Archiv für 13.6.2006

David Brooks in Philadelphia

David Brooks

David Brooks ist Kolumnist der New York Times. Er spricht über seine politische Einstellung und seine Bücher.

Philadelphia Tag 2

Ich habe Philadelphia ein bißchen Unrecht getan. Die Stadt hat durchaus schöne Ecken, nur nicht gerade da, wo die Hotels sind. Es gibt eine Altstadt mit Häusern aus dem 18. Jahrhundert und viele kleine Cafés und Restaurants.

Kutsche vor alten Gebäuden

Wir haben die Räumlichkeiten besichtigt, in denen die amerikanische Verfassung erdacht und unterzeichnet wurde. Außerdem gab es gestern eine Lesben- und Schwulen-Parade durch Philadelphia. Samt Gegendemonstranten. *grusel*

Wir machen alles zu Fuß, weil der öffentliche Nahverkehr in Philadelphia zwar gut ausgebaut ist, aber nicht barrierefrei. Die U-Bahn ist nicht nutzbar und es gibt ziemlich viele Busse, die keinen Hublift haben. Nur die Regionalzüge sind für mich nutzbar. Die Türen zu den Zügen sind aber so schmal, dass ein E-Rolli niemals reinpassen würde. Und dabei nehme ich doch an, dass das ADA auch in Pennsylvania gilt. Man könnte fast den Eindruck gewinnen, es wäre nicht so. Gestern war ich sogar in einem Restaurant, in dem die Rollstuhltoilette (Frauen) außer Betrieb genommen war. Ich bin dann auf die Herrentoilette gegangen. Dafür bittet die Stadt die Rollstuhlfahrer auf Behindertenparkplätzen barrierefrei zur Kasse – mit kleinen Parkuhren.

Kleine Parkuhr

Philadelphia ist wirklich anders als das, was ich bislang von den USA kenne. Nicht so chic, nicht so funny, nicht so barrierefrei, aber trotzdem sehr sehenswert.

WM komplett mit Untertitel

Fernsehbild mit Untertitel

Nicht im Gastgeberland Deutschland, aber in den USA. Hier kann man auf ESPN jedes Spiel untertitelt sehen.

Willkommen in Philadelphia

Hochhäuser in Philadelphia

Gestern bin ich das erste Mal nicht als Letzte aus dem Flugzeug. Normalerweise müssen Rollstuhlfahrer immer warten, bis alle anderen aus dem Flugzeug sind. Diesmal musste ich nicht warten, und das kam so: Wir sind ja über Manchester nach Philadelphia geflogen. Als ich den Eingangsbereich der Maschine (Airbus 330 von US Airways) sah, ahnte ich schon, dass das Flugzeug relativ großzügig geschnitten ist. Und ich hatte Glück, da ich einen Platz in der Nähe des Eingangs hatte, konnte ich mit meinem Rollstuhl bis hinter meinen Sitz fahren, mich auf die Armlehne des Sitzes setzen und einfach rüberrutschen. Dann entdeckte ich noch einen relativ großzügigen Schrank, in den mein Rollstuhl passte. Die Crew schaute zwar etwas ungläubig („Wheelchairs don’t fit in here„), aber wir belehrten sie eines besseren. Ohne Hinterräder passte der Rollstuhl in den Schrank. So konnte ich sogar meinen eigenen Rollstuhl nutzen, um zur Toilette zu gehen. Im Flugzeug! Die Toilette lag direkt hinter unseren Sitzen.

Als wir dann in Philadelphia ankamen, haben wir den Rollstuhl aus dem Schrank genommen, ich habe mich rein gesetzt und bin relativ früh an der Immigration gewesen und das völlig ohne Assistenz. Das hat uns zwar nichts genutzt, weil wir dann noch rund eine Stunde auf unser Gepäck warten mussten. Aber die Geschichte zeigt, dass es durchaus Möglichkeiten gebe, Flugzeuge barrierefreier zu machen als sie es heute sind: Man gibt Rollstuhlfahrern Sitze in der Nähe der Tür, schafft einen Schrank, in den zumindest klappbare oder Rollstühle mit abnehmbaren Hinterrädern passen. Dann hat diese Bordrollstuhl-Prozedur mal ein Ende.

Von Philadelphia habe ich bislang noch nicht viel gesehen. Aber ich ahne, was ich mir unter den „Streets of Philadelphia“ vorzustellen habe. Ich dachte schon mehrfach seit der Ankunft, dass Kärcher mit seinen Hochdruckreinigern hier ein Vermögen verdienen könnte, wenn nur mal jemand den Bedarf deren Nutzung erkennen würde.

