeckte, sondern einfach um Machtstrukturen zwischen Betreuern und behinderten Bewohnern und Werkstattarbeitern. Das Problem in solchen Einrichtungen ist das ständige Unterbinden von Selbstbestimmung, auch in Bereichen, in denen die behinderten Bewohner / Werkstattarbeiter eigentlich noch selbst bestimmen könnten, wenn man sie denn ließe.

Das konnte man auch sehr schön in dem Film sehen. Nicht einmal die Anzahl der Brote, die er essen wollte, durfte ein Bewohner selbst festlegen und auch Raul Krauthausen musste sich beim Heimexperiment ganz schön umstellen, als er nicht einmal alleine den Joghurt aus dem Kühlschrank nehmen durfte.

Ich versuche eigentlich, Vorurteile zu vermeiden, aber ich gebe ehrlich zu, bei Mitarbeitern aus Institutionen, Behindertenwerkstätten und Heimen fällt mir das seit Jahren immer schwerer. Die Frage, die ich mir immer stelle, wenn sich jemand als solcher vorstellt ist, warum arbeitet jemand dort? Warum dort und nicht bei einer Organisation, die Selbstbestimmung fördert? In einer kleinen Wohngruppe zum Beispiel oder im Bereich persönlicher Assistenz, in dem behinderte Menschen selbst bestimmen, was sie wann tun. Warum nicht in einem Integrationsunternehmen? Warum müssen es solche engen Strukturen sein, die nicht erst seit Montag kritisiert werden?

Ihr seid nicht die Opfer

Was mich in den vergangen Tagen am meisten aufgeregt hat, ist die Reaktion der Lebenshilfe. Aber auch das passt prima ins Bild. Die Lebenshilfe tut jetzt so als sei sie selbst das Opfer. Liebe Lebenshilfe, das seid ihr nicht und jeder, der Euch das abnimmt und in diese Kerbe schlägt, verhöhnt die eigentlichen Opfer dieser traurigen Geschichte, nämlich die behinderten Bewohner.

In Wahrheit hat man da jahrzehntelang gut Geld verdient – der Begriff Wohlfahrtsindustrie trifft es schon ganz gut – und jetzt kommt da so ein Nestbeschmutzer, der was von Menschenrechten erzählt, sich Experten ins Boot holt, die Heimaufsichten vorführt und am Soziallack kratzt, weil behinderte Schutzbefohlene rumgeschupst und misshandelt werden und Verträge mit der Arbeitsagentur offensichtlich nicht so genau genommen werden.

Angriff ist die beste Verteidigung

Und was macht die Lebenshilfe? Sie geht zum Gegenangriff über. Angriff ist die beste Verteidigung, nicht wahr? Sie empört sich darüber, dass die Journalisten nicht nach den ersten Misshandlungen ihre Maske fallen ließen und die Lebenshilfe informiert haben. Völlig unterschlagen wird dann auch noch, dass die Journalistin sehr wohl den Vater der misshandelten Frau angerufen hat, es ein Gespräch mit der Familie gab, von dessen Inhalt der Geschäftsführer aber nichts gewusst haben will, berichtet die Rheinische Post.

Ich weiß nicht, was ich schlimmer finde, dass da Misshandlungen im Raum stehen, aber Inhalte solcher Gespräche nicht einmal bei der Geschäftsführung ankommen – stimmt da etwa was mit den Strukturen nicht? – oder diese jetzt so tut als habe sie nichts gewusst, damit der Gegenangriff glaubwürdiger aussieht. Egal wie man es dreht oder wendet, die Schuldigen sitzen nicht in der Wallraff-Redaktion, sondern im Vorstand und der Geschäftsführung der Lebenshilfe, weil sie offensichtlich völlig die Kontrolle über ihre Institutionen verloren haben.

Der Film wollte Systematiken und Strukturen aufdecken und das ist ihm auch gelungen. Gerade weil man eben nicht nach dem ersten Fall aufgegeben hat, sondern weiterrecherchiert hat, sind diese sichtbar geworden. Genau so funktioniert investigativer Journalismus. Nach dem ersten Fall hätte die Lebenshilfe „Einzelfall“ gerufen und der Aufschrei wäre ausgeblieben. So ist jetzt auch dem letzten Zuschauer klar, das sind gar keine Einzelfälle, da stimmt etwas im System nicht und bei der Einstellungspraxis, der Aufsicht und der Unterhaltung dieser Einrichtungen.

