Archiv für 14.3.2006

Technik, die begeistert

Am Hauptbahnhof Bochum gibt es zwar Fahrstühle, aber nutzen kann man sie seit längerem nur mit Hindernissen, schreibt der Medienbeobachter. Schön, dass sowas auch noch anderen Leuten auffällt.

Übrigens haben die wenigsten Bahnhöfe überhaupt Fahrstühle. Zudem bietet die Bahn an lediglich 300 Bahnhöfen Ein-, Aus- und Umstieghilfe für behinderte Reisende an – in die meisten Züge kommt man als Rollstuhlfahrer nämlich nicht ohne Hilfe rein, weil sie Stufen haben. Es gibt in Deutschland aber nach Bahn-Angaben 5500 Haltepunkte. Also ganze 5,5 Prozent der Haltepunkte sind für behinderte Menschen nutzbar. Wer von Berlin nach Hamburg will, hat keine Probleme. Wer aber von Hamburg nach Bensheim in Hessen will schon.

Sehr lesenswert ist in dem Zusammenhang das
Programm der Deutschen Bahn AG zur Barrierefreiheit. Das haben sie nicht freiwillig aufgelegt, sondern sind mit dem Behindertengleichstellungsgesetz dazu verpflichtet worden. Wenn man alle Worthülsen und Beschönigungen rausstreicht, bleibt nicht viel übrig, auf das Menschen mit Behinderung, Kinderwagen oder einfach in fortgeschrittenem Alter in den kommenden Jahren hoffen können.

Wenn Journalisten über blinde Menschen schreiben

Es ist ein Phänomen: Wenn Journalisten über blinde Menschen und das Thema Blindheit schreiben, schreiben sie anders als sonst. Da geht es meist um Gefühle, man spürt förmlich wie fasziniert der Autor von seinem eigenen Thema ist – das muss nicht schlecht sein, führt aber oft zu Halbwahrheiten, die aus den eigenen, teilweise falschen Vorstellungen über Blindheit, resultieren. Ein schönes Beispiel ist der Artikel „Elektronischer Blindenhund“, den man gerade bei Spiegel Online lesen kann.

„Für viele Blinde und Sehbehinderte gibt es nur zwei Möglichkeiten: Sich einem ausgebildeten Führhund anvertrauen – oder zu Hause bleiben.“

So beginnt der Text nach dem Teaser prompt falsch. Die meisten blinden Menschen nutzen einen Blindenstock und kommen damit gut zurecht. Und selbst die, die gar nichts nutzen, sitzen nicht nur zu Hause.

„Gerade die Navigation in lauten und räumlich komplexen Großstadtumgebungen kann für Menschen, die nicht sehen können, zur gefährlichen und mühseligen Odyssee werden.“

Blinde Menschen orientieren sich nach Gehör. Da wird es schwieriger (aber nicht unmöglich!) sich zu orientieren, wenn alles leise ist, zum Beispiel kein Auto fährt und sie sich nicht am Verkehrsfluß orientieren können.

Gefährlich, mühselig – jaja, schon schlimm so ein Leben als blinder Mensch, denkt Autor offenbar und verbreitet das als Wahrheit.

„Routen müssen auswendig gelernt, die Umgebung mit dem Gehör ergründet werden – das heißt Wind, Regen oder eine schlichte Erkältung können die Orientierung bereits schwierig machen.“

Glückwunsch zum Spannungsbogen! Ich frage mich nur gerade, wie sich sehende Menschen in der Stadt orientieren: Routen müssen auswendig gelernt werden, die Umgebung mit den Augen ergründet werden – das heißt Schnee, Nebel oder einfach nur Dunkelheit können die Orientierung bereits schwierig machen.

Dann folgen Zitate (Krankenkassen zahlen nicht mehr, viel Verantwortung…). Es gibt einen Rechtsanspruch an die gesetzliche Krankenkasse für einen Blindenhund. Es ist richtig, den muss man erstmal durchsetzen. Das trifft aber auf jedes Hilfsmittel zu. Auch auf den Hightech-Blindenhund, der mit dem Artikel beworben wird.

