Archiv für 15.3.2007

CeBIT – aber ohne mich

Die CeBIT findet in diesem Jahr ohne mich statt. Halleluja! Kein Mensch will freiwillig nach Hannover, schon gar nicht zu der Jahreszeit. Ich bin schon im Schnee über das Messegelände gefegt und von der Messe habe ich außer dem Pressezentrum nie viel gesehen.

Ein bisschen vermissen tue ich das ganze Theater aber schon. Die schlecht Englisch sprechenden CEOs japanischer Konzerne, die Kollegen von Reuters, die in den Pressekonferenzen immer mit ihren coolen Mini-Antennen und den schicken Notebooks beeindruckten und dann auch noch mit Fragen wie der Absatzentwicklung von PDAs in Indonesien im Vergleich zu Malaysia verunsichern (nur ein erfundenes Beispiel). Und die Pressesprecher, die sich gar nicht mehr an das erinnern wollen, was sie im vergangenen Jahr gesagt haben.

Aber am besten waren immer die Partys und Pressekonferenzen mit Björn, der damals noch für ddp arbeitete. ddp hatte auch keine coolen Antennen an Laptops, dafür aber gesellige Mitarbeiter, die tanzen können. Und die auch nicht so Fragen stellten wie die Kollegen von Reuters. Mir ist es leider nie gelungen auch mal so ne Angeberfrage zu stellen, bei nur der Frager und der CEO wissen, was gemeint ist. „Wie wollen Sie die Probleme in … in den Griff kriegen?“ Eine klassische CeBIT-Frage, die nur den einen Zweck hat: Die Kollegen verunsichern.

Aber die CeBIT wurde irgendwie von Jahr zu Jahr unlustiger und jetzt bin ich doch ganz froh, dass ich das nicht mehr habe. Und wenn ich lese, dass die Kanzlerin einen neuen Hightech-Gipfel angekündigt, dann habe ich nicht das Gefühl, dass ich etwas verpasse. Die Kollegen können ja die Berichterstattung von vergangenem Jahr noch einmal senden.

Kampf ums Augenlicht

Ich habe gerade ARD Exclusiv „Kampf ums Augenlicht“ gesehen. Die Reportage zeigt wie Leuten mit Retinitis Pigmentosa erstmalig Chips ins Auge eingesetzt werden, in der Hoffnung, sie wieder sehend zu machen. Surprise, surprise, am Ende des Filmes sieht natürlich keiner der Probanden. Nur einer kann eine Lichtquelle orten. Das ist aber etwas, was viele Leute mit RP noch können: Hell und dunkel von einander unterscheiden und Lichtquellen finden. Eine Information, die in dem Film schlicht und einfach fehlt. War das nun also der Chip oder konnte das der Proband sowieso?

Der Film ist nichts für schwache Nerven. Da wird genau gezeigt, wie ein Kabel zwischen Ohr und Auge verlegt wird und wie das Auge aufgeschnitten wird, um den Chip einzusetzen. Auch dass es den Probanden nach der OP nicht so besonders geht, wird gezeigt. Einer hat ein riesiges blutunterlaufenes Auge wie nach einem Boxkampf. Während des Filmes verlässt einen dann auch noch die Freundin. Überhaupt sind das ziemliche Strapazen, die die Leute da auf sich nehmen. Das Prozedere dauert Wochen und ich frage mich, ob die denn psychologisch betreut wurden während des ganzen Theaters. Auch die Familien? Ich glaube, sogar der Autor des Films hat am Anfang geglaubt, von einer Heilung berichten zu können. Im Film kippt das dann aber. Die Ärzte haben den Leuten Hoffnungen gemacht, die sie nicht erfüllen können – und wenn ich mal eine Prognose abgeben darf, auch nicht werden. Alle zwei Jahre, wenn die Fördergelder wieder auslaufen, wird das Thema Retina Implant in den Medien gehypt. Die EU hat bereits 10 Millionen Euro in das Projekt gesteckt. Davon hätte man ganz Deutschland mit Blindenampeln ausstatten können, an besseren Orientierungssystemen arbeiten können oder was auch immer. Ich bin wirklich nicht technologiefeindlich, aber ich glaube die sind einfach auf dem Holzweg.

Die Sendung wird am Montag um 18 Uhr auf 3sat wiederholt.

On air

Heute war ich das erste Mal bei BBC on air. Ich habe einer Frau aus Simbabwe meine Stimme geliehen. Der Tontechniker war sehr geduldig und ich weiß jetzt, wie man „clothes“ korrekt ausspricht. Es hat aber ganz gut geklappt. Ich habe zwar schon viel für Radio und Fernsehen vertont, aber noch nie in Englisch. Da hilft einem der Sprechunterricht in Deutsch nur bedingt weiter…

P.S.: Wer es sich anhören will, die Sendung gibt es hier zum Nachhören. Einfach rechts auf Tuesday klicken. Mein Text kommt in der 50. Minute

