Archiv für 7.2.2007

Wirklich willkommen

Ich bin für zwei Tage nicht in der Redaktion, weil ich an einem Willkommensseminar für neue BBC-Mitarbeiter teilnehme. BBC Upfront heißt das und ich muss sagen, ich bin schwer beeindruckt. Ich sitze mit 50 anderen neuen Mitarbeitern im Schulungszentrum und staune und freue mich, dass ich das erleben kann. Das Programm ist richtig gut und wir schauen viele Filme über die BBC – Geschichte, Porträts über Mitarbeiter, Ethik etc. Zwischendurch diskutieren wir viel und hören Vorträge von unterschiedlichen Leuten. Bei den Filmen war ich zwischendurch sprachlos. Der erste Film startete mit einer Sequenz, bei der Rollstuhlfahrer zu sehen waren. Im Interview waren dann verschiedene Mitarbeiter zu sehen, die erzählen, was ihnen an BBC gefällt. Darunter ein blinder Producer und ein gehörloser Mitarbeiter. Und das in einem Imagefilm, den jeder neue Mitarbeiter sieht! Ich habe mich sehr gefreut darüber. Die Filme sind zudem untertitelt und haben teilweise Gebärdenspracheinblendungen. Überhaupt ist der Kurs super barrierefrei.

Die Schulung findet in einem BBC-Gebäude in der Innenstadt statt – uralt, aber total barrierefrei. Von Türöffnern bis zu Schildern in Braille ist alles da. Bei allen Anmeldeformularen wird man gefragt, ob man besondere Anforderungen an die Barrierefreiheit hat. Ich gebe immer an, dass ich Rollstuhlfahrerin bin. Als ich heute ankam, sass meine Gruppe, der ich zugeteilt war, direkt am Eingang. Ein Stuhl war schon entfernt. Das fand ich fast so beeindruckend wie die Filme. Da gibt es keine Diskussion, ob das wirklich sein muss. Es wird einfach gemacht. Und das ist nicht das erste Mal, dass mir das auffällt. Ich muss nicht rumdiskutieren und nicht einmal wirklich etwas organisieren. In Deutschland diskutiert und rechtfertigt man ständig, wenn es um Barrierefreiheit geht und die Organisation kann man ganz oft auch noch übernehmen. Hier wird das von anderen Mitarbeitern erledigt, die das als Teil ihrer Aufgabe ansehen. Man nennt seine Anforderungen und jemand anderes kümmert sich darum, das umzusetzen. Was für eine Entlastung und man fühlt sich wirklich willkommen.

Kurios

Wolfgang möchte, dass ich sechs Kuriositäten über mich verrate. „Schreibe 6 komische oder kuriose Dinge über dich und gebe das Stöckchen an 6 Personen weiter“, lautet das Stöckchen. Na gut.

1. Meine Englischlehrerin meinte, ich käme in Englisch nie auf einen grünen Zweig. Jetzt arbeite ich für BBC.

2. Ich hatte Französisch bereits im Kindergarten und in der Grundschule. Anschließend habe ich mit Französisch als erster Fremdsprache in der Orientierungsstufe begonnen und das auch noch im „Intensivzweig“ mit Ziel Abi und Baccalaureat zweisprachig. Heute bin ich schon froh, wenn ich mein Essen richtig bestellen kann und „Ca va?“ über die Lippen kriege.

3. Meine Eltern haben seit Jahren ein Ferienhaus in Frankreich. Ich war aber noch nie da.

4. Ich war in Mathe legendär schlecht. Habe aber bei dpa über Quartalszahlen und Bilanzen vom Unternehmen geschrieben ohne mir einen ernsthaften Fehler zu leisten.

5. Wenn ich nicht an Weihnachten geboren wäre, hieße ich Andrea.

6. Ich habe mit 18 um eine Kiste Champagner gewettet, dass ich nie heirate. Ich hoffe, die Leute von damals haben das vergessen bis es soweit ist.

Kuriositäten möchte ich auch gerne von Jens, Katja, cabronsito, Lila, Björn und Thomas hören.

