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Archiv für 29.4.2013

Ich selbstverwirkliche mich, deshalb arbeite ich

Zwei Blogeinträge in einer Woche? Ich weiß nicht mehr, wann das zum letzten Mal vorkam, aber ich habe den Drang, auf diesen Blogeintrag zu antworten. Das Nuf hat sich über dieses Video geärgert

und ihren Ärger in den Blogeintrag mit dem Titel „Geht euch doch selbstverwirklichen, ich geh arbeiten“ fließen lassen.

Nun war ich schon bei der Überschrift verwirrt. Wo ist denn da der Widerspruch? Dann las ich den Blogeintrag und es wurde mir klarer. Ja, ich mag dieses theatralische Gesülze amerikanischer Art und solche Kitschvideos auch nicht besonders. Die Aussage finde ich allerdings nicht so verkehrt. Im Gegenteil.

Ich gehe tatsächlich arbeiten, weil ich das, was ich mache, gerne tue. Mein Beruf ist meine Berufung, meine Selbstverwirklichung. Ich wusste schon immer, ich möchte, nein, ich MUSS Journalistin werden. Seit ich 7 war und ganze Sätze schreiben konnte ungefähr. Als ich etwa 9 Jahre alt war bekam ich als Belohnung für eine Operation einen Tag beim ZDF geschenkt und ab da war ich endgültig verloren an den Journalismus.

Hätte ich auf die guten Ratschläge um mich herum gehört, wäre ich heute Juristin oder Lehrerin – „der Staat stellt ja doch manchmal Behinderte ein“ – oder Telefonistin – „das raten wir allen Rollstuhlfahrern“. Gott sei Dank bin ich so stur und habe wie eine Bekloppte daraufhin gearbeitet, Journalistin zu werden. Hat dann ja auch geklappt.

Nun brauche ich ja nicht zu verschweigen, dass es für mich schon etwas aufwendiger ist, arbeiten zu gehen, vor allem in einem Beruf, bei dem man ständig draußen rumturnt, als für Leute, die den Journalistenberuf auf zwei Beinen ausüben – das liegt in erster Linie in der nicht immer barrierefreien Umwelt.

Als ich Volontärin bei dpa war, hatte ich teilweise bis zu 3 Terminen am Tag an immer anderen Örtlichkeiten. Wenn ich die Räumlichkeiten nicht kannte, musste ich anrufen und alles abklären. Das ist auch heute noch so und klappt mal gut, mal weniger gut. Außerdem muss ich immer viel früher los als andere Kollegen, um pünktlich da zu sein, weil ich mit Rollstuhl ins Auto laden und Lifte suchen einfach langsamer bin. Das ist zwar alles manchmal nervig, aber ich liebe meinen Beruf so sehr, ich nehme das gerne dafür in Kauf. Und ja, ich könnte mich auch verrenten lassen, aber ich will das nicht. Mein Beruf ist meine Selbstverwirklichung.

Würde ich diesen Aufwand betreiben für einen Job, der mich nicht erfüllt? Wohl eher nicht. Und unterdessen picke ich mir auch im Journalismus die Rosinen raus. Ich schreibe nur noch, was mir Spaß macht, ich den Aufwand vertretbar finde und das ist mehr als genug.

Als ich meine Firma gründete, habe ich mich für diverse Existenzgründerprogramme beworben. Ich bin in einige aufgenommen worden. Ein Programm stellte mir eine Beraterin zur Seite, die, wie sich später herausstellte, auch Rupert Murdoch beriet. Auf fast jede Frage, die sie mir am Anfang stellte, antwortete ich mit „Weil ich das gut finde“ oder „Weil ich das so gerne mag.“ Ich habe damals eine deutschsprachige Zeitung gestartet, die als einziges Konzept hatte, eine Zeitung zu werden, die ich selber gerne lesen würde. Das gefiel ihr nicht. Ich solle mal aus meiner Komfortzone rauskommen, sagte sie mir. Da habe ich sie rausgeschmissen. Warum? Weil ich glaube, dass Menschen dann gut sind, wenn sie an das glauben, was sie tun. Das ist bei mir jedenfalls so. Außerdem hatte ich meine Komfortzone schon oft genug verlassen. Warum soll ich mir das Leben ungemütlich machen, wenn ich das Sagen habe? Zudem kann ich nichts verkaufen, was ich selber nicht mag. Ich habe an meine Zeitung geglaubt, sie aufgebaut und im vergangenen Jahr, nach 5 Jahren, verkauft. Ganz ohne die Murdoch-Beraterin. Auch das war Selbstverwirklichung, denn ich wollte wieder mehr selber schreiben und ein bisschen mehr Zeit haben.

Und manchmal macht es mich einfach wütend – vielleicht so wütend wie das Nuf beim Betrachten des Videos – wenn ich sehe, dass Menschen völlig gegen ihre Bestimmung leben, sie das Leben eines anderen leben oder weil ihnen das die Eltern oder sonst wer vorgegeben haben.

Wenn ich morgen tot umfalle (bitte nicht!), habe ich zumindest die Gewissheit, mein Leben mit dem ausgefüllt zu haben, was mir Spaß macht, zumindest dann, wenn es möglich war. Die negativen Dinge im Leben kommen so oder so. Da muss man nichts zu tun. Mein Beruf spielt bei den positiven Dingen eine sehr wichtige Rolle. Insofern kann ich die Aussage des Videos gut verstehen.

