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Archiv für 25.8.2008

Elke Bartz lebt nicht mehr

Ich habe gerade erfahren, dass Elke Bartz heute nach kurzer schwerer Krebserkrankung gestorben ist. Sie wurde 52 Jahre alt. Elke Bartz war die Vorsitzende und Gründerin von FORSEA und hat sich wie keine andere in Deutschland für die persönliche Assistenz und das selbstbestimmte Leben von Menschen mit Assistenzbedarf eingesetzt. Sie war vom Hals abwärts querschnittgelähmt und hat nach Gerichtsprozessen und vielen Kämpfen durchgesetzt, mit persönlicher Assistenz in ihrem eigenen Haus leben zu können. Ich habe kurz vor ihrem Tod noch mit ihr gesprochen und sie war genauso kämpferisch wie immer. Aber auch sehr gefasst: „Weihnachten erlebe ich nicht mehr“, hat sie zu mir gesagt.
Mit ihrem umgebauten Auto fuhr sie durch die ganze Republik, um behinderte Menschen aus den Heimen raus zu kriegen und Politiker davon zu überzeugen, diesen Auszug auch zu finanzieren. Sie hat sich mit Ämtern und Kostenträgern von behinderten Menschen angelegt, hat Rechtsanwälte für ihre Sache gewinnen können und war ein Mahnmal dafür, was Selbstbestimmung wirklich bedeutet. Die Deutsche Behindertenbewegung verliert eine große Kämpferin, die unvergessen bleibt.

Update: Ottmar Miles-Paul hat einen Nachruf geschrieben, der sehr lesenswert ist, auch für Leute, die sie nicht kannten.

Eurosport gegen Diskriminierung

Der Sender Eurosport ist gerade sehr in meinem Ansehen gestiegen nachdem ich diesen Blogeintrag beim „Schwarzen Blog“ gelesen habe. Ein Zuschauer hatte sich bei Eurosport über einen Kommentar (”Es ist gut, dass eine Weiße sich diese Vakanz erläuft”) beschwert und der Chef der deutschen Korrespondenten, Ingolf Cartsburg, entschuldigt sich und nimmt die Beschwerde zum Anlass, seinen Kollegen ein paar grundsätzliche Dinge zu Diskriminierung und Rassismus mit auf den Weg zu geben. Sehr lesenswert!
Die Korrespondenten der ARD sollten sich diesen Brief auch mal durchlesen. Ich glaube, die haben da noch Schulungsbedarf.

Motorantrieb für Aktiv-Rollstühle

Zumindest, was die manuellen Rollstühle angeht, gab es in den vergangenen Jahren keine wirklich bemerkenswerte Entwicklung mehr. Die Technik ist ziemlich ausgereift, mein Rollstuhl wiegt weniger 9 Kilo und ist dennoch gut belastbar. Die Farbpallette gleicht der von BMW oder Audi und ein Rollstuhlkauf läuft auch ähnlich ab wie ein Autokauf. Bereifung? Sitz? Metalliclackierung?

Nun habe ich aber bei Youtube eine Entdeckung gemacht, die doch so etwas wie eine kleine Revolution darstellt. Es ist der Zinger. Damit lässt sich einem Aktiv-Rollstuhl einen Motor zuschalten und dann geht es über Gras und Unebenheiten, bergauf und was weiß ich. Außerdem ist das Ding ziemlich schnell. Motorisierte Fahrhilfen (mir fällt kein besseres Wort ein) gab es zwar schon, aber die waren nicht abnehmbar und irre schwer und schon gar nicht schnell.

Fragen zur Bildung

Mir wurde ein Stöckchen zugeworfen. Dabei geht es Fragen zur Bildung, die ich gerne beantworte.

Was war deine schlechteste Zeugnisnote?
5 in Mathe. Immer mal wieder.

Welche Kompetenzen sollte Schule unbedingt vermitteln?
Die Fähigkeit, sich eine Meinung zu bilden, so mit These, Antithese und Fazit. Diese Fähigkeit ist enorm wichtig, um im Leben Situationen einzuschätzen und zu analysieren, nicht nur zur Meinungsbildung selbst. Ich hatte einen ziemlich guten Deutschunterricht diesbezüglich und das weiß ich heute sehr zu schätzen.

Welche Diskussion rund um das Thema Bildung fandest du in letzter Zeit spannend?
Die Diskussion über den Bericht des UN-Inspektors für den Menschenrechtsrat: Behinderte Schüler würden in Deutschland ausgegrenzt, Kinder aus ausländischen oder armen Familien benachteiligt.

Wissen bedeutet:
…sehr viel. Wie oft denkt man „Wenn ich das gewusst hätte…“ oder „Ich muss mich da mal schlau machen“. Und Wissen sichert einem den Zugang zu so vielen Dingen.

