Archiv für 7.4.2006

Willkommen in Rissen

Elbblick

Blick aus meinem Zimmer im Elsa-Brandström-Haus.

Disability Podcast

Die alte Tante BBC hat einen Disability Podcast gestartet. Großartig! Der Schauspieler Mat Fraser und Comedian Liz Carr machen heiteres Berufe– Behinderungs-Raten und philosophieren über Sinn und Unsinn von Behindertentoiletten-Schlüsseln. Für Leute, die britischen Humor mögen, sehr nett anzuhören.

ARD Themenwoche Krebs

Die ARD hat eine Themenwoche Krebs ausgerufen. Tag 2 ist fast vorüber und ich glaube, ich werde das Erste in dieser Woche meiden. Nein, nicht weil ich mich mit dem Thema nicht auseinandersetzen will, ganz im Gegenteil. Ich finde das Thema sehr wichtig, aber wie die ARD das anpackt, gefällt mir ganz und gar nicht.

Muss es wirklich sein, dass Beckmann mit Heide Simonis über Brustkrebs spricht? Wieso sitzen bei Maischberger irgendwelche „Experten“, die auf mich keinen sehr vertrauenserweckenden Eindruck machen. Und warum wird die ganze Zeit vermittelt, man müsse nur zur Früherkennung gehen, dann wird alles gut? Und wer nicht raucht, joggt und sich immer gesund ernährt, den trifft es nicht. Der Rest ist selber schuld. Das kann doch nicht der Tenor einer solchen Aufklärungswoche sein! Aber so kommt mir das die ganze Zeit vor. Ich kenne aber auch Menschen, die nicht geraucht haben, sportlich sind und die es trotzdem erwischt hat. Und was ist mit den ganzen Kindern? Rauchen die? Sind die nicht aktiv? So einfach ist das Leben eben nicht. Die Sache ist meist viel komplexer.

Die ARD hat bislang versäumt mal darüber zu diskutieren, wie wir mit krebskranken Menschen umgehen. Stattdessen werden durchweg Leute präsentiert, insbesondere Frauen, die den Krebs erfolgreich bekämpft haben. Ja, verstehe ich alles, soll Mut machen. Das ist ja auch wichtig. Aber zur wirklichen Auseinandersetzung mit Krebs gehört auch, dass es auch Menschen gibt, die daran sterben. Wie gehen wir damit um? Wie mit den Familien, die einen Angehörigen verlieren? Es gibt auch Menschen, die durch eine Krebserkrankung eine Behinderung bekommen. Was ist mit denen? Stattdessen höre ich bei der ARD viel über wieder genesene Promis, die im Zweifelsfall ganz andere Netzwerke zur Verfügung haben als das bei 08/15-Kassenpatient der Fall ist.

Also so richtig tiefgründig hat die ARD das Thema bislang nicht angepackt: Welche Therapie ist besser? Alternative oder Schulmedizin? Um viel mehr ging es bislang nicht.

Achja, und dann die Schuldfrage natürlich. Es ist vielleicht auch typisch für unsere Zeit, dass es immer einen Schuldigen geben muss, eben auch für eine Krankheit. Es fällt immer schwerer, Dinge einfach anzunehmen. Ich weiß, dass ist von den betroffenen Menschen in der jeweiligen Situation vielleicht zu viel verlangt. Ich meine das eher in Bezug auf die allgemeine Akzeptanz der Krankheit Krebs. Für die meisten Krankheiten, und da zählt teilweise auch Krebs dazu, gibt es keine oder ganz komplexe Ursachen.

Ich hätte mir gewünscht, dass durch so eine Woche insbesondere signalisiert wird, dass Krankheit und Tod zum Leben dazu gehören, wir aber die verdammte Pflicht haben, den kranken Menschen dennoch die bestmögliche Versorgung und Unterstützung zukommen zu lassen. Aber was heißt das? Dazu hätte ich mir mal abseits von Pharmalobby und Heilertum eine Diskussion gewünscht. Ganzheitlich und auf breiter Ebene.

Ein Leben in der Hand

Bei Stern Online ist ein Porträt über die Gebärdensprachdolmetscherin Karin Kestner erschienen – sehr lesenswert und informativ mit Gebärdensprache zum Anschauen. Schönes Beispiel, wie man das Medium Internet ansprechend für einen Artikel nutzen kann und wie man über das Thema Behinderung schreibt, ohne dem Mitleid und Heldentum zu verfallen.

Hamburg hat eine neue Bauordnung

Hamburg hat eine neue Bauordnung. §52 regelt, welche Gebäude barrierefrei gebaut werden müssen. Und was sehe ich da? Fast zehn Jahre nach meiner Immatrikulation an der Universität Hamburg läßt sich die Freie und Hansestadt dazu hinreißen und verpflichtet Bildungseinrichtungen zum barrierefreien Bauen. Dass ich das noch erleben darf! Und wen das noch so alles betrifft: Die Schulen, die Volkshochschulen, die Hochschulen, bekannte journalistische Bildungseinreichtungen… – natürlich nur, wenn sie neu bauen oder umbauen. Aber immerhin!

Was es allerdings für einen Sinn macht, beim Wohnungsbau Abstriche zu machen, muss mir erstmal einer erklären. In Zukunft müssen Wohngebäude erst ab mehr als vier Wohneinheiten (vorher: zwei) barrierefrei sein und auch nur dann, wenn nicht allein wegen der Barrierefreiheit ein Fahrstuhl eingebaut werden muss. Tolle Logik!

Bei barrierefreien Wohnungen geht es im Zweifelsfall gar nicht so sehr um irgendwelche Rollstuhlfahrer-Yuppies wie mich, sondern um die vielen älteren Menschen, die teilweise jetzt schon ins Heim müssen, weil sie die Stufen zu ihrer Wohnung nicht mehr hoch kommen. Wieviele Heime wollen wir denn in 20 Jahren bauen, nur weil wir jetzt versäumen beim Wohnungsbau darauf zu achten, dass die Leute stufenlos (Fahrstuhl etc.) in ihre Wohnungen kommen und auch noch lange in ihren Wohnungen bleiben können? Ich hoffe für die Damen und Herren Abgeordneten der Hamburgischen Bürgerschaft, dass sie bereits eine barrierefreie Wohnung haben. Die könnten nämlich dann, wenn sie selbst darauf angewiesen sind, knapp werden. Und dann will ich nicht hören, es hätte sie keiner gewarnt!