Archiv für 15.2.2006

Zurück aus Wien

Ich habe eine kleine Blogpause eingelegt, weil ich in den vergangenen Tagen in Wien war und das Wetter keine Lust aufs Mobloggen gemacht hat.

An der Uni Wien habe ich mich meine Dissertation angemeldet, das heißt, ich habe es versucht. Österreich hat derzeit ein Thema auf den Titelseiten der Zeitungen: Deutsche Studenten nehmen den Österreichern die Studienplätze weg. Nun soll es eine Quote richten – zumindest in bestimmten Fächern. Es ist allerdings fraglich, ob die EU diese Idee so toll findet. EU ist EU – mitgehangen, mitgefangen. Ich bin ja nun schon stolze Besitzerin eines Diploms und will ja „nur“ promovieren. Man wird mich also lassen. :-)

Ich war also das erste Mal in meinem Leben in einem Studentensekretariat für Ausländer. Und man fühlt sich wirklich richtig ausländisch – vor mir stand jemand aus der Türkei, hinter mir eine Frau aus Ghana. Das Zimmer für ausländische Doktoranden war schon gar nicht besetzt. So musste ich zu den Studienanfängern – den ausländischen natürlich. An der Uni Wien ist das schon räumlich getrennt: Österreicher gehen in den Flur nach rechts, Ausländer geradeaus weiter. Nur Rollstuhlfahrer dürfen den Treppenlift bei den Inländern nutzen und dann den Flur wechseln.

Während die „Bildungsinländer“ Ruckzuck in das für sie vorgesehene Zimmer durften, dauerte das bei uns Ausländern länger. Irgendwann war ich dran. Ich kam in ein Großraumbüro mit x Schreibtischen. Hinter jedem Schreibtisch saß ein Uni-Mitarbeiter, auf der anderen Seite Studenten aus der ganzen Welt. Der Mann hinter meinem Schreibtisch war nur mit Mühe dazu zu bewegen, aufzuschauen. Meinen Gruß erwiderte er nicht. Er schrieb die ganze Zeit SMS während er mit mir sprach. Ich bombadierte ihn mit Fragen: „Muss ich mein Diplom wirklich im Original einreichen?“ – „Ja.“ – „Reicht nicht eine beglaubigte Kopie?“ – „Doch.“ – „Kann ich das postalisch machen?“ – „Ja.“ – „An wen schicke ich die Unterlagen?“ etc.

Er sagte mir noch, dass ich eine notarielle (!) Vollmacht erteilen muss, wenn jemand anderes als ich die Unterlagen abholen soll. Für die Notargebühr kann ich auch schnell einen Flug nach Wien buchen, dachte ich noch so bei mir. Mindestens sechs Wochen benötige man für die Einschreibung. Ok, bis dahin ist auch das Wetter wieder besser und ich bin ja auch ganz gerne in Wien.

Behinderte Menschen im Berufsleben

Mir sind schon viele lustige Dinge erzählt worden, seit ich zur arbeitenden Bevölkerung gehöre. Einige Zeitgenossen glauben, behinderte Menschen können gar nicht arbeiten, andere denken, sie arbeiten nicht auf dem 1. Arbeitsmarkt und wenn, dann nicht in meinem Beruf.

Eine Legende habe ich allerdings noch nie gehört: Behinderte Arbeitnehmer müssen mit anderen behinderten Kollegen mit der gleichen Behinderung in einem Raum sitzen. Da muss man erst einmal drauf kommen! Bei Siemens in Amberg scheint das aber so zu sein. Die Mittelbayerische Zeitung zitiert die Betriebsärztin:

„Außerdem ist wichtig, dass Menschen mit gleicher Behinderung im gleichen Raum sitzen und miteinander sprechen können – so können auch Probleme bei der Arbeitsorganisation viel schneller und besser bewältigt werden.“