Was hat dich früher motiviert, jeden Tag in die Schule zu gehen?
Ich bin, zumindest die letzten Jahre, ziemlich gerne in die Schule gegangen. Es war einfach immer was los und ich hatte einen tollen Oberstufen-Jahrgang. Ich fand Schule immer ganz unterhaltsam. Und wenn es langweilig wurde, haben wir uns was überlegt, dass es lustiger wird.

Was macht für dich einen guten Lehrer aus?
Ein guter Lehrer tritt seinen Schülern erst einmal ohne Vorurteile gegenüber. Manche Lehrer haben schon Vorurteile bevor sie ein einziges Wort mit den Schülern gewechselt haben, weil der Kollege die Klasse nicht mag oder sie sich anders ein Bild gemacht haben, das nicht der Realität entspricht.

Was macht für dich einen schlechten Lehrer aus?
Einfallslosigkeit und mangelnde Kreativität.

Was ist deine liebste Figur aus Comic-, Trick-, Serien-, Literatur- oder Märchenwelt und warum?
Pippi Langstrumpf. Weil sie sich die Welt so macht, wie sie ihr gefällt und auch nicht so gut in Mathe war.

Wenn du Kultusminister wärst – was würdest du sofort ändern?
Ich würde in Deutschland alle Sonderschulen in der jetzigen Form abschaffen und stattdessen Stützpunkte errichten, die behinderte Schüler in Regelschulen unterstützen. Für die Kinder, die eine besondere Betreuung benötigen und auch mit Assistenz nicht in eine Regelschule gehen können, würde ich Gruppen in Regelschulen einrichten, damit sich die behinderten und nicht behinderten Kinder wenigstens in der Pause begegnen. Jede Regelschule müsste ein Konzept zur Integration behinderter Schüler vorlegen und ihre Einrichtungen entsprechend umbauen.

Was ist dein Schlusswort zu diesem Bildungsstöckchen?
Ich habe in letzter Zeit öfter darüber nachgedacht, wie wichtig die Schulbildung ist. Wenn mich die Briten zum Beispiel fragen, wieso so viele Deutschen Englisch können zum Beispiel. Wenn ich dann sage, dass heute jeder eine Fremdsprache in der Schule lernen muss, schauen sie mich erstaunt an. Da weiß ich schon zu schätzen, was ich in der Schule gelernt habe.

Ich gebe das Stöckchen mal an den Haltungsturner weiter.

Disability Hate Crime

In Großbritannien gibt es ein Thema in den Medien, das mir völlig unbekannt war bevor ich hier her kam: Disability Hate Crime. Damit bezeichnen die Briten einen Angriff, der durch den Hass auf behinderte Menschen motiviert ist. Es ist ein eigener Strafttatbestand, der relativ schwer bestraft wird. Nun habe ich bei BBC von einer taubblinden Frau gelesen, der Jugendliche den Blindenstock auf dem Weg nach Hause weggenommen haben, sich über sie lustig gemacht haben etc. und sie ohne Stock eine Meile nach Hause finden musste. So weit so schlimm.
Die ganze Geschichte wird aber noch viel schlimmer, denn die Polizei und ein Krankenwagen waren kurz darauf vor Ort, haben sich aber nicht bei der Frau gemeldet, sondern haben zugesehen, wie sie sich den Weg nach Hause ohne Stock ertasten musste. Sie wussten nicht, wie sie mit der Frau kommunizieren sollten und haben es einfach gelassen. Eine Frau, die sich besser auskannte, haben sie einfach weggeschickt.
Warum hat der Polizist ihr nicht einfach seinen Hut in die Hand gegeben? Dann hätte sie vielleicht gewusst, dass die Polizei jetzt da ist. Und ansonsten sollte man wissen, dass viele taubblinde Menschen das Lormalphabet zur Kommunikation benutzen. Manche haben einen Handschuh dabei, der mit den einzelnen Buchstaben beschriftet ist. Man muss dann also nur noch auf den Handschuh schauen, den die taubblinde Person dann anzieht, und Buchstabe für Buchstabe durchgehen.

Mal wieder Kontakt mit dem NHS

Eine meiner größten Bedenken vor dem Umzug nach Großbritannien war die medizinische Versorgung. Was habe ich mir nicht alles an Warnungen anhören müssen über den National Health Service (NHS). Nachdem ich ja schon vor einem Jahr das besondere Vergnügen hatte, ein NHS-Krankenhaus eine Woche lang von innen zu begutachten, hatte ich heute mal wieder Kontakt mit dem britischen Gesundheitssystem.
Mir geht es seit einer Woche nicht so richtig gut und ich kränkele vor mich hin. Nachdem nachts nun auch noch Bauchkrämpfe hinzu kamen, dachte ich, ich muss nun doch mal zu meinem Hausarzt (GP).

