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Archiv für 2.7.2011

C’est la vie

Ich erwähnte ja bereits, dass bei mir derzeit nichts so funktioniert, wie ich das plane. Heute war schon wieder so ein Tag.

Ich wollte von London aus mit dem Auto nach Hamburg fahren. Eigentlich wollte ich fliegen, aber bekam für heute keinen preiswerten Flug und dachte, ich fahre einfach mit dem Auto. Ich wollte sowieso ein paar größere Einkäufe machen, Leute besuchen und so weiter.

Ich weiß nicht mehr, was mich geritten hat, die Fähre zu buchen statt den Eurotunnel. Und dann auch noch mit Seafrance. Ich hatte Seafrance schon bei der Anmeldung mitgeteilt, dass ich Rollstuhlfahrerin bin. Das ist insofern wichtig, weil die Fährgesellschaften dann darauf achten, einen Autostellplatz in der Nähe des Fahrstuhls und mit genügend Platz zu geben. Vor der Einfahrt auf die Fähre kam sogar noch ein Mitarbeiter zu mir und fragte mich, auf welcher Seite des Autos ich denn Platz brauche. Ich dachte noch „Klappt ja super“, wurde aber auf der Fähre eines besseren belehrt. Ich bekam einen Stellplatz ohne Platz an der Fahrertür, konnte meinen Rollstuhl nicht ausladen. Und man muss bei der Überfahrt das Auto verlassen.

Also sagte ich dem Einweiser bescheid und diverse Autos mussten wieder rückwärts aus der Fähre rausfahren – so auch ich.
Ich hatte dann einen Platz in der Nähe der Fahrstuhltür, ging nach oben und freute mich auf Hamburg. Dort sollte ich nie ankommen.

In Calais angekommen fuhr ich von der Fähre und guter Dinge etwa zwei Kilometer weiter bis ich plötzlich fast die Kontrolle über mein Auto verlor. Ich wusste sofort, dass mir ein Reifen geplatzt ist und schaffte es gerade noch, das Auto auf den Standstreifen zu befördern – oder besser gesagt, auf das, was die Franzosen dafür halten. Das Hauptproblem war zu bremsen, ohne die Kontrolle über das Auto zu verlieren. Ich fuhr etwa 90 km/h als der Reifen platzte. Zudem endete der Standstreifen an der Stelle und verlief spitz zu. Ein Teil des Autos stand also auf der Fahrbahn, nicht viel, aber die LKW und Autos mussten schon etwas nach links ziehen, um an mir vorbeizukommen. Kurzum: Ich stand da saugefährlich und hatte richtig Angst.

Aufgeschlitzter Reifen

Da ich ja nicht so einfach aus dem Auto komme, sondern meinen Rollstuhl ausladen muss, was auf der Autobahn wenig ratsam ist, rief ich die Polizei an. Ich gebe zu, ich musste erst einmal überlegen, was denn in Frankreich die Notrufnummer ist. Da fiel mir ein, dass ich in meiner eigenen Zeitung mal eine Meldung hatte, dass es jetzt einheitliche europäische Notrufnummer gibt: 112. Da rief ich also an und es lief ein Band mit einer Ansage, die ich nicht verstand. Ich war mir nicht einmal sicher, ob das wirklich der Notruf ist. Es hörte sich eher an wie die Warteschlange eines Telefonanbieters. Aber es meldete sich eine Frau, die mir sagte, ich sei richtig. Ich erklärte ihr halb in Französisch, halb in Englisch meine missliche Lage und dass ich Rollstuhlfahrerin bin und dringend Hilfe brauche, weil ich mich nicht in Sicherheit bringen kann.
Sie schaltete mich in eine Dreierkonferenz mit der Polizei und erklärte der Polizei das Problem, erwähnte auch, dass ich behindert bin und mein Auto nicht verlassen kann, um mich in Sicherheit zu bringen.

Und dann denkt man als deutsch-britisch sozialisierter Mensch, da kommt jetzt gleich die Polizei mit Martinshorn und alles wird gut. Nicht so in Frankreich. Es kam erst einmal niemand. Ich rief in meiner Not den ADAC an, die auch in Frankreich ein Callcentre haben. Der Mann sagte mir, es würde in Frankreich lange dauern bis man auf der Autobahn Hilfe bekommt. Ich solle mich in Sicherheit bringen. Ich erklärte ihm, dass ich das nicht kann und er riet mir, nochmal bei der Polizei Druck zu machen.

Nach 45 Minuten rief ich also wieder an und sagte, ob ihnen klar sei, dass das lebensgefährlich ist, wie ich da stehe. Und siehe da, da kam dann doch mal ein Streifenwagen. Aber die sicherten nicht die Unfallstelle, sondern stellten sich ähnlich doof wie ich auf den Seitenstreifen – ohne Blaulicht, ohne Warndreieck. Keiner der beiden Polizisten sprach ein Wort Englisch. Und ich hatte zwar im Französischunterricht das Lied „Sur le pont d’Avingon“ gelernt und konnte beschreiben wie Madame Leroc Kuchen backt, aber leider nicht, wie man sich im Notfall verständigt. Wir verständigten uns mit Zeichensprache und ich verstand, dass ein Abschlepper bestellt wurde.

Der kam auch irgendwann und der durchaus kompetente Mensch machte den Polizisten klar, dass sie doch mal die Unfallstelle absichern sollten. Prima Idee! Da stand ich schon über eine Stunde auf der Autobahn.

Das Absichern der Unfallstelle sah dann so aus, dass die Polizistin sich ohne Warnweste, Kelle oder sonst was auf die Fahrbahn stellte und den Fahrern in ihrer weißen Bluse zuwinkte, die Spur zu wechseln. Vive la France! Allerdings stand unterdessen der Abschlepper hinter mir und so war ich etwas abgesichert.

Obwohl der ADAC noch sagte, dass man in Frankreich keine Reifen auf der Autobahn wechseln dürfe, begann der Mann den Reifen zu wechseln. So musste ich wenigstens nicht in irgendeine Werkstatt. Ich wär auch gar nicht in den LKW reingekommen und da die Polizei in einem Kleinwagen rumfuhr, wäre ich auch da eher schlecht reingekommen.

Nach der Aktion hielt ich es für keine gute Idee, weiter nach Hamburg zu fahren, zumal ich nicht wusste, in welchem Zustand das Ersatzrad ist, auch wenn mir der Techniker versicherte, ich solle ruhig damit fahren – nur mit dem Luftdruck wisse er nicht genau bescheid.

Ich fuhr also zurück – diesmal durch den Eurotunnel, nicht mit der doofen Fähre. Ich vermute, dass ich mir das Rad bei der Rückwärtsfahraktion auf der Fähre aufgeschnitten habe. Ist auch egal. Ich bin heilfroh, dass nichts passiert ist und ich noch lebe.

Und weil ich ja schon stur bin, fliege ich morgen trotzdem nach Hamburg. Mit der Swiss, auch wenn die gerade mal wieder nicht so genau weiß, ob sie mich als behinderte Passagierin mitnehmen möchte – ich hätte mich ja nicht 48 Stunden vorher angemeldet. Meine hellseherischen Fähigkeiten sind leider nicht so gut, dass ich gestern schon wusste, was mir heute passiert.