Archiv für 9.9.2007

Krank auf Deutsch

So, morgen werde ich das erste Mal den deutschen Hausarzt in London aufsuchen müssen. Es gibt in London wirklich alles, was das deutsche Herz begehrt: Deutsche Zahnärzte, deutsche Bäcker, deutsche Metzger, einen deutschen Supermarkt, Bratwurststand, Biergarten, eine deutsche Schule und eben auch deutsche Hausärzte.

Ich wäre wirklich bereit, mit meinem Husten, der langsam beängstigende Formen annimmt, zu einem britischen Arzt zu gehen, aber leider hat mir NHS einen Hausarzt zugewiesen, dessen Praxis seit Monaten keine Putzfrau gesehen hat etwas ungepflegt wirkt und auch ansonsten ziemlich überfordert ist. Und man kann sich seinen NHS-Arzt ja nicht aussuchen, aber ich will meinen Husten wegkriegen. Ich hatte schon einmal eine Lungenentzündung. Nun werde ich mich morgen in die deutsche Enklave Richmond im Süden Londons begeben und zum ersten Mal meine private Krankenversicherung in Anspruch nehmen.

Über das Autofahren (und Parken) in England

Ich fahre jetzt seit ein paar Tagen Auto hier und es ist wirklich nicht so schwer. Ich bin bereits in Australien links gefahren. Allerdings hatte ich dort einen Mietwagen mit dem Lenkrad auf der rechten Seite. Das empfand ich als eigentliche Herausforderung – ich habe immer die Scheibenwischer betätigt, wenn ich abbiegen wollte und wenn es regnete, habe ich erstmal geblinkt.

Hier fahre ich in meinem gut vertrauten Auto und komme klar. Seit gestern tobt in London ein relativ großes Verkehrschaos. Die U-Bahn wird bestreikt, nur wenige Linien sind noch in Betrieb und so fährt der Londoner wohl oder übel mit dem Auto zur Arbeit. Die Folge sind Staus, Staus, Staus. Ich stehe eigentlich mehr als dass ich fahre.

Eine besondere Herausforderung stellen die Regelungen für „Blue Badge Holder“ (blauer Parkausweis) dar. Jeder Bezirk in London hat ihre eigenen Regelungen und man muss immer wissen, wo man sich gerade befindet. Während mein Bezirk Ealing mich im überall kostenlos parken lässt, darf ich in Westminster nicht einmal jeden Behindertenparkplatz nutzen.

Wie in Deutschland kann man beim Bezirk einen personenbezogenen Behindertenparkplatz beantragen, wenn man keinen geeigneten Parkplatz zur Verfügung hat. Nur hier sind diese Parkplätze nicht wirklich personenbezogen, wie ich schon erfahren habe. Ich war am Montag in einem Kurs in Islington (auch ein Bezirk). Ich hatte mir vorher in der Internetdatenbank den nächsten Behindertenparkplatz rausgesucht (ja, sowas geht hier!) und er war tatsächlich frei. Als ich am Ende des Tages kam ich zu meinem Auto und fand ein Schreiben an der Windschutzscheibe. Ich dachte noch: „Klasse, zum ersten Mal geparkt und prompt einen Strafzettel.“ Aber so war es nicht.

Auf dem Papier stand:
„This parking space has been provided for me by Islington council as I need to park outside my front door. I would be grateful therefore if you did not park here. As a Blue Badge holder you are entitled to park in a residents‘ parking bay for an unlimited amount of time so perhaps you could park in one of those in future. P.S.: I’d be grateful if you could knock on my door when you leave so that I can move my car back into my space. Thanks.“

Ich habe dann also an die Tür geklopft und hörte mir das Klagen einer Rollstuhlfahrerin an. Ich hätte zwar juristisch korrekt geparkt und könne es auch nicht wissen, aber sie brauche den Parkplatz. Ihr Bezirk vergebe aber keine Parkplatznummern wie andere Bezirke. Also jeder Besitzer eines Parkausweises darf auf „ihrem“ Parkplatz parken. Definitiv eine bescheuerte Regelung. Ich konnte den Ärger der Frau verstehen. Und ich habe unterdessen noch mehr Parkplätze entdeckt von denen ich annehme, das sie eigentlich für jemanden eingerichtet wurden, aber ich dort auch parken dürfte – unbefristet übrigens.

Ich muss zusammenfassend sagen, dass die Regelungen für Parkausweisbesitzer in Deutschland zum einen einheitlich und teilweise auch durchdachter sind. Dafür sind hier die Parkplätze so gut wie nie von Nichtbehinderten besetzt und wenn wird es teuer. Ich bin gespannt, ob ich das in ein paar Monaten immer noch sage.

Belgien und die Barrierefreiheit

Sorry, ich war ein wenig beschäftigt. Ich war in Hamburg, habe unsere Wohnung ausgemistet und habe mein Auto nach England überführt. 800 Kilometer Fahrt durch Deutschland, die Niederlande, Belgien, Frankreich und England liegen hinter mir.

Mir sind ja noch gut französische Autobahnraststätten vom Familienurlaub in den 80er-Jahren in Erinnerung. Dieses wenig erfreuliche Bild wird jetzt von den belgischen Raststätten überlagert. Die Belgier beleuchten zwar ihre Autobahnen, aber ich glaube, das machen sie nur, damit ein Schatten auf die Raststätten fällt und man die nicht so sieht. Vier Raststätten musste ich ansteuern, um eine Behindertentoilette zu finden – und das war nicht der einzige Grund, belgische Raststätten in schlechter Erinnerung zu behalten. Die Raststätten waren überlaufen, die Einrichtungen teilweise ziemlich ekelig und Behindertenparkplätze Mangelware. Barrierefreie Rasthöfe waren nicht ausgeschildert – ich kam mir vor wie beim Bingospiel.

Auf der Raststätte mit Behindertentoilette gab es sogar einen Behindertenparkplatz. Einen einzigen! Und der hatte einen sehr originellen Zugang zum Raststättengebäude:

Behindertenparkplatz mit Stufe

Eine Stufe hoch und dann wieder hinunter musste man. Alternativ konnte man auch um den ganzen Parkplatz herum und auf der Straße mitten im Verkehr stufenlos zum Gebäude rollen. Ganz toll! Über die britischen Verkehrseigenheiten (als ob das Linksfahren nicht schon Abenteuer genug wäre) schreibe ich später.