Archiv für 23.8.2006

Merkzeichen Dell

Was haben Dell-Notebook-Besitzer und Rollstuhlfahrer gemeinsam?
Ja okay, da kommt man nicht so einfach drauf: Sie werden von der australischen Fluggesellschaft Qantas nicht so ohne weiteres mitgenommen. Während die Rollstuhlfahrer nur die Maschinen vom Typ Boeing 737 meiden sollten, sieht es für die Dell-Kunden noch schlechter aus. Die dürfen nur noch ohne funktionstüchtige Akkus mit ihrem guten Stück in sämtliche Maschinen, schreibt Golem und zitiert den Syndey Morning Herald. Hat schonmal jemand über die Einführung des Merkzeichens „DELL“ im Behindertenausweis nachgedacht?

Schräger Humor und Mitleid

Ich wünsche mir ja wirklich lustige Werbung, in der Menschen mit Behinderungen vorkommen. Die kann ruhig witzig sein und originell. Schön wäre noch, wenn behinderte Menschen selber darüber lachen können und sie gut finden. Es gibt da auch schon Beispiele für: Ein Autohersteller läßt einen Blinden das Auto an der Fahreigenschaft erkennen (finde ich gerade nicht), die Aktion Mensch wirbt mit einem sehr schönen Spot („Sehen, Hören Verstehen“ – bitte mal online stellen!) für Vielfalt und sich selbst, Levis mit einem Blinden, der gar nicht blind ist, die belgische Organisation SENSOA nutzt Gebärdensprache zur Aidsaufklärung. Weitere Beispiele bitte gerne in den Kommentaren hinterlassen.

Was aber die Agentur Grabarz (geht nur mit dem Internet Explorer) für den Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg produziert hat, ist zum einen geschmacklos und zum anderen offensichtlich mal wieder nicht ohne Mitleid ausgekommen. Preise gibts in der Branche aber trotzdem für sowas. Bei dem einem Radiospot geht es um die Besamung einer Kuh, die man besser nicht sieht. Zwar unappetitlich und eher geschmacklos, aber immerhin ein Funken positiver Aspekt der Behinderung. Kriminell wird es aber beim zweiten Spot. Da wird gerätselt, ob der Kamin brennt oder die Gardine. Ob der der bellende Hund angeleint ist oder nicht. Und ob das Wasser in die Badewanne läuft oder aus der Waschmaschine. Hallo Agentur Grabarz, haltet Ihr blinde Menschen für so bescheuert, dass sie nicht wissen, ob Ihr Wohnzimmer brennt oder der Kamin? Und weil das Leben, wenn man blind ist, ja so kompliziert ist, lernen wir dann, soll man doch bitte an den Blinden- und Sehbehindertenverein spenden. Aha. Und was macht der dann? Löscht der das Feuer? Fängt der den Hund ein? Füllt der die Badewanne?

Ich habe mich dann noch weiter in den Werken besagter Werbeagentur umgehört und bin auf Spots für einen Hörgerätehersteller (ein Link pro Wort) gestoßen. Und was lernen wir da? Nicht nur blinde Menschen sind ein bisschen bescheuert, sondern auch die Schwerhörigen. Die kriegen ja nicht so mit, was die Mitmenschen über sie sagen (wenn diese sie nicht laut anschreien natürlich). Nur wenn sie sich ein Hörgerät kaufen, merken sie, dass die anderen Leute sie für dumm verkaufen. Jetzt mal abgesehen davon, dass das natürlich Schwachsinn ist und auch nicht wirklich lustig, wieso soll man ein Hörgerät bei einem Hersteller kaufen, der sich über die potenziellen Kunden lustig macht? Und zwar so, dass der nicht mitlachen kann. Da geh ich doch lieber zu einem Hersteller, der mich ernst nimmt. Man kann nicht Möbel von IKEA genauso bewerben wie Hörgeräte. Und dieses Mitleidsgeseier so mancher Blindenvereine bringt mich auch nicht zum Spenden. Ganz im Gegenteil.

Drei Rollstühle in ganz Kanada

Weil die kanadischen Fluggesellschaften den E-Rollstuhl des kanadischen Abgeordneten Steven Fletcher nicht transportieren, hat er sich zwei weitere Rollstühle angeschafft. Sein Originalrollstuhl steht in Ottawa, ein weiterer in Winnipeg und noch einer in Toronto, schreibt der „Toronto Star„. 60 000 Dollar haben ihn die zusätzlichen Rollstühle gekostet, damit er an Treffen und Konferenzen teilnehmen kann.

