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Archiv für 31.5.2011

All you need is love (and music)

Gestern war in Großbritannien Feiertag, den habe ich dazu genutzt, zum ersten Mal in meinem Leben an einem so genannten Flashmob teilzunehmen. Ein Flashmob bezeichnet laut Wikipedia „einen kurzen, scheinbar spontanen Menschenauflauf auf öffentlichen oder halböffentlichen Plätzen, bei denen sich die Teilnehmer persönlich nicht kennen und ungewöhnliche Dinge tun.“ In unserem Fall war das „Ungewöhnliche“ das Singen von mehreren Liedern an drei zentralen Plätzen Londons: Southbank, Trafalgar Square und Covent Garden.
Ich hatte über Twitter davon erfahren und bin tatsächlich am Montagmorgen um 10 Uhr zu den Proben in eine Uni in Greenwich gegangen. Und tatsächlich, ein paar weitere hundert Leute fanden die Idee auch gut: Geboren war der London Flash Choir.
Drei Stunden haben wir unter Anleitung eines Musikstudenten im Innenhof der Uni geprobt, um dann die Londoner mit unserem Gesang zu beglücken.
Was soll ich sagen: Es war toll. Die Mitsänger waren nett, die Leute haben toll reagiert, sich sehr gefreut und wir haben hoffentlich nicht all zu schief gesungen. Den ganzen Tag wurden wir von einem BBC-Kamerateam begleitet und heute morgen kam der Film im BBC-Frühstücksfernsehen. Der Beitrag ist unterdessen online. Zudem gibt es auf YouTube das erste Video von unserer Aktion in Covent Garden.
Wenn Ihr jemals die Möglichkeit habt, bei einem solchen Flashmob mitzumachen, tut es. Es ist sehr schön in die Gesichter völlig überraschter aber erfreuter Passanten zu sehen, die dann am Ende sogar mitmachen.

Gemobbte auf die Sonderschule?

Ich frage mich manchmal schon, was Journalisten (und diesem Fall wahrscheinlich auch Pädagogen) denken, wenn sie solche Texte verfassen. Da porträtiert das Kindermagazin des SPIEGEL ein 13-jähriges Mädchen, das erzählt – als sei das das Normalste der Welt – weil sie wegen ihrer Behinderung gemobbt wurde, würde sie jetzt in einem Internat für Körperbehinderte leben.

Man meint, das sei ein Text aus dem Jahr 1970, aber nein, er ist erst gestern bei Spiegel Online veröffentlicht worden. Ein tolles Signal, was da an die versammelte Kinder-Leserschaft ausgegeben wird: Mobbt Eure behinderten Klassenkameraden nur schön weiter, dann seid ihr sie bald los, denn sie werden ins Internat geschickt. Mir stellen sich die Nackenhaare auf, wenn ich so etwas lese.

Nicht nur habe ich ein grundsätzliches Problem mit der Aussonderungs-Bildungspolitik, die in Deutschland betrieben wird. Aber dass man ein Kind aus der Familie nimmt, 160 km entfernt unterbringt, weil sie wegen ihrer Behinderung gemobbt wird anstatt das Mobben abzustellen, macht mich sprachlos. Leute, so geht das nicht! Was das für ein Signal aussendet an die Kinder, die mobben und an das Mädchen, das gemobbt wird: „Du bist anders. Du musst gehen.“

Und es ist das Standardargument der Inklusionsverweigerer: Behinderte Menschen sollten nicht integriert beschult werden, weil sie ja von den nicht behinderten Kindern gemobbt werden würden. Wie wäre es, wenn man mal das Mobbing abstellt, also die Mobber „abschiebt“ statt die Gemobbten?

Und ich weiß, ich wiederhole mich, aber warum ist es möglich in Großbritannien etwa 80 Prozent der behinderten Kinder integrativ zu beschulen, in Deutschland aber nur 20 Prozent? Ich habe nicht den Eindruck, dass hier in Großbritannien alle behinderten Kinder massive Probleme wegen Mobbing haben. Im Gegenteil: Eine Gesellschaft, die schon mit behinderten Kindern in die Schule geht, geht auch später anders mit behinderten Erwachsenen um. Fast alle meine ehemaligen Kollegen bei BBC haben mir erzählt, dass sie mindestens einmal in ihrer Schulzeit einen behinderten Mitschüler hatten. Für die war es dementsprechend auch normal, behinderte Kollegen zu haben und behinderte Menschen einzustellen.

Ist es also von einem Kindermagazin zu viel verlangt, behinderte Kinder anders darzustellen als arm und Opfer? Damit sind sie dann nämlich auch in Zukunft perfekte Mobbingopfer. Und es ist übrigens keineswegs normal, dass behinderte Kinder zu Mobbingopfer in der Schule werden. Es gab dazu in Großbritannien sogar 2004 eine Studie, ob Schüler mit Lernbehinderungen an normalen oder an Sonderschulen mehr gemobbt werden. Das Ergebnis war, sie werden an beiden Schulformen gleich viel gemobbt, aber die Kinder, die eine Sonderschule besuchten, wurden in der Freizeit mehr gemobbt.