Share on FacebookShare on Google+Flattr the authorTweet about this on Twitter

Archiv für 29.6.2009

Gala statt Spiegel

Wenn im Flugzeug Magazine verteilt werden, stehen in Deutschland Gala und Bunte immer ganz oben auf der Rangliste der beliebtesten Magazine. Nicht Spiegel, nicht Focus, nicht die Wirtschaftswoche. Ich lese trotzdem meist den Spiegel, frage mich aber langsam, ob man die Zeit im Flieger nicht besser zur Erholung nutzen sollte, wenn es geht. Rausschauen, träumen und an was Schönes denken. Also vielleicht doch Gala oder Bunte lesen?
Spiegel-Artikel wie dieser gefährden meinen positiven Gemütszustand beim Fliegen. Ich hatte den Artikel im Flugzeug gelesen und kam schon schlecht gelaunt an.
Ich hatte erst überlegt, sofort darüber zu bloggen. Wie sich das eigentlich anfühlt, wenn das Leben mit Behinderung in den Medien ständig als weniger wert betrachtet wird und man sich ständig rechtfertigen muss, dass man „dennoch“ ein schönes Leben führt. Habe ich dann aber nicht gemacht, es hätte meine Laune noch verschlechtert.
Dann kam ich nach der Reise nach Hause und hatte mehrere E-Mails im Postfach mit der Bitte, doch etwas zu besagtem Artikel zu schreiben. „Och nee“, dachte ich. Ich mag mich bei dem schönen Wetter nicht mit diesem Thema rumärgern. Aber eigentlich müsste ich. Es ist wirklich wichtig. Und dann habe ich gesehen, dass es Oliver Tolmein ausführlich getan hat und ich sowieso nichts mehr hinzuzufügen hätte. Ach doch, eines noch: Mir macht das wirklich Sorgen, wie manche Menschen, die manchmal auch Journalisten sind, mit dem Thema Behinderung und Lebenswert umgehen. So große Sorgen, dass ich es am liebsten verdränge und demnächst vielleicht doch lieber die Gala im Flugzeug lese.

300 Behindertenparkplätze

Heute war ich mal wieder im Lakeside Shopping Centre in Essex. Ich gehe dort sehr gerne einkaufen, denn es ist einfach alles barrierefrei und es ist einfach schön da. Das Centre liegt direkt am See, man kann bei schönem Wetter in einem der Restaurants auf dem Steg sitzen.
Heute bin ich anders auf das Gelände gefahren und kam an einem orangefarbenen Schild vorbei. Ich musste zwei Mal hinsehen. Da soll es doch wirklich 300 Behindertenparkplätze geben, die ich nicht kannte.

Schild mit Hinweis auf 300 Behindertenparkplaetze

Mir war das vorher noch nie aufgefallen, weil es auch in anderen Parkhäusern um das Einkaufszentrum herum Behindertenparkplätze gibt.

Ich folgte also der Beschilderung und fand mich tatsächlich in einem Parkhaus mit 300 Behindertenparkplätzen wieder, die am einkaufsmüden Montag nicht schlecht gefüllt waren. Sie waren unterteilt in welche für Rollstuhlfahrer (breiter) und welche mit normaler Breite. Und alle Autos vor, hinter und neben meinem hatten einen Ausweis an der Windschutzscheibe liegen.

Es gibt in Großbritannien erheblich mehr Behindertenparkplätze als in Deutschland. Ich habe mich da schnell dran gewöhnt und es erleichtert mir den Alltag sehr, weil ich problemlos den Rollstuhl ein- und ausladen kann. Aber 300 Plätze habe ich nocn nie auf einen Streich gesehen.

Ich habe allerdings auch den Eindruck, es gibt mehr Parkausweisbesitzer als in Deutschland. Die Parkplätze sind oft besetzt, aber nicht von Falschparkern sondern von Ausweisbesitzern. Das ist aber mein rein subjektiver Eindruck und das wollte ich nun bestätigt haben.

Die Zahlen für Großbritannien fand ich schnell: Es gibt 2,3 Millionen blaue Parkausweise auf der Insel. Das macht bei geschätzten 61 Millionen Einwohnern 3,8 Prozent der Bevölkerung, die einen Ausweis besitzen. Finde ich sehr realistisch, wenn man davon ausgeht, dass etwa 10 Prozent der Bevölkerung behindert ist, sind vielleicht 3,8 Prozent stark gehbehindert oder blind. Kann schon sein. Das Verkehrsministerium hat erst im Oktober 2008 eine Studie zur Nutzung der Parkausweise veröffentlicht. Demnach bin ich in fast allen Kategorien die Ausnahme, die die Regel bestätigt (jung, arbeitend, Ausländerin, Ausweis seit mehr als 10 Jahren etc.). Aber das nur nebenbei…

Dann habe ich mich auf die Suche nach deutschen Zahlen gemacht und fand sofort eine Frage des Bundestagsabgeordneten Ilja Seifert von Ende Mai dieses Jahres an die Bundesregierung. Er hat sich auch gefragt, wieviele Parkausweise es eigentlich in Deutschland gibt und die Bundesregierung antwortete wie folgt: „Der Bundesregierung liegen keine bundesweiten Statistiken über die Anzahl der europäischen Parkausweise vor.“ Na toll. Und jetzt kann ich meine Vermutung, was die Anzahl angeht, nicht einmal überprüfen.