All you need is… Barrierefreiheit

Wer ein bisschen verfolgt, was ich auf Twitter und / oder Facebook so schreibe, weiß, dass ich in den letzten 24 Monaten auf ein paar Bühnen dieser Stadt stand. Ich habe elf Jahre in Hamburg gelebt und stand auf keiner einzigen. Bühnen waren für mich immer ein Ort, zu dem ich nur mit großem Aufwand, wenn überhaupt, hinkomme. Ich war früher schon froh, wenn der Rollstuhlplatz im Publikum nicht in der letzten Reihe hinter einer Säule war. Die Zugänglichkeit der Bühne stand für mich gar nicht zur Diskussion. Ich hatte als Jugendliche mal gesehen, wie Wolfgang Schäuble bei einer Wahlkampfveranstaltung auf die Bühne gehoben wurde. Das wollte ich für mich nicht.

Dass Bühnen für mich wieder zu einer Option wurden, habe ich London und einer Verkettung mehrerer glücklicher Umstände zu verdanken. Der Kulturbetrieb insgesamt wirkt auf mich hier viel zugänglicher, aber ich habe mich dennoch nur sehr vorsichtig genähert. Sozialisation sucks!

Royal Festival Hall

Alles fing mit einem Flashmob-Chor an. Innerhalb eines Tages wurde geprobt und dann an drei Orten der Stadt gesungen – die Bühne war der öffentliche Raum, also barrierefrei. Dort lernte ich Lara Ruffle kennen, die mich fragte, ob ich nicht in ihrem Chor, der Lewisham Choral Society mitsingen möchte. Ich singe nicht besonders gut (aber war immer im Schulchor und kann Noten lesen) und so bin ich einfach hingegangen. Das erste Konzert war dann auch schon gleich in der Royal Festival Hall. Ausverkauft. Mit diesem Chor habe ich dann im gleichen Jahr auch bei den Paralympics gesungen.

Royal Festival Hall

In der Royal Festival Hall lernte ich, dass große Bühnen durchaus barrierefrei sein können. Der ganze Backstage-Bereich war barrierefrei und die Bühne konnte man hoch- und runterfahren. Ich bin, zusammen mit einem anderen Rollstuhlfahrer und einem gehbehinderten Mann im Chor (ja, ich war mal nicht die Einzige!), vorab auf die Bühne, diese wurde dann hochgefahren und so kamen wir stufenlos und ohne Probleme auf die Bühne.

Royal Albert Hall

Ende vergangenen Jahres meldete ich mich auf einen Aufruf, den ich über meinen „alten“ Chor bekam, ein Charity-Konzert in der Royal Albert Hall zu singen als Unterstützung eines großen Schulchores, der noch ein paar erwachsene Stimmen brauchte. Ermutigt durch die „Hebebühne“ der Royal Festival Hall, ging ich einfach hin und es war wieder kein Problem (nachdem ich das Bühnenmanagement davon überzeugt hatte, dass ich besser nicht oben auf einem Plateau mit zwei Stufen stehe). Die Hauptbühne ist barrierefrei, genauso der Backstage-Bereich. Auch in der altehrwürdigen Konzerthalle gibt es eine barrierefreie Toilette hinter der Bühne.

Abbey Road Studios

Anfang des Jahres habe ich den Chor gewechselt. Ich hatte einfach wieder Lust auf Rock statt auf Klassik und bin dem Rockchoir beigetreten. Dazu kam ich, weil mich wieder jemand fragte, ob ich nicht bei ihnen singen wolle, nämlich bei der Post-Olympic-Dance-Group, bei denen ich seit den Paralympics tanze – als einzige Rollstuhlfahrerin.

Musikinteressierten muss ich glaube ich nicht erklären, was die Abbey Road Studios sind.

Abbey Road Studio 1

Für den Rest: Es sind die wohl renommiertesten und bekanntesten Tonstudios der Welt. Die Beatles haben hier Alben aufgenommen, genauso wie Adele oder Pink Floyd. Ich war baff als ich erfuhr, dass mein Chor im April dort Aufnahmen machen wird. Wir hatten sogar den gleichen Toningenieur sowie den gleichen Flügel wie bei den Aufnahmen für „Skyfall“. Und es war einfach toll, sowas mal zu machen und die Akustik in den Studios ist Wahnsinn.

Das ist das Piano, auf dem „Lady Madonna“ gespielt wurde, ein Steinway Vertegrand Upright:
Klavier

Seitdem die Plattenfirma EMI, der das Anwesen gehört, die Studios 2010 verkaufen wollte, hat die Regierung sie kurzerhand unter Denkmalschutz gestellt. Denkmalschutz und Barrierefreiheit verträgt sich auch in Großbritannien nicht immer gut und ich war doch etwas beunruhigt als ich mir am Abend vor der Aufnahme den Wikipedia-Eintrag durchlas und auf dem Foto sah, dass das Gebäude Stufen vor der Tür hat. Alle Sorge war umsonst. Auch die Abbey Road Studios haben einen ebenerdigen Eingang und so kam ich in die legendären Räumlichkeiten.

Stühle im Studio

Und das ist das Ergebnis:

Diese ganzen Aktivitäten gehen nur, weil so vieles um mich herum barrierefrei ist. Die Kirchen, in denen die beiden Chöre proben, die Tanzstudios, in denen meine Tanzgruppe trainiert. Sadler’s Wells zum Beispiel ist einfach atemberaubend barrierefrei – mit Rampen, Duschen, Toiletten und Evakuierungsplan für Rollstuhlfahrer. Nicht das Theater. Der Probenbereich! Wir proben in vier verschiedenen Studios in London. Alle sind barrierefrei (eines hat eine einzige Stufe). Ich wäre gar nicht auf die Idee gekommen, dass es barrierefreie Tanzstudios gibt. Sozialisation sucks!

So geht Inklusion. Ganz ohne Inklusionstanz.