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Archiv für 20.5.2008

75 Pfund in zwei Minuten verdient

Es gibt so Situationen im Leben, da weiß ich nicht, ob ich mich ärgern oder freuen soll. Und entscheide mich dann, beides zu tun. Heute habe ich mal wieder solch eine Situation erlebt. Ich hatte vor mehr als einer Woche eine E-Mail bekommen von einem Marktforschungsinstitut, die Jungunternehmer suchten für eine Befragung. Da die Herrschaften weder sagten, wer ihr Auftraggeber ist noch woher sie meine Adresse haben, habe ich die Mail kurzerhand gelöscht.

Ein paar Tage später riefen sie an und fragten, ob ich nicht doch an der Befragung teilnehmen wolle. Ich habe erst einmal gefragt, wer ihr Auftraggeber sei und woher sie meine Daten haben. Auftraggeber sei der britische Staat, sprich Businesslink. Daher haben sie auch meine Daten. Geld gebe es auch: 75 Pfund.

Ich muss sagen, ich lasse mich ja von niemandem so gerne befragen wie vom Staat. Da kann man politische Äußerungen tätigen und das nimmt dann jemand zu Protokoll.

Ich bin da also heute abend hingerast. Um 18 Uhr sollte es losgehen. Meine U-Bahn stand natürlich – wie immer, wenn man irgendwo pünktlich erscheinen will – ewig an einem Bahnhof und so musste ich ziemlich rumhetzen, um pünktlich zu sein. Ich kam auch noch pünktlich, der Eingang war ebenerdig, aber der Rest der Location war völlig vertreppt.

Auf meine Frage, ob sie einen barrierefreien Zugang hätten, erntete ich von dieser Tanja-Anja-Person nur ein Kopfschütteln und den Kommentar „Da wurden wohl die falschen Leute ausgesucht.“ „Nein, die falsche Location“, antwortete ich sichtlich genervt. Ich verlangte, ihren Manager zu sprechen. Der Manager ließ sich aber verleugnen und wollte nicht mit mir sprechen. Es geht doch nichts über souveräne Führungskräfte. Aber Tanja-Anja überreichte mir ein Kuvert und sagte, das Honorar bekäme ich dennoch. Nach zwei Minuten war ich wieder draußen und hatte 75 Pfund für nix bekommen. Und meine Meinung teile ich dem Auftraggeber jetzt auf dem Postwege mit, vor allem meine Meinung zu nicht barrierefreien Bürgerbefragungen.

Strafanzeige wegen eines Obstmessers

Jetzt lebe ich schon mehr als ein Jahr in London und lerne immer noch dazu. Heute habe ich gelernt, dass man wegen eines Obstmessers im Rucksack eine Strafanzeige bekommen kann. Und das geht so: Ich hatte in den vergangenen Tagen Besuch von Freunden aus Hamburg. Diese haben eine zweijährigen Sohn, dem sie zwischendurch mal einen Apfel klein schneiden, wenn er Hunger hat. Zu diesem Zweck hatte der Vater des Kindes ein Obstmesser im Rucksack. Und das ist strafbar in Großbritannien. Ein Verstoß gegen das Waffengesetz.

Diese Lektion lehrte uns heute ein freundlicher Polizist, der den Obstmesser besitzenden Vater am London Eye stoppte, nachdem er den Rucksack auf den Scanner gelegt hatte: „Sie haben ein Messer bei sich. Kommen Sie bitte mit.“
Nach einer Rechtsbelehrung, der Einwilligung das Messer sofort einziehen zu lassen und der Unterschrift unter das Geständnis durften wir doch noch ins London Eye. Der Polizist hat uns dann noch gesagt, dass das Verfahren wegen Nichtigkeit eingestellt werde. Schließlich würde allein am London Eye täglich zwei Müllsäcke voller Messer eingesammelt und ebenso viele Anzeigen erstattet.

Hintergrund ist übrigens der Kampf gegen „Knife crime“. Es vergeht kaum eine Woche, in der kein Jugendlicher von einem anderen erstochen wird. Aber dass der Kampf gegen die Jugendbanden dazu führt, dass man als Tourist seinem Kind unterwegs keine Äpfel mehr schälen darf, finde ich doch etwas übertrieben.

Gedenken an behinderte Holocaust-Opfer

Großbritannien begeht heute zum ersten Mal einen Tag zum Gedenken an behinderte Holocaust-Opfer. Ich würde mir wünschen, dass es diese Auseinandersetzung mit dem Thema in Deutschland auch geben würde, weil ich manchmal den Eindruck habe, dass das teilweise vergessene Opfer sind und vieles nie richtig aufgearbeitet wurde.

