Archiv für 15.7.2006

Nächtliche Gerüche

Während ich an meinem Blog schraube, merke ich, wie ein Brandgeruch in meine Nase steigt. Ich beschuldige die Stehlampe neben mir, in der bestimmt wieder ein Insekt gegrillt wird. Der Geruch wird intensiver und erinnert mich an ein Lagerfeuer. Ich mache die Lampe aus.

Der Geruch wird nicht besser, es riecht nach einem ausgewachsenen Osterfeuer. Nach Ewigkeiten komme ich auf die Idee, dass der Brandherd woanders sein könnte. Im hinteren Teil der Wohnung riecht es ebenfalls, stelle ich fest. Das kann nicht meine Stehlampe verursacht haben.

Ich gehe vor die Tür auf den Laubengang und sehe, dass unser Hinterhof voller Nebel ist. Es knallt zwei Mal sehr laut. Ein Brandherd ist nicht auszumachen. Vielleicht grillt einfach nur jemand. Aber um 0.30 Uhr? Wir schließen alle Fenster. Es wird nicht besser. Ich setze mich wieder an den Rechner. Vor unserem Fenster sehe ich plötzlich Streifenwagen und einen Löschzug der Feuerwehr. Och neee, dass ich in Hotels und bei der Arbeit in regelmässigen Abständen von Feueralarmen heimgesucht werde, kenne ich ja schon. Zu Hause war mir das bislang neu. Mir wird aber blitzartig klar, dass es wohl bei uns im Haus brennen könnte. Ich tippe auf die zur anderen Straße liegenden Wohnungen, bin mir aber nicht sicher. Runter auf die Straße zur Feuerwehr kann ich auch nicht, geht ja nur mit dem Fahrstuhl, aber es brennt ja offensichtlich. Von unseren Nachbarn ist keiner zu sehen, alle Lichter sind aus. Also Telefon, Feuerwehr anrufen und fragen, was los ist und gegebenfalls um Hilfe bitten, um ohne Fahrstuhl die Wohnung zu verlassen.

Die Feuerwehr sagt, es brennen wahrscheinlich „nur“ die Mülltonnen vor den Wohnungen. Endlich erscheint unser Nachbar im Flur. Er ist vom Rauch aufgewacht und sagt, die Feuerwehr finde den Brandherd bei den Mülltonnen nicht. Er kann das von seinem Fenster aus sehen. Bei uns im Haus scheint der Brand jedenfalls nicht zu sein. Der Löschzug fährt ums Haus rum und wird in der Straße hinter dem Haus aktiv. Dort steht auch schon ein Krankenwagen, in dem jemand behandelt wird. Irgendwann verzieht sich der Rauch und auch die Feuerwehr tritt den Rückzug an. Der Brand ist wohl gelöscht. Merke: Bei extremem Brandgeruch nicht einfach weiter bloggen, sondern die Feuerwehr anrufen. Sofort!

Behindertenparkplatzschild

Behindertenparkplatzschild

Mehr davon gibts bei Adverbox.

Via Ragged Edge Online

Wie ich Qype nutze

Logo Qype

Ich bin seit ein paar Monaten eifrige Nutzerin und Schreiberin beim Portal Qype. Auf Qype kann jeder Restaurants, Dienstleister und Orte vorstellen und bewerten. Zusätzlich kann man ein Foto des bewerteten Ortes hochladen. Qype nutzt Tags (Schlagworte). Ich habe mich gefragt, wie dieses Portal behinderten Besuchern nutzt und wie ich es nutze, wenn ich bei Qype beispielsweise ein barrierefreies Lokal suche. Für mich (und ich behaupte mal für die meisten anderen Rollstuhlfahrer auch) ist es wichtig, dass das Restaurant keine Stufen hat oder ich zumindest weiß, welche Gegebenheiten ich dort vorfinde. Dabei helfen mir die Fotos, besonders diese, die den Eingangsbereich zeigen.

