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Archiv für 28.6.2011

Leben ist das, was passiert, während du dabei bist, andere Pläne zu schmieden.

John Lennon hat mal gesagt: „Leben ist das, was passiert, während du dabei bist, andere Pläne zu schmieden.“ Wie recht er hatte! Egal, was ich gerade mache, plane oder mir vornehme, es kommt alles immer ganz anders, wie ich mir das vorher überlegt habe. Ich nehme mir Sachen vor, die schon nach 24 Stunden nicht mehr relevant sind, ich führe die besten Interviews mit Menschen, mit denen ich eigentlich gar nicht reden wollte, über Themen, von denen ich keine Ahnung habe. Ich gehe auf Partys, auf die ich gar nicht gehen wollte, und habe den größten Spaß.

Gerade sitze ich in einem Frankfurter Hotel in meinem alten Sopur-Rollstuhl (Insider erinnern sich vielleicht an die Zeit als Sopur noch cool war, ja, es ist lange her und der Rollstuhl dementsprechend alt). Mein Proactiv-Rollstuhl, der mir sieben Jahre treue Dienste geleistet hat und so gut wie nie Reparaturen hatte, ist mir gestern buchstäblich unterm Hintern zusammen gebrochen. Eine Achse ist gebrochen und die Stange am Rückenteil.

Nun muss ich zugeben, dass diese Entwicklung durchaus voraussehbar war. Sieben Jahre ist für meine Rollstühle ein geradezu biblisches Alter. Keiner meiner Rollstühle hat bislang länger als fünf Jahre in meinen Diensten gestanden. Schon im März ist mir beim Tanzen eine wichtige Schraube gebrochen und eine USA-Reise, die ich am nächsten Tag antreten wollte, stand auf Messers Schneide. Aber ich bin damals doch in San Diego angekommen und ein netter Fahrradladenbesitzer hat ihn repariert.

Am Tag vor der USA-Reise fragte mich eine Freundin, ob ich mit ihr in die Kensington Roof Gardens auf eine Party gehe. Auch wenn das defintiv der x zu vielste Event war, auf dem ich dieses Jahr war und ich mir vorgenommen hatte, an dem Abend früh ins Bett zu gehen, habe ich zugesagt, war aber zu faul, anzurufen und zu fragen, ob es barrierefrei ist. Ich dachte mir, 6. Stock, da stehen die Chancen gut, dass es einen Aufzug gibt. Es gab nicht nur einen Aufzug, es gab diverse und einen Hublift am Eingang.

Es gab Türsteher, die super nett und zuvorkommend waren, den Hublift bedient haben etc. Dann kam ich oben an und ein Mitarbeiter passte mich ab und sagte mir, ohne dass ich darum gebeten hatte, das Wichtigste über die Barrierefreiheit der Location: Wo die barrierefreie Toilette ist, wie ich in den Garten komme und dass ich jederzeit einen Mitarbeiter um Hilfe bitten kann. Da war ich ja schonmal baff über so viel Gastfreundlichkeit. Dann nahm er mir meine Jacke ab, damit ich nichts ins Gedränge an der Garderobe musste. Super nett!

Kensington Roof Gardens ist wahrscheinlich einer der besten Orte, um in London eine Party zu feiern. Es ist nicht nur sehr nett (eine Gartenlandschaft über den Dächern Londons), sondern auch noch barrierefrei, obwohl es viele Ebenen gibt. Aber es gibt Rampen, auch ins Partyzelt. England ist wirklich genial, was so etwas angeht.

Ich hatte jedenfalls einen super Abend. Die Live-Band war spitze und ich habe stundenlang getanzt und hatte Spaß. Als ich wieder zurück nach draußen wollte, merkte ich, dass sich die Einzelteile meines Rollstuhls selbstständig machten. Eine ziemlich wichtige Schraube war gebrochen. Der Kopf war einfach abgefallen. Verschleiß und Tanzen verträgt sich nicht.