BBC untertitelt das gesamte Programm

So, nun ist es soweit: Die BBC untertitelt ihr gesamtes Fernsehprogramm. Rund um die Uhr werden die Sender BBC One, BBC Two, BBC Three, BBC Four, CBeebies, CBBC und BBC News untertitelt. Gehörlose und schwerhörige Menschen können nun genauso viele Sendungen sehen und verstehen, wie hörende Zuschauer. Die Gehörlosenverbände haben der BBC gratuliert, eine Feier wird es auch geben. Wann wohl in Deutschland dieses Ereignis gefeiert wird? In 5 Jahren? In 10? Nie? Die BBC zeigt damit aber, dass es für eine öffentlich-rechtliche Fernsehanstalt möglich ist, dieses Ziel zu erreichen – selbst in Zeiten, in denen eigentlich gespart wird. Ich denke, es wäre ein guter Anlass für die Interessenvertreter bei ARD und ZDF nachzuhaken.

Fast nicht mehr rausgelassen

Ich habe mehr und mehr den Eindruck, dass die eigentliche Gefahr für den Flugverkehr nicht von den Passagieren, sondern vom Sicherheitspersonal an den Flughäfen ausgeht. Gestern hätte man mir am Flughafen Frankfurt fast den Heimflug verweigert. Begründung: Großbritannien sei nicht in der EU und ich bräuchte ein Visum zur Einreise. PISA lässt grüßen!

Nach ein bisschen Rumdiskutieren, Eingreifen einer Lufthansa-Mitarbeiterin und dem Hinweis meinerseits, dass er sich und den Flughafen Frankfurt gerade ziemlich blamiert, durfte ich ausreisen. Ganz ohne Visum.

Die Company’s Policy

Es hätte eigentlich ein guter Tag werden können. Die Sonne scheinte schien, ich hatte morgens einen Termin bei der London Development Agency, der ganz gut verlief, saß nachmittags im Café und habe an der 3. Ausgabe meiner Zeitung gearbeitet und freute mich abends auf eine Veranstaltung von Businesslink.

Ich war nachmittags von Waterloo über die Brücke nach Embankment gerollt und wollte so auch nach der Veranstaltung wieder zurück, um mit der U-Bahn nach Hause zu fahren. Waterloo ist im Gegensatz zu Embankment barrierefrei. Aber es fing im Laufe des Abends fürchterlich an zu regnen, die Straßen waren überflutet und ich überlegte, wie ich jetzt nach Hause kommen sollte. Der Weg nach Waterloo war viel zu weit, um ungeschützt im strömenden Regen über die Themsebrücke zu fahren. Wäre ich ans andere Ufer geschwommen, wäre ich genauso nass gewesen wie beim Weg über die Brücke.

In Embankment gibt es auch einen Anleger der Thames Clippers, ein Linienverkehr auf der Themse. Wir haben auch einen Anleger vor dem Haus und so entschied ich mich, mit dem Schiff nach Hause zu fahren. Das erschien mir als trockenster Weg. Das hatte ich schon x Mal gemacht – nur noch nie ab Embankment. Die Schiffe sind total barrierefrei, manche haben sogar barrierefreie Toiletten. Auch die Anleger sind zugänglich, manche haben einen total stufenlosen Einstieg, manche eine kleine Stufe ins Boot.

Ich ging auf den Anleger, es gab eine spezielle Wegführung für Rollstuhlfahrer, gut ausgeschildert. Ich hatte also nicht den Eindruck, dass keiner mit Rollstuhlfahrern rechnet oder diese nicht borden dürfen. Das Schiff kam sofort, doch die beiden Typen am Eingang machten mir klar, dass sie mich nicht mitnehmen würden. Ich war mehr als erstaunt. Sie sagten, der Anleger sei nicht barrierefrei, sie dürften mich nicht mitnehmen. Das war wirklich ein Witz, denn die Stufe in die U-Bahn ist teilweise höher als die ins Boot, was Transport for London dennoch nicht daran hindert, die Station als barrierefrei auszuzeichnen.

