Archiv für Barrierefreiheit

Woran man Verbündete behinderter Menschen erkennt (und wie man eine/r wird)

“Ich kenne mich aus, ich arbeite mit behinderten Menschen” oder “Meine Cousine sitzt im Rollstuhl, ich habe nichts gegen behinderte Menschen” – ich weiß nicht, wie ich oft ich solche Sätze in den vergangenen Monaten gehört habe. Meistens dann, wenn es darum ging Barrierefreiheit durchzusetzen oder zu klären, welche Richtung künftig im Bereich Barrierefreiheit und Inklusion eingeschlagen wird.

Ehrlich gesagt zeigt mir nichts mehr, dass diese Menschen in Wahrheit keine Verbündeten sind  – das englische Wort „Ally“ ist irgendwie schöner – als solche Aussagen. Denn dann wüssten sie nämlich, dass behinderte Menschen im Umfeld kein Freischwimmerabzeichen zum paternalistisch sein sind. Dann wüssten sie auch, dass ihnen das keinesfalls automatisch Kompetenz oder Legitimität verleiht, um für behinderte Menschen zu sprechen.

Die vielen Begegnungen dieser Art werfen bei mir aber die Fragen auf: Wer ist ein/e Verbündete/r und wie erkennt man sie? Es ist definitiv einfacher zu erkennen, wenn jemand kein Verbündeter behinderter Menschen ist als wenn jemand es wirklich ernst meint. Oder anders gesagt: Nicht alle Menschen, die so tun als ob sie Verbündete sind, sind es auch. Aber wie wird man zu einem/einer?

1. Verbündete sprechen nicht für behinderte Menschen. Sie unterstützen viel mehr, Interessen von behinderten Menschen durchzusetzen.

Die allermeisten behinderten Menschen können für sich selbst reden. Man lässt sie oft einfach nicht. Auch wenn es länger dauert, wenn es mühsam ist oder mal DolmetscherInnen benötigt, die Mehrheit kann selbst sagen, was sie möchten. Sie werden nur oft gar nicht gefragt.

Die, die das nicht können, brauchen umso mehr Verbündete, keine Bevormunder. Das gilt auch bei der Frage, wer behinderte Menschen repräsentiert. Oder wie jemand neulich auf Twitter schrieb: “Ein behinderter Mensch spricht mindestens für einen behinderten Menschen, sich selbst, manchmal sogar für eine ganze Gruppe. Ein nicht-behinderter Menschen spricht nicht einmal für einen Einzigen.”

Die Erfahrungen, die behinderte Menschen machen, sind oft ähnlich, gerade im Bezug auf Barrierefreiheit, Ausgrenzung oder Vorurteile. Das ist ein Erfahrungsschatz und ein Blickwinkel, den man schlicht und einfach nicht so einfach lernen kann, aber um so wichtiger sind diese authentischen Berichte dann.

2. Verbündete unterstützen behinderte Menschen darin, sich selbst zu vertreten

Wenn wir also akzeptieren, dass behinderte Menschen sich wenn möglich selbst vertreten sollen, dann muss man dafür die Vorraussetzungen schaffen. Das bedeutet zum Beispiel die behinderte Person schon von Kindesbeinen an darin zu ermutigen, genau das zu tun. Stichwort: Empowerment. Ich war mal bei einer Parlamentsanhörung bei der die Mutter ihrer behinderten jugendlichen Tochter ständig ins Wort fiel. Sie war definitiv keine Verbündete. Im Gegenteil. Der Sitzungsleiter hat dann aber dafür gesorgt, dass die Tochter gehört wird und die Mutter mal die Klappe hält. Ein Verbündeter.

Behinderte Menschen, gerade solche, die schon im Jugendalter behindert waren, sind häufig so daran gewöhnt, dass jemand für sie spricht und sich niemand dafür interessiert, was sie zu sagen haben, dass sie oft die Redezeit auch gar nicht einfordern. Deshalb ist es umso wichtiger, dass das selbstverständlich wird und es Menschen, eben Verbündete, gibt, die das möglich machen.

3. Verbündete schaffen diese Redemöglichkeiten

Damit wären wir bei Punkt 3. Diese Redemöglichkeiten müssen erst einmal geschaffen werden. Wenn ich also eine Veranstaltung zu Diversity organisiere und da sitzen 5 weiße nichtbehinderte heterosexuelle Frauen auf der Bühne ist das noch lange keine Diversity, nur weil man neben 5 Männern auch mal zur Hälfte Frauen eingeladen hat.

Behinderte Menschen hatten in den vergangenen Jahrzehnten so wenig Redezeit, sogar wenn es um ihre ureigenen Belange ging, dass man eigentlich für die nächsten 10 Jahre auf jeder dritten Bühne jemand sitzen haben müsste, um das wieder auszugleichen. Und dabei geht es nicht nur darum, dass man diese Gruppe zu Wort kommen lässt, wenn es um das Thema Behinderung geht.

Man verpasst auch etwas, wenn man es zu anderen Themen nicht tut. Wir haben oft eine ganz andere Perspektive auf gesellschaftliche Belange, sehen Entwicklungen mit anderen Augen und sind enorm problemlösungserprobt. Der Gesellschaft entgeht also etwas, wenn diese Möglichkeiten an diesen Perspektiven teilzuhaben nicht geschaffen werden. Und das machen eben Verbündete.

4. Verbündete denken Behinderung mit

Verbündete müssen nicht daran erinnert werden, ein barrierefreies Restaurant zu finden. Sie verteilen die Unterlagen für Meetings nicht nur auf Papier kurz vorher, sondern senden sie auch per E-Mail, damit der blinde Kollege sie auch lesen kann. Die Einstellung “Ich sehe Deine Behinderung gar nicht” ist dabei überhaupt nicht hilfreich. Im Gegenteil, es hört sich nur wahnsinnig „open-minded“ an, ist es aber nicht. In Wahrheit blendet man einen Teil der Identität aus, was dann dazu führt, dass bestimmte Bedürfnisse wie ein barriererfreier Zugang nicht erfüllt werden.

5. Verbündete hören vor allem erstmal zu

Nichtbehinderte Verbündete wissen nicht alles besser. Können sie ja gar nicht. Sie machen nicht die gleichen Erfahrungen wie behinderte Menschen, sie wissen nicht wie es sich anfühlt aufgrund von Behinderung ausgegrenzt zu werden. Deshalb ist es umso wichtiger, erst einmal zuzuhören und von diesen Erfahrungen zu lernen. Außerdem ist es wichtig, behinderte Menschen von diesen Erfahrungen erzählen zu lassen, denn sie gehören oft zum Alltag und darüber reden hilft enorm, sie zu verarbeiten.

6. Verbündete bieten respektvoll und nicht aufdringlich Hilfe an

Behinderte Menschen brauchen im Alltag manchmal Hilfe von nichtbehinderten Menschen. Helfen ohne vorher zu fragen ist keine Hilfe sondern Belästigung. Niemand möchte gerne ungefragt irgendwo hingeschoben werden oder über die Straße geführt werden. Das sind jetzt Extrembeispiele, sie kommen aber öfter vor als man so denkt.

