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Archiv für 28.3.2007

Kleingeist in Basingstoke

Ich muss gestehen, ich kenne das Land nicht wirklich, in dem ich lebe. Ich kenne London, ich war als Schülerin zwei Mal zu einem Sprachkurs in Oxford und ich kenne Basingstoke. Dort war ich vorletztes Jahr mal auf Dienstreise, weil dort Motorola UK sitzt. Jetzt gibt es eine schöne Geschichte aus Basingstoke: Ein Pubbesitzer will keine behinderten Gäste mehr haben – keine Rollstuhlfahrer und keine Gäste mit Krücken. Das hat er jetzt auch genauso der örtlichen Zeitung gesagt.

Titel des Basingstoke Observer

Der Aufschrei ist groß. Unter anderem meinte er, behinderte Gäste würden eh nur Orangensaft trinken. Ihm würden Einnahmen entgehen, wenn er behinderte Menschen hineinlasse. Nun gibt es in England ein Antidiskriminierungsgesetz für behinderte Menschen. Die Disability Rights Commission ist schon alarmiert und ich bin gespannt, wie das weitergeht. Ich tippe mal auf Geldbusse und Auflagen. Nicht, dass ich glaube, dass der Typ hinterher weniger behindertenfeindlich ist. Aber für mein Gerechtigkeitsgefühl wäre das schon gut. Und ich hoffe, dass die Menschen in Basingstoke da einfach nicht mehr hingehen. So viel gesellschaftliches Engagement müsste doch machbar sein…

Warum ich nichts mehr über Silverlink schreibe

Wie Ihr bereits bemerkt habt, schreibe ich nichts mehr über Silverlink. Nicht, dass sich der Service enorm verbessert hätte, ich fahre nicht mehr mit dem Zug zur Arbeit. Ich habe einen neuen Weg gefunden. Ich fahre mit dem Bus zum Fernsehzentrum der BBC, nehme von dort den barrierefreien (!) Mitarbeiterbus in die Innenstadt. Der hält nur leider nicht am Bush House. Stattdessen nehme ich einen dritten Bus und fahre dorthin. Da es nicht mehr so kalt ist und die Sonne wirklich oft scheint, ist der Weg zwischen den Bushaltestellen erträglich. So rolle ich jeden Morgen ein wenig spazieren, bin aber dennoch schneller da. Hinzu kommt auch noch, dass sich meine Arbeitszeit auf 12 Uhr nach hinten verschoben hat. Ich kann jetzt jeden Tag ausschlafen und kann abends trotzdem noch was unternehmen, weil ich nur bis 20 Uhr arbeite. Aber ab Mitte April hat auch das ein Ende. Da arbeite ich wieder zu weniger studentischen Zeiten, brauche aber auch nur noch 10 Minuten bis zu Arbeit.

Deutsches Schulsystem ist diskriminierend

Mit Freunde habe ich die Berichterstattung zum Munoz-Bericht verfolgt. Da sagt doch der UN-Sonderberichterstatter, das deutsche Schulsystem schließe Migrantenkinder und Kinder mit Behinderungen aus. Kurzum, ich finde der Mann hat recht: Nur 12 Prozent aller behinderten Kinder in Deutschland besuchen eine Regelschule. Der Rest geht in Sonderschulen. In „Blindenschulen“, „Körperbehindertenschulen“, „Gehörlosenschulen“, „Geistigbehindertenschulen“ und was es sonst noch so gibt. Und wer als Eltern eines behinderten Kindes möchte, dass das Kind in eine Regelschule geht, hat einen langen Kampf vor sich. Und dann hört es ja nicht auf: Als ich in der Orientierungsstufe war (so hieß die 5. und 6. Klasse in meiner Gesamtschule) sollte ich keine Empfehlung fürs Gymnasium bekommen, obwohl ich ein gute Schülerin war. Der Grund: Der Realschulzweig war nicht ausgelastet und der Leiter dieses Zweiges war der Auffassung, dass ich ja eh kein Abitur brauche. Eine couragierte Lehrerin erzählte das meinen Eltern. Der Lehrer hatte das in einer Lehrerkonferenz gesagt. Und ich kenne viele „Kinder“ von Ausländerfamilien, die eine ähnliche Geschichte zu erzählen haben.

