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Archiv für 31.3.2006

Am Anfang war der Kegelclub

„Die müssen in den falschen Flieger gestiegen sein“, dachte ich als ich die Gruppe munterer Seniorinnen sah, die auf den Flieger nach Hamburg warteten. Was hatten die bitte in Wien gemacht? Mir war nicht bekannt, dass Wien für seine Kegelbahnen bekannt ist. Irgendwie hatte ich nämlich die Vorstellung, es müsse sich um eine Kegelgruppe handeln, die eigentlich mit Air Berlin nach Mallorca wollte, aber dann das Gate verwechselt hat und jetzt den Rückzug antrat. Sie gafften mich jedenfalls an als hätte ich gerade alle Neune abgeräumt. Spätestens da war mir klar, die konnten nicht aus Hamburg kommen – wohl eher aus Pinneberg oder Plön oder so. Hamburger gaffen nicht.

In Wien wartet man, wenn das Flugzeug eine Außenposition (mit Bus zum Flugzeug und so) hat, nicht im Warteraum, sondern davor. Warum das so ist, wird mir immer ein Rätsel bleiben. Erst kurz vor Abflug darf man in den Warteraum. Die Mitarbeiterin am Gate bot uns aber an, uns schon mal in den Warteraum zu setzen, was ich angesichts der Gaffermentalität meiner Mitreisenden gerne annahm. Als die rüstigen Seniorinnen aber merkten, dass zwar wir aber sie noch nicht im Warteraum Platz nehmen durften, probten sie den Aufstand – mit Erfolg. Die Damen durften sich ebenfalls in den Warteraum setzen.

Kurz darauf kam auch schon der Assistenzservice vom Flughafen Wien und fuhr uns zum Flugzeug. Ich setze mich auf den Bordrollstuhl um und sie trugen mich die Treppe hoch. Währenddessen kam der Bus mit den anderen Fluggästen an und der Kegelclub freute sich über diese unterhaltsame Einlage kurz vor Abflug. Da gabs dann nochmal was zu schauen.

Ich war totmüde, schlief während des Fluges und wachte erst wieder auf als wir schon in Hamburg gelandet waren. Ich dachte noch so bei mir: „Jetzt kann ich bald ins Bett.“ Es sollte anders kommen.

Am Flughafen Hamburg übernimmt das Deutsche Rote Kreuz (DRK) den Assistenzdienst für behinderte Reisende, die wie ich nicht laufen können. Warum das so ist, ist mir ebenfalls ein Rätsel. Schließlich bin ich nicht krank, sondern kann nur wegen der äußeren Umstände (Stufen, Gang zu eng) nicht selbstständig ins Flugzeug. Wir landeten um 22.55 Uhr wird man später im Protokoll der Airline lesen können, das über den Abend noch angefertigt werden sollte. Die Crew war sehr nett und wir warteten gemeinsam auf das DRK. Wir warteten, warteten, warteten. Der Pilot funkte, funkte und funkte immer wieder die Leitstelle an. Ohne Erfolg. Es wurde 23.05 Uhr, 23.10 Uhr. Die Rampenagentin gesellte sich zu uns. Ein Techniker kam. Es wurde eine gesellige Runde.

Der Pilot entschuldigte sich vielmals, sei nicht in der Verantwortung von Air Berlin. Ja, ich kenne die Gepflogenheiten am Flughafen Hamburg. Ich war nur froh, dass der Kegelclub endlich verschwunden war. Um 23.15 Uhr begann die Chef-Flugbegleiterin ein Protokoll zu schreiben. Ich hätte mich bereits beim Ticketkauf als WCHC-Passagierin (Fluggast, der nicht laufen kann) angemeldet und auch beim Sinkflug habe man den Flughafen über meinen Assistenzbedarf informiert.