Zwischenstopp in Manchester

Notebook in der Lounge

Frosta Bistro hat jetzt eine Rampe

Ich sitze gerade im Frosta Bistro. Da wollte ich eigentlich gar nicht hin, sondern nur durch die Stadt schlendern. Aber als ich vorbei kam sah ich, dass Felix Ahlers sein Versprechen wahr gemacht und vor seinem Bistro eine kleine Rampe installiert hat. Ich komme jetzt ohne Hilfe rein und raus aus dem Bistro. Ich bin begeistert! Und konnte dann natürlich nicht vorüber gehen, ohne die Rampe auszutesten und was zu essen.

Rampe vor einer Stufe

Die Welt zu Gast bei Freunden

Plakat Die Welt zu Gast bei Freunden mit vielen Menschen

Detailansicht

Es ist ein Rollstuhlfahrer zwischen den vielen Menschen auf dem Plakat zu sehen

Man muss sich erst daran gewöhnen, dass groß angelegte Plakatkampagnen in deutschen U-Bahnstationen, auf denen auch Rollstuhlfahrer zu sehen sind, nicht für ein Superlos werben.

Wie man Kunden vergrault

Heute: Hausgemachte Probleme durch Kunden lösen lassen.

Der Buchhandel stöhnt ja bekanntlich über die Konkurrenz aus dem Internet. Ich kann das gut verstehen, ich möchte auch nicht unbedingt Buchhändler sein in Zeiten von Amazon & Co. Wenn ich aber auf der Suche nach einem Buch bin und nicht genau weiß, was ich möchte, gehe ich doch ganz gerne zum Buchhändler um die Ecke. Und wenn ich Beratung brauche, tue ich das auch. Denn das ist wirklich ein Feld, mit dem der Buchhändler um die Ecke noch punkten kann – wenn er die geeigneten Mitarbeiter hat jedenfalls.

Der nächste Buchladen ist in einem Einkaufszentrum hier um die Ecke und geht über zwei Stockwerke. Es gibt zwar keinen Fahrstuhl im Geschäft, aber außerhalb im Einkaufszentrum. Während nicht behinderte Kunden also problemlos zwischen den Stockwerken wechseln können, kann ich das nicht. Nun hatte ich mir einen Reiseführer bestellt, der bei Amazon mit sechs Tagen Lieferzeit angegeben war – zu lange also, da wir ja am Samstag abfliegen. Der Buchladen konnte das Buch immerhin innerhalb von zwei Tagen besorgen.

Die Abholung für bestellte Bücher ist im 1. Obergeschoss. Die steuerte ich auch direkt an. Außerdem wollte ich ein Buch kaufen, das ich als Geschenk brauchte. Auch die Geschenk-Einpackstation ist im 1. Obergeschoss am gleichen Tresen. Ich sagte der Verkäuferin also, dass ich den Reiseführer bestellt habe und zudem das andere Buch als Geschenk wolle. „Das Buch gibt es im Erdgeschoss.“ Ich schaute sie fragend an. Ich wollte mich nicht zweimal an der Kasse anstellen (einmal oben, eimal unten, weil ich mit dem unbezahlten Buch den Laden nicht verlassen kann), um dann wieder nach oben zu kommen, um das Buch einpacken zu lassen. „Wir haben keinen Fahrstuhl und zudem sind wir personell dünn besetzt“, sagte sie und schaute meine Begleitung auffordernd an. „Er könnte ja…“. Ich fiel ihr ins Wort: „Er ist blind, sie müssten das Buch schon hochschicken lassen.“ Das könne keiner bringen, meinte sie. Sie müsse schon selber gehen, sagte sie als hätte ich ihr Marathon verordnet. Die ganze Debatte dauerte bereits länger als das Holen des Buches dann insgesamt an Zeit kostete. Sie ging dann tatsächlich selbst, die Angelegenheit dauerte vielleicht drei Minuten. Ich wollte in dem Laden fast 50 Euro lassen und hatte dennoch das Gefühl, richtig lästig zu sein.

Ich hasse es, wenn Unternehmen ihre eigenen Unzulänglichkeiten – in diesem Fall kein Fahrstuhl und zu wenigen Personal – die Kunden ausbügeln lassen. Abgesehen davon, dass meine Begleitung keine bezahlte Assistenz ist, sondern mein Lebensgefährte, sind auch (bezahlte) Assistenten behinderter Menschen nicht dafür da, der deutschen Wirtschaft zu assistieren, sondern den behinderten Menschen. Es passiert mir andauernd, dass die Leute meiner Begleitung oder sogar wildfremden anderen Kunden Anweisungen geben, was sie zu tun haben: „Gehen Sie doch bitte in den Saal und machen den Rollstuhleingang auf“, „Laufen Sie doch bitte zu meiner Kollegin und holen Sie den Schlüssel“, „Geben Sie der Dame das mal, sonst muss ich mich so über den Tresen beugen.“ etc.