Man fragt sich aber irgendwie schon, ob ein Abgeordneter, solchen Fluggesellschaften nicht mal auf die Sprünge helfen kann. Mir fielen da einige parlamentarische Mittel ein, um denen Druck zu machen. Zwei weitere Rollstühle zu kaufen, finde ich nicht wirklich eine Lösung. Schon gar nicht für Rollstuhlfahrer, die keine Abgeordneten sind und sich trotzdem in Kanada frei bewegen wollen.

Rollstuhlstunts

Rollstuhlfahrer auf einem Auto

Sehr geniale Rollstuhlstunts gibt es bei YouTube zu sehen.

Incredible India

Frau auf dem Buergersteig

Esel zieht einen Karren

Konferenzraum Microsoft
Inside Microsoft

Code auf der Glaswand eines Büros
Das papierlose Büro gibt es doch

Monitor mit Bildchen
Software für Analphabeten

Rampe vor dem Eingang von Microsoft
Outside Microsoft

Speiseöl in Kanistern
Purity in every can

Alte Frau auf dem Mofa

Behindertenparkplatz
Mitten im Verkehrschaos: Ein Behindertenparkplatz. Frei.

Autorikschas
Autorikschas

Was für ein langweiliges Leben

Wenn man so ein paar Tage Überbevölkerung, Chaos und Schlafdefizit am eigenen Leib erfahren hat und jetzt ganz kuschelig in der viel zu großen Wohnung sitzt und den Regen an die Scheibe prasseln sieht, der einem davon abhält, sich in das Konsumgetümmel der westlichen Welt zu werfen, kommt einem das Leben hier extrem langweilig und geordnet vor. Diese Umstellung ist schlimmer als der Jetlag, macht einem aber so richtig bewusst, wie priviligiert wir hier leben. Strom, warmes Wasser und Internet sind schon schöne Dinge, über die man sich gar nicht mehr so bewusst ist. Was so ein paar Tage ohne warmes Wasser, mit Stromausfällen und schlechter Internetverbindung doch erden können.

Der Rückflug

Wir versuchten vor der Abfahrt herauszukriegen, welchen Sicherheitsrestriktionen wegen der Geschichte in London unser Flug unterliegt. Ich war auf dem Hinflug nur mit Handgepäck gereist (ein Rucksack, eine Tasche). Ich hatte sehr sparsam und platzausnutzend gepackt. Nun war die Frage, ob man Notebook, iPod & Co. überhaupt mit ins Flugzeug nehmen durfte. Meine Tasche war definitiv völlig ungeeignet, um aufgegeben zu werden und in meinen Rucksack passte nichts mehr hinein. Ich besorgte mir sicherheitshalber noch eine dritte Tasche, um gegebenenfalls umpacken zu können.

In Delhi muss das Gepäck, das eingecheckt wird, direkt am Eingang gescannt werden. Danach bekommen die Taschen ein Plastikband rundherum, das verhindern soll, dass man die Taschen nochmal aufmacht. Als wir ankamen hieß es, für Delhi gebe es keine neuen Sicherheitsvorschriften. Ich sah mich schon mit meinem Notebook surfend im Flugzeug sitzen – zu früh gefreut.

Der Rest der Gruppe flog mit Air France, ich flog Lufthansa. Während wir da standen und warteten wurden plötzlich alle Check-In-Schalter von Air France geschlossen. Die Lufthansa-Schalter waren noch nicht offen, weil mein Flug erst später ging. Dann fiel der Strom aus und wir saßen kurze Zeit in totaler Dunkelheit in dem riesigen Terminal. Man gewöhnt sich da übrigens irgendwann dran, dass man von einer auf die andere Minute im Dunkeln sitzt. Nachdem die Schalter wieder offen waren, gab Air France bekannt, dass man keine Batterien mit ins Flugzeug nehmen durfte. Das gelte für alle Flüge ab Delhi. Immerhin das Notebook durfte mit, wenn auch ohne Akku. Ich packte den iPod, meine Kamera und das Akku meines Notebooks in den Rucksack. Den musste ich jetzt wohl oder übel einchecken.

