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Archiv für 20.12.2010

Vier Jahre London

Am 5. Dezember hat sich meine Ankunft in London mal wieder gejährt. Ich bin jetzt vier Jahre in London, obwohl ich ja nur sechs Monate bleiben wollte. Ich muss dennoch sagen: „Was, ich bin erst vier Jahre in London?“ Denn ich habe in den vier Jahren so viel erlebt, das wäre selbst für 10 Jahre viel.

  • Ich habe für BBC gearbeitet
  • Eine Firma gegründet
  • Eine Zeitung ins Leben gerufen
  • In drei Wohnungen gewohnt
  • Ein Haus gekauft
  • Sehr viele, sehr nette Menschen kennen gelernt
  • Die deutsche Kanzlerin und den britischen Premierminister getroffen und ganz viele andere Politiker, Stars und Sternchen
  • Eine neue Sprache gelernt (British Sign Language)
  • Viele Print-, Radio- und Fernsehinterviews geführt und gegeben
  • Vorträge gehalten, auf Kongressen, an Hochschulen, in Deutschland, Österreich und Großbritannien
  • Eine Fußball-Weltmeisterschaft überlebt

In den kommenden vier Jahren möchte ich gerne

  • die britische Staatsangehörigkeit annehmen (ja, ich behalte auch die deutsche, keine Panik), damit ich wählen kann
  • noch mehr nette Menschen kennen lernen
  • British Sign Language verbessern und eine Qualifikation bekommen (NVQ3/4)
  • Anfangen, auf Englisch zu bloggen
  • Alle Projekte verwirklichen, die in meinem Kopf rumschwirren
  • Mehr Zeit haben
  • Die Olympischen Spiele in London er- und überleben
  • die Queen treffen (und selbstverständlich am Straßenrand William und Kate zuwinken) – nein, ich bin wirklich keine Royalistin, aber ich bemühe mich, mich zu integrieren

Was mir noch fehlt zum Glück?
Ein Dönerladen mit gutem deutschen Döner Kebab. Der Döner hier schmeckt nicht.

Diagnose: Querschnittlähmung oder „Der Kaiser ist nackt“

Ich verfolge seit Samstag die Berichterstattung um das Unglück bei „Wetten, dass…?“. Mir war schon ziemlich früh klar, dass die Verletzungen des Kandidaten ziemlich stark auf eine Querschnittlähmung hindeuten. Nun ist er heute aus dem künstlichen Koma geholt worden und hat leider nach wie vor Lähmungen an Armen und Beinen. Auch wenn es offensichtlich keiner aussprechen möchte – und schon gar nicht das ZDF: Der Mann hat mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Querschnittlähmung.

Das heißt aber nicht, dass nicht noch in den nächsten Wochen, Monaten und Jahren Verbesserungen eingetreten können, was die Funktionsfähigkeit der Arme, Beine und Organe angeht. Meine Querschnittlähmung habe ich als Neugeborene bekommen nach der Geburt und bis etwa zum 12. Lebensjahr kamen immer noch Funktionen zurück. Aber die Querschnittlähmung ist geblieben.

Aber die Schönrederei des Zustands des Kandidaten passt sehr gut dazu, wie wir heute mit diesen Risiken umgehen: Wir blenden sie aus. Man fährt mit 200 km/h bei Regen über die Autobahn und glaubt, man hätte alles im Griff. Man hüpft über Autos und glaubt, es passiert nix. Dass ein Kandidat sich schwer verletzen kann, spielt am Samstagabendfernsehen doch nur eine untergeordnete Rolle, wenn man gemütlich zu Hause sitzt. Wer will denn da an Krankenhaus, Querschnittlähmung oder gar Tod denken?

Es passiert immer nur anderen etwas. Nie einem selber. Und jetzt ist Deutschland in der Situation Augenzeuge geworden zu sein, wie ein Mensch sich wahrscheinlich in den Rollstuhl katapultiert. Ziemlich spektakulär, aber letztendlich doch sehr alltäglich. Rund 1000 Menschen werden im Jahr allein in Deutschland querschnittgelähmt, die meisten sind männlich und hatten einen Unfall. Und jetzt spricht man darüber, ob er jemals wieder laufen kann. Für Menschen mit einer Halswirbelsäulenverletzung ist es ein Erfolg, wenn sie selbstständig atmen können oder die Hände ein bisschen bewegen können.

Es ist naiv zu glauben, in ein paar Monaten sei alles wieder gut. Querschnittlähmung ist nicht heilbar und geht auch nicht einfach wieder weg wie ein Schnupfen. Die Nervenbahnen sind wahrscheinlich durchtrennt oder gequetscht. Was Samuel jetzt braucht, ist eine gute Reha. Wohnung, Hilfsmittel und Assistenz müssen organisiert werden. Ich hoffe sehr, dass das ZDF für solche Fälle versichert war. Das wäre ein Segen für ihn. Dann muss er sich wenigstens nicht mit der Krankenkasse und dem Sozialamt rumärgern. Oder man schafft es, so viele Spenden aufzutreiben, dass er das nicht muss. Es wäre ihm zu wünschen, dass das alles gut geregelt wird, denn das ist die Voraussetzung für ein dennoch selbstbestimmtes Leben. Was aber sicher nicht hilfreich ist, ist dieses „Der Kaiser ist nackt“-Verhalten und der Glaube daran, dass schon alles wieder gut wird. Das ist Zeitverschwendung auf einem Weg zu einer guten Rehabilitation.

Update 13. Dezember 2010: Nachdem Samuel Koch ins Paraplegikerzentrum in der Schweiz verlegt wurde, haben die Ärzte nun bestätigt, dass er eine Querschnittlähmung hat.