Arbeitserlaubnis

Heute hat mich jemand gefragt, ob es schwer für mich war, eine Arbeitserlaubnis für England zu bekommen. Ich glaube, die EU müsste dringend mal eine Imagekampagne hier starten. Die Briten wissen teilweise gar nicht, welche Vorteile die EU ihnen bringt. Ich habe dann mal einen Crashkurs gegeben – von Arbeitserlaubnis bis Rentenversicherung. Die Reaktion kam prompt „Dann hat das ja doch einen praktischen Nutzen.“ Ja, hat es. Ich profitiere tagtäglich davon, aus einem Mitgliedsstaat der EU zu kommen – nur einmal bin ich falsch beraten worden. Ein Rechtsratgeber (Buch) und mein Council behaupteten, ich könne die Disability Living Allowance als Ausländerin nicht sofort beantragen. Ich dachte mir noch, dass das so nicht sein kann. EU-Bürger sind Inländern ja grundsätzlich gleich gestellt. Wenn ich aus Indien oder den USA gekommen wäre, hätten die Leute recht gehabt. So hatte ich recht, habe es aber leider ein bisschen spät gemerkt.

Gekommen, um zu bleiben

Ich habe mich entschlossen, vorerst in London zu bleiben. Deshalb habe ich am Wochenende bei dpa gekündigt. Ich war ja bei dpa sechs Monate beurlaubt und hätte im Juli zurück auf meine Stelle gehen können. Jetzt habe ich mich entschieden, zu bleiben. Die Gründe hierfür stehen ja bereits ausführlich in diesem Blog. Ab Mitte April bin ich in der Wirtschaftsredaktion bei BBC World TV. Bitte Daumen drücken, dass das alles so gut weitergeht wie bisher.

Words of the week

Dann starte ich mal meine kleine Serie an neuen Vokabeln. Ich habe mir gedacht, ich liste immer am Wochenende die Wörter auf, die ich unter der Woche gelernt habe. Ihr findet sie alle unter der neuen Kategorie „Words of the week“.

casual – in der Medienbranche ein Begriff für freie Mitarbeiter
appraisal – Personalgespräch
outlook, future prospects – Ausblick
salubrious – heilsam
to leverage something – etwas zu seinem Vorteil nutzen
nasty – böse, gemein
self-conscious – auf sich selbst bezogen, sich seiner selbst bewusst sein
tramp – Landstreicher
let’s face it – seien wir ehrlich
to get rid of something – etwas loswerden
skinflint – Geizhals

Recherche

Seit der Artikel in der taz erschienen ist, häufen sich die E-Mails mit Fragen zu England. Ich bin durchaus bereit, Leuten Tipps zu geben und tausche mich gerne über alles mögliche mit Menschen aus. Was ich aber nicht tue ist, für Studenten und schon gar nicht für Journalisten, Gesetzestexte, Daten, Fakten und sonstige Dinge zu recherchieren. Ich kenne auch keine Statistiken über Auswanderer, behinderte Menschen und auch nicht über britische Medien. Und die Pressestelle der BBC ist hier erreichbar.

Comedy and Disability

Heute bin ich ein wenig früher gegangen, um vom Bush House zur BBC White City zu fahren. Dort gab es eine Veranstaltung für behinderte BBC-Mitarbeiter. Es wurde diskutiert, wie das Thema Behinderung in Comedysendungen integriert werden sollte und wie nicht. Allein dass das die BBC mit ihren behinderten Mitarbeitern diskutiert, finde ich ausgesprochen beeindruckend.

Noch beeindruckender fand ich allerdings die Menschen, die ich da kennengelernt habe: Einen blinden Politikredakteur, einen Auslandsredakteur ohne Arme, gehörlose Kollegen. Und fast alle Journalisten und Programmmacher, an die hundert Leute. Ich wette, in Deutschland gibt es im ganzen Land nicht so viele Journalisten und Programmmacher mit einer sichtbaren Behinderung wie heute in diesem Raum.

Das Geheimnis britischer Ampelanlagen

Ich habe mich in London schon länger gewundert, warum es nur so wenige akustische Ampeln gibt. Auf der einen Seite, sind überall Noppen auf dem Boden, damit sich blinde Menschen orientieren können. Nur über die Straße kommen sie nicht. Es passte irgendwie nicht ganz zusammen. Nun bin ich dahinter gekommen. Es gibt eine nicht hörbare Möglichkeit für blinde Menschen mitzukriegen, ob die Ampel rot oder grün ist.

Das hier ist ein normales Tableau, wie es an jeder Ampel in London zu finden ist. Fußgänger müssen das Signal so gut wie immer anfordern.

Ampel

Unter dem Tableau gibt es allerdings einen kleinen Kegel. Wenn es grün ist, dreht der sich. Blinde Menschen können also ertasten, ob es rot oder grün ist. Ich habe in den vergangenen Tagen Stichproben gemacht, den Kegel gibt es an jeder Ampel, wenn ihn nicht irgendwer abgerissen hat.

Kegel unter der Ampelschaltung

Eine Million Unterschriften

Das Europäische Behindertenforum möchte mit einer Million Unterschriften eine umfassende Antidiskriminierungsgesetzgebung in der EU für behinderte Menschen durchzusetzen. Es geht unter anderem um das Recht auf gleichen Zugang zur Bildung, das Recht auf Gleichbehandlung in Beruf und Beschäftigung und das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben in der Gemeinschaft. Zum Unterschreiben gehts hier lang.