Irgendwann öffnete dann auch der Lufthansa-Schalter, ich gab meinen Rucksack auf, fragte nochmal nach den Regelungen und man bestätigte mir, dass es okay sei, mein Notebook ohne Akku mitzunehmen. Überall saßen jetzt Leute auf dem Boden und packten um. Ich ging durch die Grenzkontrolle und von dort in die Lounge. Ich hatte noch mehrere Stunden Zeit bis ich abflog und unterhielt mich nett mit zwei Engländern.

Vor meinem Gate war eine riesige Schlange. Die Sicherheitsleute waren den neuen Auflagen für die Kontrollen gar nicht gewachsen. Es gab eine Durchsage, die ich nicht verstand. Weit und breit gab es keinen Mitarbeiter und so zog ich einfach an der Schlange vorbei. Eigentlich wollte ich mich später wieder einreihen, wenn ich wusste, was los war, aber dazu kam es gar nicht. Man schleuste mich sofort vor zur Kontrolle. Sie akzeptierten das Notebook ohne Akku und alles war in Ordnung. Auch für meinen Rollstuhl interessierten sie sich nicht. So war ich relativ früh an Bord. Es gab wieder keinen Bordrollstuhl von Seiten des Flughafens, aber Lufthansa hatte einen an Bord. Mein eigener Rollstuhl wurde wieder mit an Bord genommen, klappte alles bestens und ich war sehr froh, Lufthansa geflogen zu sein. Ich aß noch was und schlief sofort ein. Erst in Frankfurt wachte ich wieder auf. Meinen Anschlußflug nach Hamburg hatte ich leider verpasst, weil wir wegen der Sicherheitskontrollen in Delhi eine Stunde verspätet abhoben. Aber die Lufthansa buchte mich auf die darauffolgende Maschine um, die ansich schon überbucht war. Es ist alles super gelaufen! Ein riesen Lob an Lufthansa, die mich sehr unterstützten.

Und noch ein Lob muss ich aussprechen: An meinen Rollstuhlhersteller Pro Activ. Was mein Rollstuhl in den vergangenen 14 Monaten, seit ich ihn habe, und insbesondere in den vergangenen Tagen mitgemacht hat, ohne nur eine Schraube zu verlieren oder sonst irgendeinen Defekt zu haben, lässt wirklich auf Qualität schließen. Die indischen Fahrer gingen mit dem guten Stück nicht wirklich pfleglich um, quetschten ihn irgendwo rein und ständig wurde er in seine Teile zerlegt. Das hat er alles problemlos mitgemacht. Er muss jetzt nicht mal in Reparatur.

Disclaimer: Ich habe einen Trainervertrag mit Lufthansa Flight Training. Ich hätte aber auch jede andere Airline gelobt, wenn sie mich heil von und nach Indien gebracht hätte.

Delhi

Ich hatte weder Zeit noch eine gute Möglichkeit von Delhi aus zu bloggen. Die Internetleitung war einfach zu schlecht und brach ständig ab. Seit heute morgen bin ich wieder in Deutschland und bin sehr froh, heil wieder zu Hause zu sein.

Delhi ist wirklich anders als der Süden Indiens. Während in Bangalore die Menschen auf der Straße neugierig waren und froh waren, wenn man mit ihnen redete, geht es Delhi nur ums Geld. Schon am Flughafen wollte mich ständig irgendwer irgendwo hinschieben (ohne vorher zu fragen natürlich), in der Hoffnung, Geld dafür zu bekommen. Ein freundliches „Nein, danke“ reichte da bei weitem nicht. Man musste die Leute schon wegschubsen oder anplärren, um sie los zu werden. Sehr unangenehm, aber sonst wäre ich ständig irgendwohin geschoben worden.

Wir wohnten im Ashok-Hotel, einem Staatsladen. Es gab ganze Armeen an Kellnern, aber was sie wirklich taten, war nicht zu erkennen. Mein Zimmer war barrierefrei, aber das Bad war ziemlich verdreckt. Zigarettenstummel lagen rum und es gab auch kein warmes Wasser. Auch der Fernseher ging nicht. Vor dem Hotel war eine Rampe mit etwa 30 Prozent Steigung. Die Pagen haben mich immer hoch- und runtergeschoben, was nicht ganz ungefährlich war. An einem Abend habe ich gegen Bakshisch einen Mitarbeiter dazu gebracht, mir WLAN im Zimmer zu aktivieren, so dass ich wenigstens meine Artikel absetzen konnte.

