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Archiv für 22.2.2012

Unhöflich aber nützlich

Ich sitze ja unterdessen hier in England in dem ein oder anderen Gremium. Manchmal hadere ich sehr mit der britischen Diskussionskultur. Während wir Deutschen ja oft und gerne auch mal ungefragt unsere Meinung kund tun und auch auf die Frage „Wie geht’s?“ in epischer Länge antworten, reden viele Briten tendenziell gerne erst einmal um den heißen Brei herum.

Ich gebe es offen zu: Ich glaube nicht, dass ich mich diesbezüglich jemals assimilieren werde. Mich macht es wahnsinnig, wenn es darum geht, irgendein verpfuschtes Bauprojekt schön zu reden, während der x-te Rollstuhlfahrer nicht ins Gebäude kommt, blinde Menschen sich den Kopf an der falsch geplanten Treppe stoßen oder gehörlose Menschen nicht an Informationen kommen. Ich sag das dann auch genauso und verlange Änderung. Am besten vorgestern. Das Gesetz habe ich sowieso fast immer auf meiner Seite.

Vor kurzem war ich wieder in solch einer Situation und bemerkte aus dem Augenwinkel, dass sich zwei der Anwesenden über mich in Gebärdensprache austauschten während ich sprach. Das ist zwar nicht besonders höflich, aber immerhin konnte ich verstehen, was sie gebärdeten – ich habe gerade meinen Pre-Level 3-Kurs in Britischer Gebärdensprache beendet. Das heißt, ich bin zwar noch nicht perfekt, kann aber einfacher Konversation folgen und teilnehmen.

Als ich fertig war mit Sprechen, mischte ich mich in die Diskussion in Gebärdensprache ein und wir konnten uns super absprechen, während die eigentliche Sitzung weiter lief. Ja, das war wieder nicht besonders höflich, aber irre effizient. Nur eine Person von uns Dreien war übrigens gehörlos.

Vor kurzem gab es am Oxford Circus Demonstrationen gegen die Sozialkürzungen der britischen Regierung. Einige Rollstuhlfahrer hatten sich aneinander gekettet und blockierten so die Zufahrt zur Regent Street – was zu einem ziemlich Chaos am Einkaufssamstag führte. Natürlich kam früher oder später die Polizei und versuchte, mit den Demonstranten zu verhandeln. Ich konnte im Fernsehen sehen, wie sich die (hörenden) Demonstranten in Gebärdensprache verständigten, wie sie weiter verfahren. Die Polizei verstand natürlich kein Wort.

Bei meiner Sitzung, auf der so hart gerungen wurde, waren alle Leute, die Gebärdensprache konnten, auf der Seite der Menschen mit Behinderungen. Es war die klassische Situation, in der behinderte Menschen auf der einen Seite versuchten, nicht behinderte Menschen auf der anderen Seite von ihren Forderungen zu überzeugen und sie zum Umsetzen zu bewegen. Klassische Lobbyarbeit also. Behindertenpolitischer Alltag. Und zumindest einen Teil der „einen Seite“ konnte sich noch während die Beratungen liefen abstimmen, ohne dass „die andere Seite“ es verstehen konnte oder der Ablauf gestört wurde. Das habe ich so noch nie erlebt, wird aber sicher nicht das letzte Mal sein. Es ist zwar irre unhöflich (aber hey, es geht um Politik!), aber es ist auch sehr nützlich und macht vor allem irre Spaß. Ich bin gespannt, wie lange es dauert, bis „die andere Seite“ Gebärdensprache lernt.

Was ich mir 2012 von den Medien wünsche – das Echo

Mein letzter Blogeintrag „Was ich mir 2012 von den Medien wünsche“ hat ein riesen Echo hervor gerufen, worüber ich mich sehr freue. Ich habe zu dem Thema dem Dortmunder Radiosender eldoradio ein Interview gegeben, das man hier nachhören kann. Dafür, dass ich etwa zwei Stunden vor dem Interview eingeschlafen bin und erst mit Klingeln des Telefons wieder aufwachte, klinge ich relativ ausgeschlafen, finde ich. :-)