Ich habe vieler meiner Beiträge mit dem Tag „Barrierefrei“ versehen. Einige Qyper haben mich gefragt, nach welchen Kriterien ich „Barrierefrei“ vergebe. Ich erkläre mal die Theorie und Praxis…

Nun könnte man sich auf den Standpunkt stellen, nur Örtlichkeiten „Barrierefrei“ zu taggen, die dieser Eigenschaft im Sinne des Behindertengleichstellungsgesetzes oder der DIN entsprechen. Nur das würde dazu führen, dass vielleicht eine Hand voll Restaurants in Berlin und noch zwei in Hamburg dieses Tag bekommen und noch ein zwei andere und das wars dann. Die Zahl der Örtlichkeiten, die wirklich im Sinne des Gesetzes oder der Norm barrierefrei sind, sind leider noch gering.

Also habe ich mich entschlossen, mich auf Mindestanforderungen für Rollstuhlfahrer zu beschränken. Schließlich dient Qype auch allen anderen Nutzern zur Erstinformation und da will ich erstmal wissen „Gibts da Stufen? Und gibts da eine Rollstuhltoilette?“

Die Zahl der Rollstuhltoiletten in Restaurants und anderen Einrichtungen könnte leider auch erheblich höher sein als sie derzeit ist und so müssen Rollstuhlfahrer mit Restaurants und anderen Örtlichkeiten Vorlieb nehmen, wo sie nicht zur Toilette gehen können. Also habe ich auch da einen Kompromiss gemacht, der der Realität entspricht: Ich tagge alle Einrichtungen, die ebenerdig zu erreichen sind und eine oder keine Rollstuhltoilette haben mit „Barrierefrei“ und schreibe jeweils dazu, wie barrierefrei der Ort wirklich ist. So haben behinderte Menschen die Möglichkeit, mit dem Tag „Barrierefrei“ einigermassen zugängliche Orte zu finden und können dann, wenn sie den Text lesen, selber entscheiden, ob ihnen das barrierefrei genug ist. Bei allen Restaurants steht bei Qype zudem eine Telefonnummer dabei, bei der man nachfragen kann. Und zudem kann man die Leute, die den Beitrag geschrieben haben, auch direkt anschreiben, wenn man näheres wissen will.

Bei Hotels gehe ich strenger vor, denn wenn man übernachten will, sollte man auch zur Toiletten gehen und duschen können. Das kann man eigentlich nur beurteilen, wenn man selber das barrierefreie Zimmer gesehen hat. Weitere positive Merkmale „Speisekarte in Braille“ etc. erwähne ich gesondert.

Wer auch „Barrierefrei“ taggen und seinen Beitrag auch für Menschen mit Behinderung hilfreich gestalten will, könnte so vorgehen:

  • Vor Ort (!!! – das ist wichtig, man vergisst Stufen so schnell) die Anzahl der Stufen zählen. Sowohl die vor der Tür als auch dahinter beachten. Sind genug Tische stufenlos erreichbar? Dann „barrierefrei“ taggen.
  • Gibt es eine Behindertentoilette? Diese ist normalerweise als solche gekennzeichnet. Es reicht nicht, wenn die Toilette ebenerdig zu erreichen ist. In die meisten regulären Toiletten passen keine Rollstühle. Immer erwähnen, ob eine Behindertentoilette vorhanden ist oder nicht.
  • Einrichtungen mit Stufen erhalten keinesfalls das Tag „Barrierefrei“. Dennoch ist es für gehbehinderte Qyper nützlich auch bei nicht barrierefreien Einrichtungen die Zahl der Stufen zu erwähnen und wo sich die Toiletten befinden.
  • Fotos von den Eingängen und der Ausstattung sind sehr hilfreich. Dann kann man sich selbst ein Bild machen.

Meine Beiträge bei Qype gibt es hier und alle „Barrierefrei“-Beiträge – nicht nur von mir – gibt es hier.

Vor dem Freundschaftsspiel

Fans vor einem Restaurant im Hafenviertel

Im Portugiesenviertel am Hafen – wir haben noch einen Platz mit Blick auf die Leinwand und Bewirtung ergattert.

Velux-Lounge

Der Dachfensterhersteller Velux hat zur WM „einen zentralen Treffpunkt für internationale Medienvertreter auf dem Dach des Hamburger Medienbunkers“ (Zitat Velux-Pressemitteilung) eingerichtet. Ausgerechnet unser Sportminister kann, genauso wie ich, keine Veranstaltung dort wahrnehmen. Die nagelneue Konstruktion ist nämlich nicht barrierefrei. Ich habe jetzt das dritte Mal eine Einladung zu einer Veranstaltung in die Velux-Lounge bekommen, die ich nicht wahrnehmen kann, weil ich nicht hin komme. Die barrierefreie Ausstattung sei „dem Budget zum Opfer gefallen“, sagte mir ein Verantwortlicher.