Wenn jemand in der Umkleidekabine steht und von dem Verkäufer eine andere Größe verlangt, sagt der ja auch nicht zur Begleitung, die davor wartet: „Suchen Sie ihrer Frau mal die Jeans eine Nummer kleiner.“ Wer würde in so einem Laden wieder eine Jeans kaufen? Deshalb sieht mich der Buchladen jetzt auch erstmal nicht wieder.

Maischberger

Moni hat Maischberger gesehen. Ich jetzt auch – online. Das, was Moni mit Kälte beschreibt, ist mir schon öfter in dieser Sendung aufgefallen. Und die Kälte hat eine Ursache: die Moderation.

Ich bin Peter Radtke sehr dankbar dafür, dass er in der Mitte der Sendung sagte, dass ihm die „Ausrichtung der Sendung Magenschmerzen“ bereite. Es solle die Botschaft rüberkommen, dass in Deutschland alles so schlecht sei (weil die PID verboten ist, es keine Leihmütter gebe etc.). Die ganze Sendung ist ein oberflächliches Gelaber, die am Ende damit getoppt wird, dass irgendein Klonwissenschaftler verkündet, in drei Jahren könne man Querschnittlähmung heilen. Ich bin in solchen Momenten immer sehr froh, dass ich blogge, dann vergisst man solche Aussagen so schnell nicht – ich komme in drei Jahren nochmal darauf zurück. Diese Heilsversprechen höre ich übrigens schon seit ich denken kann. Darüber rege ich mich nicht mehr auf. Wer sowas glaubt, ist selber schuld.

Was mich viel mehr belastet, sind sind die Stimmungen, die auch schon Moni beschrieb. Da verweist Frau Maischberger auf das gesunde Kind, das fröhlich hinter der Bühne ist, spricht von „genetisch gesund“ und gegenüber Peter Radtke „vom gesunden Standpunkt aus“ – sie meinte, wohl aus der Perspektive von nicht behinderten Menschen. Großartig fand ich, dass sich Radtke dagegen wehrt, wie die ARD ihn ihm Videotext (und auch immer noch online) darstellt. Dort steht, dass er an seiner Behinderung leide. Eine Formulierung, die ganz oben auf den Index deutscher Redaktionen gehört. So lange nicht selber jemand sagt, er leide unter seiner Behinderung, ist es einfach anmaßend und falsch so etwas zu behaupten. Die Mehrheit der behinderten Menschen, die ich kenne, leidet nicht unter ihrer Behinderung. Die leiden eher darunter, dass ihnen jemand unterstellt, sie würden leiden.

Und noch etwas ist mir aufgefallen: Bei Maischberger wurde behindert mit „nicht gesund“ gleichgesetzt, Krankheit mit Behinderung. Alles rein in den Topf. Keine Differenzierung. Nix. Und der Gynäkologe verweist dann noch darauf, dass die Ärztekammer ein Papier in der Schublade habe, das vorschlage, die PID in Grenzen zuzulassen. Bedingung: Schwere Krankheiten (was heißt „schwer“ und meinte er nicht doch Behinderungen?), die nicht therapierbar sind. Die Mehrheit der Behinderungen sind nicht therapierbar. Es würde die PID für die meisten Behinderungen zulassen.

Die Befürworter der PID argumentieren immer, mit Menschen mit Behinderungen, die bereits leben, habe die Diskussion nichts zu tun. Das sehe ich ganz anders, obwohl ich nicht mal eine genetisch bedingte Behinderung habe. Es weht uns ein Wind derzeit entgegen, den muss man erstmal aushalten. Frau Maischberger pustet mit so einer Sendung ganz schön mit. Da wird über das Wert des Lebens mit Behinderung diskutiert. Der gesellschaftliche Druck, habe das Leben so schwer gemacht, wie die Mutter der beiden behinderten Kinder und einem nicht behinderten Kind dank PID in der Sendung sagte. Ja, der gesellschaftliche Druck auf Eltern ist groß, bitte kein behindertes Kind auf die Welt zu bringen und schon gar kein zweites. Sendungen wie Maischberger bauen den mit auf. Aber wenn das das Argument sein soll, keine behinderten Kinder mehr zu bekommen… Es gibt noch ganz andere Gruppen, die im „Supermarkt wie Aliens“ behandelt werden (Zitat aus der Sendung). Sollen Leute anderer Hautfarbe auch keine Kinder mehr kriegen, weil sie „im Supermarkt wie Aliens“ behandelt werden? Wie wäre es, wenn sich mal die Behandlung durch die Umwelt ändert? Nur mal so eine Idee.

Christiane is in town

I know that some bloggers and other nice people from US read this weblog. At 10th of June I fly to Philadelphia, later I visit Baltimore, Washington, New York and Boston. So if you wanna meet me for a cup of coffee please feel free to leave a comment or send an email.