Die Lebenshilfe ist auch kein Opfer ihrer Mitarbeiter. Sie haben die Mitarbeiter, deren Charakter offensichtlich nicht dazu geeignet ist, behinderte Menschen zu betreuen, selbst eingestellt. Sie haben kein Kontrollsystem etabliert, bei dem solche Vorfälle sofort sichtbar werden, sie haben eine Kultur in ihren Einrichtungen geduldet, in denen Mitarbeiter ohne Scheu vor anderen Mitarbeitern mehrfachbehinderte Menschen schikanieren konnten. Die Taten sind von den Tätern begangen worden, dafür gehören sie bestraft, aber die Strukturen sind es, die solch ein Verhalten erst möglich gemacht haben.

Was ich erwartet hätte wäre, dass binnen 24 Stunden eine bundesweite Hotline geschaltet wird, bei der Vorfälle in anderen Lebenshilfe-Einrichtungen anonym gemeldet werden können, bei einer unabhängigen Institution, einem Menschenrechtsanwalt zum Beispiel. Aber dafür müsste man erst einmal einsehen, dass es strukturelle Probleme gibt und nicht zufällig ein halbes Dutzend Mitarbeiter, die aus der Spur sind.

Strukturelles Problem

Worum es bei dem Wallraff-Film geht, sind nicht einzelne Mitarbeiter, die sich nicht zu benehmen wissen und ihre sadistische Ader ausleben. Worum es geht sind Strukturen einer Wohlfahrtsindustrie, die mehrere Milliarden Euro im Jahr bekommt, aber in vielen Bereichen ihrer Aufgabe nicht gerecht wird. Da geht es nicht nur um Misshandlungen, aber eben auch.

Und es geht darum, dass die Werkstätten ihren Aufgaben nicht erfüllen. Es ist nicht nur die Werkstatt in dem Film, die eine Wiedereingliederungsrate von 2 Prozent hat, sondern das ist ein bundesweites Problem. Die Arbeitsagenturen finanzieren de facto die Ausgliederung aus dem Arbeitsmarkt, nicht die Wiedereingliederung. Dass es auch anders geht, hat Schweden gezeigt. Dort gibt es seit Jahren keine Werkstätten mehr, sondern der Staat hat eine eigene Personalagentur geschaffen, die Arbeitnehmer an Firmen „ausleiht“. Die Mitarbeiter bekommen einen Tariflohn, nicht durchschnittlich 180 Euro im Monat wie das in Deutschland der Fall ist. Dieser wird weitergezahlt, wenn mal keine Arbeit von einer Firma angefragt wird.

Natürlich muss es auch eine Tagesstruktur geben für Menschen, die nicht arbeiten können. So gibt es in Schweden für Menschen, die „nur“ eine Tagesstruktur brauchen, Kleingruppen, die basteln, Ausflüge machen etc. In solchen Strukturen fällt Missbrauch viel schneller auf als in den teilweise viel zu großen Gruppen und Strukturen der deutschen Wohlfahrtsindustrie.

Wenn der Wallraff-Film eines gezeigt hat, dann dass nicht alles sozial ist, was sich sozial nennt oder von außen sozial aussieht. Die Heim- und Werkstattstrukturen sind eigentlich unsozial und werden den Bedürfnissen der Menschen nicht gerecht. Sie führen zu Missbrauch und verhindern Entfaltungs- und Fördermöglichkeiten. Sie bremsen Selbstbestimmung. Ja, ich weiß, alles andere kostet noch mehr Geld. Kleinere Wohngruppen, gute Beschäftigungsmaßnahmen, Personalagenturen etc. Mir fallen da noch viele Alternativen ein. Aber am Ende muss man sich die Frage stellen, möchten wir weiter eine Wohlfahrtsindustrie fördern oder ist es nicht endlich mal an der Zeit, eingefahrene Strukturen aufzubrechen und sehr kritisch zu hinterfragen zum Wohle der Menschen, die auf sie angewiesen sind.

Stufenlos bei ZEIT Online

Stufenlos

Wer sich wundert, warum es hier gerade so ruhig ist: Ich schreibe für ZEIT Online ein Blog zu Barrierefreiheit und Inklusion mit dem schönen Namen „Stufenlos„.

Dieses Blog ist deshalb dennoch nicht tot. Versprochen.

Bei Gericht und auf hoher See

Heute morgen war ich bei Gericht. Es ging dabei nicht um mich, sondern um den Unfall von Angela, einer Bekannten, die auf einem Fußgängerüberweg mit Ampel von einem Auto umgenietet wurde als sie die Straße bei Grün für die Fußgänger überquerte. Angela ist E-Rollstuhlfahrerin und hat eine Sprachbehinderung. Und als sei der Unfall nicht schon schlimm genug – Angela wurde aus dem Rollstuhl geschleudert, der Rollstuhl fiel um und sie wurde verletzt – stieg die Fahrerin hinterher aus und beleidigte die am Boden liegende, blutende Angela, was wiederum andere Passanten und Zeugen derart aufbrachte, dass die Frau sich in ihr Auto flüchten musste bis die Polizei kam.