Die Tasche ist wieder da

Tasche

Die Tasche ist wieder da – allerdings mit Umwegen natürlich. Ich hatte heute morgen extra noch einmal in Hamburg angerufen, damit die veranlassen, dass die Tasche zur BBC geschickt wird. Um 15 Uhr rief der Fahrer an. Er stünde jetzt vor der Tür – vor meiner Wohnung. War ja klar… Ich habe ihm gesagt, dass ich nicht zu Hause bin und Germanwings dies auch mitgeteilt hatte. Er versprach mir, die Tasche zur BBC zu bringen.

Um 18.30 Uhr rief er an, er sei am Empfang. Ich erklärte ihm, dass ich bei einer Sendung arbeite, die gerade live sei und nicht kommen könne. Er soll das Gepäckstück einfach am Empfang abgeben. Ich würde es mir nach der Sendung holen. Aber das ging auch nicht. Die Rezeption würde das aus Sicherheitsgründen nicht annehmen (schon wieder Sicherheitsgründe!) und er brauche eine Unterschrift. Also bin ich wie eine Irre zum Empfang im anderen Gebäude gerast, die Tasche geholt, unterschrieben und zurück gedüst.

Ist noch alles drin. Sogar die Wasserflasche. Cheers!

Gepäck ist aufgetaucht

So, meine Tasche ist wieder aufgetaucht. Sie stand seit Samstag auf dem Flughafen Hamburg. „Für die nicht akzeptable Performance unseres Handlingsagenten Air Service Hamburg haben wir gestern eine Stellungnahme angefordert“, schreibt mir Germanwings. Das Gepäck ist jetzt auf dem Weg nach London – ich wollte eigentlich, dass es nach Hamburg ausgeliefert wird, aber wir wollen mal nicht kleinlich sein. Ich bin mal gespannt, wann es ankommt und ob ich es schaffe, Gatwick zu erreichen. Bei mir zu Hause ist ja keiner, die sollen es zur BBC schicken… Ich bin aber schon mal froh, dass ich Hoffnung haben darf, dass es irgendwann mal ankommt.

Gepäck weg

Wer hätte das gedacht? Meine Tasche ist auch nicht in London. Sie ist nirgendwo. Sie ist nicht einmal im Flughafencomputer registriert. Ich habe mit Germanwings in Köln telefoniert. Die waren sehr nett und bemüht, haben mir aber auch nicht wirklich viel Hoffnungen gemacht, da sie wirklich keinen Schimmer haben, was mit der Tasche passiert ist. Sie ist wie vom Erdboden verschluckt. Von irgendwelchen Sicherheitsbedenken redet keiner mehr. Am meisten trauere ich um die Tasche selbst. Sie war aus den USA von LeSportsac und die gibt es hier nicht. :-(

Willkommen in Deutschland

Am Zeitschriftenstand bei Karstadt. Ich hatte vergeblich nach dem „Spiegel“ gesucht.
Ich: „Haben Sie noch den ‚Spiegel‘ von dieser Woche?“
Verkäufer total pampig: „Sie stehen doch direkt davor.“
Ich total freundlich: „Entschuldigen Sie, das ist der ‚Stern‘.“
Verkäufer: „Müsste der denn nicht bei den anderen liegen?“
Ich erstaunt: „Das frag ich Sie.“
Dann bewegt er sich endlich und muss suchen.

Ich glaube, ich bin nach meine Zeit in England schwer integrierbar. Meine Erwartungshaltung gegenüber meinen Mitmenschen verändert sich gerade. Wenn ich etwas kaufen möchte, erwarte ich, freundlich bedient zu werden. Darauf kann man in sich in England verlassen (von Bahntickets und Briefmarken einmal abgesehen). Warum nicht in Deutschland?

Back to Germany

Seit gestern abend bin ich wieder in Hamburg, das erste Mal seit fast zwei Monaten. Und schon habe ich mich zwei Mal verfahren – wie schnell das Gehirn Informationen löscht, wenn sie nicht mehr abgerufen werden…

Es ist ein bisschen komisch, wieder hier zu sein. Aber ich habe heute ein Fischbrötchen gegessen und einen Berliner. Komisch, was man plötzlich vermisst, wenn man es nicht mehr hat.