Auch ziemlich ätzend ist, wenn jemand zwar Hilfe anbietet, man diese auch dankend annimmt, danach aber überschwänglich betont wird, wie hilfsbereit der Helfer doch ist: “Also ich habe Ihnen gerne geholfen, viele Menschen tun das ja nicht, aber ich bin ja ein Guter.” Das sind keine Verbündete, diese Zeitgenossen sind einfach furchtbar anstrengend und herablassend.

Die Botschaft lautet dann: „Bitte schön dankbar sein“, auch wenn man sich natürlich vorher schon höflich bedankt hat. Verbündete hingegen bieten unkompliziert ihre Hilfe an, akzeptieren, wenn man “Nein“ sagt und machen kein Aufhebens darum, wenn man die Hilfe annimmt. Wie entspannend und wirklich hilfsbereit!

7. Verbündete machen kein Tone-Policing

Es ist für mich ein eher neues Phänomen, vermutlich hat es damit zu tun, dass immer mehr behinderte Menschen für sich selbst sprechen (wollen), aber Tone-Policing nervt zunehmend. Kaum haben behinderte Menschen ihre Stimme gefunden, schreit jemand dazwischen, das könne man so nicht sagen, das sei aggressiv (vor allem bei behinderten Frauen gerne verwendet), das sei zu fordernd oder was auch immer.

Ja, es ist unangenehm für die Mehrheitsgesellschaft, wenn sich eine Minderheit nach Jahrzehnten der Dominanzkultur endlich Gehör verschafft. Das ist man nicht gewohnt, das muss gestoppt werden. Diejenigen, die das tun, meinen es aber nicht gut, die wollen auch keine gut gemeinten Ratschläge geben. Das sind keine Verbündeten. Far from it. Verbündete stoppen dieses Tone-Policing.

8.Verbündete nutzen eine angemessene Sprache

Behinderte Menschen sind kein Gemüse. Auch dann nicht, wenn sie nicht sprechen können und kognitive Einschränkungen haben. Was jetzt hoffentlich für die meisten absurd klingt, schreibe ich, weil ich neulich in einem Treffen saß, wo ein Vater sein behindertes Kind als Gemüse bezeichnet hat. Das ist weder cool oder ein lockerer Umgang mit dem Thema, das ist beleidigend.

Und wer nicht weiß, wie ein behinderter Mensch bezeichnet werden möchte (ich mag zum Beispiel Rollstuhlfahrerin gerne), der fragt einfach. Das tun Verbündete. Sie respektieren vor allem die Selbstbezeichnung behinderter Menschen. Und schon gar nicht korrigieren sie behinderte Menschen und teilen ihnen belehrend mit, dass sie sich bitte anders bezeichnen müssen. Das ist auf Twitter gerade sehr en vogue.

9. Verbündete verabscheuen Symbolpolitik, Alibiaktionen und Feigenblätter

Nachdem der Druck steigt, doch bitte mehr Diversity zu fördern, steigt die Anzahl an Alibiaktionen, Symbolpolitik nimmt zu und einzelne behinderte Feigenblätter, von denen man keinen all zu großen Gegenwind erwartet, werden in Gremien gesetzt und auf Bühnen gehoben. Man gibt sich divers, ist aber ganz genau das Gegenteil. Verbündete machen das nicht mit. Sie setzen sich für echte Teilhabe sowie Diversity ein und lehnen Alibiaktionen ab. Sie stellen behinderte Menschen aufgrund ihrer Qualifikationen ein, zahlen ihnen einen angemessenen Lohn, nehmen sie ernst und respektieren sie sogar als Chefin.

10. Verbündete verleihen sich selbst keinen Helden-Status

Der Verbündeten-Status endet dann ganz schnell, wenn vermeintliche Verbündete glauben, sie seien Tausendsassa, “weil sie was für Behinderte tun”. Das ist ziemlich erniedrigend für die behinderte Person. Niemand möchte zum Hilfsobjekt degradiert werden. Wer glaubt, einen Heldenstatus verdient zu haben, weil er Punkt 1-9 irgendwie versucht umzusetzen, hat ihn dann jetzt verloren. Alle anderen werden die Anerkennung sowieso bekommen.

via GIPHY

Jahresendfragebogen 2018

Vorherrschendes Gefühl für 2018?

WTF

2018 zum ersten Mal getan?

„Airside“ an Flughäfen aufgehalten ohne zu fliegen.

Mit einem ehemaligen IRA-Mitglied gesprochen und mich überhaupt sehr viel mit dem Nordirland-Konflikt auseinandergesetzt.

2018 leider gar nicht getan?

Auf einem Konzert gewesen.

Wort des Jahres?

Brexit. Wie im letzten Jahr auch. Es bestimmt einfach alles derzeit in Großbritannien, beruflich und privat.

Getränk des Jahres?
Iced Latte.

Bestes Essen des Jahres?
Ich habe dieses Jahr angefangen, richtig zu kochen und bin selbst überrascht, wie gut das oft schmeckt und dass ich das kann.

Meistangerufene Person?
Ich bin dieses Jahr wirklich oft angerufen worden oder habe zurückgerufen. Es ging fast immer um Flughäfen.

Die schönste Zeit verbracht mit?

Artur und Mercer. Außerdem mit vielen netten Menschen in Berlin.

Die meiste Zeit verbracht mit?
Lesen und Podcasts hören, schreiben, reden und beraten. Sehr viel Zeit auf Flughäfen verbracht ohne zu fliegen.

Ich habe 2018 41 Bücher gelesen. Das sind ein paar weniger als im letzten Jahr, weil ich ein bisschen auf die Bremse treten wollte, was ich auch getan habe.

Song des Jahres?

I’ll tell me Ma (Belle of Belfast City)

Beeindruckendstes Buch des Jahres?

Rise: Life Lessons in Speaking Out, Standing Tall & Leading the Way von Gina Miller, die ich ganz großartig finde und vor der ich einen mega Respekt habe. Ein Vorbild für mich und das sage ich wirklich selten.

Erkenntnis des Jahres?
Es kochen mal wieder alle nur mit Wasser, aber man muss öfter sogar den Wasserkocher selbst anmachen, wenn man Tee haben möchte. Macht sonst manchmal keiner.

Drei Dinge, auf die ich gut hätte verzichten können?

Ganz weit vorne: Eine Thrombose im linken Bein – aber mal wieder super vom NHS betreut worden.

Ein Autounfall, bei dem ich fast von einem LKW zerquetscht worden wäre, aber mir nichts passiert ist.

Auf das diskriminierende Verhalten der portugiesischen Fluggesellschaft TAP, die mir auf dem Weg zum Eurovision Songcontest ausrichten ließ, dass sie „Menschen wie mich“ nicht mitnehmen. Beschwerde bei zwei nationalen Luftfahrtbehörden und der EU-Kommission läuft noch.

Beste Idee/Entscheidung des Jahres?
Einen gut dotierten Job nicht anzunehmen, weil er mich mundtot gemacht hätte.

