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Archiv für 25.4.2005

Geschichten, die das Leben schreibt

Unser Lieblings-Chinarestaurant hatte geschlossen. Wir entschieden uns, in die Tür daneben zu gehen und stattdessen ein portugiesisches Essen zu uns zu nehmen. Der Kellner kam sofort und hielt mir die Karte hin. Ich nahm sie. Dann hielt er O. die Karte hin. „Ich brauche keine Karte“, sagte O. als er merkte, dass ich die Karte bekam. „Ich bin blind“, sagte er. Meistens reagieren die Kellner dann etwas erschrocken oder erstaunt. Aber dann ist das Thema erledigt. Diesmal nicht.

Der Kellner schaute verschmitzt und fing an mit beiden Händen in der Luft hin- und herzuwinken. Zudem tänzelte er von einem Bein auf das andere. Ich verstand erst gar nicht, was dieses Szenario sollte, musste aber lachen. Dann hielt er O. die Karte wieder hin. In dem Moment verstand ich, dass der Kellner uns nicht glaubte und dachte, O. hätte einen Witz gemacht und wollte mitspielen. „Entschuldigung, er ist wirklich blind“, sagte ich. Und das Schauspiel begann von vorn. Er winkte wieder völlig peinlich und hüpfte vor unserem Tisch rum.

Ich konnte schon nicht mehr vor Lachen. Die Situation war so skuril und O. merkte unterdessen durch den Wind, den der Kellner produzierte, dass irgendetwas Verrücktes passierte. O. zog seinen Blindenstock unter dem Tisch hervor und sagte: „Auch wenn Sie es nicht glauben: Das ist mein Blindenstock. Ich wollte keinen Witz machen.“

In dem Moment gefror der Kellner von einer Sekunde auf die andere stocksteif. Sämtliche Gesichtsfarbe machte sich aus dem Staub, er rang mit der Fassung. Dann kam die Entschuldigungsarie während wir versicherten, dass alles halb so schlimm sei. Man sehe O. nunmal nicht an, dass er blind ist blabla… Mir liefen die Tränen runter vor Lachen.

Der Kellner drehte sich um und versuchte, vor Scham in die Küche zu flüchten. Wir amüsierten uns köstlich. Doch bis zur Küche kam er gar nicht. Wie auf Kommando kamen drei weitere Blinde auf die Bildfläche. Sie betraten das Restaurant und suchten einen Tisch. Der Kellner schoß auf sie zu und zeigte ihnen den Weg zum nächsten freien Tisch. Wir haben ihn dann aber nicht mehr Winken und Tanzen sehen.

iPod für Blinde

In einem klasse Artikel zu „Design for all“ beschreibt Wired News die Probleme blinder und sehbehinderter Menschen mit dem iPod und anderen Gadgets. Sehr lesenswert!

Fünf Fragen am 23. April

Gimme5

1. Einfach leben oder luxuriös wohnen?
Eine Mischung aus beidem. Hauptsache gemütlich.

2. Was ist Deine Lieblingsstadt?
Ich habe viele Lieblingsstädte: Hongkong, New York, Berlin, Toronto, Lissabon, Barcelona, Wien zum Beispiel.

3. Was macht diese Städte aus?
Sie haben alle ihren eigenen Charme und sind offen und bunt.

4. Wo würdest Du am liebsten wohnen?
In einer der oben genannten Städte.

5. Beschreibe warum…
Ich liebe Großstädte, in denen die unterschiedlichsten Menschen wohnen, mit einem großen kulturellen Angebot und in denen es viel zu entdecken gibt.

Das letzte Mal

Sieben Fragen zum letzten Mal von cult7:

1. Welchen Film hast Du zuletzt im Kino gesehen?
Das Meer in mir.

2. Welches Buch hast Du zuletzt gelesen?
Heide Neukirchen: Der Pharmareport

3. Welche Website hast Du zuletzt besucht?
Rojo.

4. Wo hast Du zuletzt außerhalb Deines Heim gegessen?
In der Kantine.

5. Wann warst Du zuletzt sportlich selbst aktiv?
Lange her.

6. Welches sportliche Event hast Du zuletzt live oder am Bildschirm verfolgt?
Sport ist echt nicht so mein Ding.

7. Was hast Du getan, bevor Du diese Fragen beantwortet hast?
Mir einen Rojo-Account eingerichtet.

Henry Wanyoike

Der blinde Kenianer Henry Wanyoike startet am Sonntag beim 20. Olympus-Marathon in Hamburg. Das Hamburger Abendblatt druckt heute ein Herzschmerz-Interview und fragt den Läufer: „Können Sie überhaupt unterscheiden, in welcher Stadt Sie sind?“

„Spätestens jetzt“, habe ich mir gedacht. Hamburg ist die Stadt, in der die Journalisten immer so komische Fragen stellen.