Nun war das Problem, dass das Seitenteil daduch in meinem rechten Rad hing. Diverse Partygäste begannen, sich auf die Suche nach etwas zu machen, womit man die Schraube provisorisch ersetzen konnte. Es war wie im Film. Ein Mann entdecke Gartendraht und klaute diesen aus den Blumen. Unterdessen kam der Manager, der wiederum den Haustechniker rief, der sofort begann, den Rollstuhl zu reparieren. So gut es eben ging, mit Gartendraht. Also eine Party-Location, die um Mitternacht noch einen Techniker hat, der Rollstühle repariert, hat mich schwer beeindruckt und ich habe mich auch 1000 Mal bedankt. Britischer Pragmatismus pur! Die Leute waren alle so freundlich und hilfsbereit und machten gar kein Aufhebens darum. Man wollte mir einfach nur helfen.
Die Reparatur hielt nicht einmal bis zur U-Bahnstation. Die Freundin, die mich mitgenommen hatte, schob mich, da der Rollstuhl kaum noch fuhr. Von der U-Bahn habe ich mir dann ein Taxi nach Hause genommen. Und von dort am nächsten Tag mit dem Auto zum Flughafen und in den USA direkt in den nächsten Fahrradladen.

Gestern ist der Rollstuhl aber so gebrochen, dass man ihn maximal mit Schweißen reparieren könnte, wenn überhaupt. Ich habe bereits (okay, nicht bereits, aber dann doch mal) im Mai einen neuen Rollstuhl bestellt und dieser hatte vor zwei Wochen sogar schon einen Liefertermin, der aber nicht eingehalten wurde. Und nun hängt meine Terminplanung (fast hätte ich „Leben“ geschrieben) der nächsten Tage (hoffentlich nicht Wochen) in den Händen von Proactiv (das ist die Rollstuhlfirma, die gerade cool ist). Ich hoffe, die sind sich dessen bewusst und liefern den neuen Rollstuhl schnell. Am besten vorgestern. Dann könnte ich von Frankfurt nach Hamburg düsen und den Rolli abholen. Vielleicht sogar noch diese Woche. Oder nächste. Aber ich plane das mal lieber nicht. Geht ja eh wieder schief.

Hach!

Übersetzung mit Bildbeschreibung für blinde Menschen:

Texteinblendung: Das meiste, was jetzt kommt, ist wahr…

Ein Mädchen schaut zwischen Vorhängen hindurch auf die Bühne und sieht einen Mann mit Glatze gebärden. Blende. Sie ist in einem Kurs eingeschlafen. Die Lehrerin stampft auf, um sie zu wecken.
Lehrerin: „Träumst Du?“
Das Mädchen nickt.
Lehrerin: „Lasst uns Emotionen und Gesichtsausdrücke üben.“
Die Lehrerin gebärdet das Wort „fröhlich“.
Die Schüler machen es nach.

Vorspann. Zur Klaviermusik werden Ausschnitte aus dem Zimmer des Mädchens gezeigt und die Namen der Schauspieler eingeblendet. Man sieht Trophäen und Zeitungsartikel an der Wand. Außerdem sind Fotos zu sehen.

Die Lehrerin zeigt die Gebärde für „traurig“. Anschließend für „verärgert“. Zwischendurch ist immer wieder das Zimmer zu sehen. Die Lehrerin ist zufrieden und gebärdet „Fabelhaft!“.

Lehrerin: „Nächste Woche machen wir etwas aufregendes! Ich habe mir gedacht, wir könnten ein Lied gebärden. Ihr sucht Euch ein Lied heraus, das ihr am meisten mögt, und gebärdet es.“

Die Schüler nicken.

Lehrerin: „Okay. Tschüss!“

Man sieht das Mädchen im CD-Laden wie sie eine CD aussucht. Die CD ist von nah zu sehen. Sie dreht sich. Darauf steht „Mein Song“.

Das Mädchen kommt nach Hause. Ihre Mutter ist am Telefon. Sie sagt lautlos: „Das Abendessen ist fertig.“ Dann schreit sie nach oben: „Jack! Abendessen.“

Beim Abendessen. Die Mutter schenkt ein Glas Orangensaft ein.
Mutter: „Ellen, wie war Dein Kurs heute?“
Ellen (das Mädchen): „Gut. Wir gebärden nächste Woche ein Lied.“
Mutter: „Wirklich? Oh, ich habe Mrs Parsons getroffen. Sie wollte wissen, wann Du wieder am Tanzkurs teilnehmen wirst.“
Ellen: „Was hast Du ihr gesagt?“
Mutter: „Bald. Was hätte ich sonst sagen sollen?“

Der Bruder Jack streckt Ellen die Zunge raus.