Um 23.20 Uhr forderte der Pilot Hilfe durch die Flughafenfeuerwehr an. Die lag bereits im Bett und schlief. Von weitem konnten wir dann irgendwann erkennen, dass sich ein Auto in Bewegung setzte. Die Flughafenfeuerwehr war also wieder wach und kam. Sie brachten mich aus dem Flugzeug. „Wir haben kein Transportfahrzeug für die Passagierin“, sagte einer der Feuerwehrmänner zu der Rampenagentin. Klar, den Kleinbus für den Transport behinderter Fluggäste hat ja nur das DRK. Ich war zwar aus dem Flugzeug draußen, aber noch nicht im Terminal. Mein Angebot, zum Terminal zu rollen – über das Vorfeld – wurde natürlich abgelehnt. Man forderte einen Flughafenbus an. Das ist zwar ein Niederflurbus. Er hat aber keine Rampe. Also wieder Rumheberei. Die Rampenagentin war so nett, uns bis zum Terminal zu begleiten. Sie wollte die Zeit stoppen – fürs Protokoll und die Beschwerde. Um 23.33 Uhr – also fast 40 Minuten nach der Landung konnten wir unser Gepäck entgegen nehmen. Da war der Kegelclub wahrscheinlich schon in Pinneberg angekommen. Das DRK ist übrigens nicht mehr aufgetaucht an dem Abend.

Ein Kollege sagt immer zu mir: „Nehm Dich vor den Leuten in acht, die sich das Wohl der Menschheit auf die Fahnen geschrieben haben.“ Dem habe ich nichts mehr hinzuzufügen.

Die Stadt gehört Dir

„Die Stadt gehört Dir“ werben die Wiener Linien, die Verkehrsbetriebe der Stadt Wien, für ihre öffentlichen Verkehrsmittel. So ganz stimmt das aber nicht. Rollstuhlfahrern soll dieses Gefühl auf der U-Bahnlinie 6 nur zuteil werden, wenn sie nicht alleine mit der U-Bahn fahren, sondern eine „Begleitperson“ mitnehmen. Überall in den Stationen hängen Ausschnitte aus den Beförderungsbedingungen, in denen unter anderem steht, dass Rollstuhlfahrer die U-Bahnlinie 6 nicht ohne Begleitung nutzen dürfen. Da ich U-Bahnen von Sydney bis New York kenne und diese durchaus eigenständig nutze, erschließt sich mir nicht, warum das in Wien anders sein soll. Ich kann schon auf mich selber aufpassen. Und deshalb habe ich gegen die Wiener Linien ein Schlichtungsverfahren angestrengt. Wenn dieses scheitert hätte ich sogar ein Klagerecht, aber danach sieht es nach dem Termin am Anfang der Woche nicht aus.

Ich habe am Montag ein Schlichtungsverfahren gegen die Wiener Linien auf Grundlage des Österreichischen Behindertengleichstellungsgesetz initiiert. Österreich ist uns zumindest in einem voraus: Sie haben seit 1. Januar ein Behindertengleichstellungsgesetz, das auch die Wirtschaft einbezieht. Behinderte Menschen dürfen nicht diskrimiert werden, das gilt auch für Wirtschaftsunternehmen. Wer sich diskriminiert fühlt, kann ein Schlichtungsverfahren einleiten. Scheitert das, landet die Sache unter Umständen vor Gericht.

Das Schlichtungsverfahren fand im Bundesozialamt statt. Dort ist ein Raum eingerichtet, der einem Gerichtssaal ähnelt. Vorne sitzen zwei Mitarbeiterinnen des Amtes, eine schreibt mit, die andere führt die Verhandlung.

Die Wiener Linien zeigten sich sehr gesprächsbereit und erklärten, sie hätten selbst ein Interesse daran, die Beförderungsbedingungen zu ändern. Das Verkehrsministerium habe ihnen diese Auflage gemacht. Dieses begründe das wie folgt: Die U6 habe nämlich keine so genannten Prallwände. Wenn die Bahn scharf bremst oder sogar auf eine andere Bahn auffährt, bestehe die Gefahr, dass Rollstuhlfahrer zur Gefahr für andere Fahrgäste werden – mein Rollstuhl, meine Waffe. Die Begleitperson soll dafür Sorge tragen, dass Rollstuhlfahrer nicht durch die Bahn fliegen. Dass die Begleitperson bei einem Aufprall als erstes einmal selbst fliegt, scheint keine Rolle zu spielen.