Schlimmstes Ereignis?
Ein schwerer Autounfall, der mich das Leben hätte kosten können, aber aus dem ich völlig unverletzt rauskam. Ein großer LKW ist in mein geparktes Auto gefahren – in meine Fahrertür als ich noch drin saß.

Schönstes Ereignis?

Der Irland-Nordirland-Schottland-Urlaub.

2018 war mit einem Wort?

Anstrengend.

Finally British

Ungewöhnliche Zeiten erfordern ungewöhnliche Maßnahmen. Nach 11 Jahren in Großbritannien bin ich nun endlich Britin und somit Besitzerin eines britischen Passes. Ob mir die Entscheidung leicht gefallen ist, werde ich gerade recht oft gefragt. Ja total, denn ich darf ja meinen deutschen Pass behalten, bin also weiterhin EU-Bürgerin und bekomme den britischen Pass noch dazu.

Pass

Die Entscheidung, die britische Staatsangehörigkeit zu beantragen war für mich in erster Linie politisch motiviert. Ich bin noch immer empört darüber, dass EU-Bürger beim Brexit-Referendum 2016 nicht mitabstimmen durften. Wir dürfen auch bei Parlamentswahlen nicht wählen, dementsprechend gering ist der Einfluss von EU-Bürgern in Westminster (Ausnahme sind Bürger der Länder Irland, Malta und Zypern), obwohl immerhin 3,5 Millionen EU-Bürger in Großbritannien leben.

Natürlich war ich nach dem Brexit erst einmal sauer. Verletzt. Und ich habe mich bis jetzt nicht an die EU-Bürgerfeindliche Rhetorik der britischen Medien gewöhnt. Allerdings habe ich bis zum heutigen Tag in UK noch nicht ein einziges Mal wirklich Diskriminierung aufgrund meiner Herkunft erfahren. Nicht einmal beim Fußball, wenn England gegen Deutschland spielt. Das heißt aber nicht, dass es anderen Europäern nicht passiert. Gerade viele Osteuropäer sind Diskriminierungen ausgesetzt und die Zahlen an Hasskriminalität sind explodiert nach dem Referendum.

Aktionismus statt beleidigte Leberwurst

Nach etwa vier Monaten nach dem Referendum wich mein Gefühl, einfach nur beleidigt zu sein, dem Aktionismus. Ich wollte nicht tatenlos zusehen, wie eine Gruppe von Bürgern, zu der ich absurderweise gehöre, so zum Sündenbock gemacht wird. Ich fand eine Gruppe auf Facebook, die sich gerade gegründet hatte, in der Anwälte kostenlos Rechtsberatung für EU-Bürger anbieten, die eine Aufenthaltsgenehmigung oder Staatsangehörigkeit beantragen wollen. Die Idee dahinter: Natürlich den Menschen in Zeiten des Brexit Sicherheit zu geben, aber auch sie zu Wählern zu machen. Der Gedanke gefiel mir und ich beschloss, selbst Wählerin zu werden. Dafür brauchte ich einen britischen Pass.

Mir war meine Staatsangehörigkeit nie sonderlich wichtig. Sie ist in erster Linie bequem und ich habe Glück mit meinem deutschen Pass. Aber ich habe nichts dafür getan, diesen zu bekommen. Bei Menschen, die betonen, dass sie stolz auf ihre Staatsangehörigkeit sind, frage ich mich immer, ob sie sonst noch nie etwas im Leben geleistet haben, wenn sie auf etwas stolz sind, für das sie genau nichts getan haben. Insofern habe ich nie den Gedanken gehabt, mit einem britischen Pass meine deutsche Staatsangehörigkeit zu entwerten oder sowas. Ein Pass ist für mich in erster Linie ein Reisedokument.

Wie Asterix in Rom

Mit dem britischen Pass ist das aber ein bisschen anders. Dafür habe ich wirklich viel geleistet. Es hat mich Monate gekostet, Papiere zusammenzutragen für die Aufenthaltsgenehmigung. Ohne Aufenthaltsgenehmigung, keine Staatsangehörigkeit. Ich musste zu einem Englischtest, weit unter meinem Niveau, der 10 Minuten dauerte, aber sage und schreibe umgerechnet rund 180 Euro kostete. Ich musste einen „Life in the UK“-Test bestehen. Mehr als 1000 Antworten auswendig lernen. 90 Prozent der Fragen haben mit dem alltäglichen Leben in Großbritannien nichts zu tun.

Am Ende muss man dann den Antrag auch noch korrekt stellen, muss seine biometrischen Daten abgeben und wenn man akzeptiert wurde, eine Zeremonie besuchen und einen Eid ableisten. Aber ich war so motiviert, endlich wählen zu dürfen, ich bin wirklich über jede Barriere gesprungen, die sich mir in den Weg gestellt hat. Das Englischtestcentre zum Beispiel, die sofort meinen Testtermin stornierten als sie hörten, dass ich Rollstuhlfahrerin bin. Oder die Tatsache, dass es keinerlei Informationen über das „Life in the UK“-Testcentre gab und ich einfach vorher hinfahren musste, um zu überprüfen, dass es barrierefrei ist. Ich kam mir vor als sei ich die erste Rollstuhlfahrerin, die in diesem Land britische Staatsangehörigkeit beantragt.

Text für den Eid

Ausdauer und Geld

Und neben Ausdauer braucht man natürlich auch Geld. Alles in allem hat mich der ganze Vorgang rund 2000 Pfund gekostet. War es das wert? Auf alle Fälle! Ich bin jetzt nicht mehr von launischen Verhandlungsrunden in Brüssel abhängig. Ich bin kein Faustpfand mehr in unsäglichen Verhandlungen zwischen der EU und Großbritannien. Ich kann das Land auch verlassen so oft und so lange ich will und bin nicht mehr an Aufenthaltsregeln gebunden oder an die maximale Dauer von Auslandsaufenthalten bevor man seinen Status wieder verliert. Ich könnte jetzt also auch einfach gehen und in zehn Jahren wiederkommen. Wenn der Brexit kommt, wäre das so einfach nicht mehr möglich.

Außerdem habe ich einen großen Spaß daran, jedem im politischen London aufs Brot zu schmieren, dass ich jetzt wählen darf, sollte es zu einem zweiten Referendum oder gar Neuwahlen kommen und viele Tausende Neueingebürgerte aus der EU ebenfalls.

Ich hoffe, dass noch viele Tausende EU-Bürger sich ebenfalls dazu entschließen, britische Staatsangehörige zu werden. Allein der Gedanke, dass man eine Gruppe an Menschen loswerden will und die stattdessen künftig mitbestimmen dürfen, erfüllt mich mit großer Genugtuung. Die Facebookgruppe, mit der alles anfing und die ich unterdessen mitadministriere, hat seit ihrer Gründung mehr als 1000 Menschen zur Aufenthaltsgenehmigung und / oder zur Staatsangehörigkeit verholfen.