Nun weiß ich, dass wir hier im Greenwich Millenium Village relativ priviligiert sind: Wir haben eine super moderne Praxis – mit Labor und allem Schnickschnack. Ich habe also um 10 Uhr heute morgen dort angerufen und gesagt, ich würde gerne einen Arzt sehen. Um 12 Uhr hatte ich einen Termin und musste 5 Minuten warten. Bislang war ich immer bei einer Hausärztin, aber die war heute nicht da und so lernte ich ihren Mann kennen. Auch sehr nett und sehr bemüht, mir zu helfen.

Die Praxis ist super barrierefrei mit barrierefreier Toilette und viel Platz überall. Ich habe heute das erste Mal in meinem Leben in einer Arztpraxis eine Urinprobe abgegeben, ist mir aufgefallen. Weil die Arztpraxen in Deutschland mehrheitlich keine barrierefreie Toilette haben, musste ich immer nach Hause fahren, dort die Urinprobe abgeben und dann wieder zurück. Heute ging das ratzfatz und vor Ort. Der Arzt hat den Urin auch sofort untersucht.

Mit einem Rezept über drei Medikamente hat er mich dann nach Hause geschickt. 21 Pfund haben die mich gekostet, weil man pro Medikament 7 Pfund Eigenanteil zahlen muss, außer man ist von der Zuzahlung befreit. Dass ich eine Infektion habe, konnte der Arzt im Labor sofort sehen. 4 von 5 Werte sind nicht in Ordnung.

Viel anders wäre das in Deutschland auch nicht abgelaufen und ich habe zunehmend den Eindruck, dass der NHS weit besser ist als sein Ruf.

Kevin Connolly gafft zurück

Kevin Connolly ist Photograf und hat die ganze Welt bereist. Er kam ohne Beine zur Welt und ist auf einem Skateboard unterwegs. In Wien starrte ihn mal wieder jemand an und er nahm die Kamera und drückte ab. Das war der Beginn einer Fotoserie, die auf der ganzen Welt entstanden ist: Menschen die ihn anstarren. Sehr sehenswert!

via National Public Radio

Britain’s missing Top Model

In Großbritannien ist gerade „Britain’s missing Top Model“ gekürt worden. Das ist eine Reality-Serie der BBC, bei der am Ende eine behinderte Frau ein Fotoshooting mit der Zeitschrift Marie Claire gewinnt und eben „Britains missing Top Model“ ist.
Ich habe mir die vorletzte Folge der Serie auf BBC3 angesehen und fand es eine sehr merkwürdige Serie. In der letzten Folge waren noch drei Frauen übrig. Gewonnen hat dann am Ende eine Frau, der ein Unterarm und die Hand fehlt. Nicht zuletzt deswegen, weil die Behinderung am wenigstens Einfluss auf den Modellalltag hat. Na prima!

Die Sendung ist alles in allem ziemlich langweilig. Es wird thematisiert, dass die Rollstuhlfahrerin beim Außentermin nicht aufs Dach kommt und getragen werden muss. Wie überraschend! Und überhaupt dreht sich eigentlich nur alles darum, was die Frauen NICHT können. Das soll inspirierend für andere behinderte Frauen sein? Na, ich weiß nicht. Im Guardian gab es einen ganz guten Kommentar zu der Sendung. Die Autorin hat genau das gleiche Problem wie ich: „Though I haven’t seen all of them, I fear that this competition seems to be highlighting what the girls can’t do, rather than all the things they can.“

In Deutschland läuft gerade auch zum x.-ten Mal ein Modellwettbewerb für behinderte Frauen. Die Welt berichtet mit Bildergalerie und fragt ihre Online-Leser, ob es überhaupt Schönheitswettbewerbe für Behinderte geben soll. Die vorgegebenen Antworten sind: „Ja, auch gehbehinderte Frauen sind schön.“ oder „Nein, Behinderte sollten nicht zur Schau gestellt werden.“ Die Welt ist tief ins Sommerloch gefallen, wie mir scheint.

Ich finde Modell-Wettbewerbe insgesamt eine ziemlich bescheuerte Angelegenheit. Sie werden auch nicht besser, wenn behinderte Frauen daran teilnehmen. Was mich aber stört ist die Annahme, die Gewinnerin werde zum Vorbild für andere behinderten Frauen und würde das Bild von behinderten Menschen in der Öffentlichkeit verbessern. Sowohl bei den Shootings für den deutschen Modellwettbewerb als auch bei einem der BBC-Shootings wurde darauf geachtet, die Behinderung teilweise zu kaschieren. In der BBC-Serie kritisiert das immerhin eines der Jurymitglieder, die selber Rollstuhlfahrerin ist. Damit macht man aus behinderten Frauen nicht behinderte Frauen und das war’s dann mit den Vorbildern und dem veränderten Blickwinkel.