Da ich nur 15 Minuten vom Gerichtsgebäude weg wohne, habe ich Angela versprochen, mir das Verfahren anzuschauen und sie zu begleiten. Sie hat heute morgen als Zeugin ausgesagt. Zeugin deshalb, weil es eine Nebenklage in UK wie in Deutschland in der Form nicht gibt. Das bedeutet leider auch, dass Angela keinen Anwalt hatte, sondern nur der Crown Prosecution Service, den Strafverfolgungsdienst der britischen Krone, etwa so was wie die Staatsanwaltschaft, auf ihrer Seite war.

Kächer-Hochdruckreiniger dringend empfohlen

Schon das Gerichtsgebäude selbst empfand ich als absolut einem Gericht unwürdig. Man hätte dort problemlos einen Werbefilm für Kärcher-Hochdruckreiniger drehen können. Als Vorher-Nachher-Modell wäre das Gebäude durchaus geeignet. In dem Raum, in dem die Zeugen warten müssen (uns ließ man über zwei Stunden warten), waren riesige Flecken auf dem Teppichboden. Eine Teppichreinigung wäre bereits vor 10 Jahren dringend nötig gewesen. Um den Wartenden die Wartezeit zu verkürzen, gab es eine kleine Bücherecke. Jedes Buch kostete 50p – damit werde die Zeugenbetreuung finanziert, stand auf einem Schild.

Nachdem ich mich von dem kleinen Kulturschock erholt hatte, kam die Dame der Zeugenbetreuung und redete mit mir. Ja, genau. Mit mir. Und es war gar nicht so einfach, sie davon abzubringen. Sie wusste, dass ich nicht die Zeugin war, aber sie wollte partout vermeiden, mit Angela zu reden, vermutlich weil sie Angst hatte, sie aufgrund ihrer Sprachbehinderung nicht zu verstehen. Sie drückte mir das Zeugenprotokoll in die Hand, was ich ihr sofort zurückgab und ihr sagte, das sei Angelas Protokoll, nicht meines. Ich kenne das Problem, dass manche Leute lieber mit der nicht-behinderten Begleitperson sprechen. Aber dass man lieber mit der weniger behinderten Person, also in dem Fall mit mir spricht, habe ich so noch nicht erlebt.

Zeugenbefragung

Dann kam der Vertreter des Crown Prosecution Service, in den Angela verständlicherweise alle Hoffnungen setzte, in den Warteraum. Er starrte sie an als käme sie vom Mars als er sah, wie stark Angela behindert ist.

Ob sie denn überhaupt aussagen könne und ob sie sich denn noch an die Straße erinnern könne, in der das passiert sei, fragte er sie und beugte sich zu ihr runter als würde er mit einem Kind sprechen. Ja, konnte sie. Es ist die Hauptstraße in Brixton. Jeder in London kennt diese Straße. Und ob sie die Uhrzeit sagen könne. Da wurde es Angela zu bunt und sie wies ihn darauf hin, dass sie keinerlei kognitiven Einschränkungen habe, sondern einen Hochschulabschluss. Sie habe lediglich eine Sprachbehinderung und sitze im Rollstuhl. Sie könne sich natürlich noch an alles erinnern und auch die Straße benennen. Den zweiten Zeugen, einen Sicherheitsangestellten von Body Shop, der den Unfall vor dem Geschäft beobachtet hatte und Angela sofort zu Hilfe kam, fragte der Mann nichts. Ihm traute er offensichtlich zu, sich zu erinnern und eine gute Aussage vor Gericht machen zu können.

Dann gingen wir in den Gerichtssaal und auch dort war man stellenweise überfordert mit der Situation. Die Richter beim Magistrates Court sind keine professionellen Richter, sondern Freiwillige. Der CPS-Mann befragte Angela eine Weile. Irgendwann fragte er den Verteidiger, ob er sie denn überhaupt verstehen könne, was dieser verneinte. Also fing man wieder von vorne an. Es wurde wiederholt was Angela sagte, Angela bestätigte, was sie gesagt hat und dann ging es weiter. Niemand der Anwesenden hatte jemals jemanden mit einer Sprachbehinderung befragt oder sich vorher Gedanken gemacht, wie man ihr die Aussage erleichtern könnte. Angela hat dennoch eine gute Aussage gemacht, denke ich.

Nun war die Angelegenheit „nur“ ein Verkehrsdelikt. Angela war nicht traumatisiert durch den Unfall, sondern ging eigentlich guten Mutes und unaufgeregt da heute morgen hin. Wir kamen völlig gestresst aus der Verhandlung wieder raus. Nicht weil die Befragung so hart war, sondern weil die Überforderung der am Verfahren Beteiligten, auf die man sich in so einem Fall verlassen muss, einfach nicht zu übersehen war.