Der Pass wird niemanden vor Diskriminierung auf der Straße schützen, aber er ist ein Pass zu mehr Rechten. Rechte, die ich mir vielleicht nie gesichert hätte, wenn man nicht damit gedroht hätte, bereits vorhandene Rechte zu beschneiden.

Hallo Motel One, wir müssen reden

Ich mag Euch ja eigentlich. Euer Grünblau, Euren Einrichtungsstil und ich gehöre eigentlich voll zu Eurer Zielgruppe. Ich reise viel und in unterschiedliche Städte, ich buche per App und maile Euch ratzfatz vorher an, dass ich ein barrierefreies Zimmer brauche, was Ihr (und da mal ein Lob!) auch immer hingekriegt habt bislang, auch wenn mir eigentlich lieber wäre, wenn ich das barrierefreie Zimmer gleich in der App buchen könnte. Aber ich glaube, unsere Wege trennen sich jetzt in Zukunft. Ich mag nicht mehr, ich fühle mich bei Euch nicht wirklich willkommen.

Es gibt kaum eine Floskel, die ich öfter höre als „Aber bei Neubauten wird ja sowieso auf Barrierefreiheit geachtet“. Möchte man das Gegenteil beweisen, muss man die Menschen einfach in so manche Eurer Hotels schicken. Das ist jetzt das dritte Hotel Eures Unternehmens in dem ich war, für das ich Euch weder eine Baugenehmigung noch eine Betriebsgenehmigung erteilt hätte, wenn ich irgendwas mitzureden hätte, weil es nicht die Mindeststandards an Barrierefreiheit einhält, wie sie eigentlich in Europa unterdessen üblich sind und wie ich sie als Gast erwarte. Nun kann man bauliche Mängel oft mit gutem Personal ausgleichen, aber ich kann Euch ja mal erzählen, wie meine Anreise verlief:

Neubau mit Stufen

Ich kam am Nachmittag in Eurem Hotel in Brüssel an. Das Hotel ist laut diverser Reisewebseiten Baujahr 2014. Das zähle ich noch unter die Kategorie „Neubau“. Zu meinem großen Erstaunen stand ich dann am Haupteingang vor etwa fünf Stufen. Er gab weder ein Schild noch eine Klingel, um Hilfe anzufordern. Eine gastfreundliche Anreise geht anders.

Ich schickte also einen wildfremden Passanten an die Rezeption. Er kam zurück und sagte mir, es gebe einen anderen Eingang. Ja, das muss ja so sein, wenn Ihr barrierefreie Zimmer verkauft, wird es wohl auch irgendwo einen barrierefreien Eingang geben. Nur wo? Der Passant und ich fanden den Eingang trotz einer gewissen Pfadfinderbegabung meinerseits nicht. Also schickte ich ihn wieder hinein und bat ihn, der Rezeption eindringlich zu sagen, sie sollen gefälligst rauskommen und mit mir reden. Ich hatte noch keinen einzigen Mitarbeiter von Euch getroffen, hatte aber schon extrem das Gefühl, nicht gerade freundlich behandelt zu werden. Es kam dann aber tatsächlich jemand.

Der Mitarbeiter sagte mir, der barrierefreie Eingang sei der Zugang zum Parkhaus. Ernsthaft, Motel One? Das findet Ihr okay? Bei einem neugebauten Hotel? Um den Fahrstuhl des Parkhauses nutzen zu können, brauchte ich allerdings eine Schlüsselkarte, die mir ausgehändigt wurde. Ich wäre also sowieso nicht alleine ins Hotel gekommen. Die Rezeption war übrigens zu diesem Zeitpunkt mit vier Mitarbeitern besetzt. Ich war der einzige Gast, der anreiste. Sie waren also keinesfalls zu beschäftigt, um mal nach der Rollstuhlfahrerin draußen zu schauen. Zudem fiel mir auf, dass mich die Mitarbeiter von der Rezeption aus vor der Tür hätten sehen müssen. Klebt Ihr Eure Mitarbeiter hinter dem Tresen fest oder warum kommt niemand, wenn sie sehen, dass da eine Rollstuhlfahrerin vor der Tür steht, die nicht rein kommt?

Rampe ins Nirgendwo

Der Mitarbeiter sagte mir auch, es gebe einen barrierefreien Hintereingang. Nachdem ich meinen Koffer aufs Zimmer gebracht hatte (zum Zimmer komme ich gleich), wollte ich den barrierefreien Hintereingang nutzen, auf den mich der Mitarbeiter verwiesen hatte. Wenn man allerdings die Rampe des Eingangs als Sammelstelle für Müllcontainer des Hotels nutzt, ist auch der barrierefreie Hintereingang nicht mehr barrierefrei. Also rief ich die Rezeption an, damit jemand die Rampe freiräumt. Es ging nur leider niemand ans Telefon. Also fuhr ich den ganzen Weg zurück zur Rezeption und machte auf mein Problem aufmerksam. Die Müllcontainer wurden dann auch gleich beseitigt. Aber als ich am unteren Ende der Rampe angekommen war, bemerkte ich, wo diese Rampe endete: Auf einer extrem steilen Straße mit Kopfsteinpflaster, die mit dem Rollstuhl de facto unbefahrbar war und auch nicht wirklich irgendwo hinführte, wo man als Hotelgast hin möchte. Euer barrierefreier Eingang landet quasi im Nirgendwo für mich.

Also entschloss ich mich, als ich später wieder ins Hotel zurückkam, doch wieder den Parkhauseingang zu benutzen. Ich hatte extra die Schlüsselkarte dafür mitgenommen. Aber als ich die Schlüsselkarte in den Leser schieben wollte, bemerkte ich, dass der eigentlich viel zu hoch angebracht ist. Ich schätze bei etwa 1,50 Meter und man muss ihn von oben einschieben. Ich habe aber Gott sei Dank lange Arme und kann mich gut aufsetzen (nicht stehen!) und habe es geschafft, die Karte in den Kartenleser zu bekommen. Ernsthaft, Motel One, hat sich überhaupt irgendjemand mal Gedanken gemacht, wie Rollstuhlfahrer in dieses Hotel kommen sollen? De facto habt Ihr keinen einzigen barrierefreien Eingang, der diese Bezeichnung verdient.

Geräumiges Zimmer am Ende des Hotelflurs

Nun zu meinem Zimmer: Das Positive vorweg. Es ist geräumig und ich kann das Bett von beiden Seiten anfahren. Das ist längst nicht in allen Euren Hotels so. Ich war schon in „barrierefreien“ Zimmern von Euch untergebracht, in denen ich fast die Hälfte des Zimmers nicht nutzen konnte, weil ich nicht zwischen das Fußende des Bettes und die Wand passte (bei einem Rollstuhl mit einer Breite von 63cm!). Das immerhin ist in Brüssel besser.

Aber was bitte hat Euch geritten, die barrierefreien Zimmer an den Ende eines richtig langen Flurs zu legen? Es sind die Zimmer, die am weitesten weg vom Fahrstuhl sind. Hat Euer Architekt eine sadistische Ader oder warum müssen gehbehinderte Gäste so weit laufen? Es sind ja nicht nur Rollstuhlfahrer, die die barrierefreien Zimmer buchen. Und auch ich bin dankbar, wenn ich meinen Koffer nicht 50 Meter über einen dicken Teppich zum Zimmer ziehen muss, auf dem der Rollstuhl alleine schon schlecht rollt.