„Zudem seien gerade Berufstätige kaum in der Lage, einem Tier ausreichend Aufmerksamkeit zu schenken – und ein Führhund muss kontinuierlich weitertrainiert werden, damit er seine anspruchsvolle Aufgabe nicht verlernt.“

Gerade Berufstätige, die mit dem Blindenhund zur Arbeit gehen, trainieren den Hund bereits auf dem Hin- und Rückweg zum Arbeitsplatz. Mir sind eher Probleme bei Blindenführhundhaltern bekannt, die selbst kaum noch raus gehen.

„Außerdem wird ein Hund müde – mehr als zwei Stunden kann er in städtischer Umgebung nicht konzentriert führen, sagt Ritzler.“

Na was jetzt? Zu wenig Training oder zu viel? So pauschal kann man das nicht sagen. Das kommt doch auf den Hund und die Umstände an.

„Ritzler hat sich mit Blinden und Sehbehinderten unterhalten, hat sich ihre Sorgen und Probleme angehört (…)“

Natürlich. Sorgen und Probleme haben die Blinden und Sehbehinderten. Was sonst?

Es folgt eine Lobhudelei auf die tolle Erfindung:
„‚MYGO‘ ist gewissermaßen ein Blindenstock fürs 21. Jahrhundert.“

„Bei der Cebit wurde Ritzler dafür mit dem „Dyson Innovation Award 2006″ belohnt, mit dem der Staubsaugerhersteller alltagstaugliche aber ungewöhnliche Gestaltungsideen fördern will.“

Wieviele blinde / behinderte Menschen saßen in der Jury? Wieviele blinde Menschen haben das Gerät getestet?

Nicht, dass ich die Erfindung verteufele. Ich kenne sie ja nicht. Vielleicht ist sie wirklich ganz interessant. Aber doch bitte nicht so tun als wäre das die Rettung für blinde Menschen. Die leben auch jetzt schon ganz gut und nicht immer sind die Erfindungen, für die sich nicht behinderte Menschen begeistern, wirklich hilfreich für behinderte Menschen. Es reicht halt nicht, den Erfinder zu befragen. Und wer jetzt schon keinen Fuß vor die Tür setzt, wird es auch nicht mit einer Hightech-Apparatur tun.

Der Weg ist das Ziel

Der Weg ist das Ziel – das muss sich auch die Deutsche Messe AG gedacht haben als sie darauf verzichtete, das Pressezentrum auf dem Messegelände in Hannover mit einer Rollstuhltoilette auszustatten. Von unserem Büro zur Toilette und zurück war ich auf der CeBIT so gut und gerne 20 Minuten unterwegs.

Vom Büro…

Gallerie im Pressezentrum

am Pressecounter vorbei…

Flur vor dem Pressecounter

mit dem Fahrstuhl, dessen Tür mir beim Reinfahren die Hand einklemmte, weil die Lichtschranke für Rollstuhlfahrer zu weit oben angebracht ist,…

Fahrstuhltür

in den 1. Stock…

Fahrstuhlknopf

an der Garderobe vorbei durch eine Tür…

Flur

und durch noch eine Tür…

Tür

eine lange Rampe hoch…

Rampe

einen riesen Gang runter…

Gang

erreicht man nach knapp kalkulierten 8 Minuten One-Way-Zeit die nächst gelegene Rollstuhltoilette.

Toilette

Willkommen in Berlin

Publikum

Die Aktion Mensch fragt: In was für einer Gesellschaft wollen wir leben?
Mit Buffet, Johnny Logan und Paul Young. Das ist schonmal eine ganz gute Gesellschaft.

Alles fantastisch

Die fantastischen Vier

Der Höhepunkt der Party, auf der ich gestern abend war, war ein Überraschungskonzert der Fantastischen Vier vor rund 300 Leuten. Überhaupt war das ja ein sehr gelungener Tag, wie ich gestern bereits andeutete.

