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Archiv für 28.6.2013

Ist wirklich jeder behindert?

An welchem Satz merkt man ganz schnell, dass jemand es sicher ganz nett meint, aber im Grunde null Ahnung hat, wovon er redet? Auf meiner Hitliste weit oben steht der Satz: „Im Grunde ist ja jeder irgendwie behindert.“ Dieser Satz wird so gut wie immer nur von nicht behinderten Menschen benutzt und ich hasse ihn. Ich schreie innerlich, wenn zu mir jemand diesen Satz sagt und gerade ist der Satz irgendwie wieder voll in Mode. Warum ich den Satz hasse? Er ist einfach falsch und er negiert völlig die Diskriminierung, die behinderte Menschen erfahren.

Zum einen steckt dahinter der Wunsch nach Gleichmacherei. Alle sind ja irgendwie gleich, alle machen die gleichen Erfahrungen. Das ist sicher sehr nett gemeint, aber nein, mit Verlaub, das ist nicht so. Nicht behinderte Menschen machen nicht die Erfahrungen, die behinderte Menschen machen. Nicht einmal behinderte Menschen machen die gleichen Erfahrungen die andere behinderte Menschen machen, weil sie andere Bedürfnisse haben.

Nicht behinderte Menschen müssen sich nicht bei der Bahn 24 Stunden vorher anmelden, wenn sie reisen wollen. Die können einfach in den Zug steigen. Die dürfen auch auf den Berliner Fernsehturm und ins Kino wann und wo sie möchten, die können auch jede Sendung im Fernsehen sehen und nicht nur die wenigen, die man untertitelt, um mal nur ein paar Beispiele zu nennen.

Meine Behinderung definiert sich für mich darüber, wie barrierefrei mein Alltag ist. In einer barrierefreien Umwelt fühle ich mich nicht behindert. Leider ist die Umwelt aber so, dass behinderte Menschen an sehr viele Barrieren stoßen. Das schließt sie von vielen Lebensbereichen aus: öffentliche Verkehrsmittel, Bildung, Beruf, Kultur, Medien. Die Liste ist ewig lang. Behinderte Menschen machen also tagtäglich die Erfahrung, dass sie ausgegrenzt werden. Sie werden behindert. Das zu ändern ist eine Frage von Menschenrechten und dem Bekämpfen von Diskriminierung.

Wenn man das ändern möchte (was ich schwer hoffe), muss man als erstes einmal den Umstand anerkennen, dass es Diskriminierung und Ausgrenzung gibt und auch, dass Behinderung kein allein individuelles Problem eines einzelnen ist, sondern ein gesellschaftliches Problem.

Diese oben beschriebene Gleichmacherei macht aber genau das Gegenteil. Es erkennt nicht die Bedürfnisse einer bestimmten Minderheit an, die die Gesellschaft vielfach nicht berücksichtigt, sondern tut so als seien die Erfahrungen im Alltag für alle gleich. Das ist aber nicht so.

Diese Definition von Behinderung übrigens ist auch der Grund, warum es im britischen Englisch „disabled people“ und nicht „people with disabilities“ (oder wie im Deutschen „Menschen mit Behinderungen“) heißt. „Disabled people“ geht davon aus, dass behinderte Menschen behindert werden nicht eine Behinderung haben, es ein gesellschaftliches Problem ist und fokussiert nicht auf eine rein medizinische Diagnose. Die Diagnose nennt man „impairment“ nicht „disability“.

Dahinter stehen zwei verschiedene Denkweisen über Behinderung. Das „medizinische Modell“ und das „soziale Modell“ von Behinderung. In Deutschland definiert man Behinderung danach, was jemand nicht kann und sieht das als alleinige Ursache für die Behinderung. Zum Beispiel: Ich komme in das Gebäude nicht rein, weil ich nicht laufen kann. Das „soziale Modell“ geht davon aus, dass die äußeren Umstände die Behinderung sind. Also: Ich komme in das Gebäude nicht rein, weil da fünf Stufen vor der Tür sind.

Zukunftsweisender ist sicher das „soziale Modell“, denn ein Gebäude kann man ändern, aber es wird immer Menschen geben, denen fünf Stufen Probleme bereiten. Darauf zu hoffen, dass sich das individuell oder medizinisch löst, ist ziemlich unwahrscheinlich und führt zu weiterer, andauernder Ausgrenzung – eben so lange wie das Gebäude nicht geändert ist.

Also nein, im Grunde ist nicht jeder behindert, nur ein Teil der Bevölkerung. Aber jeder kann etwas dafür tun, dass die Barrieren weniger werden. Dazu gehört auch, solche Sprüche zu überdenken.