Dann das Bad. Es ist mir schleierhaft, warum die Toilette so niedrig angebracht ist. Auch dafür gibt es Standards bei barrierefreien Bädern. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der in Belgien auf dieser Höhe ist. Für Menschen, die sich schwer tun aufzustehen, ist die Toilette die Hölle. Es war mir fast nicht möglich von der Toilette zurück in meinen Rollstuhl zu kommen. Die Toilette ist um einiges niedriger als mein Rollstuhl. Da hätten die Griffe vielleicht geholfen. Aber Gott sei Dank habe ich gleich bemerkt, dass Stabilität nicht die Eigenschaft ist, die ich dem Klappgriff als erstes zusprechen würde, den Ihr da angebracht habt, und ich hielt es für weise, diesen besser nicht zu nutzen. Zudem hängt er zu hoch, nämlich passend für die Höhe, auf der die Toilette vermutlich eigentlich hätte sein sollen.

Und dann hätte ich noch eine Frage zur Dusche: Wie habt Ihr Euch gedacht, dass Rollstuhlfahrer duschen? Stehend? Oder warum gibt es keinen Duschstuhl und die Duschelemente sind auf der Höhe für Stehende angebracht? Wenn ich mit meinem eigenen Rollstuhl unter die Dusche fahre, ist das nicht wirklich gut für den Rollstuhl. Außerdem wird die Sitzbespannung nass und da sitze ich ja den ganzen Tag drauf. Deshalb gehören Duschstühle eigentlich zur Standardausstattung eines barrierefreien Zimmers.

Also ein erholsamer Hotelaufenthalt sieht für mich definitiv anders aus. Ich blieb Gott sei Dank nur eine Nacht. Deshalb hätte ich auch sowieso keine Zeit gehabt, den schön angelegten Innenhofbereich zu nutzen. Ist auch besser so, denn sonst hätte ich mich vielleicht geärgert, dass ich da gar nicht hinkomme. Zum Innenhof führen nämlich nur Stufen.

Das geht auch anders

Versteht Ihr jetzt, warum ich mich in Eurem neugebauten Hotel überhaupt nicht willkommen fühle? Behinderte Menschen sind treue Kunden. Darüber gibt es Studien. Sie gehören zu einer der treusten Kundengruppen, die man als Hotel finden kann, wenn man sie gastfreundlich behandelt und barrierefrei baut. Ich bin da ein super Beispiel. Ich habe gerade alle meine Berlin-Aufenthalte für die nächsten neun Monate, bei denen ich die Daten bereits kenne, durchgebucht. Immer im gleichen Hotel. Immer im gleichen Zimmer. Dabei bin ich eigentlich wirklich jemand, die Abwechslung liebt, aber eben auch problemlose Hotelaufenthalte. Es wird Euch jetzt nicht überraschen, dass es kein Hotel von Euch ist. Es ist ein liebevoll eingerichtetes barrierefreies Zimmer Eurer direkten Konkurrenz, in dem einfach alles passt, ich über den Haupteingang ins Hotel komme, die gesamte Fläche des Zimmers erreichen kann, es einen Duschstuhl gibt und der Weg von Fahrstuhl zum Zimmer nicht länger als 10 Meter ist.

Stillstand bedeutet Rückschritt zitiert Euer CEO im Editorial der aktuellen Ausgabe Eures Hotelmagazins Erich Kästner. In diesem Sinne, Ihr habt noch viel zu tun, um beim Thema Barrierefreiheit in Bewegung zu kommen.

Wer den Pfennig nicht ehrt…

Ich hatte beim Ausmisten eine Tupperdose mit Kleingeld gefunden. Viel Kleingeld. Das einzige Problem war, es handelte sich um D-Mark. Ja, ich weiß auch nicht, wie diese Dose diverse Umzüge in den vergangenen 17 Jahren ungesehen überstehen konnte, aber jetzt war sie nun einmal da und man schmeißt ja schließlich kein Geld weg. Wer den Pfennig nicht ehrt und so.

Es handelte sich um rund 100 Mark, 50 Euro also. Eine kurze Recherche bei Google ergab, man kann tatsächlich noch D-Mark in Euro umtauschen. Am einfachsten geht das persönlich, in Deutschland, bei der Bundesbank. Da ich vergangene Woche für 5 Tage in Berlin war, um bei der re:publica zu sein, dachte ich mir, ich könne eine Stunde opfern, um mir bei der Bundesbank schnell meine 50 Euro abzuholen.

Praktischerweise liegt die Bundesbank an der gleichen U-Bahnlinie wie die re:publica, nämlich an der U2. Unpraktischerweise gibt es keine barrierefreie U-Bahnstation dort, also nahm ich die nächstgelegene barrierefreie Station und rollte dann etwa 1km bis zur Bundesbank. Anstatt die U-Bahn zu benutzen, ist es am besten, ein unu über die Stadt zu fahren, weil es wirklich schnell ist und man kann einfach durch Autos fahren.

Münzsammler

Vor dem Gebäude standen lange Schlangen. „Die können unmöglich alle Tupperdosen mit D-Mark gefunden haben“, dachte ich bei mir und ging einfach an der Schlange vorbei. Später verstand ich, es waren Münzsammler. Münzsammler sind ein Volk, mit dem ich den vergangenen 40 Jahren meiner Lebenszeit noch nie etwas zu tun hatte, aber das sollte sich nun ändern. Ich ging zu einem Sicherheitsmenschen und sagte ihm, ich wolle D-Mark tauschen. Er zeigte auf eine Tür, sagte ich solle den Lift nach oben nehmen. Oben angekommen gab es noch mehr Mitglieder des Volkes der Münzsammler, die sich in zwei Reihen aufspalteten. Nur wo ich hin musste, war mir nicht klar. Ich wollte ja keine Münzen kaufen.

Der Sicherheitsmensch von unten kam über die Treppe zu mir und brachte mich durch die beiden Schlangen zu seinem Kollegen. Ob er sich bitte weiter um mich kümmern könne. Er konnte. Welche Münzen ich den kaufen wolle, fragte er. Noch bevor ich überhaupt antworten konnte, mischte sich ein älterer Herr ein. Es ginge nicht, dass ich bevorzugt behandelt werde. Ich solle mich gefälligst hinten anstellen. „Da sind doch Stufen“, verteidigte mich der Sicherheitsmann. „Wie sollen wir das denn sonst machen?“. Ich unterbrach den Streit: „Ich möchte keine Münzen kaufen. Ich möchte D-Mark eintauschen“, sagte ich. „Achso“, sagte der Sicherheitsmann. Da käme ich aber auch nicht hin. Der Teil des Gebäudes sei nicht barrierefrei. Genauso wie die Münzausgabestelle sei hier nichts barrierefrei. Da stand ich nun mit meinen D-Mark. 15 Jahre nach Inkrafttreten des Bundesbehindertengleichstellungsgesetzes, das Bundesgebäude zur Barrierefreiheit verpflichtet, war der Bereich für den Publikumsverkehr der Bundesbank immer noch nicht barrierefrei. Mehr Bundesgebäude als die Bundesbank kann ein Gebäude doch gar nicht sein, dachte ich, aber ich weiß auch, in Deutschland wird im Bestand so gut wie nicht umgebaut. Ich solle warten, sagte man mir. Und so wartete ich zwischen den Münzsammlern darauf, dass jemand mein Geldproblem löste.