Hinter mir waren zwei Paare, die sich sofort einmischten und wild protestierten. Sie boten an, dass sie mir über die Stufe helfen. Das Boot lag bombenfest am Anleger, es war überhaupt nicht gefährlich. Aber die beiden Typen bestanden darauf, dass ich an Land bleibe. Ich war außer mir, erklärte ihnen, dass es regne wie verrückt, dass es keine barrierefreie U-Bahnstation in der Nähe gebe, ein Taxi bei dem Wetter ebenfalls nicht zu bekommen sei. Nichts zu machen. Sie wollten mich nicht mitnehmen. Dann mischte sich wieder ein Mann hinter mir ein und fragte, warum denn die Kinderwagen mitdürfen, die auf die gleiche Weise an Bord gehen wie ich, aber ich nicht. Schweigen auf der Bootseite. Und dann fiel einem der beiden die „Company’s Policy“ ein, die meine Mitnahme unmöglich mache. Ich fragte, ob ihm klar sei, dass er gerade gegen den Disability Discrimination Act verstoße? Die Antwort war verblüffend: Er würde mir die Mitnahme ja nicht verweigern, er würde mich ab einem anderen Anleger mitnehmen. Ich war unterdessen so sauer, dass ich ihn fragte, ob das bedeute, dass auch alle nicht behinderte Passagiere zum anderen Anleger laufen müssten, denn schließlich dürfe er mir ja einen schlechteren Service bieten wie allen anderen. Wieder Schweigen.

Und dann sagte der Kapitän, er lege jetzt ab. Die Passagiere protestierten, aber es war nix zu machen. Die ließen mich draußen stehen und ich hatte keine Ahnung, wie ich einigermaßen trocken nach Hause kommen sollte. Ich bin selten aus der Ruhe zu bringen, aber da war ich wirklich außer mir. Zumal die Situation war, wie sie war: Ich stand im strömenden Regen und kam nicht nach Hause.

Natürlich bin ich irgendwann doch nach Hause gekommen. Zusammen mit meinem Freund, der mit der U-Bahn angedüst kam, sind wir mit einem Vorstadtzug nach Hause gefahren von einem Bahnhof in der Nähe. Den hätte ich alleine aber nicht erreicht. Und jetzt bin ich gerade dabei zu recherchieren, wie ich Thames Clippers für diesen Abend mindestens so nass mache, wie sie mich gemacht haben. Aber ich bin sicher, mir wird da was einfallen.

Gedruckt, umgezogen und gewählt

Ich habe mir mal eine kleine Blogpause gegönnt, hat sich einfach so ergeben. Ich hatte einfach zu viel zu tun, bin in ein Büro gezogen, die zweite Ausgabe der Zeitung ist gedruckt, ich hatte x Termine und zu guter Letzt habe ich heute auch noch gewählt. In solchen Momenten liebe ich ja die EU – kaum in London, kann ich schon den Bürgermeister mitbestimmen.

Die Wahlen hier laufen ähnlich ab wie in Deutschland. Ein paar Unterschiede gibt es aber doch: Man muss sich in ein Wahlregister eintragen lassen, denn ein Einwohnermeldeamt gibt es hier ja nicht. Vor der Wahl bekommt man eine Wahlbenachrichtigung. Den Hauptunterschied liegt im Termin der Wahl: Der 1. Mai in Großbritannien kein Feiertag, das heißt es wird an einem Werktag gewählt, was ich ein wenig komisch finde. Da kommt gar keine feierliche Stimmung auf wie in Deutschland am Wahlsonntag, wo alle in die Grundschule um die Ecke pilgern.

Dafür haben die Wahllokale (Polling stations) hier bis 22 Uhr geöffnet. Ich bin um 21 Uhr wählen gegangen. Man hat drei Stimmzettel: Für den Bürgermeister, für die London Assembly und für die Gemeinde. Darf ich alles wählen, finde ich prima. Und in London wird sogar diskutiert, ob man neben den Commonwealth- und EU-Bürgern nicht gleich alle Ausländer wählen lassen sollte, die eine bestimmte Zeit hier leben.

Den Wahlkampf habe ich als ziemlich kurz und oberflächlich empfunden. Viele Leute, mit denen ich gesprochen habe (auch Politiker) wussten nicht einmal, dass nicht nur Briten wahlberechtigt sind. Die Programme der Parteien lesen sich teilweise wie in 10 Minuten zusammen gezimmert. Es ist eine absolute Personenwahl, bei der mehr über die Frisur und den Alkoholkonsum der Kandidaten diskutiert wird als deren Programm.

Ich glaube, dass die Ausländer in London eine enorm wichtige Rolle bei der Wahlentscheidung spielen. Irgendwo habe ich gelesen, dass wenn die Franzosen einen eigenen Bürgermeister aufstellen würden, sie gute Chancen hätten, dass er an die Macht kommt – denn die Franzosen gehen wählen (die Wahlbeteiligung ist hier ein riesen Problem) und es sind unterdessen so viele in London, dass sie eine wichtige Wählergruppe sind. Aber ich glaube, vorher würden die Briten aus der EU austreten.