Mutter: „Ich habe David gebeten, nächste Woche zum Abendessen zu kommen. Ist das okay?“
Jack: „Cool.“
Mutter: „Ellen?“
Ellen: „Meinetwegen.“
Mutter: „Sicher?“
Ellen: „Kannst Du ihn bitten, dieses Mal ein wenig langsamer zu sprechen?“
Mutter: „Ellen, er versucht es ja, okay?“
Ellen: „Aber sein Bart…und er murmelt.“
Mutter: „Du wirst Dich an ihn gewöhnen!“
Die Mutter räumt wütend die Teller ab.
Ellen: „Oder vielleicht gewöhnt er sich an mich.“

Jack fuchtelt mit den Armen rum und macht sich lustig über Ellen.

Ellen geht in ihr Zimmer und legt die CD in den CD-Player. Sie setzt ihre Kopfhörer auf und schließt die Augen. Sie träumt von ihrem fuchtelnden Bruder und wie sie das Lied übersetzt. Ihr Bruder kommt ins Zimmer und schreckt sie mit einem Fotoblitz auf. Sie schaltet den Fernseher an.

TV: „Jetzt erzählt uns Moderator Colin Wood wie die Gehörlosenwelt so ist.“
Colin Wood: „Wenn Du in einen Raum voll mit gehörlosen Menschen kommst, Du siehst, das jeder jeden umarmt. Es ist eine sehr enge starke Gemeinschaft. Und im Mittelpunkt steht die Britische Gebärdensprache. Es ist einmalig!“
TV: „Wenn Sie BSL lernen möchten, können Sie ihr College vor Ort kontaktieren oder gehen sie auf unsere Webseite…“

In der Schule. Ellen geht mit zwei Freundinnen auf den Schulhof.
Freundin1: „Ich bin ins Auto gestiegen und er saß einfach da und hat nichts gesagt. Nur geschmollt.“
Freundin2: „Freak!“
Freundin1: „Dann hat er sich rüber gelehnt und versuchte, mich zu knutschen.“
Ellen: „Was hat er gesagt?“
Freundin2: „Hast Du ihn zurück geküsst?“
Freundin1: „Yeah. Er ist attraktiv, oder?“

Ellens Freund kommt.
Freundin1: „Hier kommt Deiner, Ellen.“
Freund: „Ladies!“
Freund zu Ellen: „Alles ok, meine Liebe?“ Er küsst sie auf die Wange.
Freund zu Freundin1: „So Holly… ich hab das gehört über Dich und Rob. Ich glaube der Junge ist verliebt.“
Ellen: „Du bist verliebt? Süß.“
Holly: „Nicht wirklich. Wo warst Du eigentlich gestern abend?“
Ellen: „Gestern abend? Gebärdensprachkurs.“
Holly: „Cool.“
Freundin2: „Yeah. Vielleicht kannst Du uns etwas beibringen? Zum Beispiel… wie flucht man in Gebärdensprache?“
Freund: „Schimpfwörter sind doch immer das Gleiche, oder?“
Freundin2: „Das ist nicht das, was ich gehört habe.“
Ellen: „Das ist nicht Teil des Kurses.“
Freundin2: „Du bist aber doch gar nicht richtig gehörlos, oder? Du kannst doch nur nicht gut hören?“
Holly: „Lass uns gehen. Wir sind spät dran.“
Freundin2: „Bis dann!“

Der Freund nimmt Ellen in den Arm.
Ellen: „Ich bring Dir ein paar Gebärden bei, wenn Du möchtest.“
Freund: „Okay. Cool.“

In Ellens Zimmer. Der Freund betrachtet die Pokale.
Freund: „Du hast ja mehr Trophäen hier als Ryan Giggs.“

Ellen nimmt die CD aus der Hülle. Sie steht mit dem Rücken zu ihm.

Freund: „Weißt Du was? Du bist so sexy.“ Er fasst sie an. Sie stößt ihn sanft weg.

Ellen: „Schau mir zu.“
Freund: „Okay. Los gehts.“
Sie fängt an, das Lied zu gebärden. Der Freund spielt mit seinem Handy rum. Sie sieht das, hört auf zu gebärden und macht die Stereoanlage aus.

Freund: „Was? Ich hab nichts gesehen.“
Ellen: „Weil Du nicht einmal hingesehen hast.“
Freund: „Du musst mir schon eine Chance geben. Komm her…“

Sie weicht zurück.

Freund: „Okay. Du nimmst das ein bisschen sehr ernst, oder?“

Er versucht sie zu küssen. Sie weicht ihm aus.

Ellen: „Ja, ich nehme es an.“
Freund: „Ich bin ein bisschen verwirrt, Ellen. Ich habe gedacht, Du wärst normal. Nicht eine von diesen Taubstummen…. Pantomimekünstlern oder sowas.“

Sie verdreht die Augen.