So lange wir es nicht schaffen, behinderte Kinder in die Gesellschaft zu integrieren, das heißt mit allen anderen Kindern in die Schule zu schicken und ihnen eine optimale Förderung zu geben, werden wir es auch nie schaffen, Erwachsene mit einer Behinderung wirklich teilhaben zu lassen. Was Hänschen nicht lernt… Und wer wissen will, wer an der Misere schuld ist, muss sich nur mal die Reaktionen durchlesen. Getretene Hunde jaulen, habe ich beim Lesen der Artikel oft gedacht. Es gibt kaum eine Berufsgruppe in Deutschland, die in den vergangenen Jahrzehnten mehr zur Aussonderung behinderter Menschen beigetragen hat als die der Lehrer (ich weiß natürlich, dass es auch sehr engagierte Lehrer gibt).

Ich erwarte von den Lehrergewerkschaften mal ein vernünftiges Papier zur Integration behinderter Schüler. Und zwar in dem nicht nur darüber gejammert wird, welch Belastung behinderte Schüler in einer Klasse für den Lehrer doch sind und wie viel Zusatzarbeit das erfordert. Sondern in dem vielleicht mal was von „Bereicherung“ steht. Es ist nie zu spät, vergangene Fehler zu reflektieren und umzusteuern. Dazu gehört dann auch, dass Sonderpädagogen ihren Fuß über die Schwelle einer Regelschule heben müssen und es wirklich um individuellen Förderbedarf geht und nicht um das „Was für A gut ist, muss auch für B richtig sein“-Prinzip.

Words of the week

In dieser Rubrik sammele ich Wörter und Begriffe, die ich hier Tag für Tag aufschnappe und lerne.

to stifle something / someone – sich in etwas / in jemandem verbeißen
fly-tipping – illegales Müllabladen
to dodge – sich drücken
goosebumps – Gänsehaut
suspicious – verdächtig
addled – faul (Lebensmittel)
gentrififcation – Wenn in einem Wohngebiet eine statusniedrige Bevölkerung durch eine statushöhere Bevölkerung ausgetauscht wird
blatant – eklatant

Gefangen im Linienbus

Der Morgen fing eigentlich ganz vielversprechend an. Die Sonne schien, es war nicht mehr ganz so kalt und ich erreichte den Bus noch pünktlich, obwohl ich ein bisschen getrödelt hatte. Der Busfahrer fuhr die Rampe aus, ich fuhr in den Bus. Der Fahrer fuhr die Rampe wieder ein. Aber auf halbem Weg blieb sie stecken. Es war nichts zu machen. Nicht mit Gewalt, nicht mit Bus neu starten. Nichts half. Da der Gang zur Vordertür zu schmal war, konnte ich auf diesem Weg nicht mehr aus dem Bus. Die hintere Tür war durch die Rampe blockiert. Der Busfahrer ließ alle Leute aussteigen. Die nahmen den nächsten Bus. Nur ich war im Bus gefangen.

Der Fahrer funkte seine Zentrale an. Die sagten, sie schicken einen Techniker, so schnell es geht. Eingesperrte Rollstuhlfahrerinnen sind auch für Transport for London eine ernsthafte Sache. In der einstündigen Wartezeit lernte ich mein Busunternehmen näher kennen. Den Busfahrer, der mich über alles aufklärte, was die Qualitätssicherung anging. Er zeigte mir die Protokolle, die bewiesen, dass der Bus und die Rampe heute morgen noch funktionierte. Und er erzählte mir alles über seinen Alltag – wie er bezahlt wird (nach gefahrenen Kilometern!) und was jetzt in der Zentrale abläuft, wenn so etwas passiert. Ich kam mir schon vor als gehörte ich zum Busunternehmen. Zum Inventar gehörte ich ja bereits gezwungenermaßen.

