Archiv für 23.10.2006

Die Polizei, Dein Freund und Helfer?

In Dortmund wurde ein gehörloser Mann überfallen, teilt die Polizei Dortmund in einer Pressemitteilung mit. Nur leider nicht so, sondern mit der gewählten Überschrift „Räuber verletzten Taubstummen“. Und auch ansonsten ist vom „taubstummen Geschädigten“ die Rede. Für gehörlose Menschen ist das Wort „taubstumm“ etwa so beleidigend wie das Wort „Bulle“ für Polizisten. Okay, kann man sagen, wußten die Damen und Herren in der Pressestelle nicht besser. Auch wussten sie nicht, dass das Opfer wohl nicht mit „Gesten“ kommuniziert, sondern in Deutscher Gebärdensprache.

Wo ich aber wirklich sauer werde ist, wenn ich lese, es liege keine Täterbeschreibung vor. Kann es vielleicht daran liegen, dass kein Gebärdensprachdolmetscher hinzugezogen wurde? Oder ein gebärdensprachkompetenter Polizist? Die gibt es nämlich in Nordrhein-Westfalen. Und das, obwohl das Opfer verletzt war und ambulant behandelt werden musste? Das, liebe Polizei in Dortmund, fände ich höchst bedenklich. Wenn man sich nicht bemüht, eine Täterbeschreibung zu bekommen, dann kriegt man auch keine. Einem gehörlosen Opfer eines Raubüberfalls, das in Gebärdensprache kommuniziert steht ein Gebärdensprachdolmetscher zu. Erst recht, wenn es ins Krankenhaus muss. Tätern übrigens auch. Immer.

Singapur will barrierefreier werden

Singapur will etwas für seine Barrierefreiheit tun, berichtet Channel NewsAsia. Dazu kann ich nur sagen: Das wurde aber auch Zeit. Es ist mir ein Rätsel, wie eine derart moderne Stadt so wenig barrierefrei sein kann. Es fehlt an den elementarsten Dingen: Bürgersteige sind nicht abgeflacht. Man macht sich strafbar, wenn man die Straße nicht per Fußgängerbrücke ohne Fahrstuhl überquert. Man bekommt kaum barrierefreie Hotelzimmer und ich habe keinen einzigen Niederflurbus gesehen. Bei der U-Bahn fehlen Fahrstühle, wie überhaupt alles mit Rolltreppen erreichbar ist, aber oft die Fahrstühle fehlen.

Also ich hoffe, das sind nicht nur fromme Ankündigungen. Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, nicht nochmal nach Singapur zu fahren, nicht zuletzt wegen der nicht vorhandenen Barrierefreiheit. Aber ich überlegs mir dann nochmal.

via Rolling Rains

Geschichte des Rollstuhls

Charles Dawson hat in seinem Blog die Geschichte des Rollstuhls niedergeschrieben. Sehr sehenswert sind die Abbildungen von alten Rollstühlen. Ich bin dann doch froh, heute zu leben und nicht vor 300 Jahren.

Behinderte Veteranen

Jeder fünfte amerikanische Soldat kommt mit einer Behinderung aus dem Irak und Afghanistan zurück, schreibt die New York Times. Die meisten haben Funktionsstörungen der Muskeln und Knochen. Ich nehme an, darunter fallen Amputationen, Querschnittlähmungen und folgenschwere Knochenbrüche.

Wenn ich sowas lese, muss ich immer daran denken, dass es Leute gibt, die glauben, Behinderung sei etwas, das es in Zukunft nicht mehr gibt. Ich glaube, das Gegenteil ist der Fall.

Redlich bemüht

Sie haben es geschafft: Es gab in dem Theater tatsächlich eine Rampe. Also zumindest etwas, was Menschen, die sich nicht wirklich mit der Materie auskennen, als Rampe bezeichnen. Genauer gesagt gab es zwei einzelne Auffahrschienen, die auf die Treppe gelegt wurden. Da es sich um etwa sechs Stufen handelte, war die Steigung bei rund 20 Prozent. Mein Urteil: Sie haben sich redlich bemüht, das reicht halt nicht immer und muss ich nicht noch einmal haben. Ich streiche das Theater am Holstenwall von der Liste meiner „Kommt man akzeptabel rein“-Locations. Essen und Getränke gab es später unten und es wurde dann doch noch ein netter Abend.

