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Archiv für 19.5.2010

Fraport statt Tatort

Lieber Flughafen Frankfurt, lieber Fraport,

wie konntest Du nur wissen, dass ich am letzten Sonntag den Tatort verpasst habe? Ja, ich war mit Freunden türkisch essen und konnte daher nicht wie sonst meine Portion Spannung für die Woche genießen. Schön, dass Du mir heute dann doch ein wenig Spannung verschafft hast. Das Leben wäre ja sonst zu langweilig.

Ich kam mit der Lufthansa-Maschine aus London City bei Dir an und Deine Packer haben auch gleich den Rollstuhl ausgeladen. Er stand auf dem Flugfeld und wartet darauf, dass ich aus dem Flugzeug gebracht werde, aber das sollte noch eine Weile dauern. Du weißt ja selbst, Du kannst ganz schön hartnäckig sein, was Deinen Assistenzservice angeht, aber dazu später mehr.

Bei mir an Bord war ein älterer Herr, der schlecht gehen konnte (WCHR wie Du solche Leute nennst), aber mit dem normalen Passagierbus mitfuhr. Ich konnte von oben sehen wie Dein Busfahrer erst den Kinderwagen zur Familie mit dem dauerschreienden Kind brachte und dann versuchte, meinen Rollstuhl dem alten Herrn anzudrehen. Das gelang dann auch und mein Rollstuhl wanderte ruckzuck in den Passagierbus. Dass da ein Gepäcktag mit meinem (weiblichen!) Vornamen und Nachnamen dranhing, beeindruckte den Busfahrer natürlich nicht und hinderte ihn auch nicht daran, den Rollstuhl einem männlichen Mitreisenden zu geben, der sich darüber freute, nicht mehr laufen zu müssen. Das war schon Nervenkitzel angesagt. Ich sass ja auf meinem Sitz und konnte nichts tun, außer hysterisch nach der Flugbegleiterin schreien, die Gott sei Dank die Lage kapierte und in den Bus stürmte und dem älteren Herrn meinen Rollstuhl wieder wegnahm. 1:0 für mich, Fraport!

Dann warst Du sicher eingeschnappt und dachtest, die lass ich jetzt sitzen. Denn warum sonst dauerte es über 30 Minuten bis endlich der Hublift kam, um mich aus dem Flugzeug zu holen, obwohl der Pilot zwei Mal schon beim Anflug Dir eine Nachricht schickte, um den Hublift anzufordern? Du wolltest es eben spannend machen.

Weil das alles so lange dauerte und die Kommunikation ja nicht immer klappt, wurden auch schon die Passagiere für den nächsten Flug geschickt, die in den Bussen vor der Tür ausharren mussten. Ich saß ja immer noch im Flieger, der weiter nach Graz sollte. Da wollte ich aber nicht hin.

Irgendwann hast Du dann wenigstens schon mal den Bus geschickt, der mich zum Terminal fahren sollte. Da mein Rollstuhl die ganze Zeit im Regen stand, dachte sich Dein Busfahrer, es sei schlau, den Rollstuhl in den Bus zu holen. Irgendwann kam dann der Hublift. Man erklärte mir, man müsse jetzt aber erst einmal Platz machen für den anderen Passagierbus, damit die Maschine nicht noch später wegfliegt. Also wurden Bus und Hublift neben das Flugzeug gefahren. Bei diesem Umparkmanöver sah ich vom Hublift aus, dass mein Rollstuhl durch den Bus flog, weil er offensichtlich nicht gesichert wurde. Ich war schon etwas nervös, ich gebe es zu, als ich das sah. Mein Rollstuhl ist auf mich angepasst, kostet ein paar tausend Euro und ist so leicht nicht ersetzen. Da sieht man nicht gerne zu, wenn der durch einen Bus fliegt.

Als der Bus neben dem Hublift zum Stehen kam, sah ich, dass sich der Rollstuhl unterdessen zur Tür bewegt hatte. Und was machte der Busfahrer? Er öffnete die Bustür und der Rollstuhl fiel aus dem Bus aufs Flugfeld zwischen Hublift und Bus. Ja, da war Spannung angesagt.

So weit ich das bislang gesehen habe, ist der Rollstuhl aber heil geblieben. Der Busfahrer hat ihn wieder aufgesammelt und wunderte sich über meine empörte Reaktion. Erst da verstand ich, dass diese Spannung eine Serviceleistung Deinerseits sein muss. Denn, dass Du völlig überfordertes Personal beschäftigst und die Koordinierung des Hublifts überhaupt nicht klappt, das kann ich mir nicht vorstellen. Du bist doch Kontinentaleuropas größter Flughafen und sicherlich hoch professionell durchorganisiert. Der Pilot der Maschine wird Dir ebenfalls noch schreiben. Ich glaube, der dachte wirklich, Du bist zu chaotisch, um behinderte Passagiere angemessen abzufertigen.

Liebe Grüße
Deine Christiane

Air New Zealand gebärdet mit Journalisten

Ich sage es lieber gleich, seit letztem Jahr bin ich Air New Zealand-Fan. Schuld daran ist ein Flug von Los Angeles nach London. Die hatten so eine nette Crew, einen top Service und sind auch noch echt barrierefrei. Aber ich schweife ab…

Heute morgen wurde ich durch ein paar Kommentare auf Twitter auf diese Webseite aufmerksam gemacht. Zu sehen ist ein Video in Neuseeländischer Gebärdensprache (die der britischen übrigens sehr ähnlich ist). Zu sehen ist eine Stellungnahme von Air New Zealand zu einem Artikel der Zeitschrift „The Listener“ (Der Zuhörer). Die Airline beklagt sich auf Gebärdensprache, die Zeitschrift habe ihnen wohl nicht richtig zugehört als man eine Partnerschaft mit der Billigfluggesellschaft Virgin Blue bekannt gab. Deshalb habe man sich entschieden, eine Sprache zu wählen, die die Journalisten vielleicht besser verstehen, wenn sie schon nicht richtig zuhören: Gebärdensprache.
Zudem haben sie eine Pressemitteilung mit gedrucktem Fingeralphabet verlinkt und den Artikel, über den sich die Airline so geärgert hat.

