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Archiv für 13.9.2012

Die Paralympics sind toll, schafft sie ab

Wisst Ihr, was die mir am häufigsten gestellten Fragen der vergangenen Wochen sind? Mich haben x Leute gefragt, warum die Olympischen Spiele und die Paralympics eigentlich zwei verschiedene Veranstaltungen sind, warum es zwei Eröffnungs- und zwei Abschlussfeiern gibt und was es mit dieser Pause von zwei Wochen zwischen den beiden Veranstaltungen auf sich hat. Jedes Mal musste ich den mich erwartungsvoll anschauenden Gesichtern sagen: „Ich weiß es nicht. Ich kann es auch nicht nachvollziehen.“

Natürlich kenne ich die Argumente, aber nachdem ich ein Großteil meiner Zeit in den letzten Wochen in paralympischen Spielstätten verbracht habe, verstehe ich sie noch weniger.

Wenn man mir vor einem Jahr gesagt hätte, dass ich 2012 ganze Wochen in Stadien verbringe, von der Rollstuhlrugbyveranstaltung zum Schwimmen und vom Schwimmen zum Rollstuhlbasketball düse – ich hätte die Person für verrückt erklärt. Aber nachdem ich durch eine Verkettung glücklicher Umstände doch noch eine Akkreditierung bekam, konnte ich mir die ganzen Paralympics anschauen, nachdem ich mit meinem Chor bereits bei der Eröffnungszeremonie gesungen habe. Und es war richtig toll!

Dass ich dort gesungen habe, ist nicht selbstverständlich. Ich habe ziemlich mit mir gerungen als mein Chor gefragt wurde, ob wir auftreten würden. Ich hatte die Zusage für die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele schon und ich war immer schon große Skeptikerin, was die Paralympics angeht. Sollte ich also auf einer Veranstaltung singen, die ich eigentlich nicht mag?

Ich mochte die Paralympics deshalb nicht, weil ich mir selbst immer die Frage gestellt habe, warum das eigentlich zwei Veranstaltungen sind. Ich empfand die Paralympics als eine ziemlich klischeemässige Behinderten-veranstaltung, auch weil ich den Behindertensport selbst so erlebt habe. Als immer sehr integrativ aufgewachsener Teenager musste ich in einen Behindertensportverband gehen, um Sport zu machen, weil mich der örtliche Sportverein nicht genommen hat. Da ging es nicht um spezielle Förderung, sondern ganz klar um Ausgrenzung. Und ich verlor deshalb auch schnell den Spaß daran.

Nun habe ich wirklich Tage in Stadien und anderen Sportstätten verbracht und habe sehr viel von den Paralympics gesehen. Und meine Skepsis ist völlig gewichen. Die Paralympics sind großartig. Es hat Spaß gemacht, das alles zu erleben. Vor allem das Publikum hat das zu einem wahren Erlebnis gemacht. Ich bin sehr stolz auf die Briten. Die haben es wirklich rocken lassen. Aber die Frage, warum das zwei Veranstaltungen sind, wird für mich immer lauter: Ausverkaufte Spielstätten, ein begeistertes Publikum, super Berichterstattung im ganzen Land. Die Briten haben also gezeigt, dass die Paralympics nicht mehr stiefmütterlich neben den Olympischen Spielen ihr Dasein fristen müssen.