Ellen: „Geh nach Hause, Gaz.“
Gaz: „In Ordnung. Freak.“ Er geht.

Im Gebärdensprachkurs. Ellen gebärdet ihr Lied. Die Klasse applaudiert in Gebärdensprache.

Lehrerin: „Fertig! Wir sehen uns dann im nächsten Semester. Danke. Tschüss!“

Die Lehrerin hält Ellen fest, die auch gehen möchte wie die anderen Kursteilnehmer.

Lehrerin: „Du hast aber wirklich geübt. Vielleicht hast Du daran Interesse?“

Die Lehrerin reicht ihr ein Flugblatt. Darauf steht „Sign Song Night“.

Ellen zu Hause mit ihrer Mutter.

Mutter: „Samstag? Ich habe eine Feier bei der Arbeit an dem Abend. Dein Zug wäre nicht vor Mitternacht hier.“
Ellen: „Mama, ich bin 17!“
Mutter: „Das spielt doch keine Rolle. London ist eine große Stadt und Du bist alleine.“
Ellen: „Mama, vor was hast Du so Angst?“
Mutter: „Für Dich ist es also völlig in Ordnung durch eine Stadt voller Fremder zu laufen. Außerdem habe ich einen netten Mann zum Abendessen eingeladen und Du kriegst Zustände.“
Ellen: „Jetzt lass doch David aus dem Spiel!“

Ellen will gehen, aber die Mutter hält sie fest.

Mutter: „Du magst ihn nicht, oder?“
Ellen: „Es ist nur…Ich kann kein Wort verstehen, das er sagt. Wo kommt er überhaupt her?“
Mutter: „Schottland. Das ist nicht das andere Ende der Welt.“

Ellen zeigt ihr den Flyer.

Ellen: „Mama, schau… Wie wärs, wenn wir einen Deal machen?“

Beim Abendessen mit David.

David: „Ellen, Deine Mutter hat mir gesagt, Du interessierst Dich für Musik?“

Ellen versteht nichts. Die Mutter flüstert Ellen das Stichwort „Musik“ zu.

Ellen: „Musik? Ja ich liebe Musik.“

David: „Ich vermute, Du hast noch nicht von dem bekannten Glasgower Gitarristen John Martyn gehört?“

Ellen schaut ins Leere.

David: „Cambridge Folk Festival, 1985…“

Ellen träumt davon wie sie auf der Bühne steht und beklatscht wird.

David: „Alles war Blues, er war Jazz… Alles kam zusammen. Ich meine, ich habe mich ja nicht so richtig für Folk interessiert. Normalerweise bin ich zu Konzerten gegangen bei denen man taub wurde. Verstehst Du, was ich meine?“

Ellens Mutter lächelt verlegen.

David: „Oh Entschuldigung, Ellen. Ich wollte nichts anstößiges sagen.“
Mutter (lautlos): „Er meint das nicht so.“
Ellen (lautlos): „Was?“
David: „Naja, er hat das Lied gesungen und jeder war still. Es war nur er und seine Gitarre. Das Lied hieß ‚May you never‘. Er war ein Lied über sein Kind, er hoffte, dass es gut aufwächst, dass es nicht so wie sein Vater wird.“
Ellen: „Ein Lied über einen alten Mann?“
David: „Ein Lied…über sein Kind. Ich könnte Dir das Lied ausleihen, wenn Du möchtest.“
Ellen: „Ja, okay.“

Ellen putzt ihre Zähne.
Mutter: „David hatte eine schöne Zeit heute Abend. Ich auch.“
Ellen: „Kann ich dann nach London fahren?“
Mutter: „Ja. Vielleicht bist Du das nächste Mal auch so nett.“
Ellen: „Nett?“ Du meist, ich tue so als ob ich hören könnte. Wenn ich nur im richtigen Moment nicke und lächele, ist dann jeder glücklich?“
Mutter: „Ich weiß, dass es schwer ist.“
Ellen: „Du verstehst es nicht. Ich hab genug.“
Mutter: „Ellen!? Ich bin noch nicht fertig. Schau mich an! Du hast genug? Ist das der Grund, weswegen Du das Tanzen aufgegeben hast?“
Ellen: „Ich habe es aufgegeben, weil ich nicht gut genug bin.
Mutter: „Schwachsinn! Schau Dir die Trophäen in Deinem Regal an.“
Ellen: „Ich habe bemerkt, was immer ich auch mache, ich muss immer die Gehörlose sein. Diejenige, die starrt, starrt und starrt auf die Lippen von anderen Leuten. Damit sie mir sagen können, ich bin mutig oder außergewöhnlich.“
Mutter: „Also ist es besser aufzugeben?“
Ellen: „Es ist einfach zu schwierig, Mama. Ich spiele eine hörende Version von mir selbst. Ich kann nicht einmal die Namen von Leuten verstehen, sage ‚Ja‘, wenn ich nicht einmal weiß, was ich überhaupt gefragt wurde. Ich möchte einfach nicht mehr versuchen und hören müssen. Deshalb möchte ich gebärden. Deshalb fahre ich nach London.“