Nach etwa einer Stunde kam ein Techniker in einem Einsatzfahrzeug. Der war super nett und kletterte unter den Bus, um die Rampe per Hand einzufahren. Keine leichte Aufgabe, wie sich herausstellte. Als er gerade unter dem Bus hervorgeklettert war, gab es einen riesen Knall. Ein LKW war gegen den Bus gefahren. Die Haltestelle ist relativ eng und liegt an einer Schnellstraße (fast schon Autobahn) und der LKW ist einfach zu dicht am Bus entlang gefahren, hat die hintere Ecke mitgenommen und den Spiegel abgerissen. Sowohl Fahrer, Techniker als auch ich waren ziemlich erschrocken. Der Techniker war aber so geistesgegenwärtig und rannte dem LKW hinterher. Der hielt nämlich nicht, sondern fuhr weiter. Es war nicht viel passiert. So ein Bus hält ja was aus und ich habe einen guten Schutzengel.

Der Techniker machte sich anschließend an der Elektronik zu schaffen. Die war auch irgendwie gestört. Die Rampe ließ sich jetzt gar nicht mehr bewegen. Er war aber erfolgreich und reparierte auch den Elektronikschaden. Nach dem Schock mit dem LKW wollten sie mich gar nicht mehr aussteigen lassen, sondern teilten der Zentrale mit, es sei zu gefährlich mich da ein- und aussteigen zu lassen. Sie würden mich zur BBC White City fahren. Von da aus konnte ich einen Shuttlebus in die Innenstadt nehmen. Nach 2 1/2 Stunden kam ich endlich in der Redaktion an. Die hatte ich natürlich angerufen und ihnen mitgeteilt, dass ich leider im Linienbus gefangen bin. Aber die kennen mich unterdessen und wundern sich über nichts mehr.

Dauerbrenner Routemaster

London diskutiert immer noch über die Routemaster. Behindertenverbände wollen die letzten alten Busse aus der Stadt verbannen. Auf den Strecken 9 und 15 fahren zusätzlich zu den neuen Bussen tagsüber auch noch alte Busse – in erster Linie für Touristen. Ich nutze die Route 9 fast täglich und kann die Aufregung nicht wirklich verstehen. Die Aussage in manchen Kommentaren, Rollstuhlfahrer würden die Strecke eh nicht nutzen, ist damit wiederlegt. Bislang kam aber immer hinter einem Routemaster direkt ein neuer barrierefreier Bus. Sollen die Touristen doch in den alten Bussen durch die Stadt fahren, wenn sie Lust darauf haben. Allerdings sind die Routemaster nach meinen subjektiven Beobachtungen fast immer leer. So weit geht die Liebe zu den Routemastern dann irgendwie doch nicht. Ich finde die Reaktion der Behindertenverbände dennooch ein wenig übertrieben.

Ich habe mich aber schon gefragt, ob man nicht ein paar Routemaster auch für Rollstuhlfahrer zugänglich machen kann. Das wäre doch ein guter Kompromiss…

Bürokratie in UK

Ich bin unterdessen Profi, was den Umgang mit Behörden hier angeht. Wer in Deutschland in die Behörden-Schule gegangen ist, der meistert die britische Bürokratie mit Links. Ich habe derzeit zwei Anträge laufen: Einen Antrag auf Disability Living Allowance (DLA) und den „Access to work“-Antrag. DLA ist so etwas wie Blindengeld, nur dass es in Großbritannien jeder bekommt. Wer DLA bekommt, hat einen Status, der so ähnlich ist wie der deutsche Schwerbehindertenstatus. Das heißt, man ist automatisch qualifiziert bei anderen Anträgen etc.

Derzeit verhandele ich mit der „Access to work“-Behörde. Die wollten 1000 Sachen von mir haben. Haben sie alle bekommen. Das einzige, das ich nicht liefern konnte, war ein Attest. Mein GP (Hausarzt) hat sich nämlich geweigert eines auszustellen. Er kenne mich zu wenig. Als ich Türschwelle dieser Praxis das erste Mal hinter mir gelassen hatte, war mir schon klar, dass ich mit dieser Praxis noch viel Spaß haben werde. Aber ich kann den Arzt nicht wechseln, weil der einzige für meine Region ist. Mein Hinweis darauf, dass man ziemlich leicht feststellen kann, ob ich simuliere oder nicht, verhallte. Er wollte mir nichts bescheinigen.