Paradewagen mit Sportlern von TeamGB und Paralympics

Ich habe mit vielen Sportlern gesprochen, interessanterweise sind vor allem die behinderten Sportler nicht sehr dafür, die Spiele zusammen zu legen. Man hat Angst, dass sich niemand mehr für sie interessiert, wenn Usain Bolt läuft. Aber das Problem gibt es jetzt auch schon. Wenn Usain Bolt läuft schaut auch keiner Judo, wenn das parallel läuft, auch nicht bei nicht behinderten Athleten. Und die Spiele 2012 haben bestens bewiesen, dass sich das Publikum für behinderte Sportler genauso begeistern kann wie für nicht behinderte Athleten – wenn man sie sich begeistern lässt. Mit der Entscheidung des deutschen Fernsehens nur wenig live und wenn, dann vor 16 Uhr, zu berichten, haben die Deutschen die besten Wettkämpfe verpasst. Die Silbermedaille von Manuela Schmermund zum Beispiel oder die Goldmedaille für die deutschen Basketballfrauen in einem super Spiel gegen Australien. Oder Gold für Schwimmerin Kirsten Bruhn. Oder wie Oscar Pistorius von einem Brasilianer geschlagen wurde. Und was ich der ARD noch in 10 Jahren nachtragen werde ist, dass sie bei der Eröffnungsfeier der Paralympics erst eingestiegen sind als diese schon über 30 Minuten lief – Ihr habt mich und meinen Chor also verpasst.

Dann gibt es noch das Argument, die Spiele würden zu groß. Das kann schon sein, aber es ist jetzt schon ein gigantisches Unternehmen, da machen zwei drei mehr Häuser im olympischen Dorf den Bock auch nicht mehr fett. Zudem finde ich, dass nicht jede Sportart olympisch sein muss. Mir fallen sofort bei olympischen wie paralympischen Spielen Sportarten ein, auf die ich verzichten könnte.

Ich glaube zudem, dass es das deutsche Problem mit der Sportförderung lösen könnte, wenn man die Olympischen Spiele und die Paralympischen Spiele zusammen legt. Behinderte Leistungssportler werden im Vergleich zu ihren nicht behinderten Kollegen geradezu mit Brotkrumen abgespeist. Es gibt derzeit nur 10 behinderte deutsche Berufsportler, die in einem Programm gefördert werden, sagte der Bundespräsident im Deutschen Haus und fand das auch noch fortschrittlich. Im Vergleich zu anderen Ländern ist das ein Witz. Wenn es aber nur noch ein Topf gibt, aus dem alle finanziert werden, gebe es auch für die behinderten Sportler genug Geld. Sie könnten sich aus dem großen Topf bedienen und bekämen nicht nur Brotkrumen hingeschmissen. Und auch die Sponsoren müssten nicht behinderte und behinderte Sportler gleichermaßen unterstützen, wenn sie die Olympischen Spiele als Plattform nutzen möchten. Es wäre eben eine große Veranstaltung. Und die Fernsehsender würden sicher nicht die Liveschaltung unterbrechen, nur weil zwischen den beiden Leichtathletikwettkämpfen ein Rollstuhlrennen angesetzt ist. Es würde die Medienberichterstattung tendenziell verbessern.

Paradewagen mit Ellie Simmonds

Die Spiele dieses Jahr haben gezeigt, dass behinderte Athleten genauso Stars werden können, wie nicht behinderte Sportler. In UK kennt jeder Ellie Simmonds, von Oscar Pistorius ganz zu schweigen. Hannah Cockroft wirbt für meinen Internetprovider mit einem unverwechselbaren Lachen und mit super Aussagen über ihre Behinderung. Ich bin mir durchaus bewusst, dass behinderte Sportler den Umgang damit erst lernen müssen, aber ob behindert oder nicht – zu einer erfolgreichen Sportlerkarriere gehört eben auch die Außendarstellung.

Also was ist dann eigentlich das Problem? Mein Verdacht ist ein bisschen, dass es nicht zuletzt ein politisches ist. Derzeit gibt es sehr viele Funktionen und Jobs zwei Mal – einmal für die Olympischen Spiele, einmal für die Paralympics. Es müssten also einige Leute ihren Job aufgeben. Der erste Schritt dahin, ist in London allerdings schon vollzogen worden, indem es nur eine Organisation (LOCOG) für beide Spiele gab.

Ich glaube, dass diese Bewegung hin zu Inklusion auch in anderen Ländern möglich ist. Man braucht keine getrennten Spiele für behinderte und nicht behinderte Sportler mehr. Gerade der Sport hat eine riesen Möglichkeit, Vorbild für andere Gesellschaftsbereiche zu sein. Deshalb: Integriert die Paralympics in die Olympischen Spiele. Es ist Zeit.