Am Freitag waren wir in Delhi unterwegs und ich muss sagen, ich war angenehm überrascht: Das Regierungsviertel sieht aus wie geleckt,

Verkehr in Delhi

es gibt schöne Parks

Park vor einer Grabstätte

und historische Anlagen und sehr gepflegte Grabstätten von Mogulen.

Grabstätte, die aussieht wie eine Moschee

Die historischen Stätten sind alle barrierefrei, es sind sehr geschmackvoll Rampen nachgerüstet aus alten Steinen.

Ruine

In einem total barrierevollen Land sind ausgerechnet die historischen Stätten barrierefrei. Man muss Eintrittsgeld zahlen. Für Ausländer gelten andere Preise als für Einheimische.

Schild mit Eintrittspreisen

Aber wir haben auch ein anderes Gesicht Delhis gesehen: Abgemagerte Kinder, die zwischen den Automassen Tänze aufführen, um Geld von den Leuten in Autos zu bekommen. Schwer kranke Menschen, die an die Autoscheiben klopfen. Unfälle, zu denen kein Krankenwagen fährt. Am Flughafen haben mir zwei englische Geschäftsmänner erzählt, dass ihr Rikschafahrer von der Polizei verprügelt wurde als er sie im Halteverbot aussteigen ließ. Auf den Autobahnen laufen Kühe rum. Sie sind heilig und dürfen deshalb wohl machen, was sie wollen. Menschen versuchen die Autobahnen zu überqueren und werden fast totgefahren. Studenten, die in Agra waren, erzählten mir, das sie gesehen haben wie ein Bus auf einen Mopedfahrer kippte.

Die Menschen in Delhi kennen Distanz zu anderen überhaupt nicht, scheint es. Die Autos berühren sich fast, wenn sie fahren. Man wird immer angefasst, es herrscht ständig Gedränge. Viele Autos sind schrottreif. Auf dem Weg zum Flughafen fuhren wir in einem Taxi mit einer derart durchgesessenen Rückbank, dass man eigentlich auf dem Boden sass. Man muss die Taxifahrer immer überzeugen, den Rolli nicht auf dem Dach zu transportieren. Vom Flughafen erzähle ich später.

Hell Airways

Was für ein Tag! Was soll man erwarten, wenn man wieder nur wenige Stunden geschlafen hat und der Tag um 5 Uhr mit Übergeben anfängt? Aber danach war dann auch schon wieder alles okay. Mein Magen signalisiert mir vielleicht nur, dass das wenige Schlafen und das scharfe Essen jetzt nicht so ganz seine Sache ist. Der Fahrer zum Flughafen kam (wie immer) zu spät, aber wir hatten genug Zeit eingeplant. Inlandsflug mit Jet Airways stand auf dem Programm. Abflug: Domestic Airport Bangalore. Die Strecke, die der Fahrer fuhr war interessant. Wir fuhren nämlich durch nicht mehr so aufgeräumte Gegenden, kamen an Slums vorbei und sahen Kühe, die zwischen den Buden sowas wie grasten, wenn es denn dort Gras gebe. Der Domestic Airport glich einem Lagergebäude aus Wellblechwänden. Nur wer abfliegt, darf hinein. Da wir elektronische Tickets hatten, konnten wir nicht nachweisen, dass wir berechtigt waren, das Flughafengebäude zu betreten. Beim Ticketschalter außerhalb des Gebäudes sagte man uns, wir sollten einfach reingehen. Da hatte aber ein grimmiger Herr in beiger Uniform etwas dagegen. Er schickte uns wieder zurück. Ich ignorierte ihn und bin durch. Nach viel Diskutiererei (sehr verbreitete Beschäftigung hier) waren wir alle drin. Hinterher fragte ich mich, ob der Typ einfach Geld von uns wollte.