„Papa kann sie noch nicht“

Ich habe ein englisches Lieblingswort. Es heißt „Patronising“ und bedeutet so viel wie „bevormundend“ oder „herablassend“. Es wird hier sehr oft benutzt, denn „Patronising“ ist verpönt.
Das Wort kam mir in den Sinn als ich diesen Beitrag auf „Der Westen“ über ein gehörloses Paar mit Baby sah. Wie kann man ein Porträt über ein Paar machen, das selber aber nicht ein einziges Mal zu Wort kommt? Stattdessen spricht die „patronising“ Tante und kritisiert, dass die Mutter das Wort „Papa“ und den Namen des Kindes nicht ordentlich aussprechen kann. „Das üben wir noch“, erklärt die Tante dem Publikum.
Sie redet über die Eltern als seien sie selber Kinder, dabei sind sie beide über 30.
Weder im Artikel zum Beitrag noch im Video kommen die Eltern, um die es eigentlich geht, einmal zu Wort.
Man kann kein Porträt über gehörlose Menschen schreiben und drehen ohne Dolmetscher, außer die gehörlosen Menschen sind sehr lautsprachkompetent, was das Paar aber definitiv nicht ist. Ansonsten kommen so Beiträge wie dieser raus, wo es nur darum geht, welch Glück es ist, dass das Kind hören kann. Die gehörlosen Eltern sehen das sicher differenzierter.
Und die Tante macht auch noch ein Fass auf, das keines ist: Das Kind solle nicht in absoluter Stille aufwachsen und sprechen lernen. Ich kenne kein Kind gehörloser Eltern, das nicht ordentlich sprechen kann. So ein Unfug! Im Gegenteil, die Kinder übersetzen teilweise recht früh für ihre Eltern und sind teilweise sogar recht sprachgewandt.
Die Verantwortung für solche Beiträge liegt aber auch bei den gehörlosen Menschen selbst. Man darf sich nicht darauf einlassen, ohne Dolmetscher oder andere für einen erforderliche Kommunikationshilfen solche Treffen mit Journalisten zu machen und die Tante oder sonstwen für einen sprechen zu lassen, wenn man nicht super lautsprachkompetent ist. Dann passiert genau das, was passiert ist. Man kommt im eigenen Porträt gar nicht mehr zu Wort.

Update: Beim Taubenschlag und bei Jule gibt es weitere Kommentare.

Update 2: Der Autor des Beitrags äußert sich hier.

Da das Video keine Untertitel hat, habe ich es transkribiert, damit auch gehörlose Menschen wissen, was über die berichtet wird:

[Babygeschrei]
Tante: Die Mama ist da.
Mutter: Mama.
Tante: Das ist jetzt im Moment so das einzige Wort, was sie jetzt sprechen kann. Aber da bemühen wir uns, dass sie da noch mehr… Sie muss ja auch mal den Namen rufen können. Aber das wird erst noch geübt.
Bei den beiden ist der Unterschied, dass, wenn sie „Mama“ oder „Papa“ sagen vom Mundbild her ja gleich ist. Und ich kann ja nur diese Kindersprache. Ich sage dann „Maaaama“ und „Paaapa“. Und dann macht er – [Übersetzung in DGS]
Mutter: Mama
Tante: Und? Papa? Ne, das kann sie noch nicht. Nein, das kriegt sie noch nicht raus.
[Bildschnitt]
Tante: Och. Och. Was ist denn?
Für uns, das möchte ich noch sagen, ist es sehr wichtig, dass das Baby, also Mia, lernt, dass eben nicht das stille Glück alles ist, sondern dass man das auch durch die Kommunikation, die wir dann rüberbringen, dass sie merkt, „Aha, da ist nicht nur diese Gebärdensprache“, sondern sie hört auch die Töne und kann sich auch da schon ein bisschen drauf einstellen, dass die Sprache wichtig ist für sie.
[Bildschnitt]
Tante: Du musst jetzt arbeiten.
[Gebärdensprache des Sohnes]
Tante: Tschüss.
Tante: Er hat sich jetzt verabschiedet, weil er jetzt arbeiten muss. Und dann gesagt: „Bis heute abend.“