Plazes und Vodafone

Kann mir jemand sagen, warum Plazes bei den Vodafone-Hotspots in den Lufthansa-Lounges nicht läuft? Mehrfach getestet in München, Hamburg und derzeit in Frankfurt. Die Software erkennt nix und schickt ein Error. In allen Lounges? Das kann kein Zufall sein. Irgendwelche sachdienlichen Hinweise?

Religion versus Behinderung

In London, Australien und Norwegen sind Fälle bekannt geworden, in denen sich muslimische Taxifahrer geweigert haben, blinde Kunden mit Führhund zu transportieren. Die Hunde seien in ihren Augen „unrein“ verteidigen sich die Fahrer.

Ich habe dazu eine ziemlich klare Meinung (und die mit einigen Fällen befassten Gerichte offensichtlich auch): Wer als Taxifahrer keine Blindenhunde transportieren will, sollte sich einen anderen Job suchen.

Via Deafbiz.com

Yahoo! barrierefrei

Nein, nicht die Suchmaschine. Das Gebäude in Barcelona. Yahoo! hat gerade in Barcelona ein Forschungszentrum eröffnet – in einem richtig alten Gebäude. Nun ist es nicht im klassischen Sinne barrierefrei, aber man hat sich bemüht, würde ich mal sagen.

Das hier ist keine Telefonzelle, das ist der Fahrstuhl – durchaus mit antikem Wert.

Alter Holzfahrstuhl mit Bank und Telefon

Ein kurzer, schmaler Rollstuhl wie meiner passt hinein. Für die anderen siehts eher schlecht aus.

Ganz gut gelöst fand ich ja das Überwinden der Marmortreppe am Eingang.

Rampe auf einer Marmortreppe

Ein Geländer wäre noch ganz gut, aber da sie das Haus erst vor wenigen Wochen bezogen haben, nehme ich mal an, dass das noch kommt. Interessant finde ich, dass sie sich überhaupt bemüht haben, die Niederlassung trotz der alten Bausubstanz einigermassen barrierefrei zu machen. Oben in den Räumlichkeiten gibt es eine super ausgestattete Behindertentoilette. Ich finde sehr faszinierend, dass die amerikanischen Unternehmen weltweit das amerikanische Konzept von Barrierefreiheit durchziehen. Bei Microsoft in Indien gab es auch eine Behindertentoilette. Ich kann mir kaum vorstellen, dass sich deutsche Unternehmen an die DIN zu barrierefreiem Bauen halten, wenn sie eine Niederlassung im Ausland eröffnen. Zumal in den meisten Bundesländern sie nicht mal im Inland verpflichtet wären barrierefrei zu bauen, wenn es sich um ein privates Firmengebäude handelt.

Ich komme – wenn es barrierefrei ist

Anruf einer PR-Agentur. Termin, blabla, Ort: Theater. Einladung kommt per Mail.

Ich maile zurück: „Herzlichen Dank für die Einladung. Können Sie für mich in Erfahrung bringen, ob das Theater rollstuhlgerecht ist. Ich bin Rollstuhlfahrerin. Herzlichen Dank!“

Wieder Anruf PR-Agentur: „Meine Kollegin, die Sie kennt, hat mich schon darauf hingewiesen, dass es da ein Problem geben könnte. Das Theater sagt, die Theatertechniker tragen Rollstuhlfahrer immer die Treppe hoch.“
Ich: „Das ist für mich keine Option. Dann kann ich leider nicht an Ihrer Veranstaltung teilnehmen.“
Schweigen. Dann: „Das Theater sagte, mit etwas Aufwand könnten sie auch eine Rampe hinlegen.“
Ich: „Ja bitte, das wäre gut. Bitte besorgen Sie die Rampe. Wenn eine daliegt, komme ich gerne. Wenn nicht, geh ich wieder.“ Erstaunen am anderen Ende der Leitung.

Wenig später wieder eine Mail: „Das Thetaer hat mir gerade fest zugesagt, dass es eine Rampe geben wird.“ Na bitte, geht doch. Aber so ganz glaub ich noch nicht dran. Aber macht nix, ich fahr vorbei, schau mir das an und sonst geh ich wieder. Ich liebe diese semi-barrierefreien Kann-man-Hingehen-Muss-man-nicht-Termine. Da wird Barrierefreiheit plötzlich zum PR-Element. Da müssen sich dann PR-Agenturen überlegen, ob sie eigentlich nicht eine klitzekleine Anforderung an die Location bei der Planung vergessen haben. Huch, sowas Lebensnahes plötzlich!