Dann heißt es demnächst im Bewerbungsgespräch: „Sie haben MS? Nein, dann können wir Sie leider nicht einstellen. Aber im Zimmer von den Blinden wäre noch ein Schreibtisch frei. Falls Sie da jemanden kennen, der in Frage käme…“. Und muss dann der blinde Buchhalter seinen Schreibtisch in der Fertigungshalle aufstellen, nur weil da ein blinder Kollege Teile fertigt? Und was ist, wenn ein Rollstuhlfahrer in die Geschäftsführung aufsteigt? Muss der dann dennoch in der Poststelle sitzen, weil da jemand mit der gleichen Behinderung Briefe sortiert? Und nach welchen Gesichtspunkten werden eigentlich die Schreibtische der nicht behinderten Angestellten vergeben? Ich tippe auf Haarfarbe und Schuhgröße.

Und noch eine Anmerkung: Wie kann man einen Bericht über behinderte Arbeitnehmer in einem Unternehmen schreiben, ohne diese ein einziges Mal zu Wort kommen zu lassen? Stattdessen sprechen der Personalleiter, die Schwerbehindertenbeauftragte und die Betriebsärztin über die Mitarbeiter.

Mit dem Zweiten sieht man besser?

Als ich gestern abend die „heute“-Sendung um 19.00 Uhr gesehen habe, gefror mir förmlich das Blut in den Adern. Dort wurde ein Gerät vorgestellt, dass es Rollstuhlfahrern ermöglichen soll, irgendwann zu laufen. Das Video ist auch online abrufbar. Vorgestellt wird dort ein 9-jähriger Junge, der Osteogenesis Imperfekta, also Glasknochen hat und dadurch kleinwüchsig ist und sich im Rollstuhl fortbewegt. So wurde das alles aber schon gar nicht formuliert. Der Junge „leidet“ natürlich an einem „genetischen Defekt“, musste Knochenbrüche „erleiden“… Das Schüttelbrett soll ihn dazu bringen, dass er irgendwann laufen kann. Klasse! Und auf die Frage des Reporters, was er sich denn wünsche, antwortet das Kind: „Dass ich mal besser laufen kann. (…) In zwei Jahren.“

Ich muss mich doch sehr wundern, dass das ZDF zur Hauptsendezeit zum einen einer sehr fragwürdigen Methode derart viel Zeit einräumt und dann eine Mitleidsgeschichte auftischt, die so gar nicht zu einer seriösen Nachrichtensendung passen will. Da werden behinderte Kinder als „Patienten“ betitelt. Die Kinder sind aber gar nicht krank, das sind sie, wenn sie die Grippe haben. Die Kinder haben eine Behinderung. Die Ärzte machen sie zu Patienten.

Zugleich wird den Zuschauern vermittelt, dass es nichts besseres für die Kinder gebe, als ihren Rollstuhl verlassen zu können. Als ich in dem Alter war, habe ich meinen Rollstuhl geliebt. Ich war schneller als in irgendwelchen Gehapperaten. Letztendlich kann man viele behinderte Kinder irgendwie zum „Gehen und Stehen“ bringen. Man stellt sie an Stehtische, bindet sie fest, damit sie nicht umfallen oder verpasst ihnen Gehapperate, die zu meiner Kindheit fast so viel wogen wie mein eigenes Körpergewicht. Das ist schön für die Erwachsenen, die Eltern sind beruhigt, alles für ihr Kind getan zu haben, aber die Kinder sind nicht selten ziemlich unglücklich. Trotzdem hat mich nie jemand dazu gebracht als Kind zu äußern, Laufen zu können, sei mein größter Wunsch.

Diese Aussage ist so traurig, denn die meisten dieser Kinder werden nie laufen können, auch wenn die Ärzte noch so viel an ihnen rumdoktern. Es ist viel wichtiger, den Kindern zu vermitteln, dass sie so, wie sie sind, in Ordnung sind. Dass der Rollstuhl ihnen Mobilität gibt. Und das muss man auch den Eltern vermitteln. Hat sich mal irgendjemand der Beteiligten überlegt, was es für ein Kind bedeutet, von morgens bis abends zu hören, dass es Laufen können muss, es aber nicht laufen kann?