Beim Check-In bekamen wir Plätze in der Economy zugewiesen. Die Business war wohl doppelt belegt. Wir waren aber froh überhaupt Bordkarten in den Händen zu halten. Ich konnte, wie bisher auch, mein Gepäck als Handgepäck mitnehmen. Überhaupt musste man nach der Option des Einckeckens von Gepäckstücken erst fragen. Mein Rollstuhl bekam nach mehrfachem Hinweisen darauf einen Anhänger und ich ging durch die Sicherheitskontrolle. Eine Frau checkte mich per Hand. Dann wurde wieder so ein Mensch in beiger Uniform auf mich aufmerksam. Wieder Diskutiererei. Er wollte, dass der Rollstuhl gescannt wird. Ich bot ihm an, noch einmal durch den Metalldetektorbogen zu fahren. Das wäre natürlich völlig sinnlos gewesen, ich dachte mir aber, das sei die Lösung und der Mann hatte seine Wichtigkeit bewiesen. Mitnichten! Er bestand darauf, den Rollstuhl über die Handgepäckkontrolle zu schicken. Ich machte ihn auf das Kamel-durchs-Schlüsselloch-Problem aufmerksam. Ohne Erfolg. Ein Vorgesetzter kam. Und noch einer. Und alle wollten, dass der Rollstuhl gescannt wird. Ich wies sie darauf hin, dass das eine ziemlich sinnfreie Aktion sei – 10 Kilo Metall durchleuchten? Womit ich nicht gerechnet hatte: Sie wussten das. Aber aus Delhi sei befohlen worden, jedes Gepäckstück zu scannen, das in Bangalore verladen wird – ob sinnvoll oder nicht. Ansonsten könne ich nicht mitfliegen.

Also gut, ich baute den Rollstuhl auseinander und klappte ihn zusammen. Erst wurden die Hinterräder einzeln durchgeschickt, dann sollte der Rest kommen. Und – oh Wunder – der Rest passte nicht durch das Handgepäckgerät. Ich hatte einen anderen Journalisten gebeten, den Rollstuhl samt Teile nicht aus den Augen zu lassen. Irgendwann verschwanden sie und kamen wenig später gut gelaunt zurück. Sie hatten ein größeres Gerät gefunden. Ich baute den Rollstuhl wieder zusammen und dann ging es auch schon los. Sie brachten mich und eine Kollegin als erstes zum Flugzeug. Vor dem Ausgang standen viele Busse, aber unser Begleiter führte uns zielstrebig an den Bussen vorbei. Sie hatten ja auch Stufen. Er hatte sich überlegt, dass wir jetzt einfach zum Flugzeug laufen, das auf dem Vorfeld stand. Und so wanderten wir zum Flugzeug, mussten aufpassen, dass uns nicht ein LKW mit Containern mitnimmt oder ein Pilot uns übersieht. Es war wirklich verrückt. Ich ahnte unterwegs, dass sie keinerlei Konzept hatten, um mich ins Flugzeug zu kriegen. So war es auch. Wir kamen am Flugzeug an. Es standen zwei Treppen davor und der Mitarbeiter der Fluggesellschaft schaute mich fragend an. Ich fühlte mich an die „Sendung mit der Maus erinnert“: Das ist die Christiane. Die Christiane kann nicht laufen und muss jetzt aber in das Flugzeug. Wie macht die das?

Ich fragte nach einem Bordrollstuhl (Aisle chair). Sie kannten die Vokabel gar nicht. Der Mitarbeiter schlug dann vor, mich in meinem eigenen Rollstuhl ins Flugzeug zu tragen. Sofort waren 10 Packer zur Stelle und sie trugen mich wie auf einer Senfte ins Flugzeug. Aber damit hatte ich ja noch nicht den Sitz erreicht. Der Rollstuhl ist ja viel zu breit für den Flugzeuggang. Die Crew machte den konstruktiven Vorschlag, es mit Laufen zu versuchen. Ich erklärte, dass das leider nicht zur Disposition stand und erntete erstaunte Gesichter. Ich machte den Vorschlag, ein Hinterrad zu entfernen und es so zu versuchen. Die Packer hielten den Rollstuhl auf drei Rädern und so kam ich in die letzte Reihe. Aber dort sollte ich nicht sitzen bleiben. Wegen des Notausgangs. Die machten mich wahnsinnig. Ich erklärte, eine Reihe weiter zu klettern und dann sei Schluss. Mein letztes Wort. Wer da sitzt, hat Pech gehabt. So machten wirs.