Wie geht es denn behinderten Menschen, die Opfer einer schweren Straftat werden? Müssen die auch erstmal klar machen, dass sie keine kognitiven Einschränkungen haben? Bitten, dass man direkt mit ihnen spricht? Nicht mit Dritten? Und können die sicher sein, dass ihre Aussage nicht dadurch verwässert wird, dass Ankläger oder Verteidigung sie nicht verstehen können aber erstmal nichts sagen, sondern das Verfahren laufen lassen? Ich bin aus dieser Zeugenbefragung rausgegangen und mich überkam der bittere Verdacht, dass behinderte Menschen, je nach dem welche Behinderung sie haben, eben nicht gleich sind vor Gericht, sondern ganz andere Hürden zu überwinden haben, als die Nervosität vor einer Aussage – vor allem in einem System, in dem die Opfer von Straftaten nicht als Nebenkläger auftreten.

Update: Die Fahrerin wurde verurteilt. Das Strafmaß steht noch nicht fest. Angela hat wegen ihrer Behandlung vor Gericht eine Beschwerde eingereicht.

Schönheit, Autismus und Inklusion

Schönheit

Leben mit Behinderung: Meine Prothese nannte ich liebevoll Thees | ZEIT ONLINE
Schönheit hat nichts damit zu tun, wie viele Arme man hat. Sehr schöner Text.

Autismus

Autismus und Massenmord: Der konstruierte Zusammenhang | Carta
Taten, die wir nicht begreifen können, denen drücken wir schnell mal ein Label auf. Bei Massenmord gerne auch mal das Label Autismus. Mela hat das mal bei Carta zerpflückt.

PETA: Milk Linked To Scary Autism And Vegan Is Your Only Hope – Forbes
PETA findet es okay, eine Kampagne zur veganen Ernährung auf dem Rücken von Menschen mit Autismus zu machen. Forbes nicht so.

Inklusion

Inklusion | just another weblog :: Christian Fischer – fine bloggin‘ since 2001
Ein Kommentar zur Jauch-Sendung über schulische Inklusion.

BBC News – A Point of View: Happiness and disability
Behinderte Menschen sind nicht unglücklicher als nicht behinderte Menschen. Aufmerksame Leser dieses Blogs wissen das bereits. Dieser Artikel erklärt noch einmal wieso.

Wahlen, Inklusion und die britische Polizei

Wahlen

Behinderte an Wahl gehindert
Während manche Europäer wohl gleich zwei Mal gewählt haben, hat man behinderte Menschen in Brandenburg an der Wahl gehindert.

Gesundheit

UK child death rate among worst in western Europe Nur in Malta sterben in der EU noch mehr Kleinkinder vor dem 5. Lebensjahr als in Großbritannien. Grund: Armut. Unfassbar.

Inklusion

Der lange Weg zur Inklusion
Benedikt Lika ist einer der tollen Menschen, die man einfach so in diesem Internet trifft. Seit 2007 hat sich der Dirigent mit dem Projekt „Roll and Walk“ in seiner Heimatstadt Augsburg einen Namen gemacht. Er bietet einerseits jungen talentierten Musikern eine Plattform in seinem Orchester, anderseits möchte er insbesondere Menschen mit Behinderung den Zugang zur klassischen Musik eröffnen. Außerdem ist er seit kurzem Mitglied des Stadtrats nachdem ihn die Augsburger weit vorne auf die Liste katapultierten. So geht Inklusion.

Down’s Syndrome student held in cell for nine hours after going into school on Bank Holiday Monday to retrieve his favourite baseball cap
Ein Junge mit Down-Syndrom bricht an einem schulfreien Tag in seine Schule ein, weil er seine Kappe dort vergessen hatte, an der er so hängt. Die Londoner Polizei nimmt ihn fest und hält ihn neun Stunden lang fest bis die Schule und ein Anwalt intervenieren können. So geht Inklusion nicht.

Lernen behinderte Kinder an Regelschulen besser? Die Wissenschaftler vom Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen kommen zu dem Schluss, dass Kinder mit Förderbedarf mehr und besser lernen, wenn sie mit nichtbehinderten Kindern gemeinsam unterrichtet werden. Na welch Überraschung!

Aktion Mensch, Theater und tolle Fahrstühle

Ich bin ein großer Fan von Felix‘ Links, die er fast jeden Tag in seinem Blog postet. Nun hat er mir ein Plugin empfohlen, mit dem ich delicious und WordPress verbinden kann (Postalicious) und nun werde auch ich mehr oder weniger regelmässig auch meine Links teilen, auf die ich so unter der Woche stoße und sie kommentieren.