Diskussion, Upgrade, investigative Recherche

Alles begann mit einem wortgewaltigen und gestenreichen Ausbruchs eines Flughafenangestellten, der für die Assistenz behinderter Passagiere am Flughafen Barcelona zuständig ist. Ich kann kein Spanisch, aber ein wenig Portugiesisch – dank meines angetrauten angelachten portugiesischen Familienclans. Ausbrüche dieser Art sind mir jedenfalls nicht fremd. Was wir in Deutschland als aufbrausend oder gar tiefen Streit empfinden würden, gilt auf der iberischen Halbinsel als bestimmt vorgetragene Meinungsäußerung.

Soweit es mein Kombinationsgeschick zuließ, verstand ich, dass der Assistenzmensch mit der Lufthansa eine Grundsatzdiskussion darüber eröffnete, warum behinderte Passagiere denn in Reihe 6 sitzen müssen, wenn es noch zwei weitere Eco-Reihen weiter vorne gibt und noch 3 Business-Reihen, die leer sind. Es war ein großartiges Schauspiel, denn eine für mich nachvollziehbare Begründung (zumindest was die Eco-Sitze angeht) dafür habe ich bislang noch nicht gehört und die Mitarbeiter hatten auch keine parat.

Das Problem ist, dass die Gänge bekanntlich sehr schmal sind (mit der neuen Bestuhlung noch einmal schmaler) und der Bordrollstuhl gerade so durchpasst, was sowohl für die Assistenzleute als auch für den Passagier mehr als anstrengend ist und blaue Flecken verursacht. Bei dieser Prozedur zählt jede Reihe.

Die Frau am Gate wollte nicht entscheiden, mich umzusetzen, und rief ihre Supervisorin. Die war Deutsche und kam mit dem emotionalen Ausbruch des Spaniers weit weniger klar als ihre spanische Kollegin, die ihn abwimmelte. Ich fragte immer zu „What’s the problem?“. Keiner reagierte. Die Supervisorin wollte auch keine Grundsatzdiskussion führen und gab das Problem an den Kapitän weiter. Es war ein großartiges Schauspiel und ein Lehrstück interkultureller Kommunikation. Der Kapitän beendete diesem Theater ein Ende und sagte: „Setzen Sie die Passagierin auf 1A.“ Ende der Ansage. Ich empfand das als durchaus weise Entscheidung und freute mich über das Upgrade in die Businessclass. Zudem passt im Airbus 321 mein Rollstuhl bis vor die erste Reihe. Ich brauchte also keinen Bordrollstuhl mehr, um ins Flugzeug zu gelangen. Der streikende Flughafenangestellte hatte sein Ziel erreicht und ich war völlig selbstständig, um nicht zu sagen barrierefrei, ins Flugzeug gekommen.

Kurz vor der Landung, sagte der Flugbegleiter das Umsteigegate nach Hamburg an. Es war genau das gleiche Gate, an dem wir ankommen sollten und ich kombinierte, dass diese Maschine weiter nach Hamburg flog. Ich wagte zu fragen, ob ich wirklich aus der Maschine müsse und auch diesmal reagierte der Kapitän sehr pragmatisch und ließ mich sitzen. Als die Putzkollone kam, musste ich die Füße heben, ich bekam das Briefing der Crew mit. Ich bedankte mich tausend Mal für diese fürstliche Behandlung und wünschte mir, dass es noch mehr so pragmatisch denkende Menschen überall geben würde. Es würde mir im Leben einiges erleichtern.

Die Passagiere nach Hamburg stiegen ein. Neben mich setzte sich ein Herr, der, wie sich später herausstellte, bei einem großen Internetprovider arbeitete. Woher ich das weiß? Er hat es mir nicht erzählt, aber er studierte die Strategie des Unternehmens während des Fluges auf gut lesbaren (ich bin stark kurzsichtig!) Unterlagen, an denen man als Sitznachbarin und Journalistin nicht vorbei schauen konnte. Irgendwie meinen manche, sie sitzen alleine im Flugzeug. So manche Meldungen mit Quelle „gut unterrichte Kreise“ oder “ uns vorliegenden Informationen“ könnten im Flugzeug neben oder hinter einem arbeitswütigen Manager recherchiert worden sein. So spannend wars dann aber doch nicht, was ich dort lesen konnte. Aber unterhaltsam.

Disclaimer: Ich habe einen Trainervertrag mit Lufthansa Flight Training, bin aber bei Lufthansa auch nur ganz normale Kundin.