Ich war mal in einem Bus bei einem Auffahrunfall und kann sagen, dass ich die einzige war, die noch stand nach dem Knall. Für mich ging die Gefahr von den Leuten aus, die über mich drüber flogen. Ist halt alles eine Frage der Sichtweise.

Jedenfalls haben die Wiener Linien bei dem Schlichtungstermin berichtet, dass das Verkehrsministerium nicht mehr die aufsichtsführende Behörde sei. Sie sind bereit, mit Beteiligung der Behindertenverbände, einen Antrag auf Änderung der Beförderungsbedingungen bei der neuen aufsichtsführenden Behörde zu stellen. Seit 2005 ist nämlich eine Abteilung der Stadt Wien zuständig. Die Beförderungsbedingungen könnten also schon länger geändert sein. Bis die Stadt Wien eine Entscheidung getroffen hat, ist die Schlichtung ausgesetzt. Aber ich bin zuversichtlich, dass der Slogan der Wiener Linien „Die Stadt gehört Dir“ bald auch für Rollstuhlfahrer gilt.

P.S.: Mein Dank gilt übrigens schon jetzt den engagierten Menschen von BIZEPS, die sich im österreichischen Recht weit besser auskennen als ich und mich unterstützen.

Der Frühling ist da

Soda Zitrone

Wien. 20 Grad. Sonnenschein und eine Soda Zitron. Herrlich!

Willkommen in Wien

Wien Secession

Labrador Lounge

Podium Labrador Lounge

Lycos Medientreff Labrador Lounge mit Martin Röll, Markus Roder und anderen zu Internet-Communities.

Montag

Was soll ich von einem Montag halten, der mit einem mehrstündigen Stromausfall beginnt? Aber man macht dann so Dinge, für die man sonst keine Zeit hat: Zeitschriften sortieren und wegschmeissen…

Über Geschmack lässt sich streiten

Die österreichische Zeitschrift Datum hat sich hehre Ziele gesetzt: Seiten der Zeit will sie sein. Und irgendwie ist es ja gerade furchtbar in, sich bei Karikaturen alles zu erlauben. Diesen Trend darf natürlich auch Datum nicht verpassen und hat sich einen neuen Karikaturisten angelacht. Eine ganze Seite darf er für sich beanspruchen.

In der aktuellen Ausgabe feuert er gleich mit der ersten Zeichnung ein Feuerwerk an Plattheit ab: Es ist eine Tastatur zu sehen, über der steht „Tastatur für Tourettekranke“. Einige Tasten sind nicht mit Buchstaben beschriftet, sondern mit Wörtern wie „Sau“ (um mal ein harmloses zu nennen). Andere Wörter fangen mit F an… (nein, ich will meine Zugriffszahlen nicht mit so netten Wörtern erhöhen, deshalb schreib ich sie jetzt auch nicht).

Damit reiht sich die Datum in die Reihe der Einfältigen ein, die meinen Tourette auf die so genannte Koprolalie, das Ausstoßen obszöner Worte, reduzieren zu müssen. *gähn* Wirklich sehr originell. Der Karikaturist hat scheinbar eine Vorliebe für Tourette. Auf seiner Website findet sich eine Karikatur, die noch bescheuerter ist als die in der Datum abgedruckten.

Wie man übrigens wirklich lustige Karikaturen über behinderte Menschen zeichnet, sich auch über Behinderungen lustig machen kann, aber eben mit Witz und Kreativität, kann sich das Intellektuellenmagazin mal bei John Callahan oder Philipp Hubbe anschauen.

P.S.: Und wie man gut Artikel über Tourette und von Tourette Betroffene schreibt, kann man bei der ZEIT lernen.

Die Spitze des Eisbergs

Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt einen derart beachtlichen Text gelesen habe – weder in einem Weblog noch in den klassischen Medien. Meinen Respekt!