Ellens Mutter fährt sich durch die Haare. Ellen nimmt in ihrem Zimmer eine Kiste und wirft ihre Trophäen und Andenken hinein. Sie geht auf Facebook und sieht, dass ihr Bruder ein Foto von ihr hochgeladen hat, ihre Freundin schreibt als Statusmeldung, dass sie immer noch nicht weiß, wie man auf Gebärdensprache flucht, ihr Freund schreibt, dass es manche Menschen nicht wert sind, dass man sie beachtet. Sie entfreundet ihn.

Mutter und Ellen im Auto.

Mutter: „Schick mir eine SMS, wenn Du angekommen bist.“
Ellen: „Okay.“
Ellen steigt aus dem Auto aus. Die Mutter winkt ihr zu.
Mutter: „Viel Glück.“
Ellen verdreht die Augen.

In London. Ellen betritt den Veranstaltungsort. Am Eingang sitzen zwei Männer. Sie gebärden sehr langsam „Ich bin Ellen.“ Einer der beiden Männer hakt ihren Namen auf einer Liste ab. Er zeigt auf den Mann mit Vollglatze neben ihm und gebärdet: „Das ist Colin.“ Colin gebärdet „Nett, Dich zu treffen. Hattest Du eine gute Anreise?“ Es ist der Mann, den Ellen zuvor im Fernsehen gesehen hat. Ellen versteht nichts. Colin sagt zu seinem Freund lautlos „Oral?“ und hält sich dabei die Hand vor den Mund, damit man seine Lippen nicht lesen kann. Dann gebärdet er zu Ellen: „Lernst Du BSL schon lange?“ Ellen gebärdet zurück: „Zwei Jahre.“
Colin: „Gut, okay. Viel Glück!“
Der andere Mann weist ihr den Weg: „Da lang.“ Colin schaut skeptisch.

Ellen schaut von hinten auf die Bühne. Sie sieht wie ein anderer Mann Applaus bekommt und von Colin verabschiedet wird.

Im Vorraum der Toilette. Ellen schminkt ihre Lippen. Sie übt die Gebärden vor dem Spiegel. Zwei Frauen kommen herein. Sie packt ihre Schminksachen und geht nach draußen. Dort steht der Mann, der zuvor ihren Namen am Eingang abgehakt hat und raucht.
Mann: „Ich weiß. Schlechte Angewohnheit.“ Er meint das Rauchen. „Gehst Du?“
Ellen: „Ja, Entschuldigung. Ich kann das nicht.“
Mann: „Es ist nicht einfach, wenn Du Leute das erste Mal triffst.“
Ellen: „Seit ich angefangen habe zu gebärden, habe ich Ärger mit meiner Mutter, mein Freund hat mich verlassen und ich habe keine Freunde mehr.“
Mann: „Wirklich?“
Ellen: „Naja…Freunde, die mich verstehen.“
Mann: „Sie sind nicht gehörlos?“
Ellen schüttelt mit dem Kopf: „Sie haben keine Ahnung.“
Mann: „Aber jetzt… da ist ein Raum voller gehörloser Leute da hinten.“
Ellen: „Ich kann mich an die Gebärden nicht mehr erinnern. Es ist als ob meine Hände eingefroren wären.“
Mann: „Es ist nicht einfach. Aber was ist schlimmer? Einen Fehler zu machen oder nach Hause zu gehen und sich zu fragen, ob man es nicht wenigstens hätte versuchen sollen?“

Ellen will gehen, aber der Mann möchte, dass sie mit ihm kommt.
Mann: „Ich klatsche, wenn Du fertig bist. Versprochen!“
Ellen geht wieder rein.