Das ist die originellste PR-Aktion, die ich seit langem gesehen habe.

Das Video gibt es auch auf YouTube (Bildbeschreibung steht unter dem Video):

Bildbeschreibung und Text für blinde Leser:

Einblendung: The Listener recently published an editorial about the proposed trans-Tasman alliance between Air New Zealand and Virgin Blue. This is Air NZ CEO Rob Fyfe’s response.

CEO: Dear Listener,
Dolmetscherin: Ironically it seems you haven’t been listening to us. We’ve got to say, you are hardly being true to your name. In your recent issue you asserted Air New Zealand intends going „determinendly downmarket“ in our service and quality. If you had bothered to give Rob a call, you would have heard loud and clear about our continued dedication to being the world’s best airline. (CEO grinst und nickt)

Dolmetscherin: As you appear to have turned a deaf ear to us, we thought it best to respond in a language you may be more familiar with. You reckon it is „inevitable Air New Zealand will downgrade“ its service if our proposed trans-Tasman alliance with Virgin gets approved.

CEO: Bollocks!

Dolmetscherin: It is in fact Virgin Blue who will be upgrading their service to align with us as we revealed in our media release announcing the proposal. Now we’re all guilty of selective hearing sometimes, Rob included, but we’ve got to say you did a fantastic job of not listening to the facts. And to answer the question you posed: Is Air New Zealand on its way to becoming a budget airline? No. You’re out of your tree! If you’d like to talk this through further, lend us your ear and give Rob a call.
P.S. He was tempted to respond with a far simpler, more direct form of sign language, but the lawyers advised against it.

Die Qual der Wahl

Am Donnerstag wird in Großbritannien gewählt. Und zum ersten (und hoffentlich letzten) Mal darf ich an einer Parlamentswahl nicht teilnehmen, obwohl ich in dem Land, in dem gewählt wird, Steuern zahlen. Naja, immerhin darf ich das Gemeindeparlament von Greenwich mitbestimmen. Meine Stimme kommt mir hier fast noch wichtiger vor als in Deutschland, weil die Wahlbeteiligung hier insbesondere bei Kommunalwahlen bedenklich schlecht ist. In unserem Wahlbezirk (Eltham South) lag die Wahlbeteiligung beim letzten Mal bei 40%.

Sehr interessant ist zu sehen, welche Rolle die Behindertenpolitik im Wahlkampf spielt. Das Magazin „Disability Now“ hat die Parteien zu ihrer Behindertenpolitik befragt. Alles in allem ist das alles sehr mau, was dort genannt wird.

Das ist ziemlich unverständlich, denn in einer Umfrage im April unter behinderten Wahlberechtigten gaben zwei Drittel der Befragten an, dass die Behindertenpolitik der Parteien ihre Wahlentscheidung maßgeblich beeinflussen würde.

Sehr interessant diesbezüglich war eine Posse, die sich letzte Woche ereignete. Der Spitzenkandidat der Konservativen, David Cameron, war in London auf einem Wahltermin. In der Näher hielt sich ein Vater mit seinem rollstuhlfahrenden Sohn auf, die eigentlich nur einen Krankenhaustermin wahrnehmen wollten. Das Wahlkampfteam von Cameron dachte sich wohl, es mache ein tolles Pressebild, wenn ihr Kandidat den behinderten Jungen trifft und fragte den Vater, ob er gemeinsam mit seinem Sohn mit Cameron sprechen wolle. Der Vater wollte, denn er hatte sich über die Politik der Konservativen zur schulischen Integration geärgert. Der Vater hatte lange darum gekämpft, seinen Sohn in eine Regelschule schicken zu können und ärgerte sich über eine Passage aus dem Wahlprogramm.

Was die konservativen Wahlkämpfer bekamen, war also kein herziges Wahlkampfbild, sondern ein Debatte auf allen Kanälen und in Zeitungen über die schulische Integration behinderter Kinder und die Politik der Torries – gemeinsam mit einem Bild, das alles andere als herzig aussieht.

Der Vater des Kindes ist zudem Chef eines recht bekannten ThinkTanks und ließ sich freudig und wortgewandt in jede Sendung schalten und trat massiv für die schulische Integration behinderter Kinder ein. So schnell kann ein Wahlprogramm ganz schön altmodisch aussehen.

Ich weiß immer noch nicht, was ich am Donnerstag wähle. Gestern rief die Labour-Partei an und fragte mich, wie wahrscheinlich es sei, dass ich am Donnerstag Labour wähle. Abwarten und Tee trinken!

Für mich wird interessant zu sehen, ob sie die Barrierefreiheit meines Wahllokals verbessert haben. Ich habe mich nach der Europawahl beim Wahlleiter der Gemeinde beschwert, weil der barrierefreie Eingang nach 18 Uhr geschlossen war und ich erst an die Scheibe im Hochpaterre klopfen musste, damit mir jemand aufmacht. Das Wahllokal hatte aber bis 22 Uhr geöffnet. Den E-Mails und den überschwänglichen Entschuldigungen nach zu urteilen, müsste es diesmal klappen.