Zitate aus dem Weblog Gedankenträger – bitte unbedingt den ganzen Beitrag im Original lesen:

„Es besteht durchaus ein Zusammenhang zwischen der Tatsache, dass wir allgemein immer weniger Kinder bekommen und der Tatsache, dass wir immer weniger behinderte Kinder bekommen. Letzteres ist der Fall, weil wir uns immer weniger in der Lage sehen, diese Kinder in unser Leben und unsere Gesellschaft zu integrieren. Das ist eine Extremausprägung der Tendenzhaltung gegenüber Kindern allgemein. „

(…)

„Wenn wir den Kindermangel hinterfragen, dann müssen wir auch die unangenehme Frage nach der Humanität stellen. Bevor wir nach mehr Kindern rufen und damit nur gesunde Kinder meinen, sollten wir nach all den Kindern fragen, die wir töten, weil sie nicht in die Gesellschaft passen. (Ganz abgesehen davon: wenn wir behinderte Kinder nicht mehr bekommen, dann wirft das auch ein Licht auf diejenigen Behinderten und ihre Angehörigen, die schon da sind, nämlich ein Licht darauf, wie unerwünscht sie sich eigentlich fühlen müssen. Mich als Angehörige trifft das durchaus sehr schmerzhaft.)“

(…)

„Jedes Leben ist einmalig und besonders, so banal das klingen mag, und um gleich eine weitere Banalität hinzuzufügen: Umwege führen zu mehr Ortskenntnis. Wir sollten durch Vielfalt und Ambivalenz lernen und mit ihnen persönlich wachsen.“

(via Haltungsturner)

Ich bin nicht Einstein

Kind mit Down-Syndrom vor einem Rechenschieber

Ich bin nicht Einstein.
Ich bin wie du.
Sag‘ mal: Bist du ein Superstar?
Ein Wunderwuzzi?
Der neue Einstein? Nein?
Dann sind wir schon zwei.
Du und ich, wir sind zwei ganz normale Leute, die Spaß am
Leben haben. Mit oder ohne Down-Syndrom.

Macht keinen Unterschied, wenn du mich fragst.

Sei ganz normal, ich bin es auch.

Lorenz, 1,5 Jahre

Dieses und zwei weitere Plakatmotive kann man derzeit in Österreich sehen. Manchmal kommen eben auch sehr schöne Dinge raus, wenn sich Menschen aus einer PR-Agentur und einer Werbeagentur zusammen tun (vorausgesetzt sie haben Kinder mit Down-Syndrom): Eine Kampagne zum Ersten Internationalen Down-Syndrom-Tag. Mehr Informationen zu der Kampagne und zum Thema Down-Syndrom gibt es bei 321los.at

Die Gehörlosen sterben aus

Vorhin saß ich noch mit einer gehörlosen Freundin im Café. Jetzt muss ich lesen, sie gehört angeblich zu einer aussterbenden Spezies. Das jedenfalls will uns die Internet Professionell weismachen. In einem Artikel über die barrierefreie Gestaltung von Internetseiten lese ich:

„(..) für die kleine und dank modernster Hörgeräte schrumpfende Zielgruppe der Gehörlosen (..)“

Liebe Kollegen der Internet Professionell, gehörlose Menschen werden nicht zu Hörenden, nur weil es bessere Hörgeräte gibt. Diese Technikgläubigkeit zur Negierung von Behinderungen in diversen Artikeln unterschiedlichster Medien in den vergangenen Monaten macht mir langsam wirklich Sorgen.

Die Mehrheit der gehörlosen Menschen hört auch mit Hörgeräten außerordentlich schlecht. Vielen nutzen sie gar nichts. Oder meint Ihr Schwerhörige? Ja, das ist ein Unterschied. Und auch deren Hörvermögen kann auch mit modernen Hörgeräten nur bedingt verbessert werden.

Und seid Ihr sicher, dass Gebärdensprache „gesprochen“ wird? Wisst Ihr, dass die Deutsche Gebärdensprache als eigene Sprache rechtlich anerkannt ist? Dass sich gehörlose Menschen weniger als behindert denn als sprachliche Minderheit ansehen und die Deutsche Gebärdensprache ihre Muttersprache ist? Dass es weit mehr Aspekte gibt als „Sind ja nur so wenige“? Und wo wir gerade dabei sind: Wann wird Eure Webseite eigentlich barrierefrei?