Ich hatte die Gelegenheit zusammen mit zwei weiteren Journalisten Cerf zwei Stunden lang zu interviewen (Ergebnis steht hier) – es war eines meiner angenehmsten und besten Interviews, das ich je gemacht habe. Das war aber weniger mein Verdienst als der des Interviewpartners. Cerf redete nie um den heißen Brei herum und wirkte sehr authentisch.

Und nach diesem schönen Tag, blieb ich dafür heute auf der Autobahn 5 Stunden lang im Schnee stecken. Während es in Hannover heute sonnig und mild war, versinkt Hamburg im Schnee. Nach Fallingbostel ging auf der A7 nix mehr. Ich möchte an dieser Stelle, den Erfindern der Winterreifen danken. Die haben mich auf bei geschlossener Schneedecke auf Eis sicher nach Hause gebracht – aber schön wars nicht.

SchneeBIT

Mal abgesehen vom Wetter (es schneit hin und wieder), war der Tag durch und durch gelungen:

Ich habe Vint Cerf interviewt, ein Mittagessen bekommen, hinterher um so schneller geschrieben und mich am Abend mit einer Party in netter Gesellschaft belohnt. Bitte mehr von solchen Tagen (aber wenn möglich nicht in Hannover)! Morgen ist mein letzter SchneeBIT-Tag. Ging diesmal echt schnell rum, obwohl ich einen Tag früher angereist bin.

Muskelkater

Muskelkater, Rückenschmerzen, aber ansonsten habe ich den ersten Tag gut überstanden. CeBIT-Berichterstattung ist immer sauanstrengend, aber macht auch riesen Spaß.

Unruhe vor dem Sturm

So, morgen gehts los. CeBIT-Presstag. Den typischen Satz „Ach, ich wusste ja gar nicht, dass Sie im Rollstuhl sitzen“ habe ich seit meiner Ankunft hier schon drei Mal gehört. Ich hoffe, das ist kein schlechtes Omen. Dabei hat die CeBIT noch gar nicht angefangen…

Ich habe diesen Aha-Effekt immer, wenn ich auf Messen Pressesprecher und PR-Agenturmenschen treffe, mit denen ich zwar schon oft telefoniert habe, aber sie mich noch nie live gesehen haben. Manche sind dann so mitteilungsfreudig und bringen ihre Verwunderung oder was auch immer zum Ausdruck.

Da ist es doch schön, wenn man einen Abend mit völlig unkomplizierten netten Menschen verbringen kann. Die gibt es hier nämlich auch.

Willkommen in Hannover

Schild mit Hinweis Achtung Sie betreten eine luxusfreie Zone

Schild an der Eingangstür meines Hotels.

Die Christoffel-Blindenmission bedauert…

…leider nicht ihre Plakataktion. Dafür aber die Irritationen, die diese ausgelöst habe.

Folgendes steht in der Pressemitteilung dem Schreiben an ausgewählte Personen, das mir gerade, ich nehme an als Reaktion auf meinen Blogeintrag, zugeschickt wurde:

„Die Christoffel-Blindenmission (CBM) bedauert, dass eine von ihr initiierte Plakatkampagne bei blinden Menschen für einige Irritationen gesorgt hat. „Es lag nicht in unserer Absicht, die Gefühle blinder Menschen zu verletzten“, erklärte dazu Martin Georgi, Direktor der Christoffel-Blindenmission (CBM), „unser Ziel war es, durch eine bewusst provokante Darstellung die Wirkungsweise zwischen der Spende hier und der Hilfe vor Ort zu zeigen.“ (…)

Sobald aus dem Schreiben an ausgewählte Personen eine Pressemitteilung wird und sie somit bei der CBM im Internet veröffentlicht wurde oder bei OTS gelaufen ist, verlinke ich sie gerne.