Ich schlage vor, das vierte Unternehmen, das mich zu einer Veranstaltung dort einlädt, sponsert den Fahrstuhl oder Treppenlift – zumindest dann, wenn die Lounge zur Dauereinrichtung wird. Derzeit ist sie nur über Stufen zu erreichen. Vielleicht beteiligt sich ja die Stadt Hamburg an den Kosten. Die hat den „Treffpunkt für internationalen Medienvertreter, Politiker, Geschäftsleute und Prominente“ (wieder Zitat Velux) schließlich genehmigt und eingerichtet und denkt laut über die Nutzung auch nach der WM nach. Dafür muss die Lounge aber wohl winterfest gemacht werden, was weitere Baumaßnahmen erforderlich macht. Und wenn die Lounge dann nicht barrierefrei wird, steig ich denen aufs Dach – im wahrsten Sinne des Wortes.

Journalistische Krüppel

„Dann gibt es aber auch die Frau Martine Wells, die an jenem Morgen ebenfalls beide Beine eingebüßt hat und, da sie nicht mehr so gut laufen kann, wie sie möchte, gerade ihren Flugschein macht. Andere finden sich noch kaltblütiger ab mit ihrem neuen Zustand als amtliche Krüppel; einer hat gerade eine kurze Anleitung veröffentlicht, was Krückenträger beim Besuch eines Restaurants beachten sollten: ‚Toiletten im Keller sind ein Graus (Treppen!)‘.“

FAZ vom 07.07.2006, Nr. 155 / Seite 5 in einem Bericht über die Opfer der Anschläge von London

Es ist kaltblütig, Tipps zu geben, worauf man achten muss, wenn man an Krücken geht? Das ist nicht kaltblütig, das ist realitätsnah. Die Menschen sind „amtliche Krüppel“? Selber Krüppel, wer sowas schreibt.

Jetzt ist es raus

Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach geht zu Edelman. Wusste ich natürlich längst aus „gut unterrichteten Kreisen“, wie das in unserer Branche so heißt. Herzlichen Glückwunsch und viel Erfolg, Wolfgang!

Ja, ich lebe noch

Das Leben birgt ja so allerlei Unwägbarkeiten in sich, es ist gefährlich und endet sogar mit dem Tod. Das weiß niemand besser als ein Versicherungskonzern.

Ich bin durch einen ärztlichen „Kunstfehler“ kurz nach der Geburt querschnittgelähmt. Dieser Umstand versetzt mich in die Lage, dass ich seit 29 Jahren (früher natürlich meine Eltern) regelmäßig in Kontakt mit dem Unternehmen stehe, bei dem einer der verantwortlichen Ärzte berufshaftpflichtversichert war.

Heute hatte ich einen Brief des besagten Unternehmens in der Post: Ich solle bitte nachweisen, dass ich noch lebe. So steht das da natürlich nicht. Sie bitten mich lediglich, ein Formular zum Beispiel von einer „siegelführenden Behörde“ ausfüllen zu lassen. Diese Behörde soll bestätigen, dass ich persönlich vorgesprochen habe. Das wäre noch ansatzweise nachvollziehbar, wenn ich eine Karteileiche wäre. Bin ich aber nicht. Ich stehe sowohl im telefonischen als auch schriftlichen Kontakt mit dem Unternehmen – seit Jahrzehnten.

Ich gebe ja zu, dass die magische Zahl 30 in meinem Leben immer näher rückt, aber rechnet da so ein Konzern wirklich schon mit dem „sozialverträglichen Frühableben“? Und ich bin sicher, dass keiner meiner Angehörigen dann weiter Rollstuhlreparaturrechnungen einreicht. So lange mein Rollstuhl regelmäßig repariert wird, lebe ich. So lange ich da anrufe, lebe ich auch. Ich weiß nicht, wie gut die Telefonverbindung aus dem Jenseits ist.

Ich vermute, dass diese Briefe an alle „Altfälle“ (wie mich eine Dame dort mal am Telefon bezeichnete) vor dem 30. Geburtstag geschickt werden und dann alle 10 Jahre wieder. Von wegen Unwägbarkeiten und so.