D-Mark

Während ich wartete, fiel mir ein, wie absurd das alles ist. Der Finanzminister Deutschlands käme in seinem eigenen Land nicht einmal in der Bundesbank klar. Müsste sich vermutlich noch anpöbeln lassen, dass er sich vordrängeln will. Nach einiger Zeit erschien eine sehr freundliche und hilfsbereite Frau. Sie fragte nach meinen D-Mark und ich sagte ihr, ich habe eine Tupperdose voll mit Geld, die ich gerne tauschen würde. Sie sagte, sie würde das für mich erledigen. Und so übergab ich in diesem Gedränge einer Frau, der ich vertrauen musste, dass sie da arbeitet, in dem Gedränge meine 100 D-Mark. Nach einer ganzen Weile kam sie wieder, überreichte mir meine Tupperdose. Darin 50 Euro. Mission erfüllt. Nur zum Aufzug musste ich mich jetzt noch durchkämpfen. Die Münzsammler sind kein Volk, das sich einfach bewegen lässt, aber die nette Bundesbank-Mitarbeiterin bahnte mir den Weg.

Das sind so Situationen, wo ich merke, dass ich einen „Reversen Kulturschock“ bekäme, sollte ich jemals wieder nach Deutschland ziehen. Natürlich ist die „Bank of England“ barrierefrei. Das Gebäude ist uralt. Das der Bundesbank übrigens nicht. Mir fehlt da unterdessen jegliches Verständnis, wie man solch ein Gebäude, das umzubauen ginge, nicht einfach umbaut. Am Geld kann es bei der Bundesbank ja kaum liegen.

#TeamWallraff – Was sich ändern muss

Wie sie sich jetzt alle zu Wort melden, die ganzen Heilerziehungspfleger, Heimbetreuer und Pfleger, die ihre Reputation gefährdet sehen: Bei ihnen sei ja alles prima bei der Lebenshilfe. Ja ne, ist klar. Nur nichts verändern! War doch so schön kuschelig die ganzen letzten Jahre.

Und wenn man dann hinter die Fassade schaut und mal ohne Betriebsblindheit in einer Einrichtung sitzt, wird es einem dann doch oft ganz anders. Und dabei muss es gar nicht um eindeutige Misshandlungen gehen, wie am Montag das Team Wallraff auf RTL aufdeckte, sondern einfach um Machtstrukturen zwischen Betreuern und behinderten Bewohnern und Werkstattarbeitern. Das Problem in solchen Einrichtungen ist das ständige Unterbinden von Selbstbestimmung, auch in Bereichen, in denen die behinderten Bewohner / Werkstattarbeiter eigentlich noch selbst bestimmen könnten, wenn man sie denn ließe.

Das konnte man auch sehr schön in dem Film sehen. Nicht einmal die Anzahl der Brote, die er essen wollte, durfte ein Bewohner selbst festlegen und auch Raul Krauthausen musste sich beim Heimexperiment ganz schön umstellen, als er nicht einmal alleine den Joghurt aus dem Kühlschrank nehmen durfte.

Ich versuche eigentlich, Vorurteile zu vermeiden, aber ich gebe ehrlich zu, bei Mitarbeitern aus Institutionen, Behindertenwerkstätten und Heimen fällt mir das seit Jahren immer schwerer. Die Frage, die ich mir immer stelle, wenn sich jemand als solcher vorstellt ist, warum arbeitet jemand dort? Warum dort und nicht bei einer Organisation, die Selbstbestimmung fördert? In einer kleinen Wohngruppe zum Beispiel oder im Bereich persönlicher Assistenz, in dem behinderte Menschen selbst bestimmen, was sie wann tun. Warum nicht in einem Integrationsunternehmen? Warum müssen es solche engen Strukturen sein, die nicht erst seit Montag kritisiert werden?

Ihr seid nicht die Opfer

Was mich in den vergangen Tagen am meisten aufgeregt hat, ist die Reaktion der Lebenshilfe. Aber auch das passt prima ins Bild. Die Lebenshilfe tut jetzt so als sei sie selbst das Opfer. Liebe Lebenshilfe, das seid ihr nicht und jeder, der Euch das abnimmt und in diese Kerbe schlägt, verhöhnt die eigentlichen Opfer dieser traurigen Geschichte, nämlich die behinderten Bewohner.

In Wahrheit hat man da jahrzehntelang gut Geld verdient – der Begriff Wohlfahrtsindustrie trifft es schon ganz gut – und jetzt kommt da so ein Nestbeschmutzer, der was von Menschenrechten erzählt, sich Experten ins Boot holt, die Heimaufsichten vorführt und am Soziallack kratzt, weil behinderte Schutzbefohlene rumgeschupst und misshandelt werden und Verträge mit der Arbeitsagentur offensichtlich nicht so genau genommen werden.

Angriff ist die beste Verteidigung

Und was macht die Lebenshilfe? Sie geht zum Gegenangriff über. Angriff ist die beste Verteidigung, nicht wahr? Sie empört sich darüber, dass die Journalisten nicht nach den ersten Misshandlungen ihre Maske fallen ließen und die Lebenshilfe informiert haben. Völlig unterschlagen wird dann auch noch, dass die Journalistin sehr wohl den Vater der misshandelten Frau angerufen hat, es ein Gespräch mit der Familie gab, von dessen Inhalt der Geschäftsführer aber nichts gewusst haben will, berichtet die Rheinische Post.

Ich weiß nicht, was ich schlimmer finde, dass da Misshandlungen im Raum stehen, aber Inhalte solcher Gespräche nicht einmal bei der Geschäftsführung ankommen – stimmt da etwa was mit den Strukturen nicht? – oder diese jetzt so tut als habe sie nichts gewusst, damit der Gegenangriff glaubwürdiger aussieht. Egal wie man es dreht oder wendet, die Schuldigen sitzen nicht in der Wallraff-Redaktion, sondern im Vorstand und der Geschäftsführung der Lebenshilfe, weil sie offensichtlich völlig die Kontrolle über ihre Institutionen verloren haben.

Der Film wollte Systematiken und Strukturen aufdecken und das ist ihm auch gelungen. Gerade weil man eben nicht nach dem ersten Fall aufgegeben hat, sondern weiterrecherchiert hat, sind diese sichtbar geworden. Genau so funktioniert investigativer Journalismus. Nach dem ersten Fall hätte die Lebenshilfe „Einzelfall“ gerufen und der Aufschrei wäre ausgeblieben. So ist jetzt auch dem letzten Zuschauer klar, das sind gar keine Einzelfälle, da stimmt etwas im System nicht und bei der Einstellungspraxis, der Aufsicht und der Unterhaltung dieser Einrichtungen.