Natürlich ist es richtig, den Kindern so viel Selbstständigkeit wie möglich zu geben und ihnen bestimmt Fähigkeiten beizubringen. Aber nur, wenn es wirklich sinnvoll ist. Ich habe mich mit 14 Jahren geweigert, weiter Krankengymnastik zu machen. Ich habe darin keinen Sinn gesehen und wollte lieber ins Kino und mich mit meinen Freunden treffen. Es gab keinerlei Verbesserungen und ich hatte den Verdacht, dass sich auch nichts verschlechtern wird. Es gab einen riesen Ärger deswegen. Alle, außer ich, waren der Auffassung, dass Krankengymnastik gut für mich ist. Nun mache ich seit 15 Jahren keine mehr und habe Jahre meiner Lebenszeit dadurch gewonnen. Jaja, ich weiß, dass wäre das Ende eines Berufsstandes, wenn das noch mehr Leute so machen würden und vielen tut es ja auch gut. Mir nicht. Und manchen Kindern wäre auch besser damit geholfen, ihnen zu vermitteln, dass es schon okay ist, wenn sie nicht laufen können anstatt sie auf Rüttelbretter zu stellen und ihnen einzureden, dass sie in zwei Jahren laufen können.

Die Mehrheit der Leute, die ich kenne, die seit ihrer Kindheit eine Gehbehinderung haben, können alle von irgendwelchen Experimenten erzählen, sie zum (besseren) Laufen zu bringen. Aber fast alle, die ich kenne – ganz gleich, ob das Leute mit einer Querschnittlähmung sind oder Leute mit Glasknochen oder etwas anderem – fahren als Erwachsene Rollstuhl und sind zufrieden damit. Wann wird den Kindern endlich vermittelt, dass auch Rollstuhl fahren eine sinnvolle Variante ist, sich fortzubewegen? Wann akzeptieren Ärzte und Eltern, dass vieles, was sie als „Therapie“ verstehen, einfach Quälerei ist und dem Kind ständig vermittelt, es sei verbesserungswürdig? Und wann muss ich mir nicht mehr – sogar bei den Öffentlich-Rechtlichen – Heilsversprechen anhören, die in den wenigsten Fällen zu halten sind und nur zu einem führen: Ein Bild behinderter Menschen zu vermitteln, das der Gleichberechtigung behinderter Menschen massiv im Weg steht?

Publicons

Nette Spielerei. :-) Gibt es bei Publicons.

Viele kleine Icons

Vlog in Gebärdensprache

Der wahrscheinlich erste Video-Blog in Mongolischer Britischer Gebärdensprache – mit lustigen Untertiteln.

Stöckchen

Der Outsider in Strausberg hat mir ein Stöckchen zugeworfen.

Vier Jobs in meinem Leben:
Studentische Hilfskraft
Autorin
Producerin
Redakteurin

Vier Filme, die ich immer wieder sehen kann:
Bandits
Vom Fliegen und anderen Träumen
Benny & Joon
Ocean’s Eleven

Vier Orte, an denen ich gelebt habe:
Bensheim
Klingenmünster
Bad Bergzabern
Weiler

Vier TV-Serien, die ich sehr gern sehe:
Ich schaue wenig Fernsehen und wenn, dann keine Serien.

Vier Orte, an denen ich Urlaub gemacht habe:
Hongkong
Las Vegas
Sydney
Toronto

Vier meiner Lieblingsgerichte:
Wiener Schnitzel
Muscheln
Tortellini
Knoblauchsuppe

Vier Webseiten, die ich täglich besuche:
Kobinet
Lummaland
Google News
Wortfeld

Vier Orte, wo ich jetzt lieber wäre:
San Francisco
Lissabon
Hongkong
Las Vegas

Vier Blogger, die das mitmachen sollen:
Jens, damit er sein Blog wieder zum Leben erweckt
Katja, dann fliegt das Stöckchen übern Teich
Mr. Gadget
Haltungsturner

Handi-Bip-System von TAMOIL

Die Geschichte mit der Shell-Tankstelle und dem Funksystem für Rollstuhlfahrer hat auch etwas Gutes: Ich bin darauf aufmerksam gemacht worden, dass die Deutsche Tamoil ein ähnliches System für ihre Tankstellen unterhält. Es nennt sich „Handy-Bip-System“ und ist für Leute, die das Merkzeichen „aG“ im Schwerbehindertenausweis und ein Grad der Behinderung von 100 haben, völlig kostenlos. Die Kosten für die Fernbedienung trägt das Unternehmen.