Ich bin übrigens ohne Tasche hier. Die ist leider in London geblieben und wird mir auch nicht nachgeschickt, da sie angeblich in London nicht durch die Sicherheitskontrolle kommt, teilte mir Germanwings mit. In der Tasche befindet sich: Ein Rock, zwei Blazer, eine Bluse, Unterwäsche und eine Flasche Vittel. Huh, huh, huh, gefährlich… Ich tippe mal auf die Wasserflasche, die das Sicherheitsrisiko darstellt. Dabei wollte ich sie schon wegschmeißen, aber die Dame am Checkin sagte noch „Stecken Sie sie doch in Tasche“. Ganz toll! Ich habe nämlich nur noch wenig Klamotten in Hamburg und war dann heute erstmal einkaufen.

Adrenalin

Ich habe bislang lauter Dinge bei BBC gemacht, die ich von der Pieke auf gelernt habe: Themen recherchieren, Leute finden, Sendung vorbereiten. Die Herausforderung ist nachwievor, dass ich das auf Englisch machen muss, aber das wird immer mehr normal. Heute hat mir der diensthabende Redakteur einen 60-minüten Adrenalinstoss verpasst. Ihm fiel 15 Minuten vor der Livesendung ein, dass ich in der Studioregie die Anrufer und Gäste per Telefon zuschalte. Erwähnenswert ist vielleicht noch, dass ich die Software nur rudimentär kenne, das heißt kannte. Jetzt bin ich fit. Denn das ist richtig Stress: Die Software kapieren, die Leute anrufen, auf die Leitungen verteilen, aufpassen, wann sie fertig sind, verabschieden, die nächsten anrufen. Und zwischendurch noch dem Toningenieur Anweisungen zurufen und Anweisungen vom Redakteur entgegennehmen und vor allem verstehen. Und immer aufpassen, dass keiner aus der Leitung fliegt und rechtzeitig angerufen wird. Und das bei Anrufern aus der ganzen Welt mit teilweise bescheidenen Telefonverbindungen. Es war wirklich Adrenalin pur, aber ich habe es ohne Panne geschafft. Ich hatte immer genug Leute in den Leitungen, die der Moderator ansprechen konnte und zudem auch noch die Richtigen. Livesendungen sind wirklich nichts für schwache Nerven.

Das „Mich versteht hier ja eh keiner“-Syndrom

Seit ich in London bin, beobachte ich eine Krankheit, die unter Deutschen, die hier sind, sehr weit verbreitet ist: Das „Mich versteht hier ja eh keiner“-Syndrom. Diese Krankheit tritt vor allem in öffentlichen Verkehrsmitteln zu Tage, ist aber bei Männern und Frauen gleichermaßen verbreitet.

Deutsche erzählen sich Dinge, die sie niemals in einem deutschen Bus erzählen würden – da versteht sie ja jeder. Sie würden auch nicht Handytelefonate führen, in denen sie versuchen, zwei Frauen unter einen Hut zu kriegen. Die eine darf von der anderen natürlich nichts erfahren. Ich habe einen Mitreisenden, den ich abends manchmal im Bus treffe, über den weiß ich bereits wo er herkommt, dass er fremd geht und wieviel er verdient. Ich finde das ist nicht schlecht für eine 10-minütige Busfahrt. Und nein, ich höre nicht extra hin. Er steht vor mir, plärrt in sein Handy und telefoniert jedesmal mit einem Gesichtsausdruck als sei er sicher, dass ihn ja eh keiner versteht.

Dann gibt es aber auch Frauen, die hemmungslos ihrer besten Freundin erzählen, wie gut welcher Mann im Bett ist. Dass sie jetzt aber doch mal langsam heiraten wollen. Sie hat ihn da vor vollendete Tatsachen gestellt: Entweder heiraten oder es ist aus. Kann man ja mal drüber reden. Versteht ja eh keiner.

Und am meisten mag ich die Leute, die über mich reden. Das sind meist Touristen oder Österreicher oder beides. „Hast Du gesehen, die fährt ganz alleine Bus.“ – „Ja, das britische Gesundheitssystem ist ja so schlecht.“ – „Aber schon toll, dass die Busse Rampen haben. Gibt es das bei uns auch?“
Ich lächel dann immer schön freundlich, nur wenn sie zu blöd daherreden, sprech ich sie auf Deutsch an. Das ist dann immer sehr lustig – für mich jedenfalls.