Dann gab es wieder Diskutiererei, ob der Rollstuhl an Bord dürfe. Auch das ginge nicht. Wie sich später herausstellte, war die Maschine mit Handgepäck derart überladen, dass es wirklich nicht gegangen wäre. Kein Schrank war frei und ich hatte mein Handgepäck auf den Knien. Also schickte ich eine Kollegin nach unten, sie solle den Rolli so lange bewachen bis die Ladeluke verschlossen bleibt. Gesagt, getan. Wir hoben ab – bis auf dem letzten Platz gefüllt in einer Bestuhlung nach Ryanair-Manier. Das Frühstück lehnte ich ab. Ich hatte weder Platz noch Lust auf indisches Curry zum Frühstück.

Dann kam die Landung in Delhi. Ich hatte immerhin eine Stunde schlafen können und zwischendurch nach unten gesehen. Der Himmel war fast wolkenlos. Aus dem Flugzeug kam ich so wie gehabt. Es gab auch in Delhi keinen Bordrollstuhl am Domestic Airport. Nachdem wir fast eine Stunde in richtiger Hitze auf den Fahrer gewartet haben, bin ich jetzt im Hotel und so schnell kriegt mich da heute auch keiner mehr raus.

Bangalore

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Ich bin überwältigt von den ganzen Eindrücken, die ich hatte. Vielleicht fange ich chronologisch an. Nach der kurzen Nacht sind wir ins Microsoft Research Center gefahren, ein sehr modernes Gebäude mit europäischer Innenausstattung. Es gibt eine Rampe vor der Tür und eine Rollstuhltoilette im Erdgeschoss (falls jemand mal in Bangalore eine Rollstuhltoilette sucht…). Einen Fahrstuhl gibt es natürlich auch. Wir haben dort den ganzen Tag verbracht, ich habe viele nette Leute kennen gelernt und fühlte mich rundum wohl. Ich bewege mich mit einem Auto und Fahrer durch die Stadt. Die anderen Journalisten reisen im Minibus, der viel zu hoch für mich wäre. Das Hotel hat keinen ebenerdigen Eingang. Aber über die Tiefgarage kommt man rein – wenn nicht gerade wieder Autos vor dem Fahrstuhl parken.

In der Innenstadt von Bangalore war ich auch. Ich bin alleine los und wollte mal testen, wie weit ich komme. Das Haupthindernis sind die Bürgersteige. Sie sind fast nicht befahrbar und irre hoch. Zudem regnete es auch noch stark und alles schwamm weg, aber die wichtigsten Straßenzüge habe ich gesehen. Ich habe immer irgendeine Stelle gefunden, wo der Bürgersteig kaputt war und man auf die Straße konnte. Das ist zwar etwas riskant bei der Fahrweise hier, aber es ist soweit gut gegangen. Die Geschäfte haben alle Stufen vor den Türen, aber da es hauptsächlich Ramsch gab, war mir das egal.

Man muss sagen, ich wirke hier schon sehr wie eine Außerirdische. Die Leute gaffen mich hemmungslos an, bilden Menschentrauben, Autos bleiben stehen. Ich habe gehört, dass behinderte Menschen in Indien zum normalen Bild gehören. Den Eindruck habe ich bislang nicht. Ich habe nur einen behinderten Mann gesehen, der in einem Schubkarren von einem anderen behinderten Mann geschoben wurde. Beide sahen hundeelend aus. Viele Leute kommen einfach auf mich zu und fragen, woher ich komme. Manche wollen Geld oder Dienstleistungen wie Schuhe putzen verkaufen. Überhaupt sind die Menschen sehr freundlich und ich fühle mich sicher. Manche Passanten sprechen mich an und sagen mir, dass sie für mich beten werden. Tsja, es ist halt alles eine Frage der Perspektive. Für die Menschen hier bin ich trotzdem „ärmer“ dran als sie selbst.

Abends gab es ein klasse Abendessen im besten Restaurant am Platze. Überhaupt schmeckt das Essen hier ganz wunderbar und ich vertrage es auch. Es ist sehr scharf, wobei die Inder versichern, sie würden für uns schon mild würzen. Ich habe den ganzen Tag einen starkes Brennen im Mund, aber man gewöhnt sich daran.

Fotos kommen noch, sobald ich eine bessere Internetverbindung habe. Das ist ein bisschen schwierig hier.