Auf der Bühne.
Colin (übersetzt von der Dolmetscherin): „Und nun eine neue Teilnehmerin: Ellen aus Colchester. Sie gebärdet erst seit zwei Jahren.“

Ellen betritt die Bühne. Der Mann von vorhin nickt ihr aufmunternd zu. Sie präsentiert ihren Song. Colin schaut skeptisch. Am Ende applaudiert das Publikum freundlich.

Ellen: „Danke!“
Colin: „Möchte ihr jemand Feedback geben?“
Niemand meldet sich.
Colin: „Okay, dann mache ich das. Du hast offensichtlich hart gearbeitet, um besser zu werden. Aber unglücklicherweise ist das, was Du gebärdest, sehr auf Englisch basierend. Die Bedeutung, die Platzierung der Gebärden und die Struktur waren falsch.“
Das Publikum nickt.
Colin: „Du solltest BSL korrekt einsetzen. Richtig?“
Jemand im Publikum: „Richtig!“
Colin: „Viele Leute gehen in einen Gebärdensprachkurs, kommen dann hier her und sind ein schlechtes Beispiel. Wir erwarten einen höheren Standard.“
Ellen läuft raus.
Colin: „Entschuldigung, aber irgendjemand muss doch ehrlich sein…Naja, der nächste ist…“

Ellen läuft nach Hause und weint. Sie zieht ihr Handy aus der Tasche. Darauf ist die Nachricht ihrer Mutter zu sehen: „Warum antwortest Du mir nicht? Bist Du OK? Wo bist Du?“

Im Theater.
Colin zu seinem Freund, der zuvor Ellen überedet hatte zu bleiben: „War ein schöner Abend! Wann ist der nächste Event?“

Zu Hause bei Ellen.
David zur Mutter: „Lass mich einfach gehen und nachschauen.“
Mutter wütend: „Ich habe ihr gesagt, sie soll mich anrufen, wenn sie am Bahnhof ist.“
Ellen kommt rein.
Mutter: „Wo warst Du? Wie ist Du vom Bahnhof nach Hause gekommen?“
Ellen: „Ich bin gelaufen.“
Mutter: „Ellen!“

Im Theater.
Colin: „Was ist los? Mach Dir keine Sorgen. Wir kriegen bessere Leute das nächste Mal.“
Mann: „Das Mädchen aus Colchester…“
Colin: „Ich war nur ehrlich.

Zu Hause bei Ellen. Ellen läuft die Treppen hinauf.
Mutter: „Schau, ich habe eine neue Gebärde gelernt. Entschuldigung! Ich weiß, ich hätte Dich mehr unterstützen sollen.“

Ellen stößt hier Mutter zurück. Diese landet mit dem Rücken an der Wand.
David: „Nein, Mary! Bitte!“

Im Theater.
Colin: „Jemand musste es ihr sagen.“
Mann: „Aber so? Was hätte sie denn tun sollen?“
Colin: „Sie muss mehr üben.“
Mann: „Für wie lange?“
Colin: „Bis sie es kann.“

Die Mutter redet auf Ellen ein. Ellen versteht nichts.

Im Theater.
Colin: „Wir haben also für BSL gekämpft, haben uns immer dafür eingesetzt…und Du schmeisst das jetzt weg, ja?“
Mann: „Wem gehört BSL? Jedem oder Dir? Sie fühlt sich jetzt total am Boden zerstört.“

Ellen schmeisst die Bücher von ihren Regalen. Dann setzt sie sich vor ihr Bett und weint.

Im Theater.
Mann: „Jede gehörlose Person ist unterschiedlich. Ihre Familie, ihre Schule. Die Sprache gehört ihnen! Jeder muss mal irgendwo anfangen.“
Colin schüttelt arrogant mit dem Kopf.

Ellen weint. Die Mutter kommt und tröstet sie.

Colin: „Du stehst also auf ihrer Seite?“
Der Mann nähert sich Colin: „Dieses Mädchen… Ich war wie sie früher.“ Er verlässt das Theater. Colin schaut ihm nachdenklich hinterher.

Ellen steht unter der Dusche. Sie trocknet sich die Haare auf ihrem Bett. Dann nimmt sie ihren Laptop und öffnet Facebook. Sie hat eine neue Freundschaftsanfrage von dem Mann. Er heißt Ben Golding. In der Anfrage steht: „Es tut mir leid was passiert ist. Hör nicht darauf, was andere Leute sagen. Gib nicht auf. Dein Lied war schön. Ich würde Dich gerne wieder treffen. Ben“.

Ellen lächelt.