Inkasso II

Das Inkasso-Unternehmen hat tatsächlich den Auftrag von Ebay das Geld bei mir einzutreiben, bestätigte mir die Pressesprecherin. Denn es ist supereinfach einen Account bei Ebay mit den Daten fremder Menschen anzulegen. Ich bin bislang immer davon ausgegangen, dass man zumindest das Passwort mit der Post zugesandt bekommt. Dem ist keineswegs so.

Irgendein Betrüger hat meinen Namen und meine Adresse dazu benutzt, einen Account bei Ebay einzurichten und hat dann fröhlich krumme Dinge gedreht. Da Ebay das Passwort per Mail verschickt (natürlich an die Adresse des Betrügers, nicht an meine) und nur prüft, ob die Daten mit den Angaben bei der Schufa übereinstimmen, kann das jeder machen.

Wenn alle Unternehmen so ungeprüft Verträge mit Kunden abschließen würden wie Ebay, hätte bald jeder mindestens einmal im Jahr eine ungerechtfertigte Forderung eines Inkasso-Unternehmens im Briefkasten. Sicherlich gibt es keine 100-prozentige Sicherheit, aber so einfach darf man es doch den Leuten auch nicht machen. Selbst bei einem bereits bezahlten Hotelzimmer muss ich meinen Personalausweis an der Rezeption vorzeigen. Ich könnte ja die Minibar plündern und mich aus dem Staub machen…

Ich habe nun jedenfalls die seltene Gelegenheit mal die Online-Anzeige der Polizei NRW auszuprobieren, um Strafanzeige zu stellen.

Inkasso

Eine Inkasso-Firma möchte 204,31 Euro von mir – davon 45 Euro Mahngebühren. Angeblich schulde ich der Firma Ebay diesen Betrag und angeblich gehört mir auch der Ebay-Mitgliedsname kristalkind. Ich habe in meinem Leben einmal was bei Ebay gekauft – für 4 Euro und das ist ewig her. Natürlich gehört mir auch der Mitgliedsname nicht.

Ich bin mal gespannt, ob die Firma überhaupt einen Auftrag hat, das Geld einzutreiben und wenn ja, wie Ebay auf die Idee kommt, dass ich hinter dem Mitgliedsnamen stecke und was ich gekauft haben soll. Die Pressesprecherin wird mich morgen bestimmt darüber aufklären. Wir hatten gerade kürzlich Kontakt, weil ich zu Sicherheit bei Ebay recherchiert habe. :-)

DJV-Tagung

Die ersten Berichte zur Online-Tagung des DJV sind verfügbar. Ich habe dort einen Vortrag zum Thema Barrierefreiheit gehalten. Unter anderem berichtet Tagesschau.de.
Bei Wortfeld gibt es Links zu weiteren Berichten.

Aus dem Jahresbericht eines Blindenverbands

„Mit den 2004 angefallenen Erbschaften wird es uns möglich sein, bei sparsamer Haushaltsführung unsere finanzielle Situation zu verstetigen und insbesondere unsere Dienstleistungen auf einem Niveau aufrechtzuerhalten, das sich sehen lassen kann.“

Lieber tot als behindert?

Der österreichische Nationalratsabgeordnete und Medienpädagoge Dr. Franz Joseph Huainigg hat in der Wiener Stadtzeitung „Falter“ einen Kommentar über die Debatte der vergangenen Wochen zum Thema Sterbehilfe geschrieben. Auch auf den Film „Das Meer in mir“ geht er ein. Huainigg ist selbst Rollstuhlfahrer und hat das Kinderbuch „Meine Füße sind der Rollstuhl“ geschrieben.

Bei BIZEPS-INFO ist der Kommentar auch online nachzulesen.