Ich habe der Behörde das dann genauso mitgeteilt und ihnen folgendes angeboten: Ein englischsprachiges Attest aus Deutschland, eine Kopie meines deutschen Schwerbehindertenausweises, aus dem hervorgeht, dass ich 100% Prozent schwerbehindert bin, eine amtliche Übersetzung meines Bescheides, dass ich schwerbehindert bin. Alternativ bat ich sie, sich doch bitte selbst mit dem Arzt in Verbindung zu setzen oder mich zum Amtsarzt zu schicken. Die Reaktion war verblüffend. Sie wollten plötzlich keinen Attest mehr. Sie hatten nur noch eine Frage: Warum ich denn um alles in der Welt in Deutschland als 100% schwerbehindert eingestuft sei. Ich könne doch nur nicht laufen! Ich habe ihnen dann erklärt, dass das in Deutschland so klassifiziert sei. Dann haben sie mich gefragt, ob ich in Deutschland auch DLA bekommen hätte. Als ich ihnen sagte, dass es sowas in Deutschland nicht gibt, machte sich am anderen Ende der Leitung Fassungslosigkeit breit. Ich erklärte, dass es nur Blindengeld in Deutschland gibt und eine Pflegeversicherung. Aber dass es keinen Nachteilsausgleich in Form von Geld gebe, lediglich einen Steuerfreibetrag. Dann kam die nächste Frage: Warum denn in Deutschland nur die Blinden Geld bekämen und sonst niemand? Das war eine Frage, die ich ihnen nicht beantworten konnte.

Die DLA-Behörde wollte wissen, wie lange ich in das deutsche Sozialsystem eingezahlt habe. Mich würde mal interessieren, ob die sich ein Teil des Geldes aus Deutschland holen. Weiß das jemand? Dann müsste Deutschland indirekt doch DLA zahlen. Dass man dafür erst ins Ausland gehen muss…

Gesunde Mitarbeiter – gesunde Unternehmen

Das Programm „Job ohne Barrieren“ des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales ist mir seit seiner Geburt suspekt. Da werden viele Laberveranstaltungen gemacht, aber ich ich würde gerne mal wissen, wie viele behinderte Menschen der dank „Job ohne Barrieren“ einen Arbeitsplatz gefunden haben. Es scheint mir als sei das eher ein Projekt, um die üblichen Verdächtigen zu finanzieren. Das BMAS hat jetzt eine Liste mit abgeschlossenen Projekten veröffentlicht. Da heißt doch tatsächlich das erste Projekt „Gesunde Mitarbeiter – gesunde Unternehmen“. Es dabei um das Eingliederungsmanagement kleiner und mittelständischer Unternehmen. Eine tolle Einstellung wird da den Unternehmen vermittelt. Nur ein gesunder Mitarbeiter ist ein guter Mitarbeiter. Und das mit meinen Steuergeldern…

Unterstützung für Alan Johnston

Wir Ihr vielleicht aus den Medien wisst, ist unser BBC-Kollege Alan Johnston seit einer Woche im Gazastreifen vermisst. Heute gab es deshalb eine Art Gedenkdemonstration vor dem BBC TV-Center und vor dem Bush House, in dem ich arbeite. Auch als es anfing zu schneien ging niemand. Diese Gedenkminuten waren sehr schöne Geste, wie ich finde. Weitere Informationen gibt es in der BBC-Pressemitteilung.

Twittersüchtig

So, jetzt hat es mich auch erwischt: Twitter. Da kann man der Welt mitteilen, was man gerade tut und sehen, was Freunde und Bekannte gerade tun. Mein Arbeitgeber BBC nutzt Twitter, um Nachrichten und Programmhinweise zu senden. Einfach mal nach BBC bei Twitter suchen.