Aktion Mensch

Behinderte Frau soll leiser sein

Ein sehr umstrittenes Urteil und ein Bericht, mit kruden Zitaten des Pressesprechers der Aktion Mensch

gedankenträger [man weiß ja nie] » aktion mensch.

Wie kann es sein, dass der Pressesprecher der “Aktion Mensch” so wenig versteht, dass und wie die Lage bei Menschen mit einer schweren Behinderung eine ganz andere und gänzlich unvergleichbare ist? Genau deswegen werden doch zurecht “noch immer andere Maßstäbe angelegt.” Es gibt diese schöne Karikatur, in der eine Reihe von Tieren vor einem Baum steht, unter ihnen ein Affe und ein Elefant, und ihnen wird die Aufgabe gestellt, auf den Baum zu klettern. Darunter der Rechtfertigungssatz: “Aber wieso? Wir haben allen die gleiche Aufgabe gestellt!” So hört sich das für mich an, das Argument mit den gleichen Maßstäben.

Was ein Theater

Schauspielern mit Behinderung: Ohne Beine auf die Bühne | Kölner Stadt-Anzeiger

Schönes Beispiel dafür, wie behinderte Menschen ausgegrenzt werden, es aufs Geld geschoben wird, aber es de facto nur guten Willen und ein bisschen Organisationstalent braucht.

The Clink Restaurant Brixton Prison

In einem Londoner Gefängnis gibt es jetzt ein Restaurant. Journalisten dürfen da aber nur essen, wenn sie nicht drüber berichten. Manche Organisationen haben schon ein komisches Verständnis von Öffentlichkeitsarbeit.

British Politics and Policy at LSE – The already disadvantaged and little understood BME disabled community will suffer greatly under austerity measures

Was die Sozialkürzungen in Großbritannien für behinderte Menschen im Königreich bedeuten.

12 elevators you need to see to believe – CNN.com

Ganz tolle Fahrstühle. An zwei Orten davon war ich schon.

Wie ein Sprecher der Aktion Mensch Behindertenfeindlichkeit schürt

Ich habe gerade ein sehr interessantes Buch gelesen. Es heißt Scapegoat: Why We Are Failing Disabled People (auf Deutsch sinngemäß: Sündenbock – Warum wir bei behinderten Menschen versagen). Die Autorin ist ein Jahr lang durch Großbritannien gereist und hat Fälle von Hasskriminalität gegen behinderten Menschen untersucht, mit Opfern, Angehörigen und der Polizei gesprochen. Sie hat versucht zu erklären, woher diese Gewalt gegen behinderte Menschen kommt und wer die Täter sind.

Nachbarschaftsstreit

Noch als ich das Buch las, postete jemand auf Facebook dieses Video der Sendung „Brisant“, das über ein Urteil gegen die Mutter einer behinderten Tochter berichtet. Ein Gericht in Bonn hat sie verurteilt, ihre Tochter ruhig zu stellen. Nachbarn hatten sich über die Schreie und Klopfen beschwert und sind vor Gericht gezogen. Die Tochter hat eine starke Lernbehinderung – „Geistig behindert“ nannte man das früher. Wenn sie ihre Tochter nicht zur Ruhe bringt, drohen ihr Ordnungsgeld oder Ordnungshaft. Wie genau sie das machen soll, bleibt offen.

Als sei das Urteil nicht schon empörend genug, tritt in dem Film Sascha Decker auf, Pressesprecher der Aktion Mensch. (Um Missverständissen vorzubeugen, die Namenseinblendungen in dem Video sind falsch. Sascha Decker ist nicht der Rollstuhlfahrer, sondern der Herr, der danach spricht.)

Und zwar mit diesem O-Ton:

„Dazu muss gehören, dass ich jemandem, der pöbelt oder der sich nicht an die Regeln hält, sagen kann Stopp. Du überschreitest hier eine Grenze. Ich denke wir tun dem Thema Inklusion keinen Gefallen, wenn wir hier vor den Menschen mit Behinderung Schluss machen und sagen das gilt für die nicht.“

Am Freitag postete die Aktion Mensch dieses Video ebenfalls auf Facebook. Was folgte war eine empörte Diskussion auf der Facebook-Seite der Aktion Mensch. Diese behauptet nun, man habe gar nicht gewusst, dass man in einem Beitrag zu dem Urteil erscheine. Unter welchem Vorwand „Brisant“ bei ihnen angerufen hat, sagen sie aber auch nicht. Zudem ist das Urteil in Bonn gesprochen worden, dem Sitz der „Aktion Mensch“. Da hat man nicht mitbekommen, dass das Urteil ansteht und worum es dem Fernsehteam eigentlich geht? Wirklich?

Es kann nicht sein…

Der „Brisant“-Beitrag ist aber nicht der einzige Beitrag zu dem Urteil, in dem sich die Aktion Mensch äußert. Auf der Seite des WDR heißt es:

„Ganz andere Töne schlägt nun Sascha Decker von „Aktion Mensch“ an. Er möchte sich zum konkreten Fall lieber nicht äußern, sei nicht bei der Verhandlung dabei gewesen. Ihm ist aber besonders wichtig, dass Inklusion von beiden Seiten gelebt werden muss. Früher sei es so gewesen, dass die Behinderten vor den Toren der Stadt wohnen mussten. Nun lebten sie mitten in der Gesellschaft. Und müssen natürlich auch selbst alles dafür tun, dass dieses Miteinander gut funktioniert. Natürlich müssen, bevor Medikamente ins Spiel kommen, alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft sein. „Es kann nicht sein, dass eine Gruppe von Menschen immer auf die „armen Behinderten“ Rücksicht nehmen muss. So wird das Modell Inklusion nicht erfolgreich sein, und so wird das Miteinander von Behinderten und Nicht-Behinderten auch niemals selbstverständlich werden,“ so Sascha Decker weiter. Wenn ein Kind zur Welt komme, eine Familie mit drei Teenagern in einer Wohnung lebe oder wenn ein 60ster Geburtstag mal ein bisschen lauter werde, dann finde man doch meist auch eine Lösung. Bei Behinderten – da ist sich Sascha Decker sicher – werden in solchen Zusammenhängen noch immer andere Maßstäbe angelegt. Und auch wenn die Inklusion Behinderter in die Gesellschaft schon auf einem guten Wege sei; die Strecke, die vor uns liegt, ist noch lang.“

(Hervorhebung von mir)

Zu viel Rücksicht?

Der Sprecher der der Aktion Mensch kritisiert tatsächlich, dass auf behinderte Menschen eigentlich zu viel Rücksicht genommen werde. Dabei ist die Wahrheit eine ganz andere: Viele behinderte Menschen versuchen sich so gut wie möglich anzupassen, verzichten auf vieles, um nicht aufzufallen. Und natürlich gelten für behinderte Menschen die gleichen Regeln wie für nicht-behinderte Menschen auch – wenn sie sie denn befolgen können.

Es macht allerdings keinen Sinn, von jemandem zu fordern, sie müsse ihr Verhalten ändern, wenn sie das behinderungsbedingt nicht kann. Wo soll das denn enden? Können Menschen mit Tourette noch auf die Straße gehen oder droht ihnen dann eine Anzeige wegen Beleidigung? Und blinde Menschen, die etwas umlaufen, droht denen dann eine Anzeige wegen Sachbeschädigung? Und gehörlose Menschen müssen sich wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt verantworten, wenn sie die Anweisung der Polizei nicht gehört haben? Das hat mit Inklusion nichts zu tun.

Opfer von Gewalttaten

Der Sprecher der Aktion Mensch vermittelt der Gesellschaft, es würden für behinderte Menschen ständig Extrawürste gebraten, als seien behinderte Menschen ständig im Vorteil und man würde ständig Rücksicht auf sie nehmen. Das ist schon fast paradox, denn wenn dem so wäre, könnte man die Aktion Mensch sofort abschaffen. Aber natürlich ist das nicht so.

Es ist vielmehr so, dass behinderte Menschen überdurchschnittlich oft Opfer von Gewalttaten werden, nicht zuletzt in ihrer eigenen Nachbarschaft. Zu fordern, dass nicht immer nur auf die „armen Behinderten“ (was ist das eigentlich für eine abwertende Sprache, die er benutzt?) Rücksicht genommen wird, macht Opfer zu Tätern und untermauert, dass behinderte Menschen eben doch wieder weggesperrt oder eben ruhig gestellt werden müssen.

Gleichberechtigung nicht verdient

Genauso entsteht Behindertenfeindlichkeit. In dem oben erwähnten Buch schreibt die Autorin:

„Ich glaube nicht, dass die Gesellschaft grundsätzlich behinderte Menschen hasst. Aber ich glaube, es gibt ein grundlegendes Gefühl, dass behinderte Menschen Gleichberechtigung nicht verdient haben. Deshalb werden so viele in ihrer eigenen Gemeinde angegriffen, weil manche Menschen glauben, sie gehören weggeschlossen. (…) Einige Kriminologen denken, dass Hasskriminalität versucht, gesellschaftliche Hierarchien zu erhalten – bestimmte Gruppen sollen auf ihrem Platz bleiben.“

Auch nach dem nun fast 60. Kommentar zu ihrem Beitrag hat die Aktion Mensch es bislang nicht geschafft, sich von den Aussagen zu distanzieren oder sich zu entschuldigen.

Update: Monika, Mutter eines behinderten Sohnes, der auch Lärm macht, hat mal geschrieben, was für sie das Urteil und die Reaktion der Aktion Mensch bedeutet.

Update 2: Kommentare wegen Zeitmangels geschlossen. Ich mache sie vielleicht nach dem Wochenende wieder auf.

Kultur-Apartheid

Ich war noch nie in den Hamburger Kammerspielen. Dabei habe ich nur einen Steinwurf vom Theater entfernt studiert. Der Grund ist so einfach wie ärgerlich: Die Hamburger Kammerspiele sind nicht barrierefrei.
Unterdessen schreiben wir das Jahr 2014 und man könnte schon glauben, dass wichtige Spielstätten des kulturellen Lebens in einer der reichsten Städte Europas irgendwann doch mal auf die Idee kommen, ihr Haus barrierefrei umzubauen. Nicht so die Kammerspiele.

Ziemlich nicht barrierefrei

Vielleicht wäre das auch viele weitere Jahre hingenommen worden, wenn das Haus nicht auf die aberwitzige Idee gekommen wäre, „Ziemlich beste Freunde“ auf den Spielplan zu nehmen.
„Ziemlich beste Freunde“ ist ein sehr erfolgreicher französischer Kinofilm basierend auf der Biographie eines querschnittgelähmten Mannes, der auf der Suche nach einem Assistenten ist und diesen dann auch findet. Was die beiden gemeinsam erleben, ist Inhalt des Films, des Buchs und vermutlich nun auch des Theaterstücks.
Das Problem ist nur: Die Kammerspiele verdienen zwar gerne am Thema Behinderung, aber behinderte Menschen, in diesem Fall Rollstuhlfahrer, also genau die, um die es bei dem Stück geht, können das Stück nicht sehen, denn das Haus ist nicht zugänglich.

Dass die Rolle des Rollstuhlfahrers nicht von einem Rollstuhlfahrer gespielt wird, muss man wohl auch kaum erwähnen. Der käme natürlich ebenfalls gar nicht ins Haus. Und so macht das natürlich ein nicht behinderter Schauspieler. Einen tollen Artikel, warum das inakzeptabel ist, hat Scott Jordan Harris vor kurzem verfasst.

Das Hamburger Abendblatt schrieb zwar eine Kultur-Jubel-Meldung zur Premiere, vergaß aber zu erwähnen, dass es vor dem Theater zur Premiere eine Demonstration von Rollstuhlfahrern gab, die gegen ihre Ausgrenzung protestierten. Immerhin bis zum Mittag schob man auf dem Online-Angebot der Zeitung eine Meldung zur Demonstration nach. Darin heißt es: „Axel Schneider, Intendant der Kammerspiele, suchte unmittelbar vor der Aufführung nicht das Gespräch mit den Demonstranten, sondern ließ eine schriftliche Erklärung verteilen, in der es heißt „Die Hamburger Kammerspiele sind ein denkmalgeschütztes Gebäude, in das bisher kein Einbau eines Behindertenaufzugs möglich war und das daher nur eingeschränkt über Rollstuhlplätze verfügt.“

Und weiter heißt es: „Die Forderung, so Schneider, das Stück nur ein einem barrierefreien Theater spielen zu können, komme „einem Spielverbot für die Kammerspiele gleich – womit sicher niemandem gedient ist.“

Behinderte Menschen sind also niemand? Dann kann man ja den Kammerspielen auch problemlos 10% der Kulturförderung abziehen. Das entspricht dem Anteil an behinderten Menschen in der Bevölkerung. Man legt ja auf diese Gruppe offensichtlich keinen wert, dann brauchen sie auch das Geld nicht.

Wenn das Stück beispielsweise am Schauspielhaus aufgeführt worden wäre, das barrierefrei ist, wäre allen gedient gewesen. Noch mehr wäre allerdings allen gedient, wenn die Kammerspiele ihr Haus endlich mal umbauen. Man kann auch denkmalgeschützte Häuser so umbauen, dass der Charakter des Hauses erhalten bleibt. Man muss es nur wollen. Beispiele gefällig:
Downing Street No. 10, St. Pauls Cathedral, Buckingham Palace, um mal nur ein paar Gebäude meiner Nachbarschaft zu nennen. Zudem gibt es etliche barrierefreie Theater in London, die unter Denkmalschutz stehen aber barrierefrei sind.

Spielverbot nein? Aber Ausgrenzung ok?