Du bist nicht barrierefrei, Deutscher Bundestag

2002 war behindertenpolitisch ein wichtiges Jahr. Da hat der Deutsche Bundestag das Behindertengleichstellungsgesetz auf den Weg gebracht. Darin werden Träger öffentlicher Gewalt auf Bundesebene zur Barrierefreiheit verpflichtet. Darin steht in §11 der schöne Satz: „Träger öffentlicher Gewalt (…) gestalten ihre Internetauftritte und -angebote sowie die von ihnen zur Verfügung gestellten grafischen Programmoberflächen, die mit Mitteln der Informationstechnik dargestellt werden, (…) schrittweise technisch so, dass sie von behinderten Menschen grundsätzlich uneingeschränkt genutzt werden können.“

11 Jahre nach Inkrafttreten des Gesetzes schafft es der Deutsche Bundestag nicht, sich einfach mal an sein eigenes Gesetz zu halten. Wenn er das täte, wäre die nagelneue Kampagnenseite „Du bist die Wahl“ barrierefrei. Die Videos hätten zum Beispiel Untertitel und eine Übersetzung in Gebärdensprache. Auch würde die Seite blinden Nutzern nicht mitteilen, dass sie in Englisch ist und der Sprachausgabe so eine falsche Sprache vorgaukeln. Auch behinderte Menschen „sind die Wahl“. Inklusion fängt vor der eigenen Haustür an, auch vor der des Deutschen Bundestages.

Onlinetalk

Deutschlandradio Wissen.
Baut das Internet Barrieren ab? Und welche Rolle spielen Weblogs dabei? Zu diesem und anderem habe ich im Onlinetalk bei Deutschlandradio Wissen diskutiert. Den direkten Link zum Nachhören gibts hier

Deutschland ist ein Fall für die Werbeaufsicht

Deutschland ist für behinderte Menschen voll zugänglich. Glaubt Ihr nicht? Da habt Ihr recht, aber genau das will die Bundesrepublik Deutschland gerade behinderten Briten erzählen, denn die sollen in Deutschland bitte Urlaub machen. Dafür hat Deutschland, finanziert aus den Mitteln des Bundeswirtschaftsministeriums eine Printkampagne aufgelegt, die den erstaunlichen Slogan hat: „Access All Areas – Welcome to Germany“.

Werbung

Weiter heißt es (sinngemäß) übersetzt „Deutschland bietet eine Fülle von Möglichkeiten für einen erholsamen Urlaub. Besucher mit Behinderungen und eingeschränkter Mobilität, Ältere eingeschlossen, und Menschen mit Sportverletzungen sind alle in der Lage Deutschland voll zu genießen. Deshalb bieten viele Orte, Städte und Regionen in Deutschland spezielle Pakete für Menschen Behinderungen an. Da ist etwas für jeden dabei.“

Leider vergisst die Werbung einige nicht ganz unerhebliche Dinge zu erwähnen. Wie das ja manchmal so ist bei Werbung. Oder die Verantwortlichen haben ihr Büro seit Jahren nicht verlassen und glauben ernsthaft, Deutschland sei barrierefrei.

Ich bin beim Realitätsabgleich gerne behilflich:

– Deutschland ist gar nicht so barrierefrei wie sich viele nicht behinderte Menschen einbilden.
– An Europas größtem Flughafen Frankfurt ist es nur ganz schwer möglich, ein Taxi zu bekommen, das ein Kombi ist. Ein barrierefreies Taxi findet man an keinem Flughafen, das muss man Wochen vorher vorbestellen. In den meisten Städten gibt es gar keines. Wer stufenlos zur S-Bahn möchte, muss das Bahnpersonal des Flughafens Frankfurt am selten besetzten Servicepoint des Lokalbahnhofs bemühen und lernt den Müllraum des Bahnhofs kennen. Vielleicht meinten die Werber das mit „Access All Areas“.
– Der Berliner Funkturm lädt alle Besucher ein, außer Rollstuhlfahrer. Die dürfen nicht hinauf. Aus Sicherheitsgründen.
– Es gibt einen massiven Mangel an barrierefreien Toiletten. Überall. Einfach mal beim nächsten Kneipen- oder Restaurantbesuch darauf achten, ob es eine barrierefreie Toilette gibt. Nicht nur ebenerdig, sondern mit Griffen und so und breit genug für einen Rollstuhl.
– Es gibt auch einen Mangel an barrierefreien Hotelzimmern, die nicht mehr als 100 Euro kosten. Einfach beim nächsten Urlaub oder bei der Dienstreise mal fragen, ob das Hotel barrierefreie Zimmer hat und ob diese Einzel- oder Doppelzimmer sind. Es scheint in Deutschland unter Hoteliers dieses Gerücht zu geben, behinderte Menschen reisen immer alleine. Ja, ich meine auch Euch, Motel One.

Und noch ein Wort an die Werber: Die Werbung ist eigentlich ein Fall für die britische Werbeaufsicht, aber ich frage mich, ob das die Mühe wert ist. Die Zielgruppe fühlt sich nämlich schon durch Euer Wording null angesprochen. „People with disabilities“ heißen in UK „Disabled people“. Eine Behinderung wie Ihr es meint ist ein „impairment“. Und ich vermute stark, dass sich die Senioren nicht sehr freuen, wenn sie als „the elderly“ in der Werbung angesprochen werden. Aber wer glaubt, Deutschland sei barrierefrei, der hat vermutlich eh nicht mit der Zielgruppe gesprochen.