Die Lebenshilfe ist auch kein Opfer ihrer Mitarbeiter. Sie haben die Mitarbeiter, deren Charakter offensichtlich nicht dazu geeignet ist, behinderte Menschen zu betreuen, selbst eingestellt. Sie haben kein Kontrollsystem etabliert, bei dem solche Vorfälle sofort sichtbar werden, sie haben eine Kultur in ihren Einrichtungen geduldet, in denen Mitarbeiter ohne Scheu vor anderen Mitarbeitern mehrfachbehinderte Menschen schikanieren konnten. Die Taten sind von den Tätern begangen worden, dafür gehören sie bestraft, aber die Strukturen sind es, die solch ein Verhalten erst möglich gemacht haben.

Was ich erwartet hätte wäre, dass binnen 24 Stunden eine bundesweite Hotline geschaltet wird, bei der Vorfälle in anderen Lebenshilfe-Einrichtungen anonym gemeldet werden können, bei einer unabhängigen Institution, einem Menschenrechtsanwalt zum Beispiel. Aber dafür müsste man erst einmal einsehen, dass es strukturelle Probleme gibt und nicht zufällig ein halbes Dutzend Mitarbeiter, die aus der Spur sind.

Strukturelles Problem

Worum es bei dem Wallraff-Film geht, sind nicht einzelne Mitarbeiter, die sich nicht zu benehmen wissen und ihre sadistische Ader ausleben. Worum es geht sind Strukturen einer Wohlfahrtsindustrie, die mehrere Milliarden Euro im Jahr bekommt, aber in vielen Bereichen ihrer Aufgabe nicht gerecht wird. Da geht es nicht nur um Misshandlungen, aber eben auch.

Und es geht darum, dass die Werkstätten ihren Aufgaben nicht erfüllen. Es ist nicht nur die Werkstatt in dem Film, die eine Wiedereingliederungsrate von 2 Prozent hat, sondern das ist ein bundesweites Problem. Die Arbeitsagenturen finanzieren de facto die Ausgliederung aus dem Arbeitsmarkt, nicht die Wiedereingliederung. Dass es auch anders geht, hat Schweden gezeigt. Dort gibt es seit Jahren keine Werkstätten mehr, sondern der Staat hat eine eigene Personalagentur geschaffen, die Arbeitnehmer an Firmen „ausleiht“. Die Mitarbeiter bekommen einen Tariflohn, nicht durchschnittlich 180 Euro im Monat wie das in Deutschland der Fall ist. Dieser wird weitergezahlt, wenn mal keine Arbeit von einer Firma angefragt wird.

Natürlich muss es auch eine Tagesstruktur geben für Menschen, die nicht arbeiten können. So gibt es in Schweden für Menschen, die „nur“ eine Tagesstruktur brauchen, Kleingruppen, die basteln, Ausflüge machen etc. In solchen Strukturen fällt Missbrauch viel schneller auf als in den teilweise viel zu großen Gruppen und Strukturen der deutschen Wohlfahrtsindustrie.

Wenn der Wallraff-Film eines gezeigt hat, dann dass nicht alles sozial ist, was sich sozial nennt oder von außen sozial aussieht. Die Heim- und Werkstattstrukturen sind eigentlich unsozial und werden den Bedürfnissen der Menschen nicht gerecht. Sie führen zu Missbrauch und verhindern Entfaltungs- und Fördermöglichkeiten. Sie bremsen Selbstbestimmung. Ja, ich weiß, alles andere kostet noch mehr Geld. Kleinere Wohngruppen, gute Beschäftigungsmaßnahmen, Personalagenturen etc. Mir fallen da noch viele Alternativen ein. Aber am Ende muss man sich die Frage stellen, möchten wir weiter eine Wohlfahrtsindustrie fördern oder ist es nicht endlich mal an der Zeit, eingefahrene Strukturen aufzubrechen und sehr kritisch zu hinterfragen zum Wohle der Menschen, die auf sie angewiesen sind.

Stufenlos bei ZEIT Online

Stufenlos

Wer sich wundert, warum es hier gerade so ruhig ist: Ich schreibe für ZEIT Online ein Blog zu Barrierefreiheit und Inklusion mit dem schönen Namen „Stufenlos„.

Dieses Blog ist deshalb dennoch nicht tot. Versprochen.

Bei Gericht und auf hoher See

Heute morgen war ich bei Gericht. Es ging dabei nicht um mich, sondern um den Unfall von Angela, einer Bekannten, die auf einem Fußgängerüberweg mit Ampel von einem Auto umgenietet wurde als sie die Straße bei Grün für die Fußgänger überquerte. Angela ist E-Rollstuhlfahrerin und hat eine Sprachbehinderung. Und als sei der Unfall nicht schon schlimm genug – Angela wurde aus dem Rollstuhl geschleudert, der Rollstuhl fiel um und sie wurde verletzt – stieg die Fahrerin hinterher aus und beleidigte die am Boden liegende, blutende Angela, was wiederum andere Passanten und Zeugen derart aufbrachte, dass die Frau sich in ihr Auto flüchten musste bis die Polizei kam.

Da ich nur 15 Minuten vom Gerichtsgebäude weg wohne, habe ich Angela versprochen, mir das Verfahren anzuschauen und sie zu begleiten. Sie hat heute morgen als Zeugin ausgesagt. Zeugin deshalb, weil es eine Nebenklage in UK wie in Deutschland in der Form nicht gibt. Das bedeutet leider auch, dass Angela keinen Anwalt hatte, sondern nur der Crown Prosecution Service, den Strafverfolgungsdienst der britischen Krone, etwa so was wie die Staatsanwaltschaft, auf ihrer Seite war.

Kächer-Hochdruckreiniger dringend empfohlen

Schon das Gerichtsgebäude selbst empfand ich als absolut einem Gericht unwürdig. Man hätte dort problemlos einen Werbefilm für Kärcher-Hochdruckreiniger drehen können. Als Vorher-Nachher-Modell wäre das Gebäude durchaus geeignet. In dem Raum, in dem die Zeugen warten müssen (uns ließ man über zwei Stunden warten), waren riesige Flecken auf dem Teppichboden. Eine Teppichreinigung wäre bereits vor 10 Jahren dringend nötig gewesen. Um den Wartenden die Wartezeit zu verkürzen, gab es eine kleine Bücherecke. Jedes Buch kostete 50p – damit werde die Zeugenbetreuung finanziert, stand auf einem Schild.

Nachdem ich mich von dem kleinen Kulturschock erholt hatte, kam die Dame der Zeugenbetreuung und redete mit mir. Ja, genau. Mit mir. Und es war gar nicht so einfach, sie davon abzubringen. Sie wusste, dass ich nicht die Zeugin war, aber sie wollte partout vermeiden, mit Angela zu reden, vermutlich weil sie Angst hatte, sie aufgrund ihrer Sprachbehinderung nicht zu verstehen. Sie drückte mir das Zeugenprotokoll in die Hand, was ich ihr sofort zurückgab und ihr sagte, das sei Angelas Protokoll, nicht meines. Ich kenne das Problem, dass manche Leute lieber mit der nicht-behinderten Begleitperson sprechen. Aber dass man lieber mit der weniger behinderten Person, also in dem Fall mit mir spricht, habe ich so noch nicht erlebt.

Zeugenbefragung

Dann kam der Vertreter des Crown Prosecution Service, in den Angela verständlicherweise alle Hoffnungen setzte, in den Warteraum. Er starrte sie an als käme sie vom Mars als er sah, wie stark Angela behindert ist.

Ob sie denn überhaupt aussagen könne und ob sie sich denn noch an die Straße erinnern könne, in der das passiert sei, fragte er sie und beugte sich zu ihr runter als würde er mit einem Kind sprechen. Ja, konnte sie. Es ist die Hauptstraße in Brixton. Jeder in London kennt diese Straße. Und ob sie die Uhrzeit sagen könne. Da wurde es Angela zu bunt und sie wies ihn darauf hin, dass sie keinerlei kognitiven Einschränkungen habe, sondern einen Hochschulabschluss. Sie habe lediglich eine Sprachbehinderung und sitze im Rollstuhl. Sie könne sich natürlich noch an alles erinnern und auch die Straße benennen. Den zweiten Zeugen, einen Sicherheitsangestellten von Body Shop, der den Unfall vor dem Geschäft beobachtet hatte und Angela sofort zu Hilfe kam, fragte der Mann nichts. Ihm traute er offensichtlich zu, sich zu erinnern und eine gute Aussage vor Gericht machen zu können.

Dann gingen wir in den Gerichtssaal und auch dort war man stellenweise überfordert mit der Situation. Die Richter beim Magistrates Court sind keine professionellen Richter, sondern Freiwillige. Der CPS-Mann befragte Angela eine Weile. Irgendwann fragte er den Verteidiger, ob er sie denn überhaupt verstehen könne, was dieser verneinte. Also fing man wieder von vorne an. Es wurde wiederholt was Angela sagte, Angela bestätigte, was sie gesagt hat und dann ging es weiter. Niemand der Anwesenden hatte jemals jemanden mit einer Sprachbehinderung befragt oder sich vorher Gedanken gemacht, wie man ihr die Aussage erleichtern könnte. Angela hat dennoch eine gute Aussage gemacht, denke ich.

Nun war die Angelegenheit „nur“ ein Verkehrsdelikt. Angela war nicht traumatisiert durch den Unfall, sondern ging eigentlich guten Mutes und unaufgeregt da heute morgen hin. Wir kamen völlig gestresst aus der Verhandlung wieder raus. Nicht weil die Befragung so hart war, sondern weil die Überforderung der am Verfahren Beteiligten, auf die man sich in so einem Fall verlassen muss, einfach nicht zu übersehen war.

Wie geht es denn behinderten Menschen, die Opfer einer schweren Straftat werden? Müssen die auch erstmal klar machen, dass sie keine kognitiven Einschränkungen haben? Bitten, dass man direkt mit ihnen spricht? Nicht mit Dritten? Und können die sicher sein, dass ihre Aussage nicht dadurch verwässert wird, dass Ankläger oder Verteidigung sie nicht verstehen können aber erstmal nichts sagen, sondern das Verfahren laufen lassen? Ich bin aus dieser Zeugenbefragung rausgegangen und mich überkam der bittere Verdacht, dass behinderte Menschen, je nach dem welche Behinderung sie haben, eben nicht gleich sind vor Gericht, sondern ganz andere Hürden zu überwinden haben, als die Nervosität vor einer Aussage – vor allem in einem System, in dem die Opfer von Straftaten nicht als Nebenkläger auftreten.

Update: Die Fahrerin wurde verurteilt. Das Strafmaß steht noch nicht fest. Angela hat wegen ihrer Behandlung vor Gericht eine Beschwerde eingereicht.

Schönheit, Autismus und Inklusion

Schönheit

Leben mit Behinderung: Meine Prothese nannte ich liebevoll Thees | ZEIT ONLINE
Schönheit hat nichts damit zu tun, wie viele Arme man hat. Sehr schöner Text.

Autismus

Autismus und Massenmord: Der konstruierte Zusammenhang | Carta
Taten, die wir nicht begreifen können, denen drücken wir schnell mal ein Label auf. Bei Massenmord gerne auch mal das Label Autismus. Mela hat das mal bei Carta zerpflückt.

PETA: Milk Linked To Scary Autism And Vegan Is Your Only Hope – Forbes
PETA findet es okay, eine Kampagne zur veganen Ernährung auf dem Rücken von Menschen mit Autismus zu machen. Forbes nicht so.

Inklusion

Inklusion | just another weblog :: Christian Fischer – fine bloggin‘ since 2001
Ein Kommentar zur Jauch-Sendung über schulische Inklusion.

BBC News – A Point of View: Happiness and disability
Behinderte Menschen sind nicht unglücklicher als nicht behinderte Menschen. Aufmerksame Leser dieses Blogs wissen das bereits. Dieser Artikel erklärt noch einmal wieso.

Wahlen, Inklusion und die britische Polizei

Wahlen

Behinderte an Wahl gehindert
Während manche Europäer wohl gleich zwei Mal gewählt haben, hat man behinderte Menschen in Brandenburg an der Wahl gehindert.

Gesundheit

UK child death rate among worst in western Europe Nur in Malta sterben in der EU noch mehr Kleinkinder vor dem 5. Lebensjahr als in Großbritannien. Grund: Armut. Unfassbar.

Inklusion

Der lange Weg zur Inklusion
Benedikt Lika ist einer der tollen Menschen, die man einfach so in diesem Internet trifft. Seit 2007 hat sich der Dirigent mit dem Projekt „Roll and Walk“ in seiner Heimatstadt Augsburg einen Namen gemacht. Er bietet einerseits jungen talentierten Musikern eine Plattform in seinem Orchester, anderseits möchte er insbesondere Menschen mit Behinderung den Zugang zur klassischen Musik eröffnen. Außerdem ist er seit kurzem Mitglied des Stadtrats nachdem ihn die Augsburger weit vorne auf die Liste katapultierten. So geht Inklusion.

Down’s Syndrome student held in cell for nine hours after going into school on Bank Holiday Monday to retrieve his favourite baseball cap
Ein Junge mit Down-Syndrom bricht an einem schulfreien Tag in seine Schule ein, weil er seine Kappe dort vergessen hatte, an der er so hängt. Die Londoner Polizei nimmt ihn fest und hält ihn neun Stunden lang fest bis die Schule und ein Anwalt intervenieren können. So geht Inklusion nicht.

Lernen behinderte Kinder an Regelschulen besser? Die Wissenschaftler vom Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen kommen zu dem Schluss, dass Kinder mit Förderbedarf mehr und besser lernen, wenn sie mit nichtbehinderten Kindern gemeinsam unterrichtet werden. Na welch Überraschung!