Allerdings frage ich mich schon, wieso ausgerechnet ein Theater seit Jahren einen Teil seines Publikums ausschließt.
Wenn Euch keiner mehr zuschaut, dann könnt Ihr das mit den Aufführungen auch bald ganz sein lassen. Mit dem wachsenden Anteil an älteren Menschen, also auch Nicht-Rollstuhlfahrern, die Probleme mit Treppen haben, schickt Ihr bald die Mehrheit des Publikums nach Hause.

Die Kammerspiele bekommen hohe Zuwendungen von der Stadt Hamburg ohne dass Auflagen zur Barrierefreiheit gemacht werden. Details findet man im Haushaltsplan der Stadt. Damit finanzieren behinderte Steuerzahler ihre eigene Ausgrenzung. Nichts anderes ist es, wenn man aufgrund des Merkmals Behinderung nicht am kulturellen Leben einer Stadt teilhaben kann.

Für den Intendanten ist ein Spielverbot undenkbar. Für seine behinderten Zuschauer ist die kulturelle Apartheid aber seit Jahrzehnten Realität. Das ändert sich nur, wenn irgendwann auch die nicht-behinderten Zuschauer wegbleiben.

P.S.: Als sei die Angelegenheit nicht schon grotesk genug, habe ich mir mal angesehen, wer bei den Kammerspielen als Sponsor an der Produktion beteiligt ist. Es ist niemand geringer als der Rollstuhl- und Hilfsmittelhersteller Otto Bock. Ein Rollstuhlhersteller finanziert die Ausgrenzung von Rollstuhlfahrern. Das hätte sich nicht einmal Loriot, um mal beim Theater zu bleiben, ausdenken können. Wenn das Schule macht, rechne ich fest damit, dass Kinderwagenhersteller künftig Klagen gegen Kindergärten finanzieren und Automobilhersteller für Fußgängerzonen werben.

Die Eltern behinderter Kinder in den Medien

Am Freitag war „Rare Disease Day„, also ein Tag an dem das Bewusstsein in der Öffentlichkeit für seltene Erkrankungen geschärft werden soll. Noch im Halbschlaf hörte ich im Radio das Interview mit einer Mutter eines Kindes und war dann auch wach und verärgert. Ich gebe zu, ich habe nicht alles mitbekommen, weil ich noch halb schlief, aber der Tenor des Interviews kam für mich dennoch rüber: „Es ist ganz schlimm, wenn man ein behindertes Kind hat. Jetzt benutzt der 14-jährige Junge sogar einen Rollstuhl. Wenn sich die Mutter nicht kümmern würde, wäre er völlig aufgeschmissen.“

Um es vorweg zu sagen, ich möchte keinesfalls die Leistungen von Kindern behinderter Eltern in Frage stellen. Im Gegenteil. Aber mir stellen sich immer öfter die Nackenhaare zu Berge, wenn ich Eltern behinderter Kinder in den Medien sehe oder höre. Muss es denn immer die Mitleidstour sein? Kann man nicht einfach mal Forderungen stellen ohne das eigene Kind herabzusetzen?

Warum verstehen die Eltern nicht, dass sie mit ihrer Mitleidsarie ihren Kindern nicht helfen sondern schaden? Anstatt berechtigte Forderungen nach mehr Unterstützung zu stellen, wird ein furchtbares Bild vom Leben mit Behinderung gezeichnet. Das fördert zwar den eigenen Helden-Status aber sicher nicht die Inklusion. Mir kommt es manchmal so vor, als ob manche Eltern gar kein Interesse daran haben, für Inklusion einzutreten. Die Botschaft ist alleine: Alles ganz furchtbar.

Sorry, das ist sowas von kontraproduktiv, dass mir manchmal wirklich die Hutschnur platzt. Sollen sie halt sagen, was sich ändern soll. Ich ahne es schon: Familien müssen finanziell entlastet werden, niederschwellige Hilfsangebote, mehr Assistenzstunden, etc pp. Mir fallen da tausend Sachen ein.

Aber neee, man kann natürlich auch darüber wehklagen, dass das Kind jetzt einen Rollstuhl braucht. Und hat einer der „Alles so schlimm“-Eltern mal daran gedacht, wie das eigentlich für das Kind ist, wenn es seine Mutter oder Vater im Radio / Fernsehen hört, die erzählen wie furchtbar alles ist, weil das Kind behindert ist? Was das mit dem Kind macht?

Ich beobachte immer mehr, dass das soziale Modell von Behinderung bei behinderten Menschen ankommt. Aber ich glaube, es wäre wichtig, dass die Eltern es auch verstehen. Kinder werden nicht stark, in dem man den medizinischen Zustand bejammert, sondern in dem man versucht, die sozialen Bedingungen zu ändern.