Ich habe da angerufen und sie haben mir umgehend ein Anmeldeformular sowie eine Liste mit Tankstellen gefaxt. Die Tankstellen sind hauptsächlich in Norddeutschland und firmieren unter TAMOIL oder HEM. In Hamburg ist immerhin eine Tankstelle an das System angeschlossen, in Berlin sind es acht. Aber auch München und Saarbrücken findet man auf der Liste. Ich bestelle mir jetzt eine Fernbedienung und werde dann von meinen Erfahrungen berichten.

Was können wir für Sie tun?

Ich war in den letzten drei Tagen in Kiel und habe ein Seminar an der Volkshochschule gemacht. Ja, man hätte das Seminar auch in Hamburg machen können – wenn man nicht auf barrierefreie Räumlichkeiten angewiesen ist. Liebe Volkshochschulen, findet Ihr nicht, dass zum Volk auch die behinderten Bürger zählen? Aber das nur nebenbei.

Nach 3x Hamburg-Kiel-Hamburg wollte mein Auto betankt werden. Und wenn ich schonmal auf der Autobahn unterwegs bin (was als Großstadtmensch eh selten vorkommt), wollte ich die Chance nutzen und auch gleich tanken. Nämlich an der Shell-Tankstelle der Raststätte Aalbek.

Der Vorteil von Autobahntankstellen für mich als Rollstuhlfahrerin ist, dass sie eigentlich alle an das Dienst-Ruf-System von Junedis-IWN angeschlossen sind. Ich habe eine kleine Fernbedienung im Auto und kann damit den Tankwart anpiepen, der dann rauskommt und für mich tankt. Das heißt, ich erspare mir das Aussteigen und das Aus- und Einladen des Rollstuhls. Ein, wie ich finde, sehr gutes System.

Ich drückte also auf den Knopf – keine Reaktion. Wohl oder übel lud ich dann doch den Rollstuhl aus und tankte selbst. Beim Bezahlen fragte, ich den Kassierer, ob er denn nicht an das Funksystem angeschlossen sei. Er antwortete: „Was soll ich denn noch alles machen?“ „Ahja“, dachte ich bei mir. Hatte nicht Tank & Rast in irgendeiner Ausgabe des ADAC-Magazins vor Ewigkeiten damit geworben, dass alle Autobahnraststätten jetzt so wunderbar barrierefrei sind und an dieses Funksystem angeschlossen sind!?

„Ich dachte, wenn Ihre anderen Kollegen auf sämtlichen Bundesautobahnraststätten das hinkriegen, schaffen Sie das auch.“ „Nein,“ meinte er, „ich bin von der langsamen Truppe.“ Ahja.

Beim Verlassen der Tankstelle fiel mir ein Feedback-Kasten auf, wo Herr und Frau Autofahrer sagen kann, wie zufrieden man beim Tanken, Essen etc. auf der Raststätte Aalbek war. Ich habe mir natürlich nicht entgehen lassen, mein Bedauern über das fehlende Funksystem zum Ausdruck zu bringen.

Unterdessen kam bei mir der Verdacht auf, dass die Raststätte sehr wohl an das System angeschlossen ist, der Tankwart aber zu faul war, rauszukommen. Und tatsächlich, im Verzeichnis des Funksystems taucht die Shell-Station an der Raststätte Aalbek auf.

„Was können wir für Sie tun?“ lautet der Werbeslogan von Shell. Ich würde die Frage einfach so beantworten: Funksystem einschalten, Mitarbeiter schulen und rauskommen, wenn